Donnerstag, September 17, 2009

Herr Hase sagt tschüss, der Medienjunkie bloggt weiter

Nach ziemlich genau drei Jahren habe ich mich entschlossen, dieses Blog dicht zu machen. Zum einen bin ich sowieso gerade dabei, meine Online-Aktivitäten neu zu sortieren. Zum anderen gab es mir hier einfach zu wenig Feedback. Ich höre aber das Bloggen nicht auf, sondern mache das nun unter dieser neuen Adresse. Wir lesen uns!
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Samstag, September 12, 2009

Der Kandidat: Steinmeier in Düsseldorf

Freitagabend am Düsseldorfer Rheinufer. Auf dem Johannes-Rau-Platz, zwischen Rheinkniebrücke und der alten Staatskanzlei, in der heute die Landtagspräsidentin ihren Sitz hat, hat der Wahlkampftross der SPD Station gemacht. Nur wenige Meter von der Bühne entfernt reckt der ehemalige Landesvater Rau, der diesem Platz seinen Namen gibt, als Bronzestatue seinen Arm Richtung Menge. Unter seinem gütigen Blick soll hier gleich der neueste Hoffnungsträger seiner ehemaligen Partei, Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, die Leute aufrütteln, ihm in zwei Wochen seine Stimme zu geben. 

Der Bereich direkt vor der Bühne ist großflächig für geladene Gäste abgesperrt. Für sie sind etwa fünfzig Holzbänke vorgesehen, für das ungeladene Fußvolk nur zehn an der Seite und vor der Absperrung. Die meisten interessierten Bürger müssen mit Stehplätzen vorlieb nehmen. Langsam füllen sich die Reihen. Immer wieder schreiten Jusos in roten Hemden die Bänke im VIP-Bereich ab und verteilen Schilder mit FW Steinmeier-Logo und verschiedenen Sprüchen, die die Zuhörer später während seiner Rede in die Luft strecken sollen. Auf der Bühne müht sich derweil eine rothaarige Sängerin ab, das Publikum in Stimmung zu bringen.

Zunächst stellt der Moderator die beiden Düsseldorfer Direktkandidaten vor. Karin Kortmann kann es sich nicht verkneifen, gegen das bedingungslose Grundeinkommen zu stänkern, das angeblich die Linke fordere (was für die Gesamtpartei gar nicht stimmt). Bei diesem Konzept gehe es nur darum, die finanziellen Bedürfnisse der Erwerbslosen zu befriedigen, sie bräuchten aber auch Beratung und Hilfe, um eine Arbeitsstelle zu finden. Warum das eine das andere ausschließen soll, erklärt sie nicht. Im Übrigen sei ein Grundeinkommen von 800 bis tausend Euro für jeden Bürger unfinanzierbar. Deshalb sei das nur eine populistische Forderung der Linken, die ja nie in die Verantwortung käme, diese auch umsetzen zu müssen. Woran weniger die Linke schuld ist als die SPD selbst, die es ja ablehnt, mit der Linken zu koalieren und nach der Wahl lieber mit der CDU weitermachen wird. 

Gegen acht Uhr marschiert endlich der Kanzlerkandidat selbst ein. Zunächst schimpft er auf NRW-Ministerpräsident Rüttgers, der heute gegen die Rumänen hetze und morgen vielleicht schon gegen die Chinesen. Danach widmet er sich dem CDU-Wunschpartner FDP. Wie vor der vergangenen Bundestagswahl verteilten die bürgerlichen Parteien schon wieder Ämter. Westerwelle solle Außenminister werden, von Guttenberg aber auch. "Ich frage mich, ob bei dem Gerangel überhaupt jemand auf dem Stuhl landet."

Protestiert wurde auch

Warum Steinmeier aus der großen Koalition heraus möchte, wird nicht so ganz klar. Immerhin meint er doch: "Ohne die große Koalition hätte es keine Lösung für Opel gegeben, aber ohne die SPD in der Regierung hätte gar keiner nach einer Lösung gesucht." Eine bemerkenswerte Ehrlichkeit, heißt das doch, dass eine rot-grüne Koalition Opel nicht hätte retten können. Merkel wirft er vor, keine inhaltlichen Ziele zu verfolgen: "Wer nicht gestalten will, braucht auch nicht zu regieren." Nun ist es nicht gerade so, als wirke er selbst wie ein Politiker mit großen Visionen.

Bei der Union vermisse er Ehrgeiz, in wichtigen Politikfeldern wie dem Klimaschutz vorankommen zu wollen. Bei Steinmeier selbst vermisst man den Ehrgeiz, überhaupt Kanzler werden zu wollen. Eine klare und glaubwürdige Machtperspektive kann oder will er jedenfalls nicht aufzeigen. Mit der Linken will er nicht regieren, mit der Union angeblich auch nicht und der FDP wirft er vor, die Solidarität in der Geselllschaft aukündigen zu wollen, u.a. durch die Abschaffung der gesetzlichen Krankenversicherung. Aber wieso strebt er dann eine Ampelkoalition an, wenn es für rot-grün nicht reicht? Warum will er mit der ach so unsolidarischen FDP koalieren? Die meisten Ziele, die Steinmeier im Laufe seiner Rede nennt, hat man schon oft gehört. Die Einführung des Mindestlohns etwa. Wie glaubwürdig diese Forderung ist, wo die SPD selbst in dieser Legislaturperiode gegen einen entsprechenden Gesetzentwurf der Linken stimmte, kann sich jeder selbst denken.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde ist der Kandidat mit seiner Rede am Ende. Während er noch vor der Bühne mit Ehrengästen plaudert, leert sich der Platz. Johannes Rau schaut noch immer von seinem Sockel herunter. Was er über den aktuellen Kandidaten der SPD denkt, bleibt dem Beobachter leider verborgen. 
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Donnerstag, September 10, 2009

Der schlechteste Kanzlerkandidat seit 25 Jahren

Das ist Frank-Walter "FW" Steinmeier. Mindestens. (Rau war glaube ich 1983? Also seit 27 Jahren.) Wer sich am Dienstag durch die "ZDF-Wahlarena" mit FW gequählt hat, konnte den Eindruck gewinnen, der Mann sei irgendwie im falschen Film gelandet. Abgesehen davon, dass er schwitzte wie ein Bär unter der Höhensonne und sich während der Fragen aus dem Publikum teilweise Luft zupustete, erfüllte er in geradezu paradigmatischer Weise das Klischee des Politikers, der nie auf eine gestellte Frage antwortet. Stattdessen schrammten seine Antworten immer mehr oder weniger haarscharf an den Fragen der Zuschauer vorbei. Beispiel: "Was wird die SPD dafür tun, dass es mehr und bessere Bildung in Deutschland gibt?" - "Also, die Konkurrenz von der CDU sagt ja überhaupt nicht, wie sie bessere Bildung finanzieren will. Die versprechen was und sagen dann nicht, wie sie das bezahlen wollen. Das finde ich unanständig." Und was will die SPD tun? Das wusste man hinterher immer noch nicht.

Anderes Beispiel: Ein Zuschauer schildert, dass er viele Bekannte hat, die Vollzeit arbeiten, aber trotzdem Hartz IV beantragen müssen, weil sie von ihrem Lohn nicht leben können. Frage: "Wann wird sich Arbeit in Deutschland wieder lohnen?" Statt dass der Mann nun antwortet, die SPD wolle deswegen einen Mindestlohn einführen (angeblich will sie das ja), stammelt er herum: "Erstens bedeutet Arbeit zu haben ja einen Arbeitsplatz..." (aha, und was nützt einem der, wenn er die Miete nicht einbringt?), "zweitens ein Einkommen" (das unter dem Hartz IV-Satz liegt), "und drittens ja auch, dass sie ihre Ansprüche fürs Alter dadurch sichern." (Wie hoch fällt wohl die Rente aus, wenn man nicht mal von seinem Erwerbseinkommen leben kann?) Kurzum: Die Antwort des Kandidaten lautet eigentlich: "Im Grunde lohnt sich Arbeit für viele nicht und ich kann ihnen da auch nicht helfen, aber Arbeit stellt ja schon einen Wert an sich da." Irgendwie zynisch.

Vollends lächerlich macht sich der Mann, wenn er dann noch glaubhaft versichern will, er hätte eine Chance, tatsächlich bald Kanzler zu werden. Und zwar ohne Hilfe der Linken. Frage: "Mit wem wollen Sie denn koalieren, wo es ja zu einer Mehrheit allein mit den Grünen offensichtlich nicht reichen wird?" - "Ich kämpfe für eine Mehrheit der SPD. Da es zu einer absoluten Mehrheit wahrscheinlich nicht ganz reichen wird..." (die Bemerkung sollte wohl witzig sein, wirkte aber nur verzweifelt bemüht), "... kann ich mir vorstellen, nein, strebe ich sogar an, eine Koalition mit den Grünen." Klingt überzeugt. Und das ist die Antwort auf die Frage des Zuschauers, die ja schon beinhaltete, dass das alleine nicht reichen wird?

Auffällig war nicht nur, dass FW meistens erst einmal zehn Sekunden schwieg, bevor er überhaupt mit einer Antwort begann - unangenehm war vor allem sein Beamtendeutsch. "Ich komme auch aus einem Familienhintergrund, nein, aus einer Familie ohne akademischen Hintergrund." Schröder hätte einfach gesagt: "Bei uns in der Familie hatte auch niemand studiert." Bei FW heißt das "Familienhintergrund" oder "-zusammenhang". Der Mann müsste erst mal lernen, wie ein normaler Mensch zu sprechen, und nicht wie jemand, der seit 20 Jahren nur noch die Welt der Gremien und Hinterzimmergespräche kennt.

Fast schon das Schlimmste an seiner Kandidatur ist, dass er nicht einmal den Eindruck erweckt, wirklich Kanzler werden zu wollen. Dazu fehlt ihm auch jede politische Vision. Die hatten Schröder und Merkel zwar auch nicht, bei denen war und ist aber zumindest der Wille zur eigenen Machtausübung deutlich erkennbar. Steinmeier wirkt hingegen wie ein Parteisoldat, der den Job des Kanzlerkandidaten übernommen hat, weil es irgendwer halt machen muss, der sich im Grunde in seiner Rolle als ewiger zweiter Mann aber ganz wohl fühlt - und der selbst nicht weiß, was er im Kanzleramt denn nun eigentlich besser oder zumindest anders machen sollte als Frau Merkel.

Als Oskar Lafontaine 1990 als Kanzlerkandidat 33 Prozent für die SPD holte, galt das als neuer Tiefpunkt in der jüngeren Parteigeschichte. Mit FW Steinmeier wird die ehemalige Volkspartei froh sein, wenn es für 23 Prozent reicht. Und FW kann dann wieder das machen, was er am besten kann: diplomatisch herum schwadronieren - in weiteren vier Jahren als Außenminister in der großen Koalition.

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Prominente

Die 25 "Künstler und Intellektuellen", die heute im Freitag zum Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan in absehbarer Zeit aufrufen, sind mir überwiegend sympathisch, auch wenn ich nicht alle als solche titulieren würde. (Sarah Kuttner und Charlotte Roche passen ja nun wirklich weder in die eine noch in die andere Kategorie, obwohl ich beide durchaus für intelligent halte.) Witzigerweise hab ich mit zweien der 25 schon mal telefoniert. Gut, das spricht jetzt eher dafür, dass die meisten nicht so wahnsinnig prominent sind ;-).
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Montag, September 07, 2009

Ein unbekannter früher Bergman: "Das Gesicht"


Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin einer von einer Handvoll Unentwegter, die quasi im Alleingang versuchen, die Kinokultur aufrecht zu erhalten. Jedenfalls finde ich es merkwürdig, dass sich in einer Stadt mit über 500.000 Einwohnern nicht mehr als fünf Menschen finden, die sich dafür interessieren, wenn im örtlichen kommunalen Kino ein selten gezeigter früher Bergman-Film aufgeführt wird. So saß ich also gestern mit vier anderen allein gekommenen Männern, die wesentlich älter waren als ich, in der Düsseldorfer Black Box, um mir eine ziemlich schlechte Kopie von "Das Gesicht" aka "The Magnician" anzuschauen. Gut, dass die im schwedischen Original mit englischen Untertiteln sein würde, wusste ich vorher auch nicht, hätte mich aber auch nicht wesentlich gestört, wenn es nicht etwas anstrengend wäre, weiße Untertitel bei einem Schwarz-Weiß-Film zu lesen.

Von dem Film selbst hatte ich vorher noch nie was gehört, obwohl er von 1958 ist, also aus der Hochphase von Ingmar Bergman: Ein Jahr vorher hatte er seine großen Klassiker "Das Siebente Siegel" und "Wilde Erdbeeren" gedreht, immer noch meine beiden Lieblings-Bergmans. In "Das Gesicht" taucht dann auch der Großteil der Besetzung aus "Wilde Erdbeeren" wieder auf: Max von Sydow, Ingrid Thulin, Gunnar Björnstrand (der auch den Knappen Jöns im "Siebenten Siegel" spielt), Bibi Andersson und sogar die Alte, die Prof. Borgs Mutter spielte. Bergman arbeitete ja gerne mit einem festen Ensemble zusammen; nicht nur von Sydow oder Liv Ullmann spielen über Jahrzehnte immer wieder in seinen Filmen, auch Björnstrand ist sogar noch in "Fanny und Alexander" mit dabei, 25 Jahre nach seiner Rolle in diesem Film.

Von Sydow ist hier der Magier Dr. Vogler, der mit seinem "Magnetischen Gesundheits-Theater" Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Lande zieht, um das Volk mit Tricks und dem Verkauf angeblicher Wundermittel anzulocken. Begleitet wird er u.a. von seiner Ehefrau (Thulin), die sich als männlicher Schüler Voglers tarnt, da die beiden polizeilich gesucht werden, wohl wegen Betrugs. Überhaupt scheint die Truppe ihre besseren Zeiten schon seit längerem hinter sich zu haben, aus Kopenhagen ist sie mit Schimpf und Schande davon gejagt worden. Nun kommt sie in eine kleine schwedische Stadt, wo sie sich zunächst den strengen Fragen und Blicken des Polizeichefs und eines Arztes des Gesundheitsministeriums stellen muss. Dazu müssen die Schausteller im Haus eines Konsuls übernachten, der mit dem Arzt eine Wette eingegangen ist: Der Arzt beharrt darauf, dass alles wissenschaftlich erklärt werden kann, während der Konsul an die Existenz des Übersinnlichen glaubt.

Bergman greift hier wieder einmal seine Lieblingsthemen auf: die Frage nach der Existenz Gottes und den Konflikt zwischen Rationalität und Übersinnlichem bzw. dem Glauben daran. Daneben gibt es in der Nacht in dem Herrenhaus allerlei amouröse Verwicklungen zwischen Köchinnen und Assistenten, Hausmädchen und Kutschern und auch zwischen Vogler und der Dame des Hauses. Bergman schwankt dabei recht unentschlossen zwischen Drama und Komödie hin und her, was leider nicht wirklich gelingt. Ich kenne nur sehr wenige Bergman-Komödien; erinnern kann ich mich nur an "Das Lächeln einer Sommernacht", der auch als Komödie funktioniert. In "Das Gesicht" sind die Komödienelemente eher auf dem Niveau des Millowitsch-Theaters. An diesen Stellen ist der Film leider sehr stark gealtert, über diese derben sexuellen Anspielungen kann heute wohl niemand mehr lachen. Gut ist der Film immer dann, wenn sich Bergman auf seine Kernkompetenzen beschränkt: aufs existenzialistische Drama. Von Sydow ist die Idealbesetzung, wenn es darum geht, das Leiden am Leben mit seinem Gesicht auszudrücken - und das fast ohne Worte, denn Dr. Vogler ist vorgeblich stumm.

Die Frage, ob die Magiertruppe tatsächlich über unerklärliche Fähigkeiten verfügt oder alles nur Bluff ist, wird interessant und spannend verhandelt; es gibt mehrere Wendungen und am Ende ist das immer noch nicht ganz klar. Zumindest die Großmutter, die Rattengift als Liebestrank verkauft, sieht einen Selbstmord tatsächlich vorher. Anders als viele andere Bergman-Filme endet dieser sogar mit einem Happy-End. Insgesamt finden die verschiedenen Elemente aber nicht wirklich zu einem dramaturgischen Ganzen zusammen. Großartig ist aber wie immer in den frühen Bergman-Filmen die Bildsprache: Selten habe ich Frauengesichter schöner von einer Kamera eingefangen gesehen.
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Dienstag, September 01, 2009

Die beste Frage an Frank-Walter Steinmeier

Herr Steinmeier, wenn Sie vier Millionen neue Arbeitsplätze schaffen wollen, es offiziell aber nur 3,5 Millionen Arbeitslose gibt, wo wollen Sie dann die übrigen 500.000 Arbeitskräfte herholen?

(Frage eines Hörers im "Blue Moon", Radio Fritz)

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Donnerstag, August 27, 2009

Die ARGE (XXIV)

Meine Internetrecherchen, wie denn nun eine Klageschrift fürs Sozialgericht aussehen musste, hatten ergeben, dass man eine Untätigkeitsklage erst einreichen konnte, wenn nach sechs Monaten noch kein Verwaltungsakt erfolgt war. Mit anderen Worten: Erst wenn man nach einem halben Jahr immer noch keinen Bescheid über die Bewilligung oder Ablehnung eines Antrages auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts bekommen hat, kann man vor Gericht die Erteilung eines solchen Bescheids einklagen. Bis dahin ist man entweder längst obdachlos oder muss das Gericht mit Eilanträgen bombardieren, um die ARGE zumindest zur Zahlung angemessener Abschlagzahlungen zu zwingen. Die Bezeichnung Sozialstaat führt sich bei einer solchen Gesetzgebung ad absurdum.


Zum Glück war einer meiner Freunde mit einem Anwalt befreundet, der sich in einer Nachbarstadt auf Streitfälle mit der ARGE spezialisiert hatte. Dieser stellte dann für mich einen Antrag auf einstweilige Anordnung beim Düsseldorfer Sozialgericht. Die ARGE sollte dazu verpflichtet werden, mir bis zur endgültigen Entscheidung monatlich einen angemessenen Abschlag von 500 Euro zu zahlen. Und siehe da: Kurz darauf lag der rückwirkende Bewilligungsbescheid der ARGE in meinem Briefkasten. Zufälligerweise trug dieser exakt das Datum des Tages, an dem mein Anwalt per Fax den Eilantrag beim Sozialgericht gestellt hatte. Daraufhin hätte dann gleich die ARGE beim Gericht angerufen, um mitzuteilen, sie sei doch gerade dabei gewesen, den Bescheid zu verschicken, erzählte mir der Anwalt am Telefon. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...


Seitdem ich den Antrag bei der ARGE gestellt hatte, waren ziemlich genau vier Monate vergangen. Hätte meine Mutter mir in dieser Zeit nicht immer wieder Geld geliehen, wäre ich wohl schon längst aus meiner Wohnung geflogen. Ganz abgesehen davon, dass ich auch alle anderen Rechnungen nicht hätte bezahlen können. In Deutschland scheint es nur noch möglich zu sein, sein Recht gegenüber staatlichen Behörden auch durchzusetzen, wenn man sich einen fähigen Anwalt leisten kann. Der dann die Behörde zwingt, das zu tun, was ihre ureigene Aufgabe ist: Menschen davor zu schützen, ins wirtschaftliche Nichts abzustürzen. Schröder, Hartz und Konsorten haben wirklich geschafft, was nicht einmal Helmut Kohl angestrebt hatte: den Sozialstaat zu einem Almosenstaat zu machen.

Fortsetzung folgt

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Mittwoch, August 26, 2009

Die ARGE (XXIII)

Frage drei Leute, was das sinnvollste Vorgehen bei Untätigkeit der ARGE ist, und du wirst drei verschiedene Antworten bekommen. Am Tag nach meinem kafkaesken Erlebnis beim Anwalt ging ich zur Arbeitslosenberatung, um sie nach einem fähigeren Anwalt zu fragen. Der ehrenamtliche Mitarbeiter dort meinte jedoch, mit Anwälten hätten sie nur schlechte Erfahrungen gemacht. Eine Klage könnte man notfalls auch selbst formulieren. Außerdem bringe ein Eilantrag beim Sozialgericht im Moment sowieso nichts, weil ich dazu erst mal mit meinem Konto in den Miesen sein müsste. Ich hätte also zwei Wochen vorher, statt mich mit der ARGE rumzuärgern, um 150 Euro Abschlag zu bekommen, lieber da schon den Eilantrag beim Gericht stellen sollen. Dass das Gericht natürlich auch wieder einen Monat oder länger brauchen würde, um über den Eilantrag zu entscheiden, spielte wohl keine Rolle, da müsste man halt so lange sein Konto immer weiter überziehen. Ich konnte zwar jetzt schon absehen, dass ich bei weiterer Untätigkeit der Behörde spätestens nach zwei Wochen wieder in den Miesen sein würde, aber das zählte anscheinend für das Gericht nicht. Denen müsste ich ja plausibel machen, dass ich zum Zeitpunkt des Eilantrags schon kein Geld mehr hätte. Absurd.

Der Rat des Ehrenamtlers war dann: „Gehen Sie nochmal zur ARGE und da direkt zum Beschwerdemanagement.“ Leider beging ich den Fehler, diesem Rat zu folgen. Was für einen Sinn eine Stelle für Beschwerden haben soll, wenn diese einen dann an die zuständige Fallkoordinatorin zurückverweist, nicht ohne den Hinweis, man müsse, um diese zu sprechen, erst einmal eine Wartemarke ziehen, weiß ich auch nicht. Also verbrachte ich mal wieder zwei Stunden sinnlos in der Wartezone. Nachdem meine Nummer endlich aufgerufen worden war, fragte mich die Mitarbeiterin am Empfang in aller Dreistigkeit: „Was genau wollen Sie denn jetzt eigentlich?“ (Es war übrigens dieselbe „Dame“, die mich am Tag meiner Antragstellung nach der Umzugsgenehmigung der Mainzer ARGE gefragt hatte. Empathie schien für diese Person ein unbekanntes Gefühl zu sein.)

Diesmal war es soweit und mir platzte der Kragen. Gemeinhin gelte ich im Bekanntenkreis als sehr ruhiger bis fast schon phlegmatischer Mensch. Nun schrie ich die Frau an: „Einen Ablehnungsbescheid will ich, damit ich endlich dagegen beim Sozialgericht klagen kann!“ Dazu schlug ich mit der Faust auf die Theke. „Das kann doch wohl alles nicht wahr sein, wie Sie mir hier systematisch mein Recht vorenthalten!“, brüllte ich weiter. Mittlerweile waren zwei Menschen vom Sicherheitspersonal zu mir gekommen, die immer im Eingangsbereich herum standen, um dafür zu sorgen, dass auch ja kein Kunde unberechtigterweise zu seinem zuständigen Sachbearbeiter vordringen konnte. Während ich weiter auf die Security-Leute einredete, sagte mir die Mitarbeiterin hinter der Theke zu, meine Teamleiterin käme gleich herunter.

Diese konnte mir dann aber auch nur sagen, dass mein „Vorgang“ jetzt bei irgendeiner anderen Stelle läge. Ihre Abteilung hätte längst entschieden, und ich sollte diese ominöse Frau anrufen, die jetzt nur noch den Bescheid erstellen müsste oder was auch immer da noch zu tun war, bevor ich endlich meinen Bescheid und mein Geld bekommen würde. Natürlich ging auch diese Frau später nicht ans Telefon.

Fortsetzung folgt

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Wahlkampf in Düsseldorf

Irgendwer scheint unseren Oberbürgermeister nicht zu mögen...

Das erinnert mich an irgendeine Kundgebung, auf der ich vor Jahren mal war (und die nichts mit Lokalpolitik zu tun hatte; ich glaub, es war eine Anti-Irakkriegs-Demo), als Joachim Erwin hier noch OB war. Da rief einer der Zuhörer ständig: "Der Erwin ist schuld!" 

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Dienstag, August 25, 2009

Szenen eines Festes

Das Straßenfest des ZAKK, eines altehrwürdigen soziokulturellen Zentrums, ist immer eines der sommerlichen Highlights in Düsseldorf. Rund um das Zentrum tummeln sich an Trödel- und Infoständen so ziemlich alle, die irgendwie links oder alternativ denken: Punks, Hippies, Ökos und so weiter. Die Anwohner der benachbarten Kiefernstraße stellen auch Trödeltische vor ihre ehemals besetzten Häuser. Dort habe ich in diesem Jahr ein sehr lustiges Gespräch zwischen einer Trödlerin und einer Besucherin belauscht. Die Schwulen- und Lesbenszene scheint auch nicht mehr zu sein, was sie früher mal war. Das Gespräch ging nämlich etwa so:

"Ist das Rosa Mond eigentlich jetzt tot?" - "Ja, da passiert nichts mehr." - "Schade. Dann gibt's ja nur noch die paar Schwulen- und Lesbenkneipen." - "Ja, gibt's denn überhaupt noch welche? Welche denn?" - "Na, das ... auf der Bilker Allee. Und dann ... ja, das war's eigentlich schon."

Auch die linken politischen Parteien (und diejenigen, die sich selbst immer noch für links halten wie die SPD) haben traditionell immer einen Stand auf dem Fest. Mit der Piratenpartei war dieses Jahr zum ersten Mal seit ich das Fest kenne (gut 15 Jahre) eine neue Partei vertreten. Bei der Linken baut der ehemalige OB-Kandidat noch selbst den Sonnenschirm ab (anders als Herr Elbers von der CDU, der wahrscheinlich nur noch auf seine Wahlkampftermine einfliegt, nachdem alles schon vorbereitet ist). Auch Sahra Wagenknecht gab sich persönlich die Ehre. Sie hat neuerdings ihren Bundestags-Wahlkreis in Düsseldorf. Wobei die Stadt noch nicht so weit sein dürfte, dass die Linke hier das Direktmandat holt. Und dann war doch da tatsächlich noch eine Besucherin, die mit einem CDU-Baumwollbeutel übers Fest schlenderte. Entweder war das eine mutige Rebellin oder die Frau hatte einfach überhaupt kein Gespür für ihr soziokulturelles Umfeld. 

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Freitag, August 21, 2009

Die ARGE (XXII)

Als auch diese 14 Tage verstrichen, ohne dass ich wieder etwas von der Behörde gehört hatte, besorgte ich mir beim Amtsgericht einen Schein für Beratungshilfe. Danach griff ich zu den Gelben Seiten und schlug unter „Rechtsanwälte – Sozialrecht“ nach. Fettgedruckt stand dort ein Anwalt aufgeführt, der sich nur wenige Straßen von meiner Wohnung entfernt befand. Am Telefon wirkte der Mann schon etwas merkwürdig. Nicht nur, dass er gleich selbst dran ging, statt einer Sekretärin, hätte mir zu denken geben müssen. Auch sonst wirkte er etwas wirr und schon ziemlich alt. Aber ein verwirrter Anwalt kann ja trotzdem fachlich top sein, dachte ich mir. So vereinbarte ich also einen Termin.

Die Praxis wirkte dann, als wäre ich der erste Mandant in diesem Jahr. Der Anwalt wirkte, als sei das letzte Gesetz, mit dem er sich befasst hatte, die Reichsversicherungsordnung gewesen. Vom SGB hatte er anscheinend noch nie etwas gehört. Den Unterschied zwischen ARGE und Arbeitsagentur schien er ebenso wenig zu kennen wie die Höhe des Hartz IV-Regelsatzes. „Wieviel Geld erwarten Sie denn da?“, fragte er mich. Seine einzige Sorge schien zu sein, dass die Kundennummer der BA, die ich immer auf meine Briefe an die ARGE geschrieben hatte, nicht mit der BG-Nummer für das Alg II übereinstimmte. Dass das zwei verschiedene Baustellen waren, verstand er nicht so wirklich.

Die Bedarfsgemeinschafts-Nummer hatte mir übrigens bisher überhaupt noch niemand offiziell mitgeteilt. Ich hatte sie lediglich zufällig auf dem Antrag auf Abschlagzahlung gesehen, den ich beim letzten Mal unterschreiben musste, und gleich notiert. Der Anwalt blätterte immer wieder in meinem Schnellhefter vor und zurück, in den ich den Schriftverkehr mit der ARGE geheftet hatte. Während ich versuchte zu erklären, was bisher vorgefallen war, und was das Amt alles verbockt hatte, unterbrach er ständig und sagte mit sorgenvoller Stimme: „Aber die Kundennummer hier ist doch nicht dieselbe wie die Nummer, die Sie hier angegeben haben. Hoffentlich liegt es nicht daran, dass Sie noch keinen Bescheid haben.“ – „Ja, aber das eine ist ja der Ablehnungsbescheid von der Arbeitsagentur, das andere ein Schreiben an die ARGE.“ – „Hier stimmt die Nummer wieder.“

Es war sinnlos. Ich hätte dem angeblichen Fachanwalt für Sozialrecht erst erklären müssen, was überhaupt eine ARGE ist und was das SGB II unter einer Bedarfsgemeinschaft versteht. Außerdem womöglich noch, wie dort die Anrechnung von Einkommen geregelt ist. Wir einigten uns darauf, dass er zunächst einmal einen Brief an die ARGE schicken wollte, mit der Aufforderung, den ausstehenden Betrag zu zahlen. Um diesen zu ermitteln, sollte ich aber zuerst meine Honorarabrechnungen der letzten Monate vorbei bringen. Insgeheim hatte ich schon längst beschlossen, mir einen anderen Anwalt zu suchen. Da ich Respekt vor älteren Menschen habe, traute ich mich jedoch nicht, ihm seine Inkompetenz ins Gesicht zu sagen. Ich versuchte deshalb heimlich, meinen Beratungshilfeschein wieder in der Akte verschwinden zu lassen, bevor ich sie einstecken wollte. Das merkte er allerdings sofort, wenn er sonst auch kaum noch etwas verstand. Klar, dabei ging es ja auch um sein Geld. „Den Schein müssen Sie mir aber schon hier lassen“, forderte er mich auf. Auf dem Weg nach Hause musste ich immer wieder an einen Satz von Franz Kafka denken: „Irgendjemand musste K. denunziert haben…“ Wie K. kam ich mir inzwischen auch längst vor.

Fortsetzung folgt

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Donnerstag, August 20, 2009

Mikrokosmos Notaufnahme

Wenn die Krankenwagen um die Ecke in den Hof des County General Hospitals einfuhren, die Sanitäter ihre Tragen mit den Patienten entluden und diese dann durch die schwingenden Türen der Notaufnahme geschoben wurden, war man als Zuschauer immer mitten im Zentrum des Geschehens. Hunderte, wahrscheinlich tausend Mal wurde diese Standardszene wiederholt, die trotzdem nie langweilig wurde. Denn so wie jeder Patient eine neue Herausforderung für die Ärzte war, so brachte er auch jedes Mal ein neues Schicksal, eine neue Leidensgeschichte in die Serie, und die immer wieder neue Frage: Wird dieser Patient noch zu retten sein?

Als ER 1994 startete (und ein Jahr später in Deutschland), beendete es die Ära der bis dahin üblichen Krankenhausserien. Ging es in der Schwarzwaldklinik oder in amerikanischen Pendants noch um Halbgötter in Weiß, die von Bett zu Bett wanderten und ihren Patienten mit wohlfeilen Worten Mut spendeten, so begleiteten wir Zuschauer nun Woche für Woche junge Mediziner, die mal ausgebrannt waren und mal frustriert, mal wütend und mal traurig, die desöfteren einen Patienten verloren, andere retteten, die die Eindrücke ihrer Arbeit mit nach Hause nahmen, deshalb auch manchmal Probleme mit ihren Partnern und ihren Familien bekamen, und die sich doch nichts anderes vorstellen konnten, als Tag für Tag diesen Job zu machen. Die Kamera war nicht distanziert, sondern immer nah dran, an den Patienten im Traumaraum und an den Menschen, die sie behandelten. Die Steadycam kreiste scheinbar endlos um das Geschehen rund um den Notfallpatienten, oft folgte sie auch einer Schwester oder einem Arzt durch die Schwingtür in den Nachbarraum, wo zeitgleich ein anderer Patient um sein Leben kämpfte. Das Personal warf sich medizinische Fachausdrücke und Abkürzungen um die Ohren, von denen man nicht einmal die Hälfte verstand. Aber darauf kam es auch nicht an. Denn was man verstand, war, dass es um Menschen ging, um Leben und Tod und darum, wie diejenigen damit umgehen, die täglich damit konfrontiert werden.

Daneben war ER immer auch eine hoch politische Serie: Der Umgang mit HIV-Infizierten wurde ebenso diskutiert wie gesellschaftliche Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Die Ärzte wurden in Afrika mit Bürgerkriegen konfrontiert und als Soldaten oder deren Angehörige mit dem Krieg im Irak. Und immer wieder wurden die Folgen des maroden US-Gesundheitssystems gezeigt, wenn Patienten sich eine lebensnotwendige Behandlung nicht leisten konnten, wenn Alte und Arme auf der Strecke blieben, wenn das Personal Regeln brechen musste, um überhaupt ihren Job machen zu können.

Einige der interessantesten Figuren der TV-Geschichte hat die Serie hervorgebracht, allen voran Mark Greene, den gütigen Oberarzt, der immer versucht, trotz allen Stresses Mensch zu bleiben (und dessen Krebstod zu den bewegendsten Handlungssträngen der Serie gehört) sowie John Carter, der als junger Medizinstudent in die Notaufnahme kommt, zunächst ungeschickt und naiv, der zwischendurch ein karrieregeiler Zyniker wird, später sogar medikamentenabhängig, und der sich doch zu einem guten, erfahrenen Arzt entwickelt. Aber auch starke weibliche Charaktere wie Susan Lewis, Abby Lockhardt und Carol Hathaway, die den männlichen Ärzten oft genug zeigten, dass sie diesen mindestens ebenbürtig waren.

Leider konnte ER die hohe Qualität der ersten acht Staffeln nicht dauerhaft halten. Schaut man sich heute noch mal Folgen aus den frühen Staffeln an und davor oder danach welche aus den aktuelleren, ist es fast, als schaue man zwei verschiedene Serien. Und das liegt nicht nur - wenn auch zu einem großen Teil - daran, dass zwischen der achten und der 15. Staffel die komplette Hauptdarstellerriege ausgetauscht wurde. Es beginnt im Grunde schon damit, dass der alte Vorspann, der perfekt auf die Atmosphäre der Serie einstimmte, irgendwann gegen ein nichtssagendes kurzes Intro ersetzt wurde. Es geht weiter mit der langsameren Erzählweise, wo meistens nicht mehr Dutzende Patienten pro Folge in den ER geschoben wurden, sondern meist nur noch eine Handvoll. Der Fokus verschob sich immer mehr auf das Privat- und Liebesleben der Hauptfiguren, die Patienten wurden oft fast zu Staffage. Spätestens nachdem die neuen Ärzte immer jünger und cooler wurden, hatte man das Gefühl, nur noch einen Abklatsch der inzwischen auch quotenmäßig erfolgreicheren Serie "Grey's Anatomy" zu sehen - was eine Schande ist, wenn man doch bedenkt, dass diese Serie ohne den Erfolg von ER nie möglich gewesen wäre.

In der letzten Staffel gab es zumindest ein Wiedersehen mit einigen schmerhaft vermissten Charakteren. Nicht nur Noah Wyle durfte für die letzten Folgen noch einmal in seine Glanzrolle als Dr. Carter schlüpfen, auch einige Ehemalige, mit denen zum Teil niemand mehr gerechnet hatte - darunter der schon längst verstrorbene Dr. Greene (Anthony Edwards) sowie Superstar George Clooney als Dr. Ross mit seiner Filmehefrau Carol (Juliana Marguilies) - wurden für jeweils ein oder zwei Folgen noch einmal in die Handlung eingebaut. Die letzte Folge fand ich relativ schwach. Zwar tauchen noch einmal eine ganze Reihe alter Gesichter auf, die aber abgesehen von Carter nicht besonders viel zu tun bekommen. Mit dem Auftauchen von Dr. Greenes erwachsen gewordener Tochter Rachel, die nun ebenfalls Medizin studieren will und sich am County bewirbt, schließt sich der Kreis, und einige Szenen der Abschlussepisode erinnern stark an den Pilotfilm. Dafür werden viele Handlungsstränge einfach offen gelassen (Kommen Sam und Gates wieder zusammen? Neela und Ray?), anders als in John Wells' anderer grandisoser Serie "Third Watch" passiert auch nichts Spektakuläres, kommt keine richtige Abschiedsstimmung auf.

Nun ist ER endgültig Geschichte und obwohl man in den letzten Jahren das Gefühl hatte, sie wäre das schon seit längerem, so ist es insgesamt doch eine stolze Geschichte. 
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Mittwoch, August 19, 2009

Darwinismus als Science-Fiction: Dietmar Daths "Die Abschaffung der Arten"


500 Jahre in der Zukunft ist die Menschheit so gut wie ausgestorben; was von ihren übrig geblieben sind, sind einige Ausgestoßene, die wie die Wilden leben. Den Platz der Menschen hat eine neue Zivilisation von sprechenden Tieren eigenommen: die Gente. Angeführt vom weisen Löwen Cyrus Golden, der einst ein Mensch war, bevor er durch Genetik eine neue Spezies schuf, leben Dachse, Wölfe, Libellen, Affen und allerlei andere Geschöpfe in drei gewaltigen Städten, die dort stehen, wo früher Europa war. Sie verständigen sich über Duftstoffe, ihr komplexes Pherinfonsystem erinnert mit seinen Diskussionsforen und Datenleitungen an unser heutiges Internet. Da sie nicht mehr an einen Körper gebunden sind, überdauern diese Wesen die Jahrhunderte. Aber ein neuer großer Krieg droht durch ein Maschinenwesen, das im südamerikanischen Dschungel lebt. Der Löwe schickt seinen Botschafter, den Dachs Dmitri, aus, um den drohenden Untergang der Gente-Zivilisation abzuwenden.

Im Roman "Die Abschaffung der Arten" des Schriftstellers und ehemaligen FAZ-Feuilleton-Redakteurs Dietmar Dath geht es um nicht weniger als um das Ende der Menschheit und darum, wie die Evolution nach deren Epoche weitergeht. Doch damit nicht genug: Nach etwa 300 Seiten lässt Dath seine ganze neue Welt, die er zuvor mit großer Phantasie ausgemalt hat, wiederum untergehen. Man muss seinen Wagemut bewundern, an dieser Stelle nicht nur die Hauptfiguren, sondern die ganze Kultur verschwinden zu lassen, die er zuvor etabliert hat - und selbst den Schauplatz Erde zu verlassen. Stattdessen findet sich der Leser nun auf zwei anderen Planeten wieder, auf denen die Nachkommen der Gente wiederum neue Kulturen aufgebaut haben, manche, um die Tradition der Vorfahren aufrecht zu erhalten, andere, gerade, um deren Erbe zu vergessen. Doch so weit sich die einzelnen Spezies auch von ihren menschlichen Ursprüngen entfernen: Die negativen Eigenschaften ihrer Vorfahren werden sie doch nie los.

Mit diesem epischen Science Fiction-Roman versucht Dath den ganz großen Wurf, eine Erzählung über 1500 Jahre, über den Aufstieg und Fall mehrerer Zivilisationen. Leider neigt er dazu, an manchen Stellen in schier endloses Techno-Gebabbel über Genetik, Darwinismus, Raum-Zeit und ähnliches abzudriften, das nicht nur unverständlich ist, sondern vor allem den Eindruck erweckt, der Autor habe seinen Lesern zeigen wollen, wie gebildet er doch ist. Auch das Herumschleudern mit völlig unbekannten Fremdwörtern, von denen man meistens nicht so genau weiß, ob sie wirklich im Duden stehen oder der überbordenden Phantasie Daths entsprungen sind, machen das Lesen nicht gerade leichter. Ebenso wie bei manchen unfassbar langen Schachtelsätzen merkt man hier deutlich, dass Dath früher für die FAZ (und für die Spex) geschrieben hat.

Auf der anderen Seite fasziniert der unglaubliche Einfallsreichtum des Autors, seine Detailfreude im Beschreiben von Techniken, Kulturen und Ereignissen, die so unwahrscheinlich sind, das man sie fast schon für möglich halten könnte. Spätestens, wenn sich im untergehenden Reich des Löwen neue Koalitionen bilden, Intrigen gesponnen werden und treue Verbündete sich gegen ihn wenden, hat Dath seine Leser gepackt. Und wenn dann plötzlich in der Mitte des Buches Schauplätze, Figuren und Kulturen auf einen Schlag wechseln, möchte man nur noch wissen, was es damit nun wieder auf sich hat. Zum Glück fehlt es dem Schriftsteller nicht an Humor. Immer wieder finden sich mitten in dem ganzen Schlachtengetümmel und Techniksprech wahnsinnig witzige Einfälle und Anspielungen: ein des Sprechens kaum kundiger Esel, der die Laudatio bei der Verleihung eines Kunstpreises halten soll, ein Orang-Utan, der nach 1000 Jahren aus seinen Erbinformationen wieder zusammengesetzt werden soll und sich dabei in einen Riesenaffen à la King Kong verwandelt, der sich sogleich aufmacht, eine Stadt zu zerstören etc. etc. Da finden sich dann herrliche Sätze wie etwa dieser: 

"Der Vorgang dauerte auch deshalb seine Zeit, weil die Natur zunächst einmal ihr Erstaunen und ihren Abscheu überwinden mußte, da es ihr zuvor nicht im Traum eingefallen wäre, aus Dreck und Licht auf der Oberfläche der Venus ausgerechnet einen armen alten Affen zu akkumulieren."

Dietmar Dath ist ein großer literarischer Weltenerschaffer. Hätte er seine Sprache etwas einfacher gehalten, ein paar biologische und physikalische Theorien weniger in sein Buch gepackt, hätte dies ein ganz großer Roman werden können. So ist es immer noch zwar anstrengende, aber doch sehr lohnende Lektüre für alle, die sich schon immer die Frage stellten, ob die Evolution nicht doch etwas Besseres hätte hinbekommen können als den Menschen.
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Dienstag, August 18, 2009

Die ARGE (XXI)

Auf den versprochenen Anruf der ARGE zu warten, war natürlich ähnlich erfolgversprechend wie das Warten in dem berühmten Stück von Beckett. Die Vorgesetzte rief erwartungsgemäß nicht an. Also fuhr ich am nächsten Vormittag wieder zur ARGE, ließ mich einige Male hin und her schicken, um der Teamleiterin schließlich die Zusage abzutrotzen, jetzt endlich eine Abschlagzahlung zu bekommen. Danach wartete ich noch einmal eine Stunde, bis die Sachbearbeiterin Zeit hatte und hörte dann vom Gang aus zu, wie diese und ihre Zimmernachbarin versuchten, das Computerprogramm zu bewältigen („Wo muss ich das denn eintragen?“ – „Hier.“ – „Das nimmt er aber nicht.“ ).

Letztendlich händigte die Mitarbeiterin mir dann einen Abschlag in Höhe von unglaublichen 150 Euro aus. In Worten: EINHUNDERTFÜNFZIG! Nach DREI MONATEN! Mit einem anrechenbaren Einkommen von durchschnittlich etwa 200 Euro seit Antragstellung! (Wobei die da ja gar nicht wussten, was Honorare überhaupt sind. "Bekommen Sie den Betrag jetzt regelmäßig?" - "Das hängt davon ab, wie viel ich schreibe." - "Aha." ) Auf meine Frage, wovon ich denn bitte die letzten drei Monatsmieten hätte zahlen sollen, bekam ich die Antwort, ich hätte die ja wohl gezahlt, also hätte ich ja irgendwo Geld herbekommen haben müssen, also wäre ich ja faktisch gar nicht hilfsbedürftig gewesen oder jedenfalls nicht in der Lage, das nachzuweisen.

Immer am ersten des Monats standen einige Leute von der Arbeitsloseninitiative, einer Selbsthilfegruppe, nicht zu verwechseln mir der Arbeitslosenberatung der städtischen Zukunftswerkstatt, vor dem Amt und boten einen Begleitservice durchs Haus an, damit man einen Zeugen hatte, wenn die Mitarbeiter einen über den Tisch ziehen wollten. Das hatte ich diesmal auch in Anspruch genommen. Der Begleiter erzählte mir auch von der Möglichkeit, beim Sozialgericht gegen die Untätigkeit der ARGE vorzugehen, was er schon durchgezogen hatte. Er berichtete auch von einem seiner Bekannten, Mitte 30, den ein ARGE-Mitarbeiter gefragt hatte, was wolle er denn eine eigene Wohnung finanziert haben, er könnte doch weiter bei seinen Eltern wohnen. Ich gab der ARGE nun in Gedanken noch eine Frist von zwei Wochen, meinen Antrag zu bewilligen, bevor ich einen Anwalt aufsuchen wollte.

Fortsetzung folgt

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Sonntag, August 16, 2009

Die taz über das Ende von ER

"Personell hat man darin noch mal alles aufgefahren und sogar den einzigen Superstar der ER-DarstellerInnen, George Clooney, zu einem groß angekündigten, aber lahmen Gastauftritt überreden können. Wenn also am Mittwoch die letzte ER-Folge in Deutschland ausgestrahlt wird, die durch Downloads vielen Fans eh längst bekannt ist, hat sich die Kaiserin der Arztserien endlich und viel zu spät vom Thron verabschiedet."

Ein sehr schöner Artikel über die beste aller Krankenhausserien, der noch einmal zusammenfasst, was sie so besonders machte, aber auch, warum sie in den letzten Jahren nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Mein persönliches Fazit folgt dann sicher nächste Woche.

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