Freitag, Dezember 28, 2007
Halleluja
Weihnachten ist vorbei, in meinem Heimatstadtteil, in dem ich seit 10 Tagen rumhänge, ist aber nicht wesentlich mehr los als an den Feiertagen. Das einzige Internetcafe hat zu, ein anderes, schäbiges, das an der Grenze zum Nachbarstadtteil liegt, hat heute kein Internet. Willkommen im 21. Jahrhundert. Je älter ich werde, desto weniger kann ich mit Weihnachten anfangen. Kaum Muppets im TV dieses Jahr, Das letzte Einhorn hab ich grad letztes Jahr gesehen und Fairytale of New York hab ich nur zweimal im Radio gehört (beide Male in der gleichen Show, bei Mike Litt, dem "einsamsten DJ der Welt" an Heiligabend auf 1Live). Weihnachten ist auch nicht mehr, was es mal war. Schnee gibt's auch nicht mehr. Wuppertal ist die einzige Stadt, die ich kenne, wo der Weihnachtsmarkt nach den Feiertagen einfach weiter geht. Hier noch mein Lesetipp für zwischen die Jahre, wie der Ruhrgebietler sagen würde: Holt euch Die Zeit, da ist ein Portrait von Nicolette Krebitz drin.Samstag, Dezember 15, 2007
Zwangsarbeit
Meine Laune ist seit heute auf einem neuen Tiefststand angekommen. Die Arbeitsagentur meint, mir Stellen bei Zeitarbeitsfirmen anbieten zu müssen, die mich dann an ein "Business-Portal" weiter verleihen wollen. Was immer das sein mag. Da soll ich dann deren Internetseite bestücken, u.a. mit "Quizzes, Gewinnspielen" und irgendwelchen Preispunkten und Werbeangeboten. Genau dafür habe ich zehn Jahre studiert und mich an dem hiesigen Elite-Institut duch das Aufbaustudium gequält. Irgendeinen Scheiß, auf den ich keinen Bock habe, hätte ich auch ohne Studium machen können, und zwar schon vor zehn Jahren. Das Geilste ist, die Zeitarbeiter haben mich schon zum Vorstellungsgespräch eingeladen, bevor ich mich überhaupt beworben habe. Heute habe ich das Vermittlungsangebot gelesen, das wohl seit gestern im Briefkasten lag und als ich später noch mal in den Kasten guckte, hatte ich schon die Einladung der Firma drin: "Danke für Ihre Bewerbung..." Ist das jetzt der neue Stil, dass man nicht mal mehr pro forma gefragt wird, ob man sich da überhaupt bewerben möchte? Faktisch hat man ja eh keine Wahl, es sei denn, man möchte, dass einem die Grundsicherung gekürzt wird. Wodurch genau unterscheidet sich dieses System jetzt eigentlich von der Zwangsarbeit, die es doch angeblich nur in bösen Diktaturen gibt und nicht in unserer schönen "sozialen Marktwirtschaft"? Steht im Grundgesetz nicht irgendwas von freier Arbeitsplatz- und Berufswahl? In Wirklichkeit hat man als Bedürftiger nur die Wahl zwischen sich prostituieren und verhungern. Ich hab die Schnauze gestrichen voll. Schön auch, dass ich am Mittwoch da antanzen soll, und ich für Montag und Dienstag Zimmerbesichtigungen in Köln vereinbart hatte. Jetzt darf ich vor Weihnachten nochmal zurück fahren, um mich für einen Job vorzustellen, den ich gar nicht haben will. Wenn mir noch einmal dieser Schmock von unserem Elite-Institut über den Weg läuft, der immer meinte, er bilde uns nicht für die Lokalzeitung aus, sondern für die FAZ, laufe ich Amok und verlange die Studiengebühren der letzten zwei Jahre zurück.
Donnerstag, Dezember 13, 2007
Dem Traum von der Zeitschrift sehr nahe gekommen: DUMMY
Gestern stieß ich in der Buchhandlung auf die neue Ausgabe der Berliner Zeitschrift DUMMY. Über die hatte ich zwar schon viel Positives gehört, aber sie glaub ich seit der ersten Nummer nicht mehr in der Hand gehabt. Und das war definitiv ein Fehler, denn das ist das beste Heft, das ich seit der Tempo-Jubiläumsausgabe vor einem Jahr gelesen habe. Seit Tempo 1995 eingestellt wurde, bin ich eigentlich auf der Suche nach einer General Interest-Zetschrift, die ich regelmäßig lesen wollen würde. Die nicht nur irgendwie aktuelle Artikel und Fotos aneinanderreiht, sondern so etwas wie ein Lebensgefühl vermittelt.(Special Interest-Titel gibt es noch ein paar, die ich gut finde, aber es sind auch weniger geworden als noch vor fünf Jahren. Richtig gut finde ich eigentlich nur noch epd Film und natürlich ZACK, wobei das ja hauptsächlich ein Comic-Magazin ist, das auch News und ab und an mal einen interessanten Artikel abdruckt. Den Rolling Stone, der das mit dem Lebensgefühl bedingt schafft, habe ich schon seit Jahren nicht mehr gekauft und andere Musikzeitschriften auch nicht, Intro ist ja kostenlos.)
DUMMY kommt meiner Vision einer Zeitschrift, die sich keinem bestimmten Themengebiet widmet, sondern über alles schreibt, was von Interesse sein kann, schon ziemlich nah. Die Geschichten sind fast ausnahmslos interessant und toll geschrieben. Die Themen zum Oberthema Liebe reichen von einer Frau, die als Jugendliche von Adolf Hitler angehimmelt wurde und der Geliebten von Mussolini, die mit ihm in den Tod gegangen ist, über Pädophile und Frauen, die bei ihren prügelnden Männern bleiben bis zu Selbsterfahrungsreportagen über das Einnehmen einer argentinischen Wurzel mit halluzinogener Wirkung und einen sehr klugen Essay über einen Jugendflirt, aus dem sich nichts entwickelt hat, über den der alt gewordene Autor beim Durchlesen seiner Tagebücher aber denkt, es hätte eine große Liebe werden können. Dazu kommen opulente Fotostrecken über Liebespaare an den Niagarafällen und ein 60-jähriges Paar beim Sex.
Man merkt bei jedem Thema, dass sich die Redakteure was trauen, dass sie dem immergleichen Mainstream der meisten Printmedien eine eigene Sichtweise entgegensetzen wollen, Stücke jenseits eines fragwürdigen Aktualitätsbegriffs und einer Relevanz, die nur vom vermeintlichen Massengeschmack und Verkaufsaussichten bestimmt wird. DUMMY erscheint leider nur alle drei Monate, dafür jedesmal mit einem komplett neuen Layout, das zum ebenfalls jedesmal wechselnden Thema passt. Zumindest diesmal ist es sehr schlicht, mit riesigen Weißflächen, ohne jeden Schnörkel, was mir aber (im Gegensatz zum Neon-Layout beispielsweise) sehr gut gefällt. Wenn das Heft immer so gut ist, hätte ich 12 Jahre nach Tempo wieder eine lesenswerte General Interest-Zeitschrift gefunden.
Happy Birthday, Steve Buscemi!
Wenn ich schon nichts für den epd drüber schreiben darf, möchte ich an dieser Stelle wenigstens an den 50. von Steve Buscemi erinnern, einem meiner Lieblingsschauspieler, was schräge Rollen angeht: Fargo, Big Lebowski, Mr. White in Reservoir Dogs... Wunderbar ist er aber auch in weniger bekannten Filmen, so als herrlich verschrobener Jazz-Liebhaber in Ghost World und in seinem eigenen Regiedebüt Trees Lounge. Gerade hat er ein Remake von Theo van Goghs niederländischem Film Interview abgedreht (als Regisseur und Hauptdarsteller). Mal sehen, ob das den Weg auf die deutschen Leinwände schafft.Mittwoch, Dezember 12, 2007
Angemessen verrückt

... finde ich den Skandalfilm "Nachtblende" mit Romy Schneider und Klaus Kinski. Mehr allerdings auch nicht. Man merkt dem ganzen Film halt an, dass die Macher mal etwas wagen wollten, dem Mainstream etwas entgegen setzen wollten. Leider entwickelt der Film keinen wirklichen Sog, reißt mich nicht wirklich mit. Romy Schneider spielt eine erfolglose Schauspielerin, die sich u.a. mit Rollen in Softpornos über Wasser halten muss. Kinski spielt mehr oder weniger sich selbst, also einen durchgeknallten, exzentrischen Schauspieler. Leider hat er nur eine Nebenrolle. Die Schneider hat irgendwie schon was. Ich kannte die ja lange nur aus den "Sissi"-Filmen, die ich als Kind gesehen hatte. Später konnte ich es erst nicht glauben, als mir ein Freund erzählte, er hätte sie in einem Film mit Harvey Keitel und Harry Dean Stanton gesehen ("Death Watch - Der gekaufte Tod" ). Ziemlich guter Film das, leider noch nicht auf DVD erschienen. Ich sah sie dann noch in einigen französischen Filmen, die ich ganz gut, aber nicht überragend fand. Richtig imponiert hat sie mir allerdings neulich in "Mädchen in Uniform". Wenn man bedenkt, dass das kurz nach dem letzten "Sissi"-Film war, merkt man erst, welches Talent da in ihr schlummerte und erst freigesetzt werden konnte, nachdem sie ihre populärste Rolle hinter sich gelassen hatte... Außerdem habe ich natürlich einen Hang zu Menschen mit tragischen Lebensläufen. Woran ist Kinski eigentlich gestorben?
Montag, Dezember 10, 2007
Web 2.0 geht immer
Ich hab eine neue Idee, wie ich mehr Artikel verkaufen kann: Ich spezialisiere mich aufs Web 2.0. Dann schreibe ich jeden Tag einen Artikel zu einem wahlweise belanglosen oder ausgelutschten Thema, z.B. "Wie das Internet unsere abendländische Kultur kaputt macht", "Wie das Internet unsere Zeitungen kaputt macht" oder auch "Warum das blöde Internet unsere schönen Zeitungen nie kaputt machen wird". Wahlweise auch noch zu den Themen "Blogger sind Laien, die sich im Internet ablaichen", "Videos von ARD und ZDF im Internet machen Qualitätsjournalismus kaputt", "Warum Eltern ihre webaffinen Kinder nicht mehr verstehen", "Warum Kinder ihre zeitungslesenden Eltern nicht mehr verstehen", "Warum unsere Gesellschaft durch das Internet auseinanderbricht", "Warum Videoblogger Selbstdarsteller sind", "Warum an Selbstdarstellung nichts Schlechtes dran ist" und "Internet - die Geißel der Menschheit".
Neben der schier unerschöpflichen Zahl an möglichen Themen ist ein weiterer Vorteil dieser Themenspezialisierung, dass ich mich nie wieder mit solchen Dingen wie Recherche aufhalten muss. Ich posaune einfach meine möglichst polemische Meinung in die Welt hinaus, ohne das großartig mit Argumenten, Experten oder ähnlichem untermauern zu müssen. Ahnung von dem, was ich da schreibe, muss ich auch nicht unbedingt haben - das könnte im Gegenteil eher hinderlich sein, denn dann käme ich womöglich noch zu einer differenzierten Meinung. Nach einiger Zeit werde ich dann so rennomiert sein, dass man mir entweder die Stelle eines stellvertretenden Chefredakteurs eines großen Online-Portals anbieten wird oder aber einen Sitz im Herausgeberrat der FAZ. Und das habe ich ja schon immer gewollt.
Die Absurditäten des Stellenmarkts
Ich kann das alles nicht mehr ernst nehmen - je länger ich den Stellenmarkt verfolge, desto grotesker erscheint er mir. Ein großer Umweltverband sucht einen Online-Trainee (natürlich mit abgeschlossenem Studium und/oder journalistischer Ausbildung), der 12 Monate für 800 Euro arbeitet (was er eigentlich genau machen soll, steht in der Anzeige natürlich mal wieder nicht drin). Die Bewerbung sollte in HTML, Flash oder Power Point verfasst werden - "von schriftlichen Bewerbungen bitten wir abzusehen". Nee klar, man hat ja sonst nichts zu tun, als sich für ausbeuterische Stellen drei Tage Zeit zu nehmen, um eine Bewerbung zusammen zu basteln, die vielleicht noch angemessen wäre, wenn man sich als Webdesigner bewerben wollte. Am liebsten würde ich denen einen Link auf meine Homepage schicken (die ist ja schließlich in HTML) und in die Mail noch rein schreiben "Davon, meinen Lebenslauf in HTML umzuwandeln, habe ich abgesehen. Die Absage schicken Sie mir bitte in GW Basic, C+ oder Turbo Pascal, gerne aber auch als Audacity-Sounddatei."
Wenn ich die Stellenbeilagen der überregionalen Tageszeitungen angucke, denke ich immer, ich lebe in einem Paralleluniversum. In den redaktionellen Artikeln ist jede Woche die Rede davon, dass der Durchschnittsverdienst von Uniabsolventen wieder steigt (auf um die 45.000 Euro), dass Headhunter händeringend an Unis nach Absolventen suchen und für deren Daten hohe Summen an die Unis zahlen usw. Mit meiner Lebensrealität und der der überwiegenden Zahl von Akademikern, die ich kenne, hat das ungefähr so viel zu tun wie Johannes B. Kerner mit Journalismus - nämlich nix. Gut, wahrscheinlich bezieht sich das alles nur auf Ingenieure und BWLer, aber dann sollen die das bitte auch drüber schreiben und nicht von Uniabsolventen allgemein sprechen. Ich kenne übrigens auch Juristen und WiWis, die froh wären, eine Redakteursstelle für 30.000 Euro im Jahr zu bekommen - oder überhaupt eine. Von Geisteswissenschaftlern will ich jetzt gar nicht erst anfangen.
Wie die Realität in der journalistischen Arbeitswelt wirklich aussieht, kann man z.B. dem aktuellen "journalist" entnehmen. Da werden komplette Lokalredaktionen in Transfergesellschaften überführt (bei der "Münsterschen Zeitung" ), sämtliche Lokalredaktionen ausgegliedert und von Zeitungsverlagen eigene Zeitarbeitsfirmen gegründet, die dann die Redakteure an ihre eigenen Zeitungsredaktionen ausleihen, natürlich zu wesentlich schlechteren Konditionen als die direkt dort angestellten Redakteure (beides beim "Nordkurier" in Brandenburg). Die "Hessische Allgemeine" verabschiedet sich auch gerade aus der Tarifbindung. Demnächst muss dann jeder Redakteur einzeln mit der Geschäftsleitung über seinen Lohn verhandeln. Wo leben wir eigentlich?
Sonntag, Dezember 09, 2007
Back on the radio: Kuttner & Kuttner
Zwei meiner Lieblingsmoderatoren haben endlich wieder eine Show, und erstmals sogar eine gemeinsame: Sarah Kuttner und ihr Vater, Radiolegende Jürgen Kuttner, machen sonntags von 21 bis 23 Uhr eine neue Call in-Sendung auf Radio Eins. Kuttner senior war heute Nachmittag schon bei seiner Kollegin Bettina Rust auf dem gleichen Sender zu Gast, wo er zwei Stunden aus seinem Leben plaudern und Platten spielen durfte. Interessanter Typ der, und was für ein abgefahrener Musikgeschmack (hauptsächlich hat er merkwürdige sowjetische Kampflieder und anderes sozialistisches Liedgut gespielt). Schön, dass er wieder da ist, nachdem seine Talkradio-Show auf You FM in Hessen ja doch nie wieder ins Programm zurück kam (wie ich das eigentlich auch schon vermutet hatte, das war dem Wellenchef vermutlich doch zu schräg).Freitag, Dezember 07, 2007
Giovanni, der kleine Italiener
Vor unserem grandiosen Abschiedsauftritt habe ich mir gestern im Audimax noch eine Diskussion mit Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo angehört. Sympathischer Mann, ist nicht nur witzig und schlagfertig, sondern hat im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen auch sehr vernünftige Ansichten, die Zukunft des Journalismus im Allgemeinen und der Qualitätszeitungen im Besonderen betreffend. Wobei er es ja auch so ziemlich als Einziger geschafft hat, die Auflage seiner Zeitung in den vergangenen Jahren deutlich zu steigern. Und Die Zeit ist wirklich ein verdammt gut gemachtes Blatt, das wie ein Felsen aus der Brandung der mittelmäßigen Zeitungen herausragt. Interessant ist natürlich, dass diese Auflagensteigerung gerade nicht durch Populismus, kürzere Artikel und boulevardeskere Themen erreicht wurde, sondern gerade durch das genaue Gegenteil. Nur gut geschrieben müsste ein Stück halt sein, meinte di Lorenzo gestern, dann würden die Leser auch lange Artikel zu schwierigen Themen bis zum Ende lesen, und nannte als Beispiel ein vierseitiges Dossier zum Thema Sterbehilfe, das nach Reader Scan-Tests 34 % der Leute bis zum Schluss gelesen hätten - und bei 2 Millionen Lesern sind das ja wirklich eine ganze Menge.
Bei der Zeit müsse man als Redakteur auch noch nicht mit der Kamera auf dem Helm zum Interview erscheinen, um anschließend noch was für Zeit Online zurechtzuschneiden. "Seien Sie unbesorgt und bewerben Sie sich", sagte di Lorenzo. Was ich vor einem Publikum von 300 Publizistikstudenten ziemlich mutig fand
. Was ich auch noch nicht wusste: Bevor er Chefredakteur beim Berliner Tagesspiegel wurde, hat er bei der Süddeutschen die Seite Drei mitaufgebaut, die ich eigentlich fast immer am liebsten lese. Interessante Karriere, doch. Die Frauen schwärmen ihn ja immer an, wahrscheinlich weniger wegen seiner journalistischen Verdienste, sondern weil er ja so ein süßer kleiner Italiener ist. Wobei ich ihn immer knapp 10 Jahre jünger geschätzt hätte, der ist nämlich auch schon 48. Das merkt man ihm aber wirklich nicht an (ich mein jetzt eher von seiner Art her, weniger vom Aussehen
). Und ich schreib jetzt meine Bewerbung für Die Zeit.
Es ist vorbei, byebye...
Und diesmal endgültig. Heute haben wir mit zwei Monaten Verspätung unsere Master-Zeugnisse verliehen bekommen. Dass es keine Abschlussfeier wie in jedem Jahr werden würde, war mir schon vorher klar, da man einen Kommilitonen dazu gedrängt hatte, die Abschlussrede zu halten, der das erstens gar nicht wollte und der zweitens eine fast noch kritischere Meinung über das Studium und das Institut hat als ich. Er zog das Ding dann auch kompromisslos durch und sprach in seiner Rede endlich mal all die Dinge aus, die er schon zwei Jahre lang sagen wollte. Das kam erwartungsgemäß nicht bei allen gut an. Bei den Profs nicht, aber auch nicht bei vielen Kommilitonen. Einige von ihnen meinten, während der Rede demonstrativ raus gehen zu müssen, was ich völlig daneben fand. Wobei ich dem Großteil der vorgetragenen Kritik voll zustimmen konnte. Danach schwafelte der Chefredakteur irgendeiner Provinzzeitung noch was von den hervorragenden Berufsperspektiven im Journalismus (man könne ja z.B. ein Volontariat bei seiner Zeitung machen), bevor die Zeugnisse ausgehändigt wurden. Zumindest hat unser Redner einigen Leuten aus den beiden Kursen, die jetzt noch den gleichen Studiengang machen, sehr imponiert (wenn auch nicht gerade ermutigt, aber das hat die Tatsache, dass außer einem keiner von uns Absolventen bisher eine richtige Arbeitsstelle gefunden hat, auch nicht gerade). Zumindest wird unser Kurs dem Institut noch längere Zeit in Erinnerung bleiben (wenn auch nicht unbedingt in positiver). Und ich kann mir jetzt noch ein MA an meinen Namen dran hängen. Wenn ich dann demnächst auch mal vom Journalismus leben könnte, würd mir das allerdings mehr bringen...Dienstag, Dezember 04, 2007
DVB-T sucks! (Mal wieder)
Gestern Abend wollte ich schön den arte-Themenabend über Poetry Slams gucken, als nach knapp 20 Minuten plötzlich der Sender weg war. Kurzes Durchzappen ergab, dass auch das Erste und der hr futsch waren. Und das nachdem ich sowieso erst seit ein paar Wochen dank neuer Zimmerantenne wieder einigermaßen störungsfrei fernsehen kann. Nach einer Weile kam mir die Idee, dass vielleicht die Frequenzen mal wieder verändert wurden und startete einen automatischen Suchlauf, der aber nichts ergab. Nachdem die Sender eben immer noch nicht wieder da waren, begab ich mich per Google auf die Suche und siehe da, der hr teilt auf seiner Homepage mit, dass letzte Nacht eine Frequenzumstellung im Rhein-Main-Gebiet erfolgte. Ich frage mich nur, warum erfährt man als Zuschauer das nicht vorher? Beim Kabelfernsehen war es jedenfalls früher so, dass Kanaländerungen einem per Post oder Postwurfsendung vom Netztbetreiber mitgeteilt wurden - vorher! Was macht man eigentlich als DVB-T-abhängiger TV-Besitzer, wenn man kein Internet hat oder zu alt ist, damit umzugehen? Im Gegensatz zum Kabel weiß man ja auch nicht, wo man da anrufen könnte. Hm, ob wohl mein Hausmeister schon seinen TV-Techniker in Gonsenheim angerufen hat...?(Fast) ohne Kommentar
FAZ-Mitherausgeber Günther Nonnenmacher offenbart das Bild, das er von den Mediennutzern hat:
Unfassbar! (Wobei er mit dem ersten Satz sogar Recht hat, zumindest was die FAZ-Leserbriefschreiber angeht.)
Montag, Dezember 03, 2007
FILMZ ist aus
FILMZ 2007 in Mainz ist gestern Abend zuende gegangen. "Nichts geht mehr" von Florian M. Böder hat nicht unverdient gewonnen. Meine ausführliche Rückschau auf das Festival lest ihr hier und in der Kurzfassung hier.Sonntag, Dezember 02, 2007
Fatih Akin, Scorsese und das deutsche Genrekino
In einem Porträt über ihn, das gestern bei arte lief, verriet Fatih Akin, dass er das Drehbuch zu seinem Debütfilm "Kurz und schmerzlos" geschrieben hat, während er Abitur machte. Ein Autodidakt im besten Sinne also. Schon in diesem Debütfilm steckt seine ganze filmische Kraft, sein Erzähltalent, sein visueller Stilwille. Seine Vorbilder verleugnet er nie. Natürlich ist das eine Hommage an Scorsese, an Pacino, an de Niro, an "Mean Streets" und "Der Pate". Akin selbst weist darauf hin, wenn in einer Schlüsselszene seines Films die drei Hauptfiguren, die kleinkriminellen Freunde aus Kindheitstagen, vor dem Fernseher sitzen und der eine, der Italiener, meint: "Wir hätten uns Scarface holen sollen." - "Wir holen uns immer Scarface", erwidert sein Kumpel. "Ja, weil Scarface hat Pacino! Pacino ist ein cooler Typ, der hat solche Eier!"
So wie dieser Möchtegern-Mafioso von einem Leben à la Pacino in "Scarface" träumt, so träumt der Regisseur seinen Traum vom amerikanischen Genrekino. Aber er holt ihn von den Straßen New Yorks und L.A.s in die Realität der deutschen Großstadt, nach Hamburg. In erster Linie ist Akin immer ein Hamburger Regisseur geblieben, hier ist sein Kiez, seine Welt, in der er aufgewachsen ist, die ihn geprägt hat. Erst in zweiter Linie ist er ein deutscher Regisseur und danach oder daneben eben auch einer mit türkischen Wurzeln. Obwohl Migranten, meistens türkische, aber auch italienische oder griechische, in allen seinen Filmen eine wichtige Rolle spielen, meistens sogar die Hauptrollen, sind es doch nie Migrantenfilme. Akin zeigt Migranten vielmehr als das, was sie sind: Teil der deutschen Gesellschaft der Gegenwart, als Individuen, mit Macken und Fehlern, nie als Stereotypen. Die halbstarken (Anti-)Helden aus "Kurz und schmerzlos" würden sich nie die Frage stellen, wo sie hingehören, weil es darauf nur eine Antwort gibt: nach Hamburg, dorthin, wo sie geboren und aufgewachsen sind, auch wenn sie vielleicht von einem besseren Leben jenseits des Kiez träumen.
Akin liebt nicht nur Scorsese und das US-Genrekino. Er zitiert auch gerne Faßbinder und mit dem Auftritt von Hanna Schygulla in seinem letzten Film "Auf der anderen Seite" schließt er ganz bewusst die Brücke zum Neuen Deutschen Film der Sechziger und Siebziger Jahre. In der arte-Doku sagt er einmal: "Man müsste in den Kinos viel mehr alte Filme zeigen." Nur wer die Filmgeschichte kennt, kann das Kino der Gegenwart verstehen. Tatsächlich ist es eine Schande, dass es kaum noch Programmkinos im klassischen Sinne gibt, wo eben nicht nur die neuesten Arthousefilme für ein bildungsbürgerliches Publikum laufen, sondern auch Klassiker und Retrospektiven. Die meisten Kinogänger unter 25 dürften heute gar nicht mehr wissen, wer Bergman war oder Truffaut. Und de Niro kennen sie vermutlich auch nur noch aus "Meine Braut, meine Schwiegereltern und die Katze meiner Mutter".
Auch Wenders und Herzog haben versucht, Genrefilme zu machen, Krimis, Thriller, Horrorfilme. Wenders träumte vermutlich den größten Teil seines Lebens seinen amerikanischen Traum und dieser Tatsache verdanken wir einige seiner besten Filme: "Der amerikanische Freund" mit "Easy Rider" Dennis Hopper oder auch "Million Dollar Hotel". Dominik Graf, einer der am meisten unterschätzten deutschen Filmemacher der Gegenwart, schwärmte neulich in der "Zeit" von amerikanischen Regisseuren, die in den Siebzigern in Deutschland "Tatort"-Krimis inszenierten. Er selbst hat immer wieder Thriller gedreht, fürs Fernsehen wie fürs Kino. Aber er zeigt in diesen Genrefilmen auch immer wieder gesellschaftliche Realität, ganz klar verankert im Hier und Jetzt der deutschen Wirklichkeit.
Zurzeit räumt Fatih Akin auf internationalen Festivals und Preisverleihungen so ab wie kein deutscher Regisseur außer Faßbinder vor ihm. Er hat es weit gebracht, der etwas pummelige Abiturient aus Hamburg, der davon träumte, ein deutscher Scorsese zu werden.
Festival-Fieber in der Provinz
Zum ersten Mal gebe ich mir in diesem Jahr die volle Filmfestvaldröhnung. Seit drei Tagen verbringe ich jeden Abend im Mainzer Cinestar beim FILMZ-Festival des deutschen Kinos. Die drei Wettbewerbsbeiträge, die ich bisher gesehen habe, waren alle weit überdurchschnittlich. Am nachhaltigsten beeindruckt hat mich bislang "Sieben Tage Sonntag", ein Debütfilm nach einer wahren Begebenheit über zwei Jugendliche, die in einer Plattenbausiedlung leben und eines Tages aus ihrem grauen Alltag ausbrechen indem sie grundlos einen Menschen umbringen. Über die Filme werde ich die Tage noch mal ausführlicher schreiben.
Heute war Margarethe von Trotta im Rahmen der ihr gewidmeten Rückblende zu Gast. Sehr sympathisch die Frau, auch sehr interessant, was sie zu erzählen hatte. Auch dazu dann später mehr. Am Abend lief ihr "Rosa Luxemburg" von 1985 in einer Galavorstellung. Da fand ich leider, dass der Film nicht gut gealtert ist. Insbesondere im Vergleich zu den neuen Filmen junger deutscher Regisseure, die ich in den vergangenen Tagen sah, erinnert dieser doch stark an das behäbige, immer etwas anstrengende deutsche Kino der Siebziger. Irgendwie schafft der Film es nie so richtig, dass man mit seiner Titelheldin mitfühlt, obwohl das Potential dazu ja durchaus da ist. Barbara Sukowa wirkt auch so merkwürdig künstlich. Abgesehen davon war die Kopie lausig schlecht und sprang ständig, so dass man das Gefühl hatte, der Film sei nicht 22, sondern schon 40 Jahre alt. Danach war kaum noch Zeit zur Diskussion mit der Regisseurin, weil draußen schon wieder die Besucher der nächsten Vorstellung warteten. Das ist schon ein bisschen schade, wenn sich so eine rennomierte Filmemacherin extra für ein so kleines Festival auf den Weg von Paris nach Mainz macht und dann nicht einmal dazu kommt, alle Fragen der Zuschauer zu beantworten. Einer der schönsten Momente des Festivals, den ich mitbekommen habe, war aber, als nach der Vorführung der junge Regisseur von "Sieben Tage Sonntag" Frau von Trotta ansprach und ihr sagte, wie sehr ihr Film ihn begeistert hat. Im Gegensatz zu mir meinte er, dieser sei gar nicht gealtert, sondern wirke, als sei er erst gestern gedreht worden.
Das Cinestar geht mir nach drei Abenden doch gehörig auf den Geist. Da in den anderen 8 Sälen das normale Multiplex-Programm weiter läuft, muss man sich insbesondere jetzt am Wochenende immer seinen Weg durch Heerscharen von jugendlichen Prolls und aufgebretzelten Teeniebräuten bahnen. Die führen dann beim Weg ins Parkhaus so Gespräche wie "Ey Alter, das war voll der schlechteste Film, den ich je gesehen hab. Ich geh nie wieder ins Kino, ey." Ich vermute mal stark, dass die sich aber nicht den Trotta-Film angesehen haben, möchte mal wissen, was die dann gesagt hätten
. Andererseits ist es fast schon subversiv, wenn im Cinestar am Samstagabend "Rosa Luxemburg" läuft. Trotzdem fand ich's die letzten Jahre in den Mainzer Programmkinos netter.

