Samstag, Juni 07, 2008

Beamte am Rand der seelischen Apokalypse: "KDD - Kriminaldauerdienst"

"Keller füttert im Büro seine Fische, die Beamten des Kriminaldauerdienstes füttern die seelische Apokalypse"

(Lars Albaum heute in der SZ als Vergleich zwischen der 70er Jahre-ZDF-Serie "Der Kommissar" und "KDD" )

Es ist sehr lange her, dass ich mich das letzte Mal für eine deutsche TV-Serie begeistert habe. Klar, Sachen wie "Berlin Berlin" oder "Türkisch für Anfänger" sind/waren ganz nett, aber doch kein Vergleich zu guten US-Serien. Ausgerechnet das ZDF hat mich dann letztes Jahr mit seiner Krimiserie "KDD" überrascht, und das auch noch ausgerechnet am Freitagabend, dem traditionellen Sendetermin für behäbige Schnarchkrimiserien à la "Der Alte" und "Derrick". Seit einigen Wochen läuft die zweite Staffel. Ein SZ-Artikel zum Staffelstart bemängelte, das ZDF habe nach der ersten Staffel, deren Quoten wohl nicht ganz den Erwartungen entsprachen, der Mut verlassen. Die zweite sei deshalb geradliniger, auch konventioneller ausgefallen, die Charaktere nicht mehr so vielschichtig, die Handlungsstränge nicht mehr so komplex. Ich fürchtete schon das Schlimmste. Bisher kann ich aber nicht nachvollziehen, was der SZ-Autor da gesehen hat. Die Serie ist nach wie vor auf internationalem Niveau, die einzelnen Folgen sind vollgepackt mit immer neuen Haupt- und Nebenhandlungen und die Charaktere zerrissen und problembeladen wie eh und je. Zum Glück.

Die Helden der Serie sind sechs Beamte des Berliner Kriminaldauerdienstes, einer Dienststelle, die immer als erstes gerufen wird, wenn irgendwo der Verdacht eines Verbrechens besteht. Der Gruppenleiter hat den Tod seiner Tochter noch immer nicht überwunden und gibt sich mit einem fragwürdigen Informanten ab, ein anderer Beamter wird als Alkoholiker rückfällig und wird mitschuldig an einem verpatzten Einsatz mit Todesfolge, eine andere Kollegin geht freiwillig in die Psychiatrie, nachdem sie entführt und misshandelt wurde. Die Hauptfiguren sind also alles andere als strahlende Helden, vielmehr Gestrauchelte, die aber dennoch nie aufgeben, sich immer wieder aufraffen und ihre Arbeit tun, weil irgendwer sie ja tun muss.

Die Arbeit wiederum besteht aus Einblicken in die tiefsten Abgründe der deutschen Großstadtgesellschaft, von vernachlässigten Altenheimbewohnern bis zu Männern, die sich den Selbstmord ihrer depressiven Schwester herbeisehnen. Schnelle Lösungen gibt es nicht. Wird ein kleiner Verbrecher gefasst, warten schon wieder hundert andere. Wie gute US-Serien ist "KDD" ganz in der Gegenwart verankert, die Serie könnte so wohl nur in Berlin spielen und in keiner anderen deutschen Stadt. Einen die ganze Serie überspannenden Story Arc gibt es auch, darin geht es um einen korrupten Vize-Polizeipräsidenten, der als Innensenator kandidiert und vor keinem Mittel zurückschreckt, um dieses Ziel zu erreichen.

"KDD" hat alles, was eine gute Serie ausmacht: komplexe Storys, glaubhafte Charaktere, gute Schauspieler, eine schnelle Erzählweise, gute Kamera und Musik und etwas Sozialkritik. Einer der Serienerfinder war neulich bei 1live zu Gast und erzählte, dass er sich Serien wie ER zum Vorbild genommen hätte. Das merkt man der Serie auch an. Hier haben einige Leute versucht, endlich einmal eine zeitgemäße, eine moderne Krimiserie zu machen, die sich nicht vor internationalen Produktionen zu verstecken braucht. Die deutschen Zuschauer wissen das natürlich mal wieder nicht zu schätzen, während die Kritiker jubelten. Eine dritte Staffel hat das ZDF wohl dennoch schon in Auftrag gegeben. Und vielleicht bekommen ja auch die Zuschauer irgendwann mal mit, dass "Derrick" nicht der Höhepunkt des Fernsehkrimis ist.  

geschrieben von herrhase ( Medien ) :: Kommentare (0) :: Permalink :: Trackbacks (0)