Dienstag, Juni 10, 2008

Sex & Drugs & Schwermetall

In den 70ern und frühen 80ern war der Underground auch in der Verlagsszene noch richtig lebendig. Der in einer Kommune lebende Raymond Martin gründete den alternativen Volksverlag, der neben zahlreichen Undergroundcomics auch Bücher über Sex, Drogen und Esoterik herausbrachte. Ab 1980 veröffentlichte Martin dort regelmäßig die Comicmagazine U-Comix (einzelne Hefte hatte es bereits seit 1969 gegeben) und Schwermetall, die deutsche Ausgabe des legendären französischen Metal Hurlant. Mit dieser Zeitschrift hatten die Zeichner Moebius und Druillet einige Jahre zuvor den französischen Comic revolutioniert. Die ersten Jahrgänge von Schwermetall enthalten hauptsächlich Übernahmen aus dem Muttermagazin, darunter viele grandiose Frühwerke von Moebius, Bilal, Caza und anderen Science Fiction-Zeichnern, aber auch frühe Kurzgeschichten von Yves Chaland und Serge Clerc, die später als Vertreter der "Neuen Klaren Linie" bekannt wurden.

Daneben schrieb Martin wirre Vorworte, die hauptsächlich beinhalteten, man solle doch auch seine tollen Bücher kaufen, und noch plattere Werbetexte für eben diese Bücher aus seinem Volksverlag. Sich diese Anzeigenseiten heute anzugucken, ist wirklich ein Riesenspaß. In fast jedem Text weist Martin darauf hin, dass dieser Comic viele nackte Frauen enthalte, hart an der Grenze zur Jugendgefährdung sei und außerdem der beste Comic, den er zurzeit im Programm habe. Neben den Comicbüchern preist er auch Werke von Timothy Leary an, der uns erklärt, wie wir zu uns selbst finden und zu fremden Planeten fliegen können (alles mit Hilfe bewusstseinserweiternder Drogen natürlich, Zitat Werbetext: "Jeder der Drogen nehmen will, sollte erst dieses Buch lesen." ), anderen Esoterikschrott wie "Zen ohne Zenmeister" und "erotische" Bände. Er schreckte auch nicht davor zurück, zwei Bücher mit Amateurfotos von nackten Frauen zu veröffentlichen, die er selbst fotografiert hat. Der Hit ist aber sein Werbetext für einen dieser Bände:

"In seinem zweiten Fotobuch hat der Verleger, Herausgeber und Hobby-Fotograf wieder einige der schönsten Fotos von Amateur-Modellen aus seinem Freundeskreis und seiner Familie veröffentlicht. Wie eben auch die Erotik im Leben des hedonistischen Lebenskünstlers eine große Rolle spielt, so nimmt dieser Bereich auch in dem Buch einen großen Raum ein..."

So ein Ego muss man erst mal haben, um so was schreiben zu können. Ich stell mir vor, wie er da seine Tanten und Kusinen fotografiert hat ;-). 1985 musste Martins Verlag Insolvenz anmelden. Schwermetall wurde von der Druckerei übernommen, Martin kurz darauf vor die Tür gesetzt. Unter neuer Chefredaktion erschien das Magazin bis 1999 weiter. Dann musste der neue Verlag es einstellen, weil es immer wieder Ärger mit übereifrigen Staatsanwälten gegeben hatte, die die immer wieder enthaltenen Sexcomics für jugendgefährdend hielten. Der Verlag ging nach diversen langwierigen Gerichtsverfahren dann auch pleite.

Wegen der Sexcomics und vor allem auch wegen der freizügigen Titelbilder war Schwermetall auch bei Comiclesern immer umstritten. Dabei wurde oft übersehen, dass diese Inhalte nur einen recht kleinen Teil ausmachten und es auch immer viele sehr gute Comics von vielen der ganz großen Zeichner und Autoren gab. Wobei die Mischung aus plattem Trash, fantastisch gezeichneten Geschichten mit mieser Story und wirklich auch inhaltlich überzeugenden Comics oft sehr krude war. Heute vermisse ich ein Comicmagazin für Erwachsene, das es qualitativ mit Schwermetall aufnehmen könnte. Die amerikanische Version Heavy Metal erscheint übrigens nach wie vor, hat inhaltlich aber stark nachgelassen.

geschrieben von herrhase ( Medien ) :: Kommentare (1) :: Permalink :: Trackbacks (0)

U-Boote und LSD

Passend zur EM, aber vollkommen fußballfrei beschäftigt sich die neue DUMMY-Ausgabe mit der Schweiz und den Schweizern. Das reicht von dem Erfinder, der mit seinem U-Boot so tief getaucht ist, wie kein Mensch vor oder nach ihm, bis zu Jean-Luc Godard. Diese beiden sind auch die schönsten Texte im Heft. Andere fand ich zwar von der Idee her gut, aber man hätte da mehr draus machen können, z.B. aus dem Besuch bei Borderline-Journalist Tom Kummer in L.A. oder der Hommage an LSD-Erfinder Albert Hofmann, für die der Fotograf auf LSD die Natur in Hofmanns Garten fotografiert hat. Respekt aber für Kummers Aussage, es gebe nun mal keine objektive Realität, ängstliche Journalistenschüler würden das nur nicht verstehen. Thema des nächsten Heftes ist übrigens "Neger", alleine dafür hätte DUMMY schon einen Preis verdient.
geschrieben von herrhase ( Journalismus ) :: Kommentare (0) :: Permalink :: Trackbacks (0)