Freitag, Juni 13, 2008

Noch eine, die es nicht verstanden hat

... ist die Chefredakteurin der Westfälischen Rundschau, Katrin Lenzer, die am Mittwoch im "1live-Talk" zu Gast war. Was sie da über die Strategie ihrer Zeitung und die Zukunft der Zeitung im Internet-Zeitalter erzählte, war so voll der üblichen Floskeln, dass ich es fast nicht fassen konnte. Das Wichtigste bei der Zeitung sei natürlich der lokale Bezug, man müsse nur regional kleinteilig genug berichten, dann würden sich schon alle Bürger vom Studenten bis zur Oma in den Artikeln wiederfinden. Was sie dann an Belanglosigkeiten als Beispiele für gelungene Themen nannte, war unglaublich. Ich weiß nicht, ob Studenten sich für Obdachlose, die in Küchenschränken von anderen Leuten leben, interessieren. Wo da die Relevanz liegen soll, verstehe ich jedenfalls nicht. Ich glaube auch nicht, dass Studenten, die ja oft gar nicht aus den Orten kommen, in denen sie während des Studiums wohnen, sich besonders für lokale Ereignisse interessieren. Für örtliche Vereine, Feste und Schulen interessiert man sich allerhöchstens, wenn man seit Jahrzehnten am gleichen Ort wohnt und da sozial verwurzelt ist, also z.B. Familie hat. Die meisten Studenten und andere gebildete jüngere Leute scheinen mir eher an Themen interessiert zu sein, die in München die gleichen sind wie in Hamburg, ob das nun Globalisierung und Klimaschutz sind oder irgendwelche Lifestylethemen oder Computerspiele.

Danach kam das Loblied auf die Zeitung, die doch unersetzlich sei. Schließlich sei sie das einzige Medium, in dem man nicht nur das fände, was man sucht, sondern auch auf Dinge stoße, die man gar nicht gesucht hätte. Hallo, das leistet inzwischen jedes Online-Portal auch und wie oft bin ich beim Surfen schon auf eine interessante Seite gestoßen, obwohl ich etwas ganz anderes gesucht hatte? 

Die einzige Chance des Mediums Zeitung ist mMn, selbst Themen zu setzen statt ihnen hinterherzulaufen, lange Hintergrundartikel statt oberflächlicher Nachrichten anzubieten. Mit dem üblichen lokalen Terminjournalismus wird man jedenfalls keine jungen Leser gewinnen. Deren soziale Zusammenhänge sind nämlich zu einem großen Teil längst Online-Plattformen und nicht mehr Stadtteile und ihre Peer-Groups sind deutschland-, wenn nicht weltweit verstreut, statt in der Nachbarschaft beheimatet. Aber für die Regionalzeitungen gilt immer noch: Interessant ist vor allem, was vor der eigenen Haustür passiert. Auch wenn man wegen des Jobs alle zwei Jahre umzieht. Das Bild vom Leser entspricht dabei der bewegungseingeschränkten Rentnerin, die eh kaum noch vor die Tür kommt und deshalb lesen will, was beim Fest der Freiwilligen Feuerwehr um die Ecke passiert ist.

geschrieben von herrhase ( Journalismus ) :: Kommentare (0) :: Permalink :: Trackbacks (0)