Donnerstag, Juli 31, 2008

Es ist amtlich: "Humanglobaler Zufall" bleibt nur eine Episode

Der "journalist" hat schon erfahren, dass der Axel Springer-Verlag die Zeitschrift nach den geplanten vier Ausgaben einstellen wird. Wirtschaftlich gebe es zurzeit einfach keine Basis für ein so ambitioniertes Projekt, so ein Springer-Sprecher. "Global Editor" Buchmann wird danach wahrscheinlich keine Probleme haben, eine interessante Redakteursstelle zu bekommen; dass er ein Jahr Chefredakteur seiner von ihm selbst erfundenen Zeitschrift mit einer Auflage von 100.000 Stück und gewaltigem Medienecho war, wird sicherlich Qualifikation genug sein. Und Springer wird sich wieder auf sein Kerngeschäft, die systematische Volksverdummung, beschränken können. Mich würde allerdings doch mal interessieren, wie sich ein mindestens ebenso ambitioniertes Zeitschriftenprojekt wie DUMMY seit fünf Jahren am Markt halten kann, und das ohne die Vertriebs- und Marketingpower eines Großverlages.
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Herr Hase liest: Greil Marcus: "Lipstick Traces", S. 7-28 u. 157-179

Langsam komme ich zu dem Urteil, dass der bekannte amerikanische Popkritiker Greil Marcus einfach nicht schreiben kann. Vor etwa zehn Jahren habe ich mal sein Buch "Mystery Train" über klassische amerikanische Popmusik gelesen, das mir damals ziemlich gut gefallen hat. Neulich habe ich dann sein Buch über Bob Dylans "Like a Rolling Stone" gelesen, bei dem ich mich schon gefragt habe, was er mir damit eigentlich sagen wollte. Wenn man schon ein ganzes Buch über einen einzigen Popsong schreibt, sollte der Leser nach der Lektüre wenigstens wissen, um was es in diesem Song eigentlich geht bzw. was an diesem Song denn nun so Besonderes ist.

Heute habe ich also angefangen, in seinem "Opus Magnum" zu lesen, dem 1989er "Lipstick Traces", Untertitel der ersten deutschen Ausgabe von 1992: "Von Dada bis Punk - Kulturelle Avantgarden und ihre Wege aus dem 20. Jahrhundert". Darin versucht Marcus, eine Verbindung herzustellen zwischen den Dadaisten der 20er Jahre, der Situationistischen Internationale der 50er und 60er Jahre und dem Punk der späten 70er, hauptsächlich den Sex Pistols. Die Punkbands hätten nämlich den Geist der in Vergessenheit geratenen künstlerisch-politischen Bewegungen früherer Jahrzehnte aufgegriffen. Eine ebenso gewagte wie interessante These. Leider kann ich dem Autor nicht besonders gut folgen. Schon im Prolog türmt er wahre Wortkaskaden auf, so dass man am Ende des Satzes nicht mehr weiß, wie dieser angefangen hat. Als Leser erfährt man nur, dass das Auftauchen der Sex Pistols einen gewaltigen Eindruck hinterlassen hat, dass es so etwas wie diese nie vorher in der Rockgeschichte gegeben hat. Danach stellt Marcus in ebenso schwammigen Worten seine Hypothese auf. Es folgen gut 120 Seiten über die Sex Pistols und den Punk, die ich erst einmal überschlagen habe, weil mich der zweite Abschnitt mehr interessiert.

Da geht es zunächst einmal um die S.I. und deren Vorläufer, die L.I. (Lettristische Internationale). Was diese beiden Gruppen nun genau wollten, habe ich nach den 20 Seiten immer noch nicht verstanden, sondern musste erst einmal im entsprechenden Wikipedia-Artikel nachschauen. Marcus reiht hier hauptsächlich mehr oder weniger unverständliche Zitate der Aktivisten selbst aneinander, ohne diese wirklich zu erklären oder einzuordnen. Das Kapitel liest sich so, als wäre das Hauptziel (und die Hauptbeschäftigung) der S.I.-Mitglieder gewesen, den ganzen Tag durch die Straßen zu laufen, auf der Suche nach irgendwelchen Spuren der Vergangenheit. Dadurch, dass sie sich der Arbeit und jeder anderen sinnvollen Beschäftigung verweigerten, versetzten sie sich in eine Art Rauschzustand. Wie das funktionieren soll, würde ich mal gerne wissen. Das wäre ja eine relativ kostengünstige und einfache Art, einen Rausch zu bekommen. Wenn ich den Wikipedia-Artikel so lese, verstehe ich, dass es den Situationisten noch um viel mehr und durchaus politischere Ziele ging. Statt dass Marcus nun tiefer darauf einginge, springt er im folgenden Kapitel erst einmal 30 Jahre zurück, zu den Dadaisten. Erst vier Kapitel später kehrt er dann anscheinend wieder zur Geschichte der Situationisten zurück. So etwas erleichtert natürlich auch nicht gerade das Verstehen eines ohnehin schon sehr komplexen und anspruchsvollen Themas.

Wird fortgesetzt.   

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Dienstag, Juli 29, 2008

Vielleicht hätte ich doch beim SCOOP-Wettbewerb mitmachen sollen

... wenn ich denn dann nicht erst von ihm erfahren hätte, als er schon vorbei war. Es reichte da nämlich tatsächlich, seine Zeitschriftenidee auf einer DIN A4-Seite zu beschreiben. Und damit konnte man dann 500.000 Euro für die Umsetzung der Idee gewinnen - plus die geballte Vertriebs- und Marketingpower von Axel Springer. Also, dafür wäre man doch gerne mit dem Feind ins Bett gestiegen ;-).

Der "Humanglobale Zufall", das Konzept, das den Preis gewonnen hat, liegt ja dann auch an jedem besseren Kiosk rum. Ob das da auch jemand kauft, ist dann wieder eine ganz andere Frage, aber Springer kann es sich halt leisten, auch mal ein bisschen Geld für den Pressegrosso-Vertrieb zu verbrennen. Für Springer ist das ganze Projekt natürlich eher ein prestigeträchtiges Feigenblatt, genau so wie "Der Freund", eine Zeitschrift, die jeder Medienschaffende gut fand, obwohl sie wahrscheinlich kaum einer wirklich gelesen hat. Für eine DIN A4-Seite würd meine Idee auch reichen. Axel, bitte starte eine zweite Runde!!!

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Layoutkritik

Jetzt weiß ich auch endlich, was mir am Layout von Neon nicht gefällt. Es sind nicht die großen Weißflächen oder die sonstige Schlichtheit, die findet man nämlich auch sonst fast überall, das scheint so der neueste Trend im Zeitschriftendesign zu sein. (Letztes Jahr ist mir mal aufgefallen, dass Neon und die Zeitschrift der Evangelischen Kirche, Chrismon, ein sehr ähnliches Layout haben. Das von Chrismon gefällt mir aber besser.) Aber Neon hat noch nicht mal Textumfluss. Es gibt im kompletten Heft keine Seite, wo der Fließtext um ein Foto oder einen Quote (das sind diese groß gedruckten Zitate, die den Fließtext auflockern sollen) herumfließt, wie es eigentlich doch in jeder anderen Zeitschrift oder Zeitung üblich ist. Überhaupt ist meistens das Foto auf einer Seite und der Text auf der Seite daneben. Wenn mal ein oder zwei Fotos auf der Seite sind, auf der auch der Fließtext steht, dann sind diese Fotos nicht breiter als eine Textspalte. Bei den Quotes ist es genau so. Also, tut mir Leid, das sieht nun wirklich sehr langweilig aus. Noch schlimmer ist wohl nur noch Brand eins. Wer diese seitenlangen Artikel ohne jedes Foto lesen soll, und wie das dann noch als Beispiel für gelungenes Zeitschriftenlayout durchgehen kann, ist mir wirklich rätselhaft.
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Generation Umhängetasche

"Sie sind 34, tragen Drei-Tage-Bart am ganzen Kopf, ein verwaschenes American-Apparel-Sweat-Shirt, Acne-Jeans, eine Sonnenbrille, die größere Gläser hat, als Jaqueline Kennedy-Onassis sich jemals hätte vorstellen können - und morgens nach dem Aufstehen tut ihnen der Rücken weh? Mir geht es ähnlich."

Aus dem Buch "Wenn ich mal groß bin - Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche"  von Martin Reichert, das Jens-Christian Rabe in der SZ vom Samstag ganz schön auseinandergenommen hat. Vermutlich zu Recht, klingt die Inhaltsangabe dieses Buches doch eher nach 200 Seiten Selbsthass, den der Autor auf seine Altersgenossen projiziert hat. Das Schlagwort von der Generation Umhängetasche hat inzwischen ja frühere Generationenbeschreibungen wie Generation X oder Generation Golf abgelöst. Wobei wahrscheinlich die Generation X von damals (späte 80er/frühe 90er) mittlerweile zur Generation Umhängetasche geworden ist, also das sind wahrscheinlich dieselben Leute, die halt nur älter geworden sind. Ein Pseudonym wäre Generation Neon, nach dem Zentralorgan der Menschen, die (angeblich) nicht erwachsen werden wollen. Zitat Martin Reichert:

"Sagen Sie nun bitte laut ,Nein zu Neon’ und überlassen Sie diese Lektüre jüngeren Kohorten & Konsorten. Die Zeitschrift entfernen Sie nun bitte aus Ihrer Tasche. Lesen Sie stattdessen mal Le Monde Diplomatique oder Eltern heute. Reihen Sie sich doch einfach mal in die Zielgruppe ein, zu der Sie tatsächlich gehören."

Aber ist nicht die Neon-Zielgruppe genau die, der Reichert sagt, dass sie für diese Lektüre längst zu alt ist? Also die Twenty- und Thirtysomethings, die noch keine Familie gegründet und immer noch keine Festanstellung ergattert haben? 

Persönlich kann ich mit diesen Generationen-Zuschreibungen wenig anfangen. Weder haben meine Eltern oder ich selbst jemals einen Golf gefahren, noch hatte ich jemals so eine Umhängetasche. (Aber ich wohne ja auch nicht in Berlin-Mitte.) Ich habe noch nicht einmal einen Laptop, mit dem ich wichtigtuerisch in Straßencafés rumsitzen und mich als Teil der digitalen Boheme fühlen könnte. Die Neon lese ich sehr sporadisch und schwanke immer noch zwischen Respekt für ein meist gut gemachtes journalistisches Produkt und Widerwillen, weil mir vieles dann doch zu belanglos ist und man bei manchen Artikeln hinterher das Gefühl hat, genau so schlau zu sein wie vorher. Die Generation @ ist wahrscheinlich eher die, die nach mir kommt, obwohl ich auch mit Computern aufgewachsen bin (C64! Der hatte allerdings noch kein Internet und ich hatte ja leider auch kein Btx, obwohl ich kurz davor war, meine Eltern zu überreden, einen Vertrag abzuschließen. Dann hätte ich wirklich behaupten können, ich wäre ein early adopter gewesen.). Zumindest war unsere Generation vermutlich die erste, für die der Umgang mit dem Internet ganz normal ist, obwohl ich vor solchen Phänomenen wie Second Life oder StudiVZ ganz ratlos stehe; das ist dann einfach nicht mehr meine Welt, sondern überlasse ich gerne den jüngeren Leuten.

Tja, wie würde ich denn meine Generation beschreiben, wenn ich müsste? Generation Yps gefällt mir ganz gut; ich weiß allerdings nicht so wirklich, wofür das abgesehen vom Alter inhaltlich stehen soll.

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Sonntag, Juli 27, 2008

Plädoyer für Borderline-Journalismus

Bevor Olsen auch noch fragt, was denn der Sinn davon sein soll: Hier könnt ihr lesen, was der Meister selbst dazu sagt.
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Freitag, Juli 25, 2008

Versuch in Borderline-Journalismus

Der letzte Sprung 

Amsterdam ist bekannt für seine liberale Drogenpolitik, Millionen von ausländischen Touristen kommen deshalb jedes Jahr hierher. Doch es gibt in der holländischen Metropole nicht nur harmlose Coffeeshops. Die Todesfälle nach dem Konsum von "Magic Mushrooms", halluzinogenen Pilzen, häufen sich. Aber wie gefährlich sind sie wirklich? Unser Reporter machte den Selbstversuch.

Ich treffe Henk im schwimmenden Coffeeshop an der Oude Schans. Von den umliegenden Hausbooten unterscheidet sich der „Goude Leeuw“ nur durch seine rot blinkende Leuchtreklame und die grüne Lichterkette, die um die Eingangstür gespannt ist. „Wat sukst du?“, fragt mich Henk in einer Mischung aus deutsch und holländisch. „Ich habe gehört, du verkaufst Magic Mushrooms“, flüstere ich ihm zu. „Reiken dir die Trips von die Schwarze Afghane nikt mehr?“, will Henk mit süffisantem Lächeln wissen. „Ach, weißt, du“, antworte ich seufzend, „mit Mariuhana ist es so, wenn du einen Trip kennst, kennst du alle.“ „Na, denn komm morgen zu meine Boot, dann wirst du fliegen lernen.“ Komisch, denke ich, das haben die Huren am Nieuwmarkt auch immer gesagt. Und dann hat es doch nie gestimmt.

„Früher fand ich Highsein das Beste überhaupt“, sagt Marijke und umklammert mit beiden Händen die vor ihr stehende Tasse Koffie verkeert. Es ist früher Nachmittag und die letzten Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster des „Blue Bird“. Draußen auf der St. Antoniesbreestraat ziehen Horden von Touristen vorbei, auf ihrem Weg vom Nieuwmarkt zum Waterlooplein. Marijke ist Anfang Dreißig, sieht aber aus wie Ende Vierzig. Ihr langes blondes Haar ist brüchig, tiefschwarze Ringe liegen unter ihren blauen Augen. Der jahrelange Drogenkonsum ist nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Marijke hat jede Art von Drogen ausprobiert, von Mariuhana bis Crack. Erst als ihre beste Freundin an einem lauen Sommerabend vor eineinhalb Jahren auf Pilzen aus dem Fenster ihrer Wohnung sprang, hörte Marijke von einem Tag auf den anderen damit auf. Die Wohnung ihrer Freundin lag im fünften Stock. Es sind Geschichten wie diese, die in den vergangenen Jahren immer häufiger in den Zeitungen zu lesen sind, die halluzinogene Pilze in Verruf gebracht haben. Und die dafür sorgen, dass auch niederländische Politiker verstärkt fordern, die liberalen Drogengesetze des Landes zu verschärfen.

Aber für Marijke ist dies kein Fallbeispiel. Es ist eine Erinnerung an den schwärzesten Tag in ihrem Leben. „Carina und ich, wir waren wie Schwestern“, sagt sie, und es hört sich an, als müsse sie jedes Wort unter Schmerzen ihrem Kehlkopf abringen, „das Leben war für uns ein Spaß, ein Jux.“ Morgens für zwei, drei Stunden an die Uni, wenn das Wetter nicht zu schön war, danach nach Hause, ein paar Pilze einwerfen, und dann abwarten, was der Tag noch bringen sollte. Die beiden Mädchen dachten, sie würden sich auskennen, keine Wirkung könne sie wirklich überraschen. Bis ein Straßenhändler in der Keizerstraat ihnen die Pilze aus Bolivien verkaufte – ein Geheimtipp, wie er versicherte. Marijke wird das Lächeln in seinem osteuropäischen Gesicht nie vergessen. Denn an diesem Tag sollte ihr Leben seine Unschuld verlieren. Heute will Marijke von Drogen nichts mehr wissen. Ihr Leben hat sie in den Dienst der Prävention gestellt. Manche ihrer Freunde von früher sagen boshaft, sie sei eine Eifererin geworden. Wie sie da schon vormittags auf dem Nieuwmarkt steht, oder in irgendeiner seiner zahlreichen Seitenstraßen, und Passanten warnt, nichts von Straßenhändlern zu kaufen und vor allem keine Pilze zu nehmen. Nur sonntags ist sie dort nicht zu finden. Da geht sie jede Woche auf den Friedhof im Jordaan. Dort liegt nicht nur ihre beste Freundin begraben, sondern auch ihre unbeschwerte Jugend.     

Als ich am nächsten Tag gegen Mittag ans Fenster von Henks Hausboot am Oosterdok klopfe, höre ich kurz darauf nur ein heiseres Husten. Ich klopfe noch einmal, diesmal heftiger. „Ja, goed, ik komm ja schon“, vernehme ich aus dem Inneren Henks müde Stimme. Zehn Minuten später sitzen wir in seinen abgewetzten roten Ledersesseln um einen kleinen runden Holztisch, trinken Wiener Melange aus löslichem Pulver, während Henk sein Sortiment vor mir ausbreitet. Pilze in allen Variationen. Er haut mir Namen um die Ohren, die ich noch nie gehört habe. „Für den Anfang empfehle ich dir ‚Saturn Delight’“, sagt er und schiebt mir ein abgefülltes Päckchen entgegen, „da wirst du dir fühlen wie auf Wolke seven.“ Seven spricht er „söwen“ aus wie ein Nordniederländer.

Um kurz nach vier wird es vor meinem Hotelzimmerfenster dunkel. Ein dünner Nieselregen setzt ein. Zeit für meinen Selbstversuch. Eine dreiviertel Stunde später liege ich ausgestreckt auf meinem schäbigen Bett. Das heißt mein Körper liegt dort, mein Geist schwebt ungefähr zwei Meter höher. An der Zimmerdecke. Die Leuchtreklame des kleinen Hotels, die die letzten Tage immer nur rot durchs Fenster ins Zimmer schien, nimmt merkwürdige Formen an. Ihre Farbe changiert erst vom gewohnten wohlig-nuttigen Rot in ein schrilles Pink, dann in ein sattes Orange, um schließlich wieder rot zu werden. Aber diesmal ganz und gar nicht wohlig, sondern tomatensaftrot, blutorangenrot, blutrot. Vor meinem inneren Auge bohren sich strahlend weiße Frauenzähne in meinen nackten Hals. Blut spritzt aus der Bisswunde, reines, unschuldiges Blut. Nach einiger Zeit, von der ich nicht sagen könnte, ob es sich um zehn Sekunden oder zehn Stunden handelte, wird mein Mund unglaublich trocken. Gerne würde ich jetzt einen Schluck aus der Wasserflasche trinken, die einen halben Meter entfernt auf meinem Nachtschränkchen steht. Aber für mich ist das momentan eine unüberwindbare Entfernung. Denn ich kann meine Arme nicht ausstrecken, sie sind so schwer, als hätte man sie in Beton gegossen. Wie die Füße von Verrätern in amerikanischen Mafiafilmen.

Ich bin nicht aus dem Fenster meines Hotelzimmers gesprungen. Aber ich laufe wie ein Zombie durch Amsterdam, nachdem ich die ganze Nacht kein Auge zugetan habe. Es ist neun Uhr morgens, als ich mich auf den Weg zum Bahnhof mache. Ich muss auch am Nieuwmarkt vorbei, wo schon wieder die ersten Touristen auf den Beinen sind, auf der Suche nach dem Kick der liberalen Weltstadt. An der Ecke zur Keizerstraat steht ein mittelgroßer Mann mit Schlapphut und Dreitagebart. „Psst, psst“, wispert er den Amerikanern und Japanern zu, die mit ihren Rucksäcken an ihm vorbeilaufen. Er sieht irgendwie osteuropäisch aus.

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Meine Parkbankexistenz

Komisch: Immer, wenn ich in Düsseldorf wohne, führe ich so eine Parkbankexistenz, immer wenn ich einige Jahre woanders wohne, nicht. Liegt das daran, dass D'dorf so schöne Parks hat oder daran, dass ich immer, wenn ich in D'dorf wohne, gerade Student oder arbeitslos bin? Aber Student war ich auch, als ich in anderen Städten gewohnt habe, und arbeitslos oder Student war ich nicht immer, wenn ich in D'dorf gewohnt habe.

Früher fand ich es irgendwie cool, immer in demselben Park rumzusitzen, in dem auch Oskar Matzerath auf Parkbänken rumsaß und die Düsseldorfer Kunstakademie betrachtete, dem Hofgarten, der nur acht Fußminuten von meiner ersten eigenen Wohnung entfernt war. Durch den musste ich auch immer durch, wenn ich zur Arbeit ging. Das war der kürzeste und schnellste Weg, denn mit der U-Bahn hätte ich mehrmals umsteigen müssen. Mein Arbeitsplatz, das alte Arbeitsamt, war übrigens direkt neben der Kunstakademie, ein Fakt, der auch in der "Blechtrommel" Erwähnung findet. Nur als Aktmodell von Kunststudenten entdeckt worden wie Oskar Matzerath bin ich dann nicht. 

Seitdem ich wieder hier wohne, liege oder sitze ich wieder ständig im Volksgarten rum, wie ich das auch schon gemacht habe, als ich das letzte Mal vier Jahre in D'dorf wohnte. Da ich ein Gewohnheitsmensch bin, habe ich nicht nur diese alte Gewohnheit wieder aufgenommen, sondern liege meistens auch wieder auf der gleichen Wiese rum wie vor drei Jahren. Ich habe eh nicht das Gefühl, dass sich in den letzten drei Jahren irgendetwas in meinem Leben geändert hätte. Es ist, als hätte jemand die Uhr einfach drei Jahre zurück gedreht. Nur die grauen Haare sind etwas zahlreicher geworden und die Hoffnungen sind noch weiter geschwunden.  

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"Wenn es eine Hölle gibt, so ist hier das Modell."

Thomas Bernhard hat seine Heimatstadt Salzburg wirklich gehasst.

"Aus der geographischen Lage erklärt sich das Klima dieser Stadt und aus diesem Klima der in allen Fällen niedrige Charakter ihrer Einwohner: immer haben sie Angst vor der Entdeckung von Lebewesen, die weiter entwickelt sind als sie." 

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Donnerstag, Juli 24, 2008

Borderline-Journalismus: Schon wieder drauf rein gefallen

DUMMY porträtierte im aktuellen Schweiz-Heft Borderline-Journalist Tom Kummer. Wie Herausgeber Oliver Gehrs jetzt in seinem Blog bekannt gibt, ist das Porträt rein erfunden.
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Dienstag, Juli 22, 2008

Prägende Kindheitserinnerungen oder Noch eine vergessene Lieblingsserie

Ihr habt es wahrscheinlich schon nach dem letzten Eintrag geahnt: Ich habe noch eine alte TV-Erinnerung aufgefrischt. "Die Fraggles" aka "Fraggle Rock" gibt's jetzt endlich auch auf Deutsch als DVD, allerdings zu einem mMn unverschämten Preis. Hab die Box gestern für 30 Euro gesehen, für 12 Folgen (plus die gleichen Folgen nochmal in der US-Version, die sich teilweise unterscheidet, weil da ähnlich wie bei der Sesamstraße die Szenen mit den Menschen für die deutsche Version neu gedreht wurden), kaufen werd ich sie mir zu dem Preis nur, wenn ich im Lotto gewinne. Die Show funktioniert aber noch erstaunlich gut. Das ist ja eh das Tolle an Jim Henson, dass seine Kindersendungen für alle Altersgruppen sehenswert sind, also dass man als Erwachsener noch genau so viel Spaß an ihnen hat wie als Kind, wenn auch auf einer anderen Ebene. Natürlich kommt da auch die Nostalgie dazu. Heute weiß wahrscheinlich kein Kind mehr, wer die Fraggles eigentlich sind, da sie, so weit ich weiß, nie im Free-TV wiederholt wurden.

Die Serie ist anarchistisch, witzig, niedlich und trotz aller Ausgeflipptheit gibt es natürlich auch immer eine Moral, die allerdings nicht mit dem Holzhammer serviert wird. Erstaunlich ist, dass ich die Titelmelodie sofort wieder im Ohr hatte (inklusive einiger Textfetzen), obwohl ich die Serie seit knapp 25 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Das nennt man wohl prägend. Woran ich mich nicht mehr erinnern konnte, ist, dass in dieser Show auch sonst viel gesungen wird. Sonst stört mich das bei Kinderfilmen immer, aber die Songs hier sind wirklich nett und swingen teilweise richtig. Und wenn dann die Allwissende Müllhalde beginnt zu singen, klingt das schon sehr stark nach Soulsängerin. Heute könnte man so was gar nicht mehr machen, weil man sofort den Rassismusvorwurf am Hals hätte. Ach, die gute alte Zeit... Übrigens, wer dachte, Kinderserien mit Baumeistern währen eine Erfindung dieses Jahrhunderts, sollte sich auch mal diese Serie ansehen. 

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Motto des Tages

Sing und schwing das Bein,
Laß die Sorgen Sorgen sein,
In das Lied stimm' ein,
So nach Fraggle-Art.

Hat's dir nicht gefall'n,
dann bohr' dir doch ein Loch ins Knie.
Denn manchen kann man's recht oft tun,
doch allen eben nie.
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Montag, Juli 21, 2008

Wem nutzt es?

Vielleicht bin ich ja einfach paranoid geworden. Manchmal frage ich mich, ob ich in einem Paralleluniversum lebe oder eine große Anzahl von anderen Menschen, die hauptsächlich Politiker oder Journalisten sind. Brand Eins z.B. gilt ja als irgendwie alternatives Wirtschaftsmagazin, wobei ich nicht genau weiß, wie die sich politisch selbst einordnen würden. Heute habe ich in einem Café in einer schon etwas älteren Ausgabe geblättert und stieß dabei auf sechs Porträts von Menschen mit interessanten Lebensläufen. Drei davon habe ich gelesen: Eine Jurastudentin, die von ihrem Lehrer motiviert wurde, Moderatorin werden zu wollen und schon als Schülerin beim Lokalfernsehen gearbeitet hat, danach ein tolles Praktikum an den nächsten Auslandsaufenthalt gereiht hat und anscheinend eine glänzende Zukunft vor sich hat, eine Deutschtürkin, die sich mit einem Pflegedienst für Migranten selbständig gemacht hat, in den ersten Jahren 180000 Mark Schulden angesammelt und darüber ihren Ehemann verloren hat, aber so lange durchgehalten hat, bis sich ihr Geschäft zu rentieren begann und ein 32-jähriger VWLer, der nach seinem Studium nur einen Job im Callcenter gefunden hat, den er inzwischen auch verloren hat, und der jetzt von Hartz IV lebt, dabei aber natürlich die Hoffnung nicht aufgegeben hat und sich auch vorstellen könnte, als Gärtner zu arbeiten, Hecken zu schneiden und den Rasen zu mähen.

Was um alles in der Welt wollen mir diese Artikel sagen? Beim ersten Fall würde ich sagen, super, das Mädchen hatte Glück, aber so was passiert vielleicht einmal bei hundert jungen Leuten. Der Artikel macht uns aber glauben, wir bräuchten nur die richtige Motivation und schon stünde einer steilen Medienkarriere nichts mehr im Weg. Beim zweiten Fall soll man wohl denken, es ist keine Schande, 180000 Mark Schulden zu machen und deshalb seine Ehe zu zerstören, wenn man nur lange genug durchhält, wird sich das schon auszahlen. Das werde ich dann bald meinem Bankberater erzählen, wenn ich ihn um einen Kredit in dieser Höhe bitte, um mich ohne jegliche Sicherheiten selbständig zu machen. Und der dritte Fall soll uns wohl sagen, es ist keine Schande, als Uniabsolvent in unterqualifizierten Jobs zu arbeiten, solange man den Mut nicht verliert. In ihrer Gesamtheit sind diese Artikel, obwohl als Einzelschicksale sicherlich interessant, einfach nur ärgerlich.

Was hier nämlich überhaupt nicht thematisiert wird, sind die gesellschaftlichen Ursachen. Es ist halt nicht in Ordnung, wenn ein hochqualifizierter Hochschulabsolvent dauerhaft keinen seiner Ausbildung entsprechenden Job bekommt, sondern die Wahl hat, entweder als Arbeiter zu jobben oder von staatlicher Unterstützung zu leben. Dann stimmt einfach mit dem Gesellschaftssystem was nicht, bzw. mit der Politik, die so was verursacht. Daran verschwendet der Autor aber keine Zeile bzw. keinen Gedanken, sondern will uns stattdessen verklickern, dass sich der Wert des Menschen ja nicht daran bemisst, ob er beruflich erfolgreich ist oder nicht. Was natürlich stimmt, aber wie gesagt, kann es ja nicht das Ziel der "sozialen" Marktwirtschaft sein, dass man Leuten erst sagt, erarbeitet euch eine möglichst hohe formale Bildung, und wenn ihr dann halt keinen adäquaten Job findet, könnt ihr ja immer noch den Rasen mähen oder von 600 Euro Stütze leben, Hauptsache, ihr fühlt euch wohl in eurer Haut. In Verbindung mit den anderen Portäts, die auch auf so eine neoliberale "Nimm dein Schicksal selbst in die Hand"-Ideologie hinauslaufen, ist das einfach eine Unverschämtheit.

Einen guten Artikel habe ich in dem Heft dann auch noch gefunden. Vielleicht ist das also die Lösung für alle Probleme: Ich leih mir 5000 Euro und gründe eine Plattenfirma mit obskuren Künstlern, die sich nicht mal selbst die Schnürsenkel binden können. 

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Sonntag, Juli 20, 2008

Einige Gedanken zu Claude Sautet und dem französischen Kino

Einen sehr schönen Artikel über Claude Sautet findet ihr hier. Der Inhaber dieser Seite scheint auch sonst interessante kulturelle Vorlieben zu haben, er outet sich nämlich auch noch als Blumfeld-Fan.

Ich kenne von Sautet nicht besonders viel, "Der Panther wird gejagt" fand ich zwar interessant, aber etwas langatmig, "Cesar und Rosalie" fand ich jetzt auch nicht so den Hammer. Ein ziemlich interessanter Film ist hingegen "Ein Herz im Winter", sein vorletzter Film. Es geht um zwei Geigenbauer, die zusammen eine Werkstatt betreiben. Der eine, Daniel Auteuil, bringt die neue Freundin des anderen, Emanuelle Beart, dazu, sich in ihn zu verlieben, nur um ihr dann mitzuteilen, dass er nichts für sie empfindet. Er scheint überhaupt nichts zu empfinden, ihm scheint irgendetwas zu fehlen, dass es ihm erlauben würde, Gefühle für andere Menschen zu entwickeln. Der ganze Fim ist sehr elegisch, auch sehr verstörend, aber es gibt einige wunderbare Szenen, wie sie nur das französische Kino hervorbringen kann, Szenen im Auto und im Bistro. Ganz zum Schluss sitzt Auteuil alleine in einem solchen Bistro, nachdem er die Frau, der er einen Korb gegeben hat, wieder getroffen hat, und wie er da so sitzt und vor sich hin schaut, weiß man nicht, ob ihm nach dem Verlust klar geworden ist, dass er doch etwas für sie empfindet, oder ob er einfach nur irgendwelchen belanglosen Gedanken nachhängt. 

Was mich am französischen Kino auch immer wieder erstaunt, ist, wie wenige gute Schauspieler es dort doch eigentlich zu geben scheint. Es sind immer dieselben Gesichter, die bei den großen französischen Regisseuren auftauchen, ob bei Sautet, bei Chabrol, bei Godard. Belmondo, Piccoli, Ventura, Montand, Noiret, später Depardieu und Auteuil bei den Männern, Moreau, Deneuve, Bardot, später Beart, Bonnaire, Binoche, Huppert bei den Frauen; das war's schon fast. Oft tauchen die dann über Jahrzehnte immer wieder bei allen bekannteren Filmen auf. Claude Brasseur z.B. spielt in Godards "Außenseiterbande", bei Sautet, und in den 80ern dann auch noch in "La Boum". Phillipe Noiret spielt in den 60ern bei Louis Malle und in den 80ern dann in "Cinema paradiso", hupps, das ist ja ein italienischer Film. Im US-Kino gibt es da doch eine wesentlich größere Variabilität, scheint mir. Und in Deutschland? Gut, da gibt's auch Leute wie Götz George, die in den 50ern in Karl May-Filmen spielten, in den 80ern bei Dominik Graf und in den 90ern den "Totmacher", aber der ist doch eher eine Ausnahme.    

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Zwischen Leben und Tod: Claude Sautets "Die Dinge des Lebens"

Ein Mann (Michel Piccoli) hat seine Frau wegen einer Anderen verlassen, trauert aber, obwohl er diese liebt, noch immer den verlorenen Dingen nach: dem Boot, den Ferien mit Ehefrau und Sohn auf einer Insel vor der Küste, den gemeinsamen Erinnerungen. "Ich kann dir diese Erinnerungen nicht geben", sagt seine neue Freundin (Romy Schneider) im Streit zu ihm, "wir haben keine gemeinsamen Erinnerungen." Der Mann, aufgebracht durch die ewigen Vorhaltungen seiner Freundin, beschließt noch in der Nacht mit dem Auto in die Stadt zu fahren, in der er am nächsten Tag beruflich sein muss. Während der Fahrt reift in ihm der Entschluss, mit Helene, der Freundin, Schluss zu machen. Am nächsten Tag schreibt er ihr einen Abschiedsbrief, entscheidet sich aber spontan anders. Ihm wird nun klar, dass er Helene liebt, und entschließt sich, sie zu heiraten. Aber bei der Weiterfahrt hat er einen schweren Unfall mit seinem Auto und landet bewusstlos im Straßengraben. Während die Ärzte versuchen, sein Leben zu retten, ziehen an seinem inneren Auge die Momente vorbei, die ihm wichtig waren, die "Dinge des Lebens", und vermischen sich mit Traumvorstellungen.

Die erste Zusammenarbeit von Claude Sautet mit Romy Schneider gilt gemeinhin als sein bester Film. Nach denen, die ich bis jetzt gesehen habe, würde ich sagen: zu Recht. Ganz unprätentiös erzählt Sautet seine sehr einfache, sehr alltägliche Geschichte. Dabei weiß der Zuschauer von Anfang an, dass diese ein böses Ende nehmen wird, denn der Film beginnt mit einer Szene nach dem Autounfall: Die Beteilligten stehen mit einigen Schaulustigen am Unfallort und unterhalten sich über den Hergang. Danach zeigt uns Sautet einzelne Bilder des Unfalls, aber rückwärts und nur bruchstückhaft. Während der Anfangstitel sehen wir rückwärts die Bilder der Fahrt, die Piccoli aus dem Fenster seines Wagens gesehen hat. Erst viel später werden wir den kompletten Unfall sehen, einmal in Zeitlupe und dann noch einmal in Echtzeit. Wenige Sekunden, die alles verändern. Mit diesem geschickten Einsatz der Unfallszenen erinnert uns Sautet daran, wie schnell alles vorbei sein kann: ein einziger unachtsamer Augenblick, ein abgesoffener Motor, wenige Zentimeter, die fehlen, den mitten auf der Straße liegen gebliebenen Wagen doch noch unbeschadet zu umfahren.

Auch wenn Romy Schneider in diesem Film sehr gut ist als Frau zwischen Entschlossenheit und Unsicherheit, so ist der eigentliche Star des Films doch ganz klar Michel Piccoli. Er ist es, aus dessen Sicht wir die Beziehungen zu den anderen Personen sehen, seine Gedanken sind es, die wir hören, wenn er zwischen Leben und Tod schwankt. Ganz banale Gedanken wie "Hoffentlich findet sie den Brief nicht" oder "Mein Anzug ist bestimmt hinüber". Wie gesagt, eine ganz einfache, ganz alltägliche Geschichte. So wie auch die Dinge, die das Leben lebenswert gemacht haben, am Ende ganz einfache Dinge gewesen sein werden. 

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Samstag, Juli 19, 2008

Man steckt nicht drinne

Von den zwei Artikeln, die ich in letzter Zeit für den epd geschrieben habe, hatte einer ein Thema, das ich für allgemein interessant und von großer sozialer Relevanz hielt, das andere war eher skurril, und ich dachte, dass es eigentlich nur mich selbst und vielleicht noch ein paar Leute, die sich für kulturelle Randerscheinungen begeistern, interessieren würde. Der Artikel zu dem zweiten Thema wurde von mindestens zwei Tageszeitungen abgedruckt, der zu dem ersten Thema, soweit ich das überblicken kann, von überhaupt niemandem, außer dass die Internetseite des Kölner Domradios ihn übernommen hat. Was kann man daraus jetzt für Schlüsse ziehen? Lieber keine sozial relevanten Themen mehr anbieten, weil die sowieso nur die Betroffenen interessieren? Mehr Mut zu Geek-Themen?

Im Comicforum hab ich mir neulich eine Diskussion mit einigen anderen Usern geliefert, warum es eigentlich in Deutschland kein Erwachsenen-Comicmagazin mehr gibt. Einhelliger Tenor war, das haben schon alle versucht und sind damit finanziell baden gegangen, der Printmarkt hat sich seit den 80ern so sehr verändert, dass heute einfach keine Nachfrage mehr da wäre, weil man sich via Internet viel billiger und einfacher unterhalten (lassen) kann. Mein Gegenargument war u.a., dass es doch für jedes noch so abseitige Hobby oder Interessensgebiet mindestens eine Special Interest-Zeitschrift in Deutschland gibt, meistens sogar mehrere. Es gibt ja nicht nur "Blinker - Europas größtes Anglermagazin", sondern auch noch spezialisierte Zeitschriften für Sportangler, für Hobbyangler, wahrscheinlich auch noch für Lachsfischer und Leute, die nur in Seen angeln. Ebenso gibt es Magazine für Snowboarder, für Speedboarder und für Inlineskater. Neulich habe ich in der Straßenbahn eine Teenagerin gesehen, die sich gerade eine iPod-Zeitschrift geholt hatte. Was um alles in der Welt steht da drin? Wo es die tollsten Klingeltöne gibt? Wie man eine externe Festplatte anschließt? Was die neuesten iPod-Modefarben der Saison sind?

Wenn junge Menschen Geld ausgeben, um Hintergrundinfos über solche Interessensgebiete zu lesen, wieso sollten dann ausgerechnet erwachsene Comicfans kein Geld für eine gut gemachte Zeitschrift ausgeben wollen, die noch dazu nicht nur Informationen, sondern auch und vor allem gute Comics enthalten soll, also Primärliteratur? (Es gibt ja immerhin auch einige gute Filmzeitschriften, obwohl diese keine Filme enthalten, sondern nur Informationen über Filme. Geld fürs Kino oder die DVDs muss der Leser dann immer noch ausgeben, wenn ihn ein Artikel auf einen Film neugierig gemacht hat.) Gegenargument wäre, dass es wesentlich mehr iPod-Besitzer gibt als erwachsene Comicfans. Das stimmt zwar; ich glaube aber kaum, dass mehr als ein kleiner Bruchteil der ersteren sich eine Zeitschrift zum Thema iPods kaufen würde. Genau so, wie nur die wenigsten Leute, die mehr oder weniger regelmäßig ins Programmkino gehen, um sich anspruchsvollere Filme anzusehen, epd Film, den Schnitt oder den Film-Dienst kaufen. Gut, das ist jetzt ein schlechtes Beispiel, weil diese drei Magazine alle subventioniert werden (von den beiden christlichen Kirchen bzw. von der Filmstiftung NRW). Aber kauft sich wirklich die Mehrheit der Angler den "Blinker" oder jeder, der gerne Fahrrad fährt, die "Bike" oder wie diese ganzen Radzeitschriften heißen? Und trotzdem können sich diese Titel finanzieren. Ich glaube immer noch, es liegt an den Konzepten, am Marketing und am Vertrieb, wenn anspruchsvollere Comicmagazine in der Vergangenheit gefloppt sind. Aber man steckt halt nicht drinne...

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Freitag, Juli 18, 2008

Made my day

Immerhin kann man Wolff eines zugute halten: Er flutet die Welt nicht mit Texten. Bei den Veröffentlichungen seines Instituts finde ich gar keinen Beitrag von ihm. Seine Forschungsarbeit behält er für sich. Ich schweige, also bin ich: Medienwissenchaftler in Deutschland.

Thomas Knüwer ist beim Lesen des "Wirtschaftsjournalisten" auf die blogfeindliche Einstellung meines ehemaligen Professors gestoßen. Der Beitrag trifft genau ins Schwarze. Bitte auch den Kommentar von Knüwer über das Telefonat mit Wolff lesen, das sagt eigentlich alles. 

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Zitat des Tages

Das Ziel, die Verwaltung effektiver zu machen, kann damit nicht erreicht werden. Im Juni 2006 stellte der Ombudsrat für das SGB II in seinem Abschlussbericht fest, dass das rechtliche Konstrukt „ARGE“ in seiner aktuellen Form nicht administrierbar sei.

Wikipedia über die ARGEN. 

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Donnerstag, Juli 17, 2008

Lang lebe Cicely!

Damit ich hier auch noch mal was Anderes schreibe als nur Hassartikel über die deutsche Bürokratie: Vor ein paar Tagen habe ich diese wirklich schöne Fanpage über eine der - zumindest hierzulande - am meisten unterschätzten Serien ever entdeckt: Ausgerechnet Alaska aka. Northern Exposure (wobei mir hier der deutsche Titel ausnahmsweise einmal besser gefällt als der Originaltitel). Die Macher dieser Seite haben sich echt Mühe gegeben, die Seite ist nicht nur sehr informativ, sondern auch sehr liebevoll gestaltet. Neben einem ausführlichen Episodenguide, einigen kompletten Drehbüchern und vielen weiteren Hintergrundinformationen, ist auch eine Aktion dokumentiert, mit der die deutschen TV-Anstalten dazu bewegt werden sollten, die Serie wieder in ihr Programm zu nehmen. Diese Aktion ist schon etwas älter, ich glaube von 2002. Tatsächlich wiederholt wurde die Serie dann Ende 2005 von einem Sender, den es zum Zeitpunkt der Aktion noch gar nicht gab, "Das Vierte" (oder muss man jetzt schreiben "das so genannte Vierte", wie das bei der Linken immer gemacht wird ;-) ), allerdings wieder mal weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil just zu der Sendezeit im Kabel andere Sender aufgeschaltet wurden (bei mir in Mainz waren das damals nachmittags Giga und nachts CNBC, also zwei Programme, die nun wirklich kein Mensch braucht). Fleischman und Co. konnte also nur sehen, wer Satellitenfernsehen hatte.

Ausgerechnet Alaska dürfte eine der wenigen Serien sein, die in Deutschland kein Mensch ganz gesehen hat, obwohl sie komplett ausgestrahlt und die meisten Folgen sogar wiederholt wurden. Weil sowohl RTL als auch Vox sie nach den ersten beiden Staffeln (die jeweils nur aus acht Folgen bestehen) ins Nachtprogramm versenkten. Und "Das Vierte" halt, ach, das hatten wir ja schon... Auf DVD gibt's auf Deutsch auch nur die erste Staffel, also ausgerechnet die, die man zwei Mal im Hauptabendprogramm bei RTL und Vox sehen konnte. Deutsche DVD-Käufer scheinen nicht viel intelligenter zu sein als deutsche Fernsehzuschauer, sonst würde nicht jede Trash-Serie komplett auf DVD veröffentlicht, während solche Perlen nicht über die erste Staffel hinaus kommen. Bei Fans erfreut sich die Serie nach wie vor großer Beliebtheit; wer sie kennt, liebt sie eigentlich fast immer. Aber es kennt sie halt kaum jemand...  

Die Fanpage erklärt auch einige Insidergags, z.B. dass Cicely 849 (oder so) Einwohner hat, weil die Produktionskosten einer Folge damals genauso viel Tausend Dollar betrugen. Oder dass der Drehort ein Städtchen namens Roselyn war; deshalb gibt es in Cicely wohl eine Wandmalerei mit der Aufschrift "Roselyn's Café". Und in der dritten Staffel erfährt man ja, dass Cicely hundert Jahre zuvor von zwei emanzipierten, freidenkenden Frauen gegründet wurde, die Cicely und Roselyn hießen. Schön finde ich auch das Zitat: "Cicely ist kein Ort, sondern ein state of mind." Tja, die Einwohner sind irgendwie alle leicht verrückt, aber auf eine sehr sympathische Art. In der vierten Staffel spielte dann übrigens Anthony Edwards eine wiederkehrende Gastrolle, kurz bevor er mit "ER" zum Serienstar wurde. Hier hatte er noch ein paar Haare mehr als in "ER", die unaufhaltsame Glatzenbildung ist aber schon deutlich zu erkennen ;-).

Zitat des Tages: "Ich kann lesen und schreiben und meine Bücher führe ich seit 30 Jahren selbst. Wofür brauche ich noch mehr Bildung?" (Holling Vancouer, der mit knapp 70 Jahren seinen High School-Abschluss nachholt)

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Kill them all and let God sort them

"Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner" wäre auch eine schöne Überschrift gewesen. Frage drei Leute, was das sinnvollste Vorgehen bei Untätigkeit der ARGE ist, und du wirst drei verschiedene Antworten bekommen. Die Arbeitslosenberatung, die ich heute eigentlich nur nach einem gescheiten Anwalt fragen wollte, meinte jedenfalls, mit Anwälten hätten sie nur schlechte Erfahrungen gemacht; außerdem bringe ein Eilantrag beim Sozialgericht im Moment sowieso nichts, weil ich dazu erst mal mit meinem Konto in den Miesen sein müsse. Ich hätte also vor zwei Wochen, statt mich mit der ARGE rumzuärgern, um 150 Euro Abschlag zu bekommen, lieber da schon den Eilantrag beim Gericht stellen sollen. Dass das Gericht natürlich auch wieder einen Monat oder länger braucht, um über den Eilantrag zu entscheiden, spielt wohl keine Rolle, muss man halt so lange sein Konto immer weiter überziehen. Ich kann zwar heute schon absehen, dass ich bei weiterer Untätigkeit der Behörde in spätestens zwei Wochen wieder in den Miesen sein werde, aber das zählt anscheinend für das Gericht nicht, da ich denen ja plausibel machen müsste, dass ich jetzt im Moment schon kein Geld mehr habe. Absurd.

Der Rat des Beraters war dann: Gehen Sie nochmal zur ARGE und da direkt zum Beschwerdemanagement. Leider beging ich den Fehler, diesem Rat zu folgen. Was für einen Sinn eine Stelle für Beschwerden haben soll, wenn diese einen dann an die zuständige Fallkoordinatorin zurückverweist, nicht ohne den Hinweis, man müsse, um diese zu sprechen, erst einmal eine Wartemarke ziehen, weiß ich auch nicht. Also mal wieder zwei Stunden sinnlos in der Wartezone verbracht. Danach hatte die Tussi am Empfang die Dreistigkeit, mich zu fragen, was ich denn jetzt eigentlich genau wolle. Diesmal war es soweit und mir ist der Kragen geplatzt. Dass ich, der gemeinhin als sehr ruhiger bis fast schon phlegmatischer Mensch gelte, eines Tages mal auf einem Amt die Mitarbeiter anschreien würde, hätte ich mir bis vor Kurzem auch nicht träumen lassen. Naja, kurz darauf kam dann diese Fallkoordinatorin runter, die mir lediglich sagen konnte, der Vorgang läge jetzt bei irgendeiner anderen Stelle, ihre Abteilung hätte längst entschieden, und ich solle diese ominöse Frau anrufen, die jetzt nur noch den Bescheid erstellen müsse oder was weiß ich. Die geht natürlich nicht ans Telefon.

Meine gestrigen Internetrecherchen, wie denn nun eine Klageschrift fürs Sozialgericht aussehen muss, haben ergeben, dass man eine Untätigkeitsklage erst einreichen kann, wenn nach sechs Monaten noch kein Verwaltungsakt erfolgt ist. Mit anderen Worten: Erst wenn man nach einem halben Jahr immer noch keinen Bescheid über die Bewilligung oder Ablehnung eines Antrages auf Leistungen zur Sicherstellung des Lebensunterhalts bekommen hat, kann man vor Gericht die Erteilung eines solchen Bescheids einklagen. Bis dahin ist man entweder längst obdachlos oder muss das Gericht monatlich mit Eilanträgen bombardieren, um die ARGE zumindest zur Zahlung angemessener Abschlagzahlungen zu zwingen. Da soll mir noch mal jemand erzählen, wir würden in einem Sozialstaat leben.

Wo wir grad beim Thema sind: Ich möchte nochmal die "Nightline" bei You FM empfehlen (mo. - do., 23 - 1 Uhr). Mittwochs können die Hörer da immer mit Holger Klein über politische Themen diskutieren, die ihnen selbst am Herzen liegen. Und Klein traut sich wenigstens, Dinge auszusprechen und in Frage zu stellen, bei denen das kein Anderer in der deutschen Medienlandschaft tut. Gestern ging es ziemlich lange um Hartz IV und den deutschen Arbeitsmarkt im Allgemeinen. Mit das Intelligenteste, was ich seit langem im Radio gehört habe. Zwei bemerkenswert offene Aussagen von Holger Klein:

"Wir müssten nur dafür sorgen, dass es Arbeit gibt, und dass diese anständig bezahlt wird. Beides tun wir in Deutschland nicht."

"Die Frage ist, ob die Bundesregierung nicht weiß, wie die soziale Lage der Betroffenen ist, oder ob sie es sehr wohl weiß und diese beabsichtigt - und was von Beidem schlimmer wäre." 

Man kann es dem hr gar nicht hoch genug anrechnen, dass er auf seiner Jugendwelle einen Freiraum für solche Querdenker zulässt. 

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Mittwoch, Juli 16, 2008

Irgendjemand musste K. denunziert haben...

Die kafkaesken Erlebnisse im Zusammenhang mit meinem Alg II-Antrag nehmen kein Ende. Was ist ein Anwalt mit Schwerpunkt Sozialrecht? Ein Anwalt, dem man das Sozialrecht erklären muss. Diesen Eindruck hatte ich vorhin, als ich einen Anwalt aufsuchte, der fettgedruckt in den Gelben Seiten unter der Rubrik Sozialrecht steht. Die Praxis wirkte, als wäre ich der erste Mandant in diesem Jahr. Der Typ wirkte, als sei das letzte Gesetz, mit dem er sich befasst habe, die Reichsversicherungsordnung gewesen. Vom SGB hatte er anscheinend noch nie etwas gehört. Den Unterschied zwischen ARGE und Arbeitsagentur schien er ebenso wenig zu kennen wie die Höhe des Hartz IV-Regelsatzes. Seine einzige Sorge war, dass die Kundennummer, die ich immer auf meine Briefe an die ARGE drauf geschrieben hab, nicht mit der BG-Nummer übereinstimmte. Dass das zwei verschiedene Baustellen sind, und ich meine BG-Nummer bis vor zwei Wochen gar nicht kannte, weil sie mir bis heute nie mitgeteilt worden ist (ich hab sie dann nur auf dem Antrag auf Abschlagszahlung zufällig gesehen, den ich unterschreiben musste, und gleich notiert), verstand er nicht so wirklich. Das einzige, was er sofort merkte, war, dass ich meinen Beratungshilfeschein wieder einstecken wollte. Jetzt muss ich gucken, wie ich das Ding zurück bekomme, ohne den Menschen zu beleidigen.

Unglaublich, dass solche Leute noch praktizieren dürfen. Gilt da einfach: Einmal Anwalt, immer Anwalt oder kann man die Zulassung auch irgendwann entzogen bekommen, wenn man schon mehr oder weniger senil ist? Falls irgendwer von den hier mitlesenden ARGE-Geschädigten weiß, wie eine Klageschrift fürs Sozialgericht formal aussehen muss, bitte melden. Vermutlich kann ich mich eloquenter vor Gericht selbst vertreten, als dieser Typ es könnte.

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Dienstag, Juli 15, 2008

Das Gesetz der Serie

Irgendwie ist es komisch, sich von einer Serie mehrere Folgen am Stück reinzuziehen, und das über mehrere Tage hintereinander. Für mich widerspricht das ein wenig der eigentlichen Idee hinter dem Serienkonzept. Dem Gesetz der Regelmäßigkeit. Gleichbleibende zeitliche Abstände zwischen den einzelnen Folgen. Ich bin da altmodisch; die meisten Serienfans gucken ihre Lieblingsserien ja schon lange nicht mehr auf herkömmliche Weise, also im Fernsehen, sondern als DVD-Boxen, gebrannt oder gedownloaded oder auf iTunes oder was weiß ich. Das verleitet dazu, sich dann gleich die ganze Staffel innerhalb kurzer Zeit anzusehen, artet oft auch fast in eine Art Suchtgefühl aus. "Ich muss jetzt unbedingt wissen, wie's weiter geht, nur noch eine Folge" usw. Und flupps, hat man zwei Tage vor dem Bildschirm verbracht und sich 23 Folgen reingezogen. Früher, in der guten alten Zeit, blieb einem gar nichts anderes übrig, als eine Woche zu warten, bis im TV die nächste Folge lief.

Das hatte noch einen Vorteil, zumindest, wenn man Leute kannte, die die gleiche Serie guckten, wie man selbst. Man konnte nämlich in den nächsten Tagen mit diesen über die jeweils letzte Folge sprechen. So wie es heute eigentlich fast nur noch Leute können, die sich für Fußball interessieren. Während der EM konnte man ja nicht das Haus verlassen, ohne ständig Gespräche über das Spiel vom Vortag zu hören. Und so war es früher halt mit Serien. "Ein Colt für alle Fälle" war immer das Hauptgesprächsthema auf dem Schulhof meiner Grundschule, etwas später waren es die aktuellen Intrigen bei "Dallas" und während meines Zivildienstes sprach ich gerne mal mit den Krankenschwestern über "ER". (Ja, ich habe diese Serie wirklich entdeckt, weil die sich auf meiner Station damals einer ziemlichen Beliebtheit beim Pflegepersonal erfreute!)

Heute guckt meistens jeder gerade irgendwas Anderes, der eine hat schon die siebte "24"-Staffel als US-Import gesehen, der Andere schon die vierte "BSG"-Staffel bei iTunes; wieder ein Anderer guckt sowieso nur Serien, die überhaupt nie ihren Weg ins deutsche Free-TV finden werden (Hallo, Prospero! ;-) ) und ein Vierter guckt gerade eine zehn Jahre alte Serie, die er sich als DVD-Box geholt hat. Mit wem soll man aber über das sprechen, was man gerade geguckt hat? Gut, es gibt noch Internetforen, aber da wird ja auch schon heute über die 4. BSG-Staffel diskutiert, obwohl ich immer noch darauf warte, dass RTL II endlich mal die dritte ausstrahlt. Das gemeinschaftstiftende Element ist einfach verloren gegangen.

Dadurch, dass man viele Folgen einer Serie in kurzen Abständen guckt, tritt auch die serielle Machart manchmal überdeutlich zutage, die Standardsituationen, die ewig gleichen Dekors und Handlungsorte. Klar, das Leben ist meistens auch so, dass man über längere Zeit immer wieder das Gleiche macht, den gleichen Weg zur Arbeit oder zur Uni, die gleichen Leute, die gleichen Räume, die gleichen Tätigkeiten. Aber will man wirklich 23 Mal in zwei Wochen sehen, wie zwei Rettungssanitäter durch New York fahren? Oder jeden Tag zwei Mal Chris am Morgen moderieren hören? Ist es nicht viel schöner, wenn man weiß, Mittwoch sehe ich wieder, was diesmal in der Notaufnahme los ist, und Montag operieren die Schönheitschirurgen wieder? Früher wusste man, wenn "Dallas" lief, war Dienstag (außer in der Sommerpause, da gab es wilde Diskussionen in den TV-Zeitschriften über die Qualität der Serie, die die ARD dieses Jahr als Ersatz eingekauft hatte ;-) ). Eine Serie ist halt eigentlich im Gegensatz zu einem Spielfilm nicht dafür gemacht worden, sie sich am Stück anzusehen. Ich finde, dadurch geht ein Stück ihrer Faszination verloren.

Interessant wird es, wenn irgendwann vielleicht mal Serien nur noch für die DVD produziert werden. Dann wird es wohl auch keine Cliffhanger mehr geben. Schade eigentlich. Denn dann wird es auch die gespannte Erwartung nicht mehr geben, wenn man sich nach der sechsten DS9-Staffel fragte, ob denn Sisko wohl wieder zur Station zurück kommt. Und auch nicht die Vorfreude, wenn man die Ankündigung las, bald kommt die neue Staffel ins Fernsehen, man erfährt endlich, wie's weiter geht.
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Unverstanden ins Grab

Das könnte auch die Überschrift für einen Romy Schneider-Artikel sein. Wird's aber nicht werden, keine Angst. Nachdem ich im letzten Dreivierteljahr einige ihrer Filme gesehen, mir eine kleine Ausstellung über sie im Düsseldorfer Filmmuseum angesehen und jetzt auch noch die Biografie gelesen habe, weiß ich eigentlich immer noch nicht, was mich wirklich an ihr fasziniert. Ist es ihre Schauspielerei oder nicht doch eher ihr tragisches Leben? Wahrscheinlich eine Mischung aus Beidem, ich wage aber zu behaupten, dass sie nicht diesen Status erlangt hätte, wenn sie nicht so früh und auf so unglückliche Weise gestorben wäre.

"Ein Mann, der mit dreißig Jahren stirbt, ist zu jedem Zeitpunkt seines Lebens ein Mann, der mit dreißig Jahren sterben wird." Weiß nicht, von wem ich dieses Zitat mal gehört oder gelesen habe. Aber man denkt natürlich, wenn man heute ihre Filme sieht, immer an ihren frühen Tod.

Fasziniernd ist bei Schneider natürlich auch, wie ihre Filme ihr Leben widerspiegeln. Schon bei ihrer ersten echten Charakterrolle, als Internatsschülerin in "Mädchen in Uniform", sind die Parallelen frappierend. Auch Romy war jahrelang auf Internaten, vermisste ihre Eltern (den leiblichen Vater sah sie fast nie) und blühte nur auf, wenn sie im Internat Theater spielen konnte. Im Film vermisst sie ihre gerade gestorbene Mutter, sucht sich in einer Lehrerin einen Mutterersatz und ist nur glücklich, wenn sie im Internat Theater spielt. Im Leben spielte sie in der Schule Männerrollen wie Hamlet, im Film spielt sie in der Schulaufführung den Romeo. Man könnte denken, das Drehbuch sei für sie geschrieben worden. In "Death Watch" spielt sie eine Schauspielerin, die von skrupellosen TV-Produzenten in den Tod getrieben wird. Etwa zu dieser Zeit fühlte sie sich von der Presse verfolgt und ausgeschlachtet - drei Jahre später war sie tot. 

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Sonntag, Juli 13, 2008

Welchen Intelligenzgrad muss man eigentlich haben...

... um jetzt den Ausstieg aus dem Atomausstieg zu fordern, nur weil die Energiepreise ansteigen? Nach mir die Sintflut...

Stephen King hat vor etwa 15 Jahren mal in einem Interview sinngemäß gesagt, dass es schon einen sehr niedrigen Intelligenzgrad voraussetzt, sich so etwas wie Kernspaltung überhaupt auszudenken, nur um Waschmaschinen und Fernseher zu betreiben. Er verglich das mit den Tommyknockers aus seinem gleichnamigen Roman, die hoch komplizierte Apparaturen bauen und Menschen für ihre Energiegewinnung versklaven. "Warum haben sie nicht einfach Strom aus der Steckdose benutzt? Weil sie nicht darauf gekommen sind."

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Samstag, Juli 12, 2008

Die Schwere später Bergman-Filme

Nach den wunderbaren Frühwerken werden Ingmar Bergmans Filme zunehmend schwieriger zu konsumieren. 3sat zeigte diese Woche zwei dieser späteren Werke. "Dabei: Ein Clown", ein Fernsehfilm von 1997, ist einer der Bergman-Filme, die ich wohl nie schaffen werde, ganz anzusehen. Beim ersten Versuch vor einigen Jahren hab ich schon nach ein paar Minuten aufgegeben, diesmal hab ich ein paar Mal reingeschaltet, aber es ging einfach nicht. Fürchterliche Videoästhetik à la "Lindenstraße" und manierierte Dialoge von Insassen einer Irrenanstalt. Vereinigt so ziemlich alle Bergman-Klischees. Ähnlich ungenießbar ist sein allerletzter Film "Saraband" von 2003, die späte Fortsetzung von "Szenen einer Ehe", und der ist schon eher unfreiwillig komisch als ein guter Film. Wo kam bloß all dieser Hass auf Gott und die Welt her, dieses absolut misanthropische Menschenbild, wenn man sich im Vergleich seine frühen Filme wie "Die Zeit mit Monika" oder "Das Lächeln einer Sommernacht" ansieht? (Gut, den ersten Teil der Frage, den nach Gott, könnte ich sogar beantworten, aber dieser Hass müsste auch schon in den 50ern da gewesen sein.)

Gestern lief dann "Das Schlangenei" auf 3sat, eine deutsch-amerikanische Co-Produktion, die er während seines mehr oder weniger erzwungenen Exils in Deutschland gedreht hat (1977). Der Film war damals glaub ich ein ziemlicher Flop. Interessant ist vor allem die Besetzung. Die männliche Hauptrolle spielt kein Geringerer als David Carradine, der sonst eigentlich nur als Held aus der "Kung Fu"-Serie und als Bill aus Tarantinos "Kill Bill" bekannt ist. Die unvermeidliche Liv Ullmann spielt die weibliche Hauptrolle. Und dann ist da noch Gert Fröbe als pflichtbewusster Kommissar. Ansonsten ist das eine düstere Parabel über das Erwachen des Nationalsozialismus im Berlin der 20er Jahre. Ziemlich anstrengend, mit etlichen Längen, aber auch einigen guten Momenten. Zu Deutschland hatte Bergman eine besondere Beziehung. Er kam das erste Mal als Austauschschüler hierher und lernte die "Dreigroschenoper" kennen und lieben. Später lebte und arbeitete er dann einige Jahre in München und inszenierte dort am Theater. In dieser Zeit ist auch "Das Schlangenei" entstanden. Wie gesagt nicht wirklich schlecht, aber ich würde seine frühen Filme jederzeit bevorzugen. 

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Freitag, Juli 11, 2008

Anakin Skywalker goes Cyberspace

Vor ein paar Tagen habe ich hier noch die Frage aufgeworfen, warum "Neuromancer" nicht längst verfilmt wurde, und gerade lese ich in der Wikipedia, dass nächstes Jahr der Film kommen soll. Für Befürchtungen sorgt die Besetzung der männlichen Hauptrolle: Hayden Christiansen soll den Case spielen. Naja, besser als Keanu Reeves, der sicher die naheliegendste Wahl gewesen wäre. Hätte aber sicher bessere Besetzungen gegeben. Na, mal abwarten, in der imdb wird jedenfalls schon heftig über die ideale Besetzung diskutiert. Einige Vorschläge gefallen mir recht gut.

Bei Case hab ich auch schon an Christian Bale gedacht. Ist aber zu alt. Cilian Murphy wäre gut, der hat so was leicht morbides und Case ist ja ein Selbstmordkandidat (sagt jedenfalls die Projektion nach Analyse seiner Daten).

Molly: Asia Argento, ganz klar.

Ja, und bitte Udo Kier als Julius Deane. Der sieht wirklich so aus, als hätte er sich schon diversen Gesichtsstraffungen unterzogen; für einen über 100-Jährigen, der dank plastischer Chirurgie jünger aussieht, die Idealbesetzung. 

Al Pacino als Dixie Flatline finde ich auch einen super Vorschlag. Oder Robert De Niro, der kann ja alles spielen ;-). (Für alle, die den Gag nicht verstehen: Es handelt sich hier um das Konstrukt eines toten Hackers, dessen Bewusstsein man kurz vorher noch abgespeichert hat.)  

Hoffnung weckt bei mir die Tatsache, dass William Gibson selbst offenbar am Drehbuch (mit-?) arbeitet. Das könnte ganz großes Kino werden, wenn sie es nicht versemmeln. Wie schon geschrieben, der Stoff ist sowas von filmisch, dass es erstaunlich ist, dass Hollywood erst nach knapp 25 Jahren auf die Idee kommt.

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Donnerstag, Juli 10, 2008

Thilo Wydra: "Romy Schneider", S. 7-37

Ich klau jetzt mal diese großartige Idee von der Lesemaschine und schreib was über ein Buch, während ich es lese.

Die Biografie von Wydra könnte auch den Untertitel tragen: "Ein Leben auf 138 Seiten". Eigentlich war die Dünne des Buches ja einer der Gründe, warum ich es gekauft habe, aber manchmal ist mir das dann doch zu knapp, wie er da über wichtige Lebensstationen so hoppladihopp hinweggeht. Beispiel, S.35: "Eine der wohl legendärsten Verbindungen zwischen zwei europäischen Schauspielstars geht nach etwa fünf Jahren zu Ende ... Im Dezember 1963 begeht Romy Schneider einen Selbstmordversuch. Er misslingt. Das Frühjahr 1964 hält für Romy ... eine Herausforderung bereit..." Da wird der Suizidversuch mal eben in zwei Sätzen abgefrühstückt und schon wartet die nächste Herausforderung.

Was lernen wir sonst noch auf den ersten 30 Seiten, die übrigens schon 27 von 43 Lebensjahren abhandeln? Romy war schon als Kind unglücklich, weil ihre Eltern sie ins Internat abgeschoben haben, glücklich war sie nur beim Theaterspielen als Schülerin, eine Ausbildung brauchte man in den 50ern noch nicht, wenn man Schauspielerin werden wollte (ist das heute anders?), es half aber, berühmte Eltern zu haben. Romy traf in dieser Zeit merkwürdige deutsche Altstars wie Senta Berger und Hans Albers. Berger hat sich gleich in sie verliebt (keine Ahnung, wie das zu verstehen ist). Manche dichteten ihr auch eine Affäre mit Lilli Palmer an, vermutlich wegen des Filmkusses der beiden in "Mädchen in Uniform". Woody Allens Filmdebüt "What's new, Pussycat?" ist weder "filmhistorisch oder künstlerisch bedeutend". Warum eigentlich nicht wenigstens filmhistorisch? Es ist doch immerhin der erste Film, den einer der bekanntesten Autorenfilmer aller Zeiten geschrieben und in dem er mitgespielt hat. Bereits nach 30 Seiten ist Romy an dem Punkt, wo sie sagt: "Ich bin müde. Mein Leben ist die Hölle." Warum eigentlich, erfährt man nicht so wirklich. Weil "Pussycat" nicht künstlerisch bedeutend war? Immerhin hat sie zu diesem Zeitpunkt bereits mit Visconti und Orson Welles gearbeitet und eine Luxusvilla in Hollywood gemietet.

Das Kapitel über "Der Prozeß" im zweiten Teil des Buches (derjenige, in dem es um ihre wichtigsten Filme geht) erweckt den Eindruck, der Autor hätte eigentlich lieber ein Buch über Hitchkock oder Kafka geschrieben. Wieso soll das eigentlich einer ihrer bedeutendsten Filme sein? Sie hat doch da nur eine kleine, noch dazu recht zwiespältige Nebenrolle. Auf mich wirkt das Buch bisher so, als hätte Wydra einen Spagat versucht zwischen seinem Anspruch als Filmwissenschaftler und dem Auftra, eine möglichst populäre Biografie für den Massenmarkt zu schreiben. Wobei mich letzteres wundert, immerhin ist das bei Suhrkamp erschienen. Mal abwarten, was noch kommt... 

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Mittwoch, Juli 09, 2008

Jetzt ist es soweit

Heute habe ich das getan, was mir eine Bekannte schon im Dezember unterstellt hat: eine Romy Schneider-Biografie gekauft. Allerdings aus beruflichen Gründen. Ich darf jetzt nämlich doch noch mal einen etwas längeren Artikel über sie schreiben. Und da ich noch bis September Zeit habe, kann ich mich ja ruhig mal etwas umfassender vorbereiten. Außerdem finde ich den Autoren ganz sympathisch. Das ist der, der neulich hier im Filmmuseum sein Buch vorgestellt hat. Und in Mainz beim FILMZ-Festival hab ich den auch letztes Jahr bei einer Diskussion mit Margarethe von Trotta gesehen. Hinzu kommt, dass der Mann in Mainz Filmwissenschaften studiert hat. Gut, da weiß ich jetzt nicht, ob das für oder gegen ihn spricht ;-) .
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In was für einem Land leben wir eigentlich?

Eine Frage, die man sich öfter stellen kann, wenn man das neue verdi-Publik durchblättert. Einer erwachsenen Alg II-Empfängerin, die regelmäßig bei ihren Eltern essen ging, wurde von der ARGE das Geld um 35 Prozent gekürzt. Sie musste erst vors Bundessozialgericht ziehen, das dies jetzt für nicht zulässig erklärt hat. Bis zu ersten Fällen von Zwangsernährung von Arbeitslosen dürfte es sicher nicht mehr lange dauern.

Schön übrigens, dass auch Gewerkschaftszeitungen inzwischen in der journalistischen Neuzeit angekommen sind. Wenn ich dran denke, wie unleserlich früher das ÖTV-Magazin war. Dagegen ist verdi-Publik sowohl vom Layout als auch von der Herangehensweise an die Themen echt ein Riesenschritt in die richtige Richtung. Die schaffen es sogar, gut geschriebene Reportagen hinzukriegen. Respekt! Da war man mal 10 Jahre nicht in der Gewerkschaft und schon so ein Fortschritt ;-).

 

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Montag, Juli 07, 2008

Aktualisierte Serienjunkie-Liste

All Time-Lieblingsserien revisited:

DS9

Six Feet Under

ER

Battlestar Galactica (Neu dabei) - Die 2. Staffel hat mich endgültig überzeugt. Die bei weitem beste SF-Serie, die ich nach DS9 gesehen habe. Wie da hochphilosophische Fragen mit atemberaubenden Actioszenen verknüpft werden, kann nur meisterhaft genannt werden. Der einzige Minuspunkt der Neuauflage: Ich will mehr Blecheimer-Zylonen sehen ;-).

Ausgerechnet Alaska

Weeds (Neu dabei) - Herrlich respektlos gegenüber amerikanischer Politik und spießigem Vorortleben. Hat alles, was eine sehr gute Sitcom braucht und noch einiges mehr, nämlich wunderbare ernsthafte Momente.

Third Watch - Eine Schande, dass die Serie in Deutschland so untergegangen ist. Sie verstehen es halt einfach nicht, die Couchpotatoes...

Ally McBeal - looks like the Absteiger des Jahres. Hinterließ rückblickend irgendwie doch nicht so den bleibenden Eindruck...

Das Model und der Schnüffler

Cosby Show

Next Generation

Friends

L.A. Law

KDD - Endlich auch eine deutsche Serie neu dabei, die es mit ER, TW & Co. aufnehmen kann. Gepriesen sei das ZDF ;-) !

Nip/Tuck - Wäre sicher weiter vorne, wenn sie das Niveau der ersten eineinhalb Staffeln gehalten hätten. Aber bei dieser 3. Staffel - no way!

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Sonntag, Juli 06, 2008

So klingt der Cyberspace im Radio

Das ist also gar keine brandneue Produktion, die 1live jetzt 4 Wochen lang ausstrahlt, sondern ein Hörspiel von 2003. Ist damals an mir vorüber gegangen. Ich hör eh in den letzten Jahren sehr wenige Hörspiele, ganz früher war das mal anders. Was mich meistens ein wenig anstrengt, ist dieser betonte Kunstanspruch vieler Hörspielmacher beim öffentlich-rechtlichen Radio. Bloß keine stringente Story mit einem Sprecher pro Rolle erzählen, sondern immer alle formalen und technischen Möglichkeiten des Mediums ausnutzen wollen. Manchmal kommt mir das auch vor wie geistige Selbstbefriedigung der Tochtechniker, wenn im Hintergrund irgendwelche undefinierbaren Geräusche wabern, während die Sprecherstimmen vom linken auf den rechten Tonkanal wandern und wieder zurück.

Etwas überambitioniert scheint mir auch die Umsetzung von "Neuromancer" geraten zu sein, soweit man das nach dem ersten Teil beurteilen kann. Also, ich weiß echt nicht, ob ich irgendwas von der Handlung verstanden hätte, wenn ich den Roman nicht kennen würde. Warum zum Beispiel zwischendurch immer wieder irgendwelche Personen und Begriffe lexikonartig erklärt werden, die entweder noch gar keine Rolle spielen oder schon eine halbe Stunde vorher zum ersten Mal aufgetaucht sind, und warum dann erst immer ein Typ auf Englisch was sagen muss, und das dann ein anderer Typ noch mal auf Deutsch wiederholen muss, weiß wohl nur der Autor. Das mit den Stimmen, die mal nur von links und mal nur von rechts kommen, wird auch überstrapaziert, wobei ich keine Ahnung hab, welchen erzählerischen Zweck das eigentlich erfüllen soll. Beim Film oder TV wird das doch auch nicht gemacht. Die Hörbarkeit erleichtert sowas jedenfalls nicht.

Ansonsten hält sich das Hörspiel bisher recht eng an den Roman. Da sind wieder all die faszinierenden Figuren und Ideen von William Gibson. Er hat mit diesem Buch ja eine ganz eigene Sprache geschaffen, ähnlich wie Burgess in "Clockwork Orange". Wobei das bei Gibson eher so eine Mischung aus technischen Fachbegriffen und dem Slang der Großstadtbewohner einer nahen Zukunft ist. Also so Wörter wie der Sprawl, die Dixie-Flatline, die Konsolen-Cowboys und natürlich die Matrix. Das erzeugt schon einen ganz eigenen Sog beim Lesen oder Hören. Wenn man denn versteht, was damit gemeint ist. Und dann diese schillernden Nebenfiguren: Ratz, der Barkeeper mit dem künstlichen Arm, Julius Deane, der Finne.  Wobei mir das erste Kapitel des Romans eh immer am besten gefallen hat. Später wird es dann teilweise etwas langatmig. Lohnt sich aber auf jeden Fall, donnerstagabends statt den Fernseher oder DVD-Player mal das gute alte Dampfradio einzuschalten (interessanter Kontrast übrigens, eine Geschichte über modernste Technik in so einem altmodischen Medium zu hören) und sich erzählen zu lassen wie Onkel William vor 24 Jahren die nahe Zukunft gesehen hat. Von seiner Faszination hat der Stoff seitdem nichts verloren.

Es folgen noch drei Teile, donnerstags, 23 Uhr auf 1live.

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Zitat des Tages

"Bis ich endlich gelernt habe, wer oder was ich wirklich bin, werde ich einfach diesen Kampf dokumentieren und es für die Voyeure da draußen so unterhaltsam wie möglich gestalten."

Manchmal hat Robbie Williams schon was. 

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Freitag, Juli 04, 2008

Sünde, Leidenschaft und Ketzerei

Meine Ergüsse zum Thema Comicromane und wie sich Autoren darin mit Glaubensfragen auseinandersetzen, könnt ihr jetzt auf meiner HP nachlesen.
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Donnerstag, Juli 03, 2008

Cyberpunk lebt: "Neuromancer" ab heute Abend im Radio

Nach 20 Jahren, nach schon lange zurückliegenden Comic- und Computerspiel-Adaptionen (damals noch auf dem 64er!), schafft William Gibsons Kultroman es nun auch noch ins Radio. 1live sendet ab heute Abend, 23 Uhr, an vier Donnerstagen die Hörspielfassung von "Neuromancer". Da bin ich mal sehr gespannt drauf. "Neuromancer" dürfte neben "Solaris" der SF-Roman sein, der mich am meisten beeindruckt hat (gut, habe jetzt auch nicht besonders viele gelesen). Eine faszinierend-erschreckende Zukunftsvison, verbunden mit der melancholischen Grundstimmung der Romane der Schwarzen Serie.

Habe letztes Jahr noch mal in dem Roman geblättert, als ich Anregungen für meine Masterarbeit übers Second Life gesucht habe, und hatte gleich wieder Lust bekommen, ihn noch mal zu lesen. Der Schreibstil gefällt mir immer noch. Inzwischen hat sich Gibson auch als großer Prophet erwiesen, denn vieles, von der Technik, die er da entworfen hat, ist ja mittlerweile schon fast Realität geworden. (Für alle, die es nicht wissen: Gibson gilt dank diesem Roman als Erfinder des Cyberspace.) Warum der Roman nie verfilmt wurde, ist mir bis heute rätselhaft. Das bietet sich so dermaßen an. Stattdessen hat man bisher nur seine Kurzgeschichte "Johnny Mnemonic" verfilmt, mit Keanu Reaves, der eine Affinität für diese Rollen zu haben scheint (siehe "Matrix";). Der Film hat mir damals vom Produktionsdesign und den Effekten her ganz gut gefallen, aber die Story lässt doch sehr zu wünschen übrig. Mal sehen, wie der Cyberspace im Radio klingt.

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Mittwoch, Juli 02, 2008

Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende

So, das war's dann wohl mit der Lokalzeitung und mir. Nachdem ich mir zwei Wochen den Kopf zerbrochen habe, ob das Sinn macht, zu den Bedingungen für die zu arbeiten und mir sowohl Kopf als auch Bauch gesagt haben, eigentlich nicht, hat sich die Entscheidung heute mehr oder weniger zufällig ergeben. Konkret lag das jetzt an der Art einer Mitarbeiterin da, die überhaupt nicht mit sich reden lässt, sondern nur sagte: "Bei uns hier läuft das eben so." (Prinzipiell liegt es aber natürlich an den Strukturen da.) Dann läuft es eben in Zukunft ohne mich. Und ich kann wieder vermehrt das tun, von dem die ARGE denkt, dass ihre "Kunden" das ja eh den ganzen Tag tun: in der Sonne liegen und die 150 Eier verprassen, die sie mir ausgezahlt haben.
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Dienstag, Juli 01, 2008

Alles im ARGEn V

Auflösung von gestern: Die Vorgesetzte rief natürlich nicht an.

Heute Vormittag also wieder zur ARGE hin (man hat ja sonst nichts zu tun), einige Male hin und her geschickt worden, dann die Zusage erhalten, jetzt endlich eine Abschlagzahlung zu bekommen, noch einmal eine Stunde gewartet, bis die Sachbearbeiterin so weit war, zugehört, wie diese und ihre Zimmernachbarin versuchten, das Computerprogramm zu bewältigen und dann nach drei Monaten einen Abschlag in der Höhe von unglaublichen 150 Euro bekommen. In Worten: EINHUNDERTFÜNFZIG! Nach DREI MONATEN! Mit einem anrechenbaren Einkommen von durchschnittlich etwa 200 Euro seit Antragstellung! (Wobei die da ja gar nicht wissen, was Honorare überhaupt sind. "Bekommen Sie den Betrag jetzt regelmäßig?" - "Das hängt davon ab, wie viel ich schreibe." - "Aha." )

Auf meine Frage, wovon ich denn bitte die letzten drei Monatsmieten hätte zahlen sollen, bekam ich die Antwort, ich hätte die ja wohl gezahlt, also müsse ich ja irgendwo Geld herbekommen haben, also wäre ich ja faktisch gar nicht hilfsbedürftig oder jedenfalls nicht in der Lage, das nachzuweisen. Wenn ich nicht noch zwei Honorarzahlungen in den nächsten Wochen erwarten würde, würde ich morgen zum Anwalt gehen und mein Recht vor dem Sozialgericht einklagen. Jetzt warte ich halt, um meine Nerven nicht noch mehr zu zerreiben, noch zwei Wochen, bis die Sachbearbeiterin, die zzt. krank geschrieben ist, dann angeblich abschließend über meinen Antrag entschieden hat. Wenn sie sich noch länger krank schreiben lässt, sehen wir uns vor Gericht wieder.

Ich überlege seit heute ernsthaft, mich bei der Arbeitslosenberatung zu engagieren. Die stehen immer am 1. des Monats vor dem Amt und bieten einen Begleitservice durchs Haus an, damit man einen Zeugen hat, wenn man über den Tisch gezogen wird. Das habe ich heute auch in Anspruch genommen. Der hat mir auch von dieser Möglichkeit einer Klage wegen Untätigkeit der Behörde erzählt, was er schon durchgezogen hat. Er erzählte mir auch von einem Bekannten, dem man mit Mitte 30 gesagt hat, was wolle er denn eine eigene Wohnung finanziert haben, er könne doch weiter bei seinen Eltern wohnen. Ein anderes Wort als Behördenwillkür fällt mir beim Vorgehen dieser Einrichtung nicht mehr ein.

Dieses so genannte Hartz IV ist mMn ein menschenverachtendes Gesetz. Die Umsetzung der ARGE Düsseldorf scheint mir insofern nur den Geist dieses Gesetzes konsequent umzusetzen.  

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