Freitag, März 06, 2009

Der Beginn einer TV-Legende: "Tatort: Duisburg - Ruhrort"


Schimanski, der ruppige, ewig pöbelnde und fluchende Proll-Kommissar, der aber das Herz auf dem rechten Fleck hat, ist eine der wenigen mythischen Figuren, die das deutsche Fernsehen hervorgebracht hat. Seit bald 30 Jahren spielt Götz George diese Rolle, immer noch mit sehr guten Einschaltquoten. Schimanski ist für Deutschland, insbesondere für das Ruhrgebiet, längst so etwas geworden wie Robin Hood für England: eine Legende der Popkultur.

Mit dem Tatort "Duisburg - Ruhrort" fing alles an, damals, Anfang der 80er Jahre. Selten hatte eine Auftaktfolge für eine TV-Serie (in diesem Fall eine Subserie) einen derart programmatischen Titel. Noch erstaunlicher ist aus heutiger Sicht, wie es den Drehbuchautoren und Regisseur Hajo Gies schon in den ersten Minuten gelingt, die Figur zu etablieren, den Charakter zu zeichnen, den wir noch heute kennen: Schimanski steht am Fenster seiner Wohnung, das einen beeindruckenden Blick auf Duisburg erlaubt. Er schaltet ein Transistorradio ein, das am Fenster steht, es spielt "Leader of the Pack". Unschlüssig läuft Schimmi nun in seiner Küche herum, räumt eine leere Bierflasche zur Seite, schaut in den Kühlschrank, nimmt zwei Eier heraus, betrachtet die Pfanne, die aber schmutzig ist, stellt sie wieder weg, schlägt die Eier in ein Glas auf - und schluckt die rohen Eier in einem Zug herunter. Was für ein Kerl! Danach schmeißt er die Eierschalen in eine herumstehende Mülltüte, schnappt sich die Tüte, zieht mit der freien Hand umständlich einen Pulli über und verlässt die Wohnung.

Sein Weg führt ihn, vorbei an einer mit Lokalkolorit gesättigten Straßenszene, in seine Stammkneipe, die "Bierschwemme", wo er wohl ständig zu finden ist, wie wir aus einem Telefonat mit dem Polizeipräsidium erfahren. Auch im Rest der Folge, in der es um zwei Morde geht, um einen toten Seemann, der Schlag bei den Frauen hatte (vor allem bei verheirateten) und gegen Ende auch noch um Waffenschmuggel mit der Türkei, was aber alles nur am Rande von Bedeutung ist, sehen wir von Duisburg hauptsächlich dreierlei: den Hafen, runtergekommene Bergarbeitersiedlungen, teils mit Fördertürmen im Hintergrund - und Kneipen. Zugleich sind damit die wichtigsten Schauplätze etabliert, an die der Held auch in den folgenden 30 Jahren immer wieder zurückkehren wird. Die Schimanski-Krimis scheinen so gut wie nie in der Innenstadt zu spielen, sondern fast immer in pittoresken Außenbezirken wie Ruhrort oder Homberg: in industriell geprägten einfachen Wohnsiedlungen, zwischen abgerissenen Häusern und schäbigen Eckkneipen. In letzteren fühlt sich Schimmi besonders wohl, ebenso wie in Imbissbuden. Denn hier trifft man das einfache Volk, Menschen, die sich nicht besonders gut ausdrücken können, die aber ehrlich und authentisch sind. Genauso wie Schimmi selbst. 

Über den erfahren wir indes herzlich wenig: Er ist Junggeselle, lässt aber nichts anbrennen, wenn sich eine Chance bietet, er spielt und wettet gerne, er hatte als Jugendlicher eine wilde Zeit in Homberg, wo er aufgewachsen ist (das erfahren wir in einem Nebensatz von einer mit ihm seit damals befreundeten Frau, die heute eine Pommesbude führt), sein einziger richtiger Freund scheint aber ausgerechnet sein überkorrekter und etwas spießiger Kollege Thanner zu sein. Dessen Rolle wird übrigens meistens unterschätzt: Ohne Thanner wäre Schimanski nur die Hälfte wert, wie ein Sherlock Holmes ohne seinen Watson, wie ein Asterix ohne Obelix. Diese beiden so unterschiedlichen Polizistentypen, die trotz aller Konflikte doch bis zum Ende ihres "Tatort"-Runs so eng befreundet bleiben, sind eines der genialsten Duos, die je fürs Fernsehen erfunden wurden. Wie wichtig Eberhard Feiks Figur für die Reihe wirklich war, zeigt sich dann nach seinem Tod, wenn Schimanski alleine klar kommen muss: Es bleibt in den neuen Folgen immer eine Leerstelle. 

Immer wieder auffällig ist auch, wie langsam die 80er Jahre-Tatorte inszeniert waren, wie wenig dort im Vergleich zu heutigen Folgen im Grunde passierte: Die Ermittlungen sind eher nebensächlich, die Handlung ist ein Nichts, Action gibt es erst ganz zum Schluss. Die Krimihandlung ist nur der Hintergrund für die Schilderung der Hauptcharaktere und für die einfachen Tragödien, die das Leben der kleinen Leute schreibt: Da träumt ein Seemann vom Sozialismus, wird aber in kriminelle Machenschaften seines Kapitäns hineingezogen; da beschweren sich untreue Ehefrauen darüber, dass ihre Männer doch eh nur in der Kneipe sitzen, und eingehörnter und verlassener Ehemann, eigentlich ein Schwächling, wird einmal im Leben aktiv - was gleich verhängnisvolle Folgen hat.

Zugleich zeichnet dieser fast 30 Jahre alte TV-Krimi ein heute nostalgisch wirkendes Bild einer verlorenen Welt: Die Zechen sind längst stillgelegt, auf Schreibmaschine tippt auch bei der Polizei heute vermutlich niemand mehr, aber Kneipen, die "Wolfsschlucht" heißen oder "Bierschwemme", die gibt es vielleicht immer noch, irgendwo in Ruhrort. 
geschrieben von herrhase ( Medien ) :: Kommentare (0) :: Permalink :: Trackbacks (0)