Montag, März 16, 2009
Projekte
Früher hatten Menschen einen Beruf und/oder eine Familie. Heute haben viele nur noch Projekte. Bis vor ein paar Jahrzehnten ergriff man nach der Schule einen Beruf, den man dann meistens bis zur Rente ausüben musste. Wenn man Glück hatte, war dieser Beruf gleichzeitig Berufung, bei der überwiegenden Zahl der Leute war er einfach irgendetwas, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreitern konnten. Dann kam das, was Ulrich Beck vor 20 Jahren die Risikogesellschaft nannte: Fortan war zwar jeder seines eigenen Glückes Schmied, aber nur, solange das Glück auch mitspielte.
Den Begriff "Bohèmien" gibt es zwar schon seit dem 15. Jahrhundert, und seit Puccini (oder spätestens seit Kaurismäki) wissen wir auch in Deutschland ungefähr, was er bedeutet. Aber massenhaft besetzen die am Rande des Existenzminimums lebenden Akademiker, Künstler und Internet-Arbeiter unsere Straßencafés wohl erst seit einigen Jahren. Seit wir uns von der Industrie- in die Postindustriegesellschaft entwickelt haben. Seit wir alle keine Anstellung fürs Leben mehr haben, sondern unterschiedlich erfolgreiche und verschieden lang andauernde Projekte. Meine Band, mein Buch, meine Webseite. Auch eine Beziehung ist heute ein Projekt, ein Kind auch und eine Familie ist dann sozusagen ein Langzeitprojekt.
Und dann muss man all diese verschieden wichtigen Projekte auch noch unter einen Hut bekommen! Julia Franck regte sich gestern im ZDF-Nachtstudio auf, die männlichen Schriftsteller hätten's gut, sie als Frau müsse sich ja tagsüber um die Kinder kümmern und hätte deswegen nicht ständig Zeit zum Schreiben. Bodo Kirchhoff regte sich vor ein paar Tagen in "Literatur im Foyer" auf, heute schreibe jeder TV-Moderator einen Roman, als er angefangen habe, sei Schriftsteller noch ein richtiger Beruf gewesen. Er mache das seit 30 Jahren professionell, Romane schreiben. Da könne er über so Leute wie Charlotte Roche (oder Sarah Kuttner, die neben ihm am Tisch saß
nur lachen, die auch mal eben so ein Buch schrieben.
Ich muss mir jetzt mal das Buch von Lobo und Friebe besorgen: "Wir nennen es Arbeit". Vielleicht steht da auch drin, wie man denn von seinen ganzen Projekten endlich auch leben kann. Und wenn nicht, gibt's da auf jeden Fall das Kapitel zu "Die Währung Anerkennung Respekt". Eine Bekannte meiner Mutter hat mal gesagt: "Die Sowieso, die 40 Jahre einen Beruf hatte, hat erzählt bekommen, jemand habe einen neuen Job. Da hat die gefragt: 'Wie, Job? Warum gehst du nicht richtig arbeiten?'".
Titelschutz
Hiermit beantrage ich Titelschutz für folgende Titel:
"Talent zum Unglücklichsein" - für einen Roman
"Dschalalabad" und "Mazar-i-sharif" - für eine TV-Serie, für die ich auch schon eine Idee hätte (mehrere Berufsgruppen in einer afghanischen Stadt: Ärzte und Pfleger an einem Krankenhaus, US-Soldaten auf einem Stützpunkt, vielleicht noch die afghanische Polizei; erstere flicken die Zivilisten wieder zusammen, die die Amis angeschossen haben; letztere versucht, das Ganze aufzuklären - im Grunde also Third Watch in Afghanistan, nur mit Soldaten
)

