Dienstag, März 17, 2009
Kleine Comic-Schau (I): Die amerikanischen Briten und ihre Graphic Novels
Auf besonderen Wunsch im Comicforum schreibe ich also hier mal was über Comics. Und um alle zu überraschen auch noch über amerikanische, wobei jetzt wahrscheinlich wieder die Diskussion losgeht, ob Comics, die jeweils zwei Briten für einen US-Verlag gezeichnet haben, amerikanische Comics sind oder britische. Antworten zu dieser weltbewegenden Frage finden sich hier in den Kommentaren.
Watchmen - Die Wächter (Alan Moore & Dave Gibbons): Nein, ich habe den Comic immer noch nicht komplett gelesen, und werde das in absehbarer Zeit auch nicht tun. Aber ich hab mir noch einmal den Band 4 der alten Carlsen-Ausgabe zu Gemüte geführt, der 15 Jahre unberührt in meinem Regal stand. Und ich muss sagen: Er gefiel mir wesentlich besser, als ich ihn in Erinnerung hatte, und vor allem wesentlich besser als der Film. Die Story ist ja größtenteils dieselbe. Wo diese im Film aber relativ konventionell erzählt wird, wenn auch mit vielen Rückblenden, zieht Moore doch noch die eine oder andere Metaebene ein, die im Film dann gnadenlos rausgestrichen wurden. So wirkt der Comic wesentlich komplexer. Außerdem ist die Gewaltdarstellung dort viel reduzierter. Wo Snyder immer schön mit der Kamera draufhält, werden die Morde und Massenschlägereien im Comic nur angedeutet. Auch ist die Erzählweise Moores wesentlich zurückgenommener, nicht so auf vordergründige Effekte getrimmt. Langsam verstehe ich, warum er nicht wollte, dass sein Name im Vorspann erwähnt wird (wollte er allerdings auch bei all seinen anderen Verfilmungen nicht, wobei ich "V wie Vendetta" durchaus dem Comic ebenbürtig fand): Man beachte, dass dort tatsächlich nur steht "Nach der Graphic Novel, co-created und gezeichnet von Dave Gibbons". Der hat nämlich nicht auf seinen Credit verzichtet.
Womit ich immer noch nicht warm werde, ist der Zeichenstil von Gibbons; der ist mir einfach zu konventionell. Und die Kolorierung zu quietschbunt. Das soll zwar alles Absicht sein, weil man wohl eine subversive Story im traditionellen optischen Gewand präsentieren wollte. Mir gefällt aber der Ansatz des folgenden Comics viel besser:
Batman: Arkham Asylum (Grant Morrison & Dave McKean): Noch zwei Briten, noch ein Dave. Panini Deutschland hat den 20 Jahre alten Klassiker noch einmal neu als Softcover aufgelegt. Ein Comic, den ich schon seit über 15 Jahren lesen wollte, jetzt ist er endlich zu einem angemessenen Preis erhältlich (14,95 € ). Dafür bekommt man eine der radikalsten Batman-Storys aller Zeiten, die sich im Bruch mit sämtlichen Beschränkungen des Genres und des Charakters wohl nur mit Frank Millers "The Dark Knight returns" messen lässt. Ist Millers Grafik aber relativ konventionell, ist McKean ja gerade dafür bekannt, eher Collagen zu zeichnen/basteln als Comics im herkömmlichen Sinn zu zeichnen. So ist auch hier fast jedes Bild ein eigenständiges Kunstwerk, was dem Folgen der Handlung etwas abträglich ist. Dafür wird man mit lauter abstrakten Meisterwerken entschädigt. Batman ist meist nur ein dahin gestrichelter dunkler Schatten, der Joker dafür ein detailliert gemalter Fleisch gewordener Albtraum.
Morrisons Story ist mindestens so gewagt wie die Zeichnungen: Er verwebt die Lebensgeschichte des Gründers der berüchtigten Arkham-Irrenanstalt mit einem Aufstand der Insassen in der Gegenwart. Batman kämpft in den klaustrophobischen Gemäuern gegen den Wahnsinn - den der eingesperrten Psychopathen wie Joker und Two-Face, aber auch seinen eigenen. Amadeus Arkham war ursprünglich ein Idealist, der der Geisteskrankheit Rationalität entgegensetzen wollte, verlor aber nach dem bestialischen Mord an seiner Familie selbst den Verstand. Die Fragen, die Morrison aufwirft, sind nicht wirklich neu: Ist der Geisteskranke verrückt oder reagiert er nur angemessen auf eine verrückte Gesellschaft? (Die These hat auch schon Foucault aufgestellt, glaube ich.) Kann die Psychiatrie psychisch Kranke heilen oder macht sie diese erst richtig verrückt? Und natürlich: Ist Batman nicht auch selbst ein Psychopath? Wie er diese Fragen behandelt, hat man allerdings in dieser Radikalität in einem Comic noch nie gesehen. Dabei schreckt er auch nicht vor Anspielungen auf die Rezeptionsgeschichte der Batman-Serie zurück. So unterstellt der Joker diesem mehrmals, ein verkappter Homosexueller zu sein, der eine pädophile Neigung zu Robin hat.
Ich hab ja neulich schon mal geschrieben, dass ich es viel radikaler finde, einen allseits bekannten Superhelden zu verwenden und diesen zu dekonstruieren, als eine subversive Geschichte mit neu erfundenen Superhelden zu erzählen. Man muss DC eigentlich Respekt dafür zollen, dass sie es immer wieder zugelassen haben, dass Autoren wie Morrison oder Miller ihre Mainstream-Figur Batman völlig auseinandernehmen. Bei Marvel ist mir so etwas nicht bekannt. Über "Arkham Asylum" kann ich nur sagen: Wenn schon ein radikaler Superhelden-Comic, dann auch bitte richtig radikal wie hier.
P.S.: Dave McKean hat 2005 seinen ersten langen Spielfilm gedreht, geschrieben zusammen mit seinem alten Buddy Neil "Sandman" Gaiman (noch ein Brite): "Mirror Mask". Einen Trailer gibt es hier. Und tatsächlich scheint es McKean sehr gut gelungen zu sein, seine einzigartige Optik in das Medium Film umzusetzen. (So perfekt kannte ich das bisher nur von Enki Bilal, aber das wäre ein anderes Thema.)

