Sonntag, März 29, 2009
Der meist unterschätzte Regisseur Deutschlands: Dominik Graf
Einer der ganz großen deutschen Regisseure der Gegenwart, den man durchaus in einem Atemzug mit Wim Wenders nennen kann, der allerdings wesentlich weniger Anerkennung bekommt, ist Dominik Graf. Letzteres liegt wohl daran, dass Graf hauptsächlich fürs Fernsehen arbeitet. Außerdem dreht er im Gegensatz zu Wenders, Akin oder Tykwer in erster Linie Genrefilme. Vor allem Thriller, Polizei- und Gangstergeschichten aller Art haben es ihm angetan. "Die Katze", "Die Sieger", "Der Skorpion", "Eine Stadt wird erpresst" - einige der besten TV-Thriller, die das deutsche Fernsehen je hervorgebracht hat, gehen auf seine Rechnung. Dazu kommen Meisterwerke wie "Kalter Frühling" und ambitionierte Kinofilme wie "Der Rote Kakadu". In diversen Interviews und Zeitungsartikeln (ähnlich wie früher Wenders oder Nouvelle Vague-Filmemacher wie Truffaut und Godard schreibt auch Graf gerne über Filme, u.a. in der FAZ) hat er immer wieder betont, dass ihn Kunstfilme eigentlich nicht interessieren, dass er das Genrekino liebt. Mit diesen Filmen ist er aufgewachsen (vor allem natürlich mit amerikanischen Thrillern und Gangsterfilmen). In diesem Segment hat auch er selbst eine Nische gefunden. Eine, die sonst kaum ein ernstzunehmender deutscher Regisseur in dieser Regelmäßigkeit und Qualität bedient. Gerade die klaren Regeln des Genrefilms faszinieren ihn, bieten sie doch die Möglichkeit innerhalb der vorgegebenen Grenzen ungewöhnliche Figuren und Geschichten zu präsentieren, Dialoge, die der Zuschauer nicht erwartet, stilistische Mittel, die er von der genretypischen Ästhetik her nicht gewohnt ist. Es scheinen diese kleinen Grenzverschiebungen zu sein, an denen Graf die größte Freude empfindet.
Da kann es vorkommen, dass in dem Zuhälterdrama "Hotte im Paradies" eine Hure anfängt, während einer Fahrt im Porsche-Cabrio melancholisch herum zu philosphieren: "Irgendwie find ich das komisch, 'n Mensch zu sein. Manchmal versteh ich das Leben nicht, einfach zu viel von allem." Da können mitten in einem Polizeithriller plötzlich psychedelische Drogenerfahrungen visualisiert werden wie in "Der Skorpion", und ein konventionell beginnender Kriminalfilm wie "Eine Stadt wird erpresst" kann sich langsam zu einer gesellschaftpolitischen Auseinandersetzung mit der Abwicklung der DDR-Wirtschaft entwickeln. Wenig ist in Grafs Filmen so, wie es auf den ersten Blick scheint, die wirklich interessanten Themen liegen immer unter der Oberfläche der Geschichte. Ein großer Verdienst des Regisseurs ist es, dass seine Filme trotzdem fast nie gekünstelt oder anstrengend wirken, sondern meistens auch als Unterhaltungsfilme wunderbar funktionieren. Dazu ist er viel zu sehr Handwerker, mit jahrzehntelanger Erfahrung, vom "Fahnder" in der 80ern bis zu "Tatort"-Klassikern mit Schimanski und Batic/Leitmeyer ("Frau Bu lacht" ). Gerade dreht Graf in Berlin seine erste eigene Krimiserie "Im Angesicht des Verbrechens". Man kann davon gar nicht genug erwarten.
"Die Katze" war Grafs erster großer Kinoerfolg, schon längst ein moderner Klassiker. Götz George will mit der Hilfe seiner Geliebten, Gudrun Landgrebe, die mit einem Bankdirektor verheiratet ist, dessen Bankfiliale überfallen. Aber natürlich geht alles schief und die Femme Fatale spielt ein doppeltes Spiel. Selten hat es einen so guten Thriller in deutscher Sprache gegeben. Ähnliches kann man auch über "Die Sieger" sagen: Herbert Knaup als Chef einer Spezialtruppe der Polizei, Verrat in den eigenen Reihen, aufwändige Actionszenen in den Alpen. Am Ende ist die Truppe dezimimiert, Freunde sind zu Feinden geworden, einige mussten mit ihrem Leben bezahlen. Eine große Tragödie im Gewand eines Action-Thrillers. Leider floppte der Film an den Kinokassen; es sollte acht Jahre dauern, bis Graf mit dem experimentellen "Der Felsen" wieder einen Kinofilm drehen konnte. In "Der Skorpion" schaffte er es, eine Krimihandlung mit einem Vater-Sohn-Konflikt und der ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen einem Polizistensohn und einer Pornodarstellerin zu verbinden.
In "Eine Stadt wird erpresst" brechen alte Ost-West-Konflikte wieder auf, als ein ostdeutscher Kommissar ein ganzes Dorf verdächtigt, die Stadt Leipzig mit Bombenattentaten erpresst zu haben. Der West-Vorgesetzte wirft ihm vor, noch immer die falsche politische Gesinnung zu haben, ebenso wie ein Einwohner des ehemaligen DDR-Dorfes, der ihn dafür verantwortlich macht, vor der Wende den Mann, der seine Tochter getötet hat, aus politischen Gründen unbestraft gelassen zu haben. Die Dorfbewohner fühlen sich vom neuen Staat übervorteilt und vergessen, nachdem der Braunkohleabbau gestoppt wurde. So wird die kriminelle Tat zur kollektiven Auflehnung gegen ein als ungerecht empfundenes Regime. Alte Feinde erkennen, dass sie mehr miteinander gemein haben, als sie dachten. Aber das Gesetz des Genres erfordert auch, dass nur einer von beiden überleben kann. Solche Storys werden sonst nur in den USA verfilmt, dort aber meistens ohne den gesellschaftspolitischen Hintergrund.
Wie in anderen Filmen Grafs sind Gut und Böse auch hier nicht eindeutig bestimmbar. So wie der Lude Hotte auch nur ein wenig Glück sucht, so wie die Kommissare im "Skorpion" oder in den "Siegern" zwischen ihren Ehefrauen und ihren Geliebten schwanken, so wie Jessica Schwarz in "Kalter Frühling" ein perfides Spiel betreibt und doch nur ihr Stück vom Kuchen abhaben will. Gerne arbeitet Graf mit denselben Schauspielern zusammen: Herbert Knaup, Heinz Hoenig, Matthias Schweighöfer, Jessica Schwarz. Sein neuer Lieblingsschauspieler scheint seit einigen Jahren aber Misel Maticevic zu sein. Aber auch typische Fernsehschauspieler wie Heiner Lauterbach oder Elmar Wepper blühen unter seiner Regie regelrecht auf, wohl weil er in ihnen etwas entdeckt, was die 08/15-Regisseure der TV-Filme und Serien nicht entdecken, in denen sie sonst so auftauchen.
Einmal hat Graf sich für ein seelenloses Mainstreamprojekt hergegeben: den Trio-Film "Drei gegen Drei". Danach hat er aus diesem künstlerischen (und wirtschaftlichen) Desaster gelernt und nur noch Filme gedreht, hinter denen er stehen konnte. Auch wenn die meisten davon sich in der Nische TV-Film, oft in der Schublade TV-Thriller/-Krimi befanden: Selten hat jemand aus einer Nische heraus ein so vielschichtiges, schillerndes Gesamtwerk aufgebaut.
