Dienstag, März 31, 2009

Zwischen David Lynch und John Steinbeck: "Carnivàle"


Ronald D. Moore ist kurz davor, John Wells als meinen Lieblings-Showrunner/Executive Producer abzulösen. Dass er vor BSG an DS9 beteiligt war, hatte mir Prospero schon mal erzählt. Er schrieb aber auch die Drehbücher zu den Star Trek-Filmen 7 und 8, "Generations" und "First Contact", sicherlich nicht die schlechtesten Trek-Kinoabenteuer. Und dann war da noch "Carnivàle", eine HBO-Serie von 2003-2005, die wohl nie den Weg auf deutsche Fernsehschirme finden wird. Auch auf DVD gibt es sie bei uns noch nicht. Dabei gehört sie zu den innovativsten und interessantesten neuen Serien der letzten Jahre.

Wer "Twin Peaks" mochte, wird "Carnivàle" lieben. Nicht nur, weil der rückwärts sprechende Zwerg aus Lynchs Serienklassiker hier endlich einmal eine Serienhauptrolle spielen darf (hätte ich auch nicht gedacht, noch weniger, als ich gedacht hätte, dass Edward James Elmos jemals eine Serienhauptrolle bekommen würde), nicht nur, dass es viele Mystery-Elemente und dunkle Geheimnisse gibt. Auch das Figurenensemble erinnert stark an die Einwohnerschaft der Kleinstadt, in der das Grauen schlummerte. Irgendwie hat hier jeder eine Macke, aber trotzdem bilden sie in ihrer Gesamtheit sowas wie eine sympathische Großfamilie. Ähnlich wie andere HBO-Serien wie "Sopranos" oder "The Wire" ist auch "Carnivàle" eine Ensembleserie. Hier ist das Ensemble aber deutlich bei "Freaks" entlehnt: die Belegschaft eines Wanderzirkus' besteht u.a. aus einem blinden Hellseher, einer im Wachkoma liegenden Telepathin, einer bärtigen Frau und - man glaubt es nicht: in einer US-TV-Serie - siamesischen Zwillingen. Auf ihrer Rundreise durch das staubige Oklahoma der 1930er Jahre stoßen die Schausteller auf einen entflohenen Häftling, einen 18-Jährigen mit übernatürlichen Fähigkeiten, der das neueste Mitglied der bunten Truppe wird. Aber es scheint noch etwas anderes Geheimnisvolles dran zu sein an diesem jungen Mann: Immer wieder wird er von sich wiederholenden Albträumen heimgesucht, die im (Ersten) Weltkrieg spielen und in denen er einem Mann begegnet, der in der Gegenwart weit entfernt in Kalifornien lebt: dem Priester Bruder Justin.

Dieser glaubt eines Tages, Gott persönlich hätte zu ihm gesprochen, was zum Beginn einer religiösen Odysee für ihn wird - und ihn in zunehmenden Fanatismus stürzt. Irgendwann wird es zu einem Kampf zwischen Gut und Böse kommen, wie der Zwerg Samson - der eh immer mehr zu wissen scheint als alle Anderen - bereits zu Beginn der ersten Folge in einem Prolog erzählt. Nur wer nun eigentlich in diesem Kampf das Gute und wer das Böse verkörpern wird, der Häftling oder der Priester, das ist alles Andere als klar.

Visuell gehört "Carnivàle" zum Besten, was ich je in einer TV-Serie gesehen habe. Die Bildgestaltung - leider gibt es kein adäquates deutsches Wort für photography - ist einem Kinofilm absolut ebenbürtig. Erzählerisch ist die Serie typisch HBO, d.h. laaaangsam. Trotzdem wird sie nie langweilig, dazu sind die Charaktere zu skurril, die Handlungswendungen zu absurd und dramatisch, die Dialoge zu gut. Und die Schauspieler zu erstklassig: Nick Stahl beweist als Häftling Ben Hawkins, wie unterfordert er in "Terminator 3" wirklich war, Clancy Brown, der den Bruder Justin spielt, fand ich schon in "Earth 2" hervorragend, wobei er hier eine wesentlich größere Bandbreite zeigen darf, Clea DuVall, deren Gesicht man aus vielen Serien- und Filmrollen kennt (u.a. spielt sie eine FBI-Agentin in "Heroes" ), wenn auch nicht ihren Namen, ist als Sofie einfach süß und Michael J. Anderson als Samson ist - nun, er ist einfach unbeschreiblich.

Das Milieu, in dem "Carnivàle" spielt, dürfte eines der ungewöhnlichsten der Seriengeschichte sein. Ein Wanderzirkus zur Zeit der Depression, darauf muss man auch erst mal kommen. (Ein Zirkus ist das Ganze gar nicht, sondern eher eine fahrende Kirmes, also eine, wo alle Schausteller zusammen reisen. Gibt es dafür ein angemessenes deutsches Wort?) Die Skurrilität der "abnormen" Schausteller und ihrer magisch-mystischen Welt wird kontrastiert durch die harte soziale Realität der Armen und Hungernden, der Arbeitslosen und Tagelöhner, die teilweise aus anderen Staaten nach Oklahoma kommen, auf der Suche nach einer Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber damals wie heute waren Arme eher ungern gesehen. In diesen Szenen fühlt man sich unweigerlich an John Steinbecks Romane erinnert, an "Früchte des Zorns" vor allem. Und dann ist da noch die Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus - was für eineThemenvielfalt. Leider endet das ganze nach zwei Staffeln und 24 Folgen - und anscheinend mit einem Cliffhanger (scheint Clancy Browns Schicksal zu sein, immer in Serien mit unaufgelösten Cliffhangern zu spielen). HBO war zwar mal wieder sehr mutig, aber das Publikum goutiert das leider nicht immer. Ohne die US-Pay TV-Sender hätte es ein solches Kleinod allerdings nie gegeben.

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Der derangierte Hollywood-Star: Jeff Bridges

Ich bin mir ziemlich sicher, hier schon mal was über Jeff Bridges geschrieben zu haben (kann mich auch erinnern, dass Olsen damals einen Kommentar geschrieben hatte), kann aber keinen Artikel finden. Vielleicht war's auch im alten Blog. Nachdem ich am Sonntag beim arte-Themenabend Monster nach 20 Jahren noch mal das Ende vom 1976er "King Kong" gesehen habe, wurde mir wieder bewusst, auf was für eine beeindruckende Filmographie der Mann eigentlich zurückblicken kann. Vieles davon hat ja man ja schon fast vergessen. Das "King Kong"-Remake bspw. ist damals glaube ich total gefloppt. Ich verstehe nicht ganz warum. Der Film ist im Großen und Ganzen besser als der Peter Jackson-Film (jedenfalls die halbe Stunde, die ich jetzt noch mal gesehen habe): keine seelenlosen CGI-Schlachten, sondern ein Riesenaffe, mit dem man mitfühlen kann (das muss man erst mal schaffen, dass man mit einem Monster mitfühlt, das noch dazu von einem Typen in einem Affenkostüm gespielt wird), Drama statt Special Effect-Orgien (bei Jackson wird ja praktisch die ganze letzte halbe Stunde gar nicht mehr gesprochen, sondern nur noch Häuser zertrümmert und rumgeballert) und Jeff Bridges und Jessica Lange haben einfach mehr Ausstrahlung als Brody und Watts, sorry.

Bridges stand damals noch relativ am Anfang seiner Karriere. Von den Filmen davor kenne ich nur "Die letzte Vorstellung", ein Klassiker von Peter Bogdanovich (mit Cybill Sheperd in ihrem Leinwanddebüt!) und "Thunderbolt and Lightfoot", eine Gangstergeschichte mit Clint Eastwood (und einer meiner liebsten Sterbeszenen, wenn Bridges am Schluss im Cabrio die Löffel abgibt - mit einem Grinsen auf dem Gesicht). Im Grunde hatte Bridges zwei Hochphasen in seiner Karriere: Die erste so von 1982 bis 1984, mit "Tron", "Starman" und "Against all Odds" (eher kommerziellen Filmen), die zweite von 1989 bis 1993, wo er etwa fünf Top-Filme hintereinander drehte, angefangen mit "Die fabelhaften Baker Boys", über "König der Fischer" bis "Fearless", einem völlig unterschätzten Meisterwerk von Peter Weir, das bei jedem Anschauen noch besser wird. (Kurioserweise spielte er in dieser Zeit in drei von vier aufeinander folgenden Filmen eine Figur namens Jack.) Danach kam noch der unvergessene "Big Lebowski". Dann begab sich die Karriere langsam auf den absteigenden Ast. Über Mittelmaß kam sie danach nicht mehr wirklich hinaus.

Warum hat Bridges nie den Sprung in die A-Liga geschafft? Oder hat er vielleicht doch? Gut, er spielte Hauptrollen in einigen Blockbustern ("White Squall", "Iron Man" ), aber ein Harrison Ford oder Bruce Willis ist er nie geworden. Obwohl er ein wesentlich besserer Schauspieler ist. Vielleicht war er immer eine Spur zu schräg für den ganz großen Mainstream-Erfolg. Es waren immer die etwas derangiert wirkenden Typen, die ihn angezogen haben: der Pianist, der mit seinem erfolgorientierten Bruder durch die Nachtclubs tingeln muss, obwohl sein Herz eigentlich dem anspruchsvollen Jazz gehört, der Yuppie-Radio-DJ, der völlig abstürzt und sich langsam wieder hoch arbeiten muss, der Architekt und Familienvater, der nach einem Flugzeugabsturz aus seinem geregelten Leben herausfällt. Bridges sah zu seiner Blütezeit auch ziemlich gut aus, wirkte smart und sexy. Aber da war auch immer so eine Spur von Melancholie, von Weltfremdheit, von Abseitigkeit. Eine Spur von Verlierer. Bridges war meist der Außenseiter, der zwischen bürgerlicher Fassade und Sturz in den Abgrund pendelte, der eben noch obenauf und in der nächsten Szene schon ganz unten angekommen sein konnte.

Dieses Jahr wird Jeff Bridges 60 Jahre alt. Eine lange Zeit ist vergangen, seit er in der "Last Picture Show" den jugendlichen Träumer gab. Was für eine Karriere.

Nachtrag: Der alte Artikel über Bridges war tatsächlich in meinem ersten, sich inzwischen nicht mehr im Netz befindlichen Blog (myblog hat glaube ich pleite gemacht?). Und zufälligerweise hat die waybackmachine genau in der Woche meine damalige Seite gecrawlt, als der Artikel auf der Startseite stand. Zum Vergleich: Here it is. (Tja, da hab ich doch damals teilweise mit anderen Worten schon genau dasselbe gesagt wie letzte Woche.)

Ein unterschätzter Schauspieler ist Jeff Bridges, der gestern in "K-Pax" zu sehen war. Der Film selbst ist eher durchschnittlcih, wenn auch nett anzusehen. Gerettet wird er vor allem durch Kevin Spacey, der sowieso fast immer genial ist, und eben durch Bridges, um den es in den letzten Jahren ruhig geworden ist. Ende der 80er, Anfang der 90er hat er in einigen wirklich bemerkenswerten Filmen die Hauptrollen gespielt: "Die fabelhaften Baker Boys", "König der Fischer" und, ebenfalls völlig unterschätzt, "Fearless", ein Film, der mit jedem Ansehen besser wird. Aber auch als ganz junger Mann hatte er schon tolle Rollen, in Bogdanovichs "Last Picture Show" natürlich und in "Thunderbolt und Lightfoot" an der Seite von Clint Eastwood (wo er eine der skurrilsten Sterbeszenen gibt, die ich kenne). Irgendwie wirkt Bridges meistens ein bisschen neben der Spur, so als wäre er mit seinen Gedanken ganz woanders. Seine Figuren sind meist Außenseiter oder Typen, die durch irgendwelche traumatischen Erlebnisse aus der Bahn geworfen wurden. Dafür ist er die Idealbesetzung. Zum ganz großen Star hat's irgendwie nie gereicht. In den vergangenen Jahren taucht er dann in solchen Schmonzetten wie "Seabiscuit" oder eben "K-Pax" auf, die aus den typischen Zutaten gemixt sind, die der Oscar Academy immer so gut gefallen. Schade eigentlich.
geschrieben von herrhase ( Medien ) :: Kommentare (2) :: Permalink :: Trackbacks (0)