Donnerstag, Juli 30, 2009
Die ARGE (XVI)
Das private Beratungsinstitut hatte früher zu einem großen Industrieunternehmen gehört und sollte nun Arbeitslosen helfen, einen Job zu finden. Beim ersten Termin dort empfing mich ein mittelalter Mann, Typ Sozialarbeiter. Er fragte mich zunächst nach meinen beruflichen Wünschen. Beim nächsten Termin sollte ich meine Bewerbungsunterlagen als Datei mitbringen, damit er diese für mich an potentielle Arbeitgeber verschicken könnte. Außerdem sollte ich ihm eine Liste meiner laufenden Bewerbungen geben, um Doppelbewerbungen zu vermeiden. Zum zweiten Termin brachte ich beides mit, wunderte mich aber, dass der Berater gar nicht mehr danach fragte. „Beim nächsten Mal sprechen Sie dann mit meiner Kollegin, die kennt sich mit PR ganz gut aus, vielleicht fällt der was ein, wo sie sich bewerben könnten.“ – „Äh, ich habe Ihnen noch meine Bewerbungsunterlagen und die Liste der offenen Bewerbungen mitgebracht.“ – „Ah ja, schön. Die brauchen wir.“
Die Kollegin, mit der ich beim nächsten Mal sprach, war zwar freundlich, kannte aber im Grunde auch keine journalistischen Arbeitgeber. Stattdessen meinte sie, sie mache ihren Job auch nur so zum Übergang, weil sie eigentlich lieber im PR-Bereich arbeiten wollte. Eine weitere Einladung bekam ich von dem Institut nicht. Nach einigen Wochen rief ich dort an, um zu fragen, ob ihnen denn irgendetwas eingefallen wäre, was mir weiter helfen könnte. Ich erfuhr, dass die Beraterin, mit der ich beim letzten Besuch gesprochen hatte, gar nicht mehr dort arbeitete. Ihre Nachfolgerin hatte auch keine konkrete Idee, wollte sich aber wieder bei mir melden, wenn ihr etwas eingefallen war.
Ich hörte nie wieder etwas von ihr oder ihren Kollegen. Die vier Monate verstrichen, ohne dass ich auch nur einen konkreten Vorschlag bekommen hätte. Im Grunde war das wieder einmal so eine Aktion, bei der einem als Arbeitslosen Hoffnung vorgegaukelt wurde, ohne dass einem wirklich konkret geholfen wurde. Aber Arbeitslose, die von privaten Vermittlern betreut werden, gelten ja als Teilnehmer an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, und werden deshalb nicht in der Statistik geführt. Also war ich in diesen vier Monaten wahrscheinlich offiziell gar nicht arbeitslos gewesen.
Fortsetzung folgt
Mittwoch, Juli 29, 2009
Die ARGE (XV)
Eigentlich sollte man denken, dass die Verwaltungsverfahren bei allen ARGEn in Deutschland eingermaßen einheitlich sind, dass man also in jeder Stadt ungefähr das Gleiche tun muss, um seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II geltend zu machen. Tja, so naiv war ich tatsächlich, als ich mich am 1. April bei der ARGE Düsseldorf-Mitte meldete. Vielleicht war aber auch das Datum schlecht gewählt, und die Mitarbeiter hielten das Ganze für einen Scherz. „Sie können sich nur zwischen acht und neun Uhr bei uns neu anmelden“, teilte mir die Frau am Empfang mit, natürlich erst, nachdem ich eine Stunde gewartet hatte, „da müssen Sie morgen Früh wiederkommen.“
Auf meine Erklärung hin, ich hätte bis Ende Februar in Mainz Alg II bezogen und sei dann, weil mein Studium schon seit einem halben Jahr zuende sei, in meine Heimatstadt zurück gezogen, fragte sie erst einmal: „Haben Sie denn eine Notwendigkeitsbescheinigung der Mainzer ARGE?“ Eine was? War das grundgesetzlich garantierte Recht auf Freizügigkeit inzwischen abgeschafft worden, ohne dass ich es mitbekommen hatte? Ich hatte natürlich in Mainz nicht nach einer Zustimmung der ARGE zu meinem Umzug gefragt, da ich ja davon ausgegangen war, mich danach gar nicht mehr arbeitslos melden zu müssen. Außerdem lag die Miete meiner neuen Wohnung unterhalb der Grenze, bis zu der die ARGEn sie bei Hartz IV-Empfängern übernehmen müssen. Auch die Größe der Wohnung lag deutlich unter dem, was einem Arbeitslosen zugestanden wurde.
Zum Glück fragte dann auch niemand mehr nach dieser ominösen Notwendigkeitsbescheinigung – für was genau sollte mein Umzug eigentlich notwendig gewesen sein: für meinen Seelenfrieden? -, als ich am nächsten Tag endlich meinen Antrag stellen konnte. Nach meinem beruflichen Werdegang, meiner Ausbildung oder dazu, was ich eigentlich beruflich machen wollte, hat allerdings auch kein Mensch gefragt. Stattdessen bekam ich eine Infobroschüre eines privaten Beratungsinstitus in die Hand gedrückt, und in der Eingliederungsvereinbarung wurde festgelegt, dass ich etwa alle zwei Wochen auf Einladung hin, zu Beratungsgesprächen dorthin fahren müsste. Das Institut sollte mir helfen, innerhalb von vier Monaten einen Job zu finden. Anscheinend sah sich die ARGE damit auch schon der Verantwortung enthoben, sich selbst um meine berufliche Eingliederung bemühen zu müssen. Jedenfalls bekam ich nie einen Termin bei einem Arbeitsvermittler oder „persönlichen Ansprechpartner“. Damals nicht, in den folgenden Monaten nicht, und bis heute, ein Jahr später, nicht. Soviel zum Aspekt des Förderns beim viel strapazierten Motto des „Förderns und Forderns“.
Fortsetzung folgt
Montag, Juli 27, 2009
Das Ende zweier HBO-Serien
Gestern habe ich die jeweils letzten Folgen zweier HBO-Serien gesehen: Carnivàle und Rome. Erstere konnte mit der zweiten Staffel leider die Erwartungen nicht so ganz erfüllen, die sie mit der ersten geweckt hat. In der ersten wurde eine geheimnisvolle Mythologie aufgebaut, die in der zweiten nicht zufriedenstellend aufgelöst wird. Man könnte auch, etwas zugespitzt, sagen: Es wird ein großes Brimborium aufgebaut, das dann mehr oder weniger im Sande verläuft. Die letzte Folge endet irgendwie unbefriedigend, mMn ohne dass wirklich etwas erklärt wurde. Man kann sich natürlich auf der DVD das Feature angucken, in dem die Autoren einiges der Hintergrundstory erläutern. Oder man kann sich im Internet auf die Suche nach der Mythologie der Serie machen. Ich finde so etwas immer unbefriedigend, wenn sich eine Serie oder ein Film nicht durch bloßes Anschauen verstehen lässt.
Auch sonst fand ich die zweite Staffel insgesamt schwächer als die erste. Vieles wiederholt sich, einige der interessantesten Fragen sind bereits geklärt - allen voran die, wer nun eigentlich das Böse und wer das Gute verkörpert -, und der Reiz der ungewöhnlichen Kulisse ist auch verflogen. Ursprünglich sollte Carnivàle über sechs Staffeln gehen, HBO setzte sie aber nach zweien ab. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht, denn ob die Serie das sehr hohe Niveau der ersten Staffel je wieder erreicht hätte, scheint mir doch eher ungewiss.
Bei Rome hatte ich eigentlich von der zweiten Staffel nicht mehr allzu viel erwartet, weil ich dachte, das Sujet Römisches Reich wäre mit Cäsars Tod am Ende der ersten ausgeschöpft. Tatsächlich gab es aber doch wieder einige starke Folgen, in denen die Hauptfiguren wegsterben wie die Fliegen. Die Todesrate im regular cast dürfte hier noch höher sein als in der letzten Staffel von BSG. Die beiden letzten Folgen gehören bei Rome zu den besten der Serie. Die Intrigen von Oktavian und Kleopatra, die zu Mark Antons Selbstmord führen, sind meisterhaft inszeniert; am Ende kann man richtig mit Antonius und Kleopatra, die schließlich doch noch in den Tod gehen muss, mitleiden.
Auch das Schicksal von Oktavians Mutter, die die ganze Serie über Intrigen gesponnen hat, um den Ruhm ihrer Familie zu sichern, und die schließlich im Moment des größten Triumphes ihres Sohnes wegen der enttäuschten Liebe zu Mark Anton längst innerlich abgestumpft ist, überzeugt. Und natürlich ist die Männerfreundschaft zwischen den beiden Soldaten Vorenus und Pullo bis zum Ende bewegend. Alle Charakterentwicklungen werden zu einem überzeugenden Ende geführt. Und das Faszinierendste ist, dass sich das Meiste davon wirklich so oder zumindest so ähnlich zugetragen hat. Gegen das alte Rom waren die Intrigen in Dallas tatsächlich nur Kindergartenstreiche.
Samstag, Juli 25, 2009
Die ARGE (XIV)
Im Februar entschloss ich mich, nachdem meine bisherige Arbeitssuche vergeblich geblieben war, und nach einigem Hin und Her, wo ich denn in Zukunft wohnen wollte, zurück nach Düsseldorf zu ziehen. Mit Mainz war ich nie so richtig warm geworden, die ganze Stadt war mir einfach zu provinziell. Düsseldorf ist zwar auch keine Metropole, zumindest hat man dort aber das Gefühl, in einer Großstadt zu leben. Eine einigermaßen bezahlbare Wohnung in meiner alten Heimatstadt hatte ich relativ einfach gefunden, und so fand ich mich im März in einer Ein-Zimmer-Wohnung wieder, in dem gleichen Stadtteil, aus dem ich gut zwei Jahre vorher nach Mainz gezogen war. Ursprünglich hatte ich gehofft, nun auch über die Runden zu kommen, ohne mich wiederum bei der örtlichen ARGE melden zu müssen. Ich konnte nämlich bei der Lokalredaktion einer großen örtlichen Tageszeitung als freier Mitarbeiter anfangen. Dass ich dort nicht üppig verdienen würde, war mir zwar klar, da die üblichen Zeilenhonorare bei lokalen Tageszeitungen selten über 50 Cent liegen. Dennoch war ich guter Hoffnung, dass mein Einkommen zumindest das Hartz IV-Niveau erreichen würde und ich somit auf die Unterstützung der ARGE verzichten könnte.
Tatsächlich schrieb ich dann aber für eine Stadtteilausgabe, bei der das Zeilenhonorar nur etwa die Hälfte von dem betrug, was ich erwartet hatte. Am Monatsende bekam ich für etwa drei bis vier Artikel, die ich pro Woche schrieb, um die 250 Euro überwiesen. Damit war klar, dass mir ein erneuter Gang zur ARGE nicht erspart bleiben würde. Hätte ich, als ich noch in Mainz wohnte, geahnt, was mich in den Gängen der Düsseldorfer ARGE für kafkaeske Situationen erwarten würden, ich wäre vermutlich nie weggezogen, jedenfalls nicht nach Düsseldorf.
Fortsetzung folgt
Freitag, Juli 24, 2009
Die ARGE (XIII)
Nach zwei Jahren ging mein Aufbaustudium zuende. Da ich während dieser Zeit zwar drei Praktika absolviert und einen Nebenjob in einer renommierten Internet-Redaktion gehabt hatte, die Kontakte aber leider nicht gereicht hatten, für die Zeit nach Studienende auch einen festen Job angeboten zu bekommen, fand ich mich Ende September 2007 erneut in der ARGE wieder. In Mainz hieß diese allerdings „Jobcenter für Arbeitsmarktintegration“. Ein bisschen spröde zwar, auch irgendwie tautologisch (Was soll ein Jobcenter wohl anderes tun, als jemanden in den Arbeitsmarkt zu integrieren?), aber immerhin schon mal besser als ARGE. Über die Arbeit der Mainzer Behörde kann ich dann auch kaum etwas Negatives sagen. Gut, ich musste gegen den Bescheid, den ich recht zügig bekam, erst einmal Widerspruch einlegen, weil man ein Nebeneinkommen doppelt angerechnet hatte und nicht berücksichtigt hatte, dass ich den Nebenjob in der Internet-Redaktion gar nicht mehr hatte. Aber ansonsten lief alles mehr oder weniger reibungslos. Ich bekam sogar nach etwa sechs Wochen einen Termin bei meiner „persönlichen Ansprechpartnerin“, wie sich die Arbeitsvermittler hier wohl inzwischen nannten.
Dabei kam es allerdings doch zu einem recht merkwürdigen Dialog. Als die Dame in ihren Computer schaute, entdeckte sie natürlich auch, dass ich früher selbst einmal bei der Arbeitsverwaltung gearbeitet hatte. „Ja, ich habe damals eine Ausbildung bei der Bundesanstalt für Arbeit gemacht“, erklärte ich ihr, „ich weiß gar nicht, ob es diesen Ausbildungsberuf eigentlich noch gibt, die haben ja alles geändert da.“ Daraufhin erwiderte sie: „Keine Ahnung, interessiert mich nicht, wie das bei denen abläuft. Ich bin ja Angestellte bei der Stadt Mainz, mit der BA habe ich nichts zu tun.“ Und das, obwohl sie im Jobcenter Tür an Tür mit Angestellten der BA saß und täglich mit diesen zusammen arbeitete. Spricht man da unter Kollegen nicht auch mal über so etwas wie Arbeitsverträge oder behördeninterne Ausbildungen, also fragt man nicht etwa mal eine Kollegin: „Wie nennt sich eigentlich die Ausbildung, die du machen musstest?“? Anscheinend nicht. Ein Zeichen dafür, dass die ARGEn von Anfang an eine Fehlkonstruktion waren, eine Mischverwaltung, in der zwei Behördenkulturen aufeinandertreffen, die nicht kompatibel zu sein scheinen. Tatsächlich sind diese Institutionen mehr mit sich selbst, mit ihrer eigenen Organisation und Zuständigkeitsrangeleien zwischen den beiden Trägern beschäftigt als mit der Beratung und Vermittlung ihrer Klienten.
Fortsetzung folgt
Mittwoch, Juli 22, 2009
Ein Film zum Nachdenken oder zum Gehirn abschalten? Darren Aronofskys "The Fountain"
Bisher dachte ich, "The Fountain" wäre ein auf hohem Niveau gescheiterter Film, den man am besten genießen könnte, wenn man sich dem Rausch der Bilder hingibt, ohne nach einem Sinn in der Handlung zu suchen. Nachdem ich den Film jetzt noch mal nüchtern gesehen habe (damals im Kino hatten wir den Fehler gemacht, vorher Rotwein zu trinken) und danach im Diskussionsforum der imdb verschiedene Interpretationsansätze gelesen habe, muss ich meine Meinung widerrufen: "The Fountain" sieht nicht nur gut aus, sondern kann tatsächlich sinnvoll interpretiert werden.
Aronofsky erzählt die Geschichte einer großen Liebe auf drei Zeitebenen, die insgesamt 1000 Jahre überspannen: Im Mittelalter sucht der spanische Conquistador Tomas im Auftrag der Königin im südamerikanischen Dschungel nach einem Baum, der ewiges Leben spendet. In der Gegenwart versucht der Forscher Thomas mit Tierversuchen, ein Mittel gegen den Tumor seiner Frau Izzy zu finden, aber die Zeit läuft ihm davon. 500 Jahre in der Zukunft steigt Tom in einer Blase mit dem Baum des Lebens zu einem Sternennebel auf, der ebenfalls ewiges Leben verspricht. Diese drei Zeitebenen vermischen sich immer wieder, Elemente der einen Zeit begegnen uns in den anderen wieder.
Die historische Handlung entspringt einem Roman, den die sterbende Izzy schreibt, sie legt die Grundlagen für den Mythos vom Leben spendenden Baum. Die Gegenwartshandlung ist am bewegendsten (und am verständlichsten). In beiden Handlungen scheitert Tomas/Thomas letztlich daran, den Tod zu verhindern. Erst 500 Jahre nachdem er den Tod seiner geliebten Frau mitansehen musste, bekommt er eine zweite Chance...
Insbesondere die Zukunftsebene entzieht sich einer eindeutigen Interpretation. Ist das Ganze nur ein Traum oder eine unterbewusste Verarbeitung des Gegenwarts-Thomas? Wird dieser in der Zukunft wiedergeboren? Oder hat er doch das Geheimnis des ewigen Lebens lösen können und mit Hilfe des Baumes 500 Jahre überlebt? Letztere Erklärung scheint am logischsten, und nur dann macht auch der Rest der Zukunfts-Handlung wirklich Sinn: Der Baum entspringt dem Samen, den Thomas auf Izzys Grab gepflanzt hat, er verkörpert für ihn seine tote Frau. Sein Ziel ist es, den sterbenden Baum zu retten, um das Versagen im Kampf um das Leben Izzys 500 Jahre vorher wieder gut zu machen.
Der Film schneidet viele interessante mythologische Ideen im Zusammenhang mit den Themen Leben/Geburt und Tod an und stellt letztlich die Frage, was sinnvoller ist: möglichst lange zu leben oder die Zeit, die man hat, auszukosten. Während die totgeweihte Izzy akzeptiert hat, dass ihr nur noch wenig Zeit bleibt, und sie diese nutzen will, um z.B. den ersten Schneefall zu genießen, ist Thomas von der Idee besessen, der Tod sei nur eine Krankheit, die man heilen könne wie alle anderen. Ähnlich wie sein Meisterwerk "Requiem for a Dream" ist auch dieser Aronofsky-Film visuell brilliant und rasant geschnitten. Insbesondere die Zukunftsszenen wirken nicht wie billige CGI-Effekte, sondern wie Gemälde. Dazu kommt wieder die eindrückliche Musik des Kronos Quartetts.
"The Fountain" ist kein Film, der es seinen Zuschauern einfach macht, eher einer, den man mehrmals sehen muss, um hinter die Handlung und seine Aussage zu kommen. Aber es lohnt sich.Die ARGE (XII)
Nach diesen ernüchternden Erfahrungen mit der Kompetenz „professioneller“ Arbeitsmarktexperten war mir klar geworden, dass ich mich schnellstmöglich nach einer echten Alternative umsehen musste, wenn ich nicht auf absehbare Zeit tatsächlich in einem Ein-Euro-Job enden wollte. Diese Alternative konnte aber auch nicht darin bestehen, nun Altenheime anzurufen, ob sie mich nicht als ungelernten, überqualifizierten Hilfspfleger beschäftigen wollten. Nein, ich musste mich beruflich noch einmal genz neu orientieren.
Bei der Internetrecherche stieß ich auf verschiedene Möglichkeiten einer journalistischen Zusatzausbildung. Den meisten Erfolg versprach ich mir von einem zweijährigen Aufbaustudium, jedenfalls schien mir das eine bessere Qualifikation zu sein als eine neunmonatige Fortbildung bei einem ominösen privaten Maßnahmeträger. So bewarb ich mich im Sommer an zwei Universitäten: in Stuttgart-Hohenheim und in Mainz. Von der Uni Hohenheim bekam ich schon wenig später meine Unterlagen zurückgeschickt. Leider könnte ich im Auswahlverfahren nicht mehr berücksichtigt werden, teilte man mir mit, da die Bewerbungsfrist schon abgelaufen sei. Während in der Datenbank der Bundesagentur für Aus- und Weiterbildungen als Fristende der 31. Juli gestanden hatte, war dieses tatsächlich schon einen Monat vorher verstrichen. Verlässt man sich auf die BA, ist man verlassen.
Aber ich hatte mich, nach einigem Zögern, auch noch in Mainz beworben, wo zwar im Gegensatz zu Hohenheim gerade Studiengebühren für das Aufbaustudium eingeführt worden waren, dafür das Auswahlverfahren aber wesentlich erfolgversprechender schien. Musste man in Baden-Württemberg nicht nur überdurchschnittlich gute Noten vorweisen, sondern auch noch möglichst viele journalistische Erfahrungen – die ich nicht hatte -, gab es in Mainz einen Eignungstest. Bisherige Kenntnisse spielten dabei keine Rolle. Obwohl ich es nach dem zweitägigen Test nie geglaubt hätte, war ich tatsächlich einer der knapp 20 Auserwählten, die eine Zulassung bekamen. Guten Mutes zog ich also im November in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt, um einen Master in Journalismus zu erwerben, in Praktika endlich die fehlenden journalistischen Erfahrungen zu sammeln – und nicht zuletzt, um der ARGE zu entfliehen. Ein Einzelgespräch mit der für mich zuständigen Arbeitsvermittlerin der ARGE hatte ich übrigens in den zehn Monaten meines Alg II-Bezuges nie gehabt.
Fortsetzung folgt
Montag, Juli 20, 2009
Die ARGE (XI)
Mit der Erwartung, bald für einen Euro in der Stunde Spargel stechen zu müssen oder eine ähnlich erbauliche Arbeit zu machen, ging ich kurz darauf zu dem Termin bei der Zukunftswerkstatt. Dort erfuhren wir dann, wiederum in einem Gruppengespräch, dass es gar nicht darum gehen sollte, uns gegen unseren Willen in einen künstlich geschaffenen Job zu zwingen. Stattdessen sollte in Einzelgesprächen ausgelotet werden, ob es sinnvolle Alternativen zu unseren bisherigen oder erlernten Berufen gäbe. Das klang doch schon viel freundlicher.
Als ich zu meinem Einzelgespräch bei der Zukunftswerkstatt fuhr, schickte mich die zuständige Mitarbeiterin aber zunächst wieder nach Hause, da ihr ein anderer Termin dazwischen gekommen wäre. Klar, das Telefon war ja auch noch nicht erfunden, um mir das mitzuteilen, bevor ich losgefahren war. Beim Ersatztermin wenig später fragte mich die Beraterin – heute nennt man das wahrscheinlich eher Coach -, welche Tätigkeit ich mir denn als Alternative zu Sozialwissenschaftler vorstellen könnte. Darüber hatte ich mir natürlich auch schon einmal Gedanken gemacht, und schlug also vor, irgendetwas im pflegerischen Bereich, da ich meinen Zivildienst in der Krankenpflege geleistet und mir das viel Spaß gemacht hatte. „Ja, aber das ist ja ihr erlernter Beruf“, erwiderte die Beraterin, „es geht ja hier gerade darum, sich von diesem zu trennen und etwas ganz Anderes zu überlegen.“ Nun war ich erst einmal baff. „Äh, wieso“, fragte ich zurück, „ich hab doch Sozialwissenschaften studiert. Das hat doch mit Pflege gar nichts zu tun.“ – „Ja, aber das geht doch alles in die gleiche Richtung, soziale Berufe eben.“ – „Äh, nein, Sozialwissenschaften hat ja nichts mit Sozialpädagogik oder so zu tun“, versuchte ich zu erklären, „das ist ja mehr theoretisch, mit alten oder kranken Menschen hat das ja nichts zu tun.“
Die Coach-Frau bestand jedoch weiterhin darauf, Sozialwissenschaften und Altenpflege sei doch mehr oder weniger das gleiche, ich hätte mich noch nicht hinreichend von meiner Wunschvorstellung gelöst und überhaupt wüsste ich eigentlich selbst nicht so genau, was ich wollte. „Ich kann ja nicht Altenheime für Sie anrufen, wenn Sie sich selbst nicht sicher sind, als was Sie arbeiten wollen.“ Was für eine Absurdität! Wäre es schon immer mein Berufsziel gewesen, Altenpfleger zu werden, hätte ich sicherlich nicht sieben Jahre Soziologie studiert, sondern eine Ausbildung in der Pflege gemacht. Hier sollte es doch angeblich um eine Alternative gehen. Und warum Altenpflege keine Alternative zu Soziologie sein sollte, wusste wohl niemand außer dieser Expertin. Sie entließ mich dann aus dem fruchtlosen Gespräch mit der Aufforderung, mir doch erst mal über meine eigenen Ziele klar zu werden. Dann könnte ich mich ja wieder bei ihr melden.
Fortsetzung folgt
Freitag, Juli 17, 2009
Die ARGE (X)
Da es mit der Stelle leider nicht klappte und ich in Deutschland nicht einmal zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, blieb mir nichts Anderes übrig, als mich Ende 2004, kurz bevor die Hartz IV-Reform inkrafttreten sollte, wieder zur Arbeitsagentur zu bemühen, um mich dort in die Schlange der Antragsteller einzureihen. Arbeitslosengeld II sollte die neue, aus Arbeitslosen- und Sozialhilfe entstandene Geldleistung heißen, die man ab 1. Januar 2005 beziehen konnte, wenn man keinen Anspruch auf das normale Arbeitslosengeld hatte. Und das hat man ja als frischer Hochschulabsolvent nicht. In meinem Fall nicht mehr, da meine aktive Zeit beim Arbeitsamt, und damit die letzte Zeit, in der ich in die Sozialversicherung eingezahlt hatte, ja schon länger als vier Jahre zurücklag.
Bei meiner ersten Antragstellung lief alles mehr oder weniger reibungslos. Rechtzeitig vor Beginn des neuen Jahres bekam ich meinen Bewilligungsbescheid. Ich wunderte mich lediglich, dass dieser im Briefkopf einen Namen trug, von dem ich noch nie etwas gehört hatte: ARGE. Was sollte das denn sein? Tatsächlich hatte die rot-grüne Bundesregierung – in Absprache mit der CDU-Opposition – die weitreichende Arbeitsmarktreform so schnell über den Zaun gebrochen, dass einem als betroffener Arbeitsloser gar nicht klar war, wie die zuständige Behörde denn nun eigentlich hieß. Wenn man das Ergebnis sah, konnte man zu dem Schluss kommen, dass auch die Verantwortlichen, die bei der BA und in den Kommunen vor Ort das neue Gesetz umsetzen mussten, nicht viel Zeit zum Nachdenken über ihre Außendarstellung gehabt hatten. Die übliche Abkürzung für Arbeitsgemeinschaft ist ja eigentlich überall in Deutschland AG. Die kennt man unter anderem noch aus der Schule, wo dann nachmittags die Video- oder die Italienisch-AG auf dem Stundenplan stand. Nur bei der Arbeitsverwaltung hieß die Arbeitsgemeinschaft aus BA und Stadtverwaltung, die sich um die Langzeitarbeitslosen kümmern sollte, nun also nicht AG, sondern ARGE. Was nicht unbedingt positive Assoziationen hervorruft. Arg sollte allerdings werden, was Schröder und Co. den Alg II-Empfängern zumuten wollten. Insofern hatte der wenig glückliche Name schon seine Berechtigung.
Das erste halbe Jahr gestaltete sich der Umgang mit der neuen Behörde unproblematisch. Besser gesagt: Außer dass deren Zahlungen pünktlich auf meinem Konto eintrafen, hatte ich nichts weiter mit ihnen zu tun. Einen Arbeitsvermittler oder Fallmanager bekam ich nicht zu Gesicht. Irgendwann im Sommer bekam ich dann eine Einladung zu einer Gruppeninformation in den Räumen der Arbeitsagentur. Es ging um alternative Beschäftigungsmöglichkeiten. Zusammen mit zwei Dutzend anderer Alg II-Empfänger lauschte ich also den Worten der Arbeitsvermittlerin, die im Jahr davor auch schon die Informationsveranstaltung zur „Agentur“ geleitet hatte. Leider wusste diese Dame diesmal selbst nicht, um was es bei ihrem neuen Angebot eigentlich gehen sollte. Wir sollten an die Zukunftswerkstatt weitergeleitet werden, eine Tochter der Stadt Düsseldorf, die uns dann irgendwelche Jobs vermitteln sollte. Die Stimmung unter den Eingeladenen wurde langsam immer gereizter, da die Vermittlerin auf Nachfragen nichts Konkretes sagen konnte, um was für Jobs es sich dabei denn handelte. „Reden Sie doch Klartext, es geht hier um Ein-Euro-Jobs“, forderte sie schließlich einer der Anwesenden auf.
Fortsetzung folgt
Donnerstag, Juli 16, 2009
Die ARGE (IX)
Während der sechs Wochen in der „Agentur“ bemühte ich mich auch, einen Termin mit der Europa-Beraterin der Bundesagentur für Arbeit zu vereinbaren, die für die Niederlande zuständig war. Da ich ein Auslandssemester in Groningen verbracht und mich dort sehr wohl gefühlt hatte, wäre ich gerne noch einmal länger in das Nachbarland gegangen, zum Beispiel, um dort zu promovieren. Nachdem es mir nach einigen Telefonaten endlich gelungen war, herauszufinden, wo überhaupt die nächstgelegene Ansprechpartnerin zu finden war, fuhr ich in der Woche, nachdem die Maßnahme zu Ende gegangen war, morgens nach Köln. In der dortigen Agentur für Arbeit, saß nämlich die auch für Düsseldorf zuständige Europa-Beraterin. Die Kölner Arbeitsagentur ist ein furchtbar aussehendes Hochhaus im Stadtteil Sülz, umgeben von noch höheren Häusern, die das Landgericht und ein Studentenwohnheim beherbergen.
Von einer Beraterin, die auf die Arbeitssuche im benachbarten Ausland spezialisiert ist, erwartet man nun, dass diese mit dem dortigen Arbeitsmarkt in besonderer Weise vertraut ist. Außerdem sollte sie einem Tipps geben können, wie man denn dort eine Stelle finden kann. Nun, alles was der guten Frau einfiel, war, bei Google die Suchbegriffe „Niederlande“ und „Stellenangebote“ einzugeben. Eine Idee, auf die ich noch nie gekommen war. Außerdem gab sie mir noch einige Merkblätter mit, in denen es um so wichtige Dinge wie das niederländische Sozialversicherungssystem ging. Klar, das ist ja auch der erste Schritt: Bevor man überhaupt eine Stelle im Ausland hat, macht man sich erst einmal Gedanken, wie man dort rentenversichert wäre. Und für dieses ungemein hilfreiche Gespräch fährt man dann 50 Kilometer mit dem Zug. Tatsächlich hatte ich dann zwar kurz darauf das Vorstellungsgespräch für eine Doktorandenstelle an der Amsterdamer Uni; die hatte ich allerdings in einer Stellenbörse gefunden, die ich schon vorher kannte.
Fortsetzung folgt
Mittwoch, Juli 15, 2009
Die ARGE (VIII)
Die Mischung der Teilnehmer war übrigens recht bunt. Einzige Gemeinsamkeiten – neben der traurigen Tatsache, dass wir alle keine Arbeit hatten – waren das relativ niedrige Alter und dass alle Akademiker waren - oder zumindest schon in Führungspositionen gearbeitet hatten. Ansonsten waren neben Betriebswirten und Juristen auch Physiker und Psychologen vertreten, jemand, der Mathematik und Religion auf Lehramt studiert hatte, Sozialpädagogen, ein Historiker und eine Journalistin. Alle zwei Wochen kamen wieder acht bis zehn neue hoffnungsfrohe Kandidaten hinzu, während eine alte Gruppe verabschiedet wurde. Hin und wieder kam es auch einmal vor, dass jemand vorzeitig die Maßnahme verließ, weil er oder sie tatsächlich eine Arbeitsstelle gefunden hatte. Und eine Frau aus meiner Gruppe, die im Personalbereich gearbeitet hatte, entschied sich nach zwei Wochen, eine Fortbildung des gleichen Trägers zu beginnen, die gerade mehrere Etagen höher startete. Was die Falter Personalberatung vermutlich sofort als Erfolg verbuchte. Und das Amt wahrscheinlich auch, schließlich war wieder jemand aus der Arbeitslosenstatistik verschwunden.
Schnell begriff ich, dass nach diesem Prinzip der ganze Trick von wegen „Nach drei Monaten ist keiner von Ihnen mehr arbeitslos“ funktionierte. Tatsächlich tauchte ein relativ großer Anteil von uns nach dieser Zeit nicht mehr in der Statistik auf, weil die Leute entweder eine andere Maßnahme besuchten, die ihnen eine Mitarbeiterin aufgequatscht hatte, oder sich entschlossen hatten, es mit einer Existenzgründung zu probieren. Wie viele dieser Leute dann nach ein oder zwei Jahren erneut arbeitslos waren, kann ich natürlich nicht sagen. Und die Kollegen, die tatsächlich in diesen paar Monaten während oder nach dem Training einen Arbeitsplatz bekommen hatten, hätten diesen natürlich auch gefunden, wenn sie nie an dem Training teilgenommen hätten.
Für mich als Sozialwissenschaftler ohne Berufserfahrung brachte die ganze Zeit in der „Agentur“ naturgemäß gar nichts. Um mich nach einer beruflichen Alternative umzusehen, schien es mir, gerade einmal ein halbes Jahr, nachdem ich mein secheinhalbjähriges Studium beendet hatte, etwas zu früh. Mit welcher Dienstleistung man sich als Soziologe selbständig machen sollte, wusste ich nicht. Und die Tipps des Jobcoachs Frau Unke waren nicht wirklich hilfreich. Bei dieser Dame hatte ich im Verlauf der sechs Wochen drei Einzelgespräche. Frau Unke trug am Revers stets einen Anstecker mit eben diesem Tier und stellte sich bei ihrem ersten Erscheinen vor, indem sie sagte: „Ich bin Frau …“, auf ihren Button zeigte und den Satz mit „… Unke“ beendete. Verliefen die ersten beiden Gespräche mit ihr noch eher allgemein und freundlich, verschärfte sich der Ton im dritten Gespräch plötzlich spürbar. Die Dame hatte wohl die Anweisung, den Druck so kurz vor Ende der Maßnahme zu erhöhen, wenn man immer noch keine Perspektive aufzeigen konnte, der Statistik in absehbarer Zeit zu entfliehen. Wie das denn nun aber gehen sollte, wusste Frau Unke leider auch nicht recht zu sagen.
Als ich ihr erzählte, dass ich unter anderem gerne in den Journalismus gehen würde, da aber ohne Praxiserfahrungen keine Chance sähe, schlug sie vor: „Versuchen Sie es doch einmal beim Bürgerradio.“ Ich antwortete: „Mach ich ja schon, ich mach bei einer Radiogruppe an der Uni mit.“ – „Nein, Sie müssen noch einen Schritt eher ansetzen. Es gibt doch bei jedem Lokalradio so Sendeplätze, die für Amateure zur Verfügung gestellt werden müssen.“ – „Ja, da mach ich ja seit zwei Jahren mit. Einmal im Monat produzieren wir eine Studentensendung, die dann bei Radio Duisburg läuft. Bürgerfunk nennt sich das.“ – „Ja, und darüber kommen Sie doch bestimmt in Kontakt mit der Redaktion von dem Radiosender, zum Beispiel, wenn Sie Ihre Sendung abliefern.“ – „Nein, mit denen hat man gar nichts zu tun. Die Sendung bringt der Leiter der Radiowerkstatt auf Mini-Disc zum Sender und gibt die da beim Pförtner ab. Mit der Redaktion von Radio Duisburg komm ich da gar nicht in Kontakt.“ – „Ach so, schade.“
Fortsetzung folgt
Dienstag, Juli 14, 2009
Die ARGE (VII)
Leider war das gegenseitige Schulterklopfen die einzige Konstante der folgenden sechs Wochen. Immer wieder sagten sich alle, wie wertvoll doch die Erfahrungen der Anderen seien, dass man sich doch gegenseitig helfen könnte, Defizite auszugleichen und einander wichtige Tipps geben könnte, wie der jeweils Andere endlich zu seinem Traumjob kommen könnte. „Die Agentur“ war nämlich weniger als klassisches Bewerbungstrainig angelegt, wie es wahrscheinlich für ungelernte oder niedrig Qualifizierte Jobsuchende angeboten wird. Nein, die Teilnahme an der „Agentur“ sollte das Gefühl vermitteln, man habe schon einen Job – zumindest für diese sechs Wochen. Also kam man morgens um halb Neun in die Räume, die Falter dafür zur Verfügung stellte, zog seine Magnetkarte durch das Zeiterfassungsgerät … und wartete darauf, dass irgendetwas passieren würde.
Zum Auftakt des Tages gab es erst einmal eine Powerpoint-Präsentation, die jeden Tag von einer anderen Gruppe aus jeweils zwei bis vier Teilnehmern vorbereitet wurde. Alle Anderen standen im Halbkreis um die Vortragenden herum und hörten mehr oder weniger aufmerksam zu, was diese zu sicherlich sehr wichtigen Themen aus der Berufs- und Arbeitswelt zu sagen hatten. Ob Ergonomie oder Auslandsaufenthalte von Führungskräften – alles tolle Themen. Aber wo lag bloß der Sinn darin, sich solche Vorträge als Arbeitsloser anzuhören? Half mir das irgendwie weiter, einen Job zu finden? Und was brachte es mir, in Gruppenarbeit einen Vortrag zu erarbeiten? Hatte ich das nicht schon im Studium gelernt, genau wie alle Anderen hier?
Heute glaube ich, der Hauptzweck dieser ganzen Maßnahme war es, einen irgendwie von der Straße weg zu bekommen. Die meisten Leute, die mit mir zusammen dort waren, bezogen Arbeitslosengeld oder –hilfe. Inwieweit sie für die sechs Wochen auch aus der Statistik herausfielen, weiß ich nicht. Gab es in der ersten Woche noch relativ viele seminarähnliche Veranstaltungen, wo uns dann eine Mitarbeiterin zwei Stunden etwas beizubringen versuchte, was mehr oder weniger hilfreich bei der Jobsuche sein konnte, wurden diese den Tagesablauf strukturierenden Programmpunkte mit der Zeit immer weniger. Stattdessen hieß es nun: Selbstorganisation. Man sollte die täglich sieben Stunden nutzen, um nach passenden Stellenangeboten zu suchen, seine Bewerbungsunterlagen zu optimieren, Bewerbungen zu schreiben und sich im Gespräch mit den anderen Teilnehmern über seine eigenen Potentiale und Strategien klar zu werden.
Alles schön und gut, aber muss ich dafür jeden Tag sieben Stunden in einem Büro verbringen? In dem noch dazu für etwa dreißig Teilnehmer nur ein Dutzend Computer zur Verfügung steht? Einen PC hatte ich ja auch zu Hause, und dort musste ich nicht warten, bis dieser frei wurde, bis ich eine Bewerbung schreiben oder im Internet Stellenbörsen durchforsten konnte. Aber vielleicht sah ich das auch zu negativ. Der Vorteil der Anwesenheitspflicht sollte wohl die Kommunikation sein, das gegenseitige Stützen und Motivieren. Ist klar, wenn mir nicht jeden Tag sieben Stunden lang vor Augen geführt worden wäre, dass ich arbeitslos war, hätte ich bestimmt keine einzige Bewerbung geschrieben, schon verstanden.
Unterbrochen wurde die Selbstbeschäftigungstherapie hin und wieder von einem Workshop, zu dem man sich meist freiweillig anmelden konnte. Module nannten die Mitarbeiterinnen das in ihrem merkwürdigen Agentursprech. Da wurde dann mal ein Vorstellungsgespräch simuliert und anschließend ausgewertet oder man traf sich in einem Seminarraum zu einem lustigen Spiel namens „Kreative Köpfe“. Letzteres war für solche Teilnehmer gedacht, die überhaupt noch nicht wussten, was sie eigentlich für einen Job suchten. Oder die nach einer Alternative suchten, weil sie in ihrem bisherigen oder bisher angestrebten Beruf keine Stelle fanden. Dazu suchte man sich drei Kollegen, denen man mittels eines Flip-Charts seinen bisherigen beruflichen Lebenslauf präsentierte. Danach sollten sich diese Gedanken darüber machen, was der Mensch denn noch so beruflich machen könnte, was zu seinem Charakter, seinen Kenntnissen und Vorlieben passen würde. Dann ging jeder der drei „Kreativen“ der Reihe nach an die Stellwand und pappte kleine, mehrfarbige Kärtchen an, auf denen stichpunktartige Ideen standen. Am Ende bedankte sich der Ratsuchende bei allen für ihr konstruktives Feedback und die aufgewendete Zeit (als hätte man diese irgendwie sinnvoller nutzen können) und man ging wieder auseinander. Der Ratsuchende war danach meist genauso ratlos wie vorher, hatte nun aber zumindest die Anregung bekommen, er könne ja wieder als Bürokaufmann arbeiten, wenn er mit seinem Germanistikstudium nichts anfangen könne.
Fortsetzung folgt
Montag, Juli 13, 2009
Die ARGE (VI)
Als ich mich also nach meiner letzten Prüfung zunächst „arbeitsuchend“ meldete, hatte sich auf dem Amt außer seines Namens noch nicht allzuviel verändert. Da ich noch bis Ende des laufenden Semesters an der Uni eingeschrieben war und ja eh keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder –hilfe hatte, beantragte ich erst einmal keinerlei Geldleistung, sondern stellte mich lediglich der Arbeitsvermittlung zur Verfügung. Nicht, dass ich in den darauffolgenden 9 Monaten auch nur eine einzige Stelle vorgeschlagen bekommen hätte, aber damit rechnet man ja auch nicht unbedingt. Erste Folge meiner Meldung bei der Arbeitsagentur war, dass ich nach etwa einem halben Jahr eingeladen wurde, an einem sechswöchigen Bewerbungstraining für arbeitslose Akademiker teilzunehmen. Da das Ganze mich ja nichts kosten sollte, und ich zudem Zeit genug hatte, meldete ich mich dafür auch an. Zumal das, was uns Interessierten bei einer Informationsveranstaltung in den Räumen des Maßnahmeträgers erzählt worden war, im Grunde ganz vielversprechend klang. Dieser Träger war eine Personalberatung namens Falter, die angeblich einen sehr guten Ruf hatte. Das Training nannte sich „Die Agentur“ (da war es wieder, das verheißungsvolle Trendwort) und versprach, seine Teilnehmer so fit zu machen, dass spätestens einige Monate nach Ende der sechs Wochen keiner mehr arbeitslos sein sollte. Dann hätte jeder entweder einen Job, hätte sich selbständig gemacht oder sich entschieden, eine Fortbildung oder Ähnliches zu machen.
Der Inhaber der Personalberatung war ein freundlich wirkender, untersetzter Herr, der kurz vor dem Ruhestand war. Er empfing uns Neue am ersten Tag in seinem Büro, um einen Vortrag über den Arbeitsmarkt im Allgemeinen und den in Düsseldorf im Besonderen zu halten. Das heißt, eigentlich war das als Begrüßungsrunde geplant; es artete de facto aber in einen Vortrag des Chefs aus, den dieser wahrscheinlich in den vergangenen Jahren alle zwei Wochen hielt, wenn er wieder einmal neue Teilnehmer zu begrüßen hatte. „Seien Sie froh, dass Sie in Düsseldorf wohnen“, ermunterte Herr Falter uns unter anderem, „das ist hier die einzige Stadt in NRW, wo es überhaupt noch freie Stellen gibt. In Gelsenkirchen oder Bochum bräuchten Sie sich erst gar nicht mehr zu bewerben.“ Davon, dass Akademiker ja oft sowieso davon ausgehen, bundesweit flexibel sein zu müssen, um eine Arbeit zu bekommen, hatte er offensichtlich noch nie etwas gehört. Ansonsten beinhaltete das „Gespräch“ hauptsächlich, uns zu sagen, wie toll wir doch alle wären, und dass wir auf keinen Fall glauben dürften, wir seien selbst schuld daran, keine Arbeit zu haben. So weit, so sympathisch.
Fortsetzung folgt
Freitag, Juli 10, 2009
Ungeordnete Gedanken
Mein Ausflug aufs Land hat mir bestätigt, was ich eh schon wusste: Ich könnte nirgendwo anders als in der Großstadt leben. Natur, Ruhe, gute Luft - alles schön und gut, aber wenn ich auf dem Dorf oder in einer abgelegenen Kleinstadt leben müsste, würde wohl das Max Frisch-Zitat auf mich zutreffen: "Ich sah in Gedanken schon, an welchem Balken ich baumeln würde."
Ist es ein Zeichen, dass man alt wird, wenn man plötzlich Countrymusik gut findet?
Jetzt hab ich's schwarz auf weiß: Friedrichstadt, der Stadtteil, in dem ich wohne, hat den zweitgrößten Latte Macchiatto-Faktor von Düsseldorf. Sagt zumindest der "Prinz". Getoppt nur noch von Flingern. Die Nordstraße, an der ich vor über zehn Jahren längere Zeit gewohnt habe, kam auf Platz 5 oder 6. Insofern bin ich also schon aufgestiegen. Um noch cooler zu wohnen, könnte ich also nur noch nach Flingern ziehen. Oder gleich nach Berlin.
Mittwoch, Juli 08, 2009
Gstanzeln und Rentiergesänge in Thüringen
Bis gestern war in Thüringen unterwegs. Ich wollte meinen ehemaligen Mainzer Mitbewohner besuchen, der in einer Kleinstadt im Thüringerwald wohnt. Und da der mir 1 1/2 Jahre lang erzählt hatte, einmal im Jahr gebe es so ein verrücktes Festival in der Kreisstadt, dachte ich, das wäre doch ein guter Anlass für einen Besuch. Am WE war ich also dabei, als 70.000 Menschen beim 19. TFF in das beschauliche Rudolstadt einfielen (nach dem Stempel der Stadtverwaltung "Schillers heimliche Geliebte" ). Nachdem ich mich wochenlang gefragt hatte, für was eigentlich die Abkürzung steht, fand ich das auch erst auf dem Briefumschlag mit der Karte heraus: Tanz- und Folkfest. Wobei man sich mittlerweile wohl von dem etwas sperrigen Namen getrennt hat und nur noch TFF - Folk, Roots, World Music schreibt. Die Einheimischen sagen aber weiterhin einfach Tanzfest.
Ich hab von der Musikrichtung nicht wirklich Ahnung, bin auch nicht so der Funkhaus Europa-Hörer. Von den Künstlern sagten mir im Vorfeld genau zwei Namen was: Hans Söllner (den ich dann doch nicht gesehen habe) und Lucinda Williams. Von Letzterer kannte ich auch nicht wirklich ein Solo-Lied; sie singt aber auf einem Elvis Costello-Album mit, das ich habe, und vor Jahren wurde eines ihrer Alben mal in der Musikpresse als Meisterwerk abgefeiert. Ihr Konzert am Samstagabend um Mitternacht vor dem Schloss Heidecksburg, das idyllisch über der Stadt thront, war dann auch mein musikalischer Höhepunkt. Die Frau hat eine sehr gute Rockstimme, ihre Gitarristen gingen gut ab und lieferten sich wilde Soli-Schlachten. Die Musik ist eine solide Mischung aus Rock, Blues und Country - Americana nennt man das wohl. Das einzige, was man ihr vorwerfen könnte, ist, dass ihre Musik nicht sonderlich originell ist.
Umso origineller wurde es dafür beim Abschlusskonzert am Sonntag Nachmittag auf dem Marktplatz. Da wurde noch einmal ein Querschnitt durch die vergangenen drei Tage gezeigt. Das reichte von afrikanischen Trommelgruppen über US-Fiddler (die mir ziemlich auf die Nerven gingen, wir hatten die am Abend vorher schon gehört) bis zur bayerischen Labrassbanda, einer punkigen Blaskapelle, die ziemlich gut einheizten. Am skurrilsten waren aber wohl folgende beiden Acts: Coconami ist ein japanisches Duo, "das bayerische Volksmusik mit japanischem Synthie-Pop und einer Vorliebe für die Ramones unter einen Hut zu bringen sucht" (Zitat taz). Klingt skurril, ist es auch, aber unterhaltsam, vor allem, wenn die beiden Wahlmünchner noch Unterstützung von einem echten bayerischen Original bekommen: dem Gstanzeln-Sänger Ferdl Schuster, der in München ein bayerisch-japanisches Restaurant betreibt.
Mein persönlicher Skurrilitätshöhepunkt war aber Orjakan, eine Enuit-Gruppe aus Ostsibirien (politisch korrekt ist das auch nicht mehr, also gut, schreibe ich halt native sibirians), die mit Trommeln und ihren Stimmen die Bewegungen und Laute der Rentiere nachahmten, während Kinder über die Bühne tanzten. Ich dachte eher, die Frauen würden das Geräusch des fallenden Schnees im frühen Januar zwischen drei und vier Uhr nachmittags nachahmen, weil die immer so komisch ins Mikrofon atmeten, aber ich bin halt ein Banause.
Picknicken bei der ARGE
Wenn mir vorher jemand erzählt hätte, dass ich zwei Mal drei Stunden warten müsste, um mich für fünf Tage bei der ARGE ortabwesend zu melden, hätte ich's sein lassen. Beim Abmelden hatte mir die Mitarbeiterin am Empfang versichert, beim Zurückmelden könnte ich gleich durch, ohne eine Wartemarke ziehen zu müssen. War natürlich nix. Nachdem ich mich ein wenig mit dem Wachmann herum gestritten hatte, zog ich also widerwillig eine Wartemarke - und ging erst mal wieder nach Hause. Da ich mit mindestens zwei Stunden Wartezeit rechnete. Womit ich mich nochmal um 1 1/2 Stunden verschätzt hatte.
Auch um Viertel vor Zwei sitzen bei der Düsseldorfer ARGE noch knapp fünfzig Leute in der Wartezone rum - obwohl die offiziell um 12 Uhr zumacht. Bis der letzte abgearbeitet ist, haben die Mitarbeiter vermutlich wirklich Feierabend. Die Atmosphäre in der Wartezone ist unheimlich aufbauend; da findet sich alles: spielende Kinder, Migranten, die anscheinend gleich in größeren Freundesgruppen zum Amt kommen, Ehepaare, die belegte Brote auspacken. (Letzteres ist bei der Wartezeit auch kein Wunder; nächstes Mal nehme ich mir glaube ich zumindest einen Kaffee mit, oder am besten gleich eine Thermoskanne.) Hätte jemand eine Decke ausgebreitet und seinen Picknickkorb ausgepackt, hätte mich das auch nicht mehr wirklich gewundert. Dann gibt's noch Leute, die eine halbe Stunde lang auf Kosten der ARGE telefonieren, an den bereitgestellten Telefonen, mit denen man eigentlich potentielle Abreitgeber anrufen soll (wer das allerdings macht, weiß ich auch nicht; die Geräuschkulisse ist denkbar ungeeignet, um berufliche Gespräche zu führen). Wenn man eh warten muss, und da hängt ein Telefon, kann man ja auch mal die Omma oder 'nen Kumpel anrufen und mal fragen, wie's so geht. Bleibt die Frage, ob das Amt einfach unter Personalmangel leidet oder ob die Zustände da eine Folge totaler Fehlorganisation sind. Ich tippe überwiegend auf letzteres.
Mittwoch, Juli 01, 2009
Die ARGE (V)
Zunächst begann ich also, Bewerbungen zu schreiben: erst hoffnungsfroh, dann mit zunehmend sinkender Erwartung, schließlich, nach über einem Jahr, mehr oder weniger desillusioniert. Insgesamt mögen es in etwa eineinhalb Jahren um die achtzig Bewerbungen gewesen sein, die ich verschickt habe. Damals war es noch eher erwünscht, sich auf dem klassischen Postweg zu bewerben als heute, so dass die meisten dieser Bewerbungen wesentlich mehr Arbeit verursachten als heute, wo der Großteil der Arbeitgeber auch E-Mails akzeptiert. Die Stellen, auf die ich mich bewarb, waren ganz unterschiedlicher Natur: Das reichte von wissenschaftlichen Assistentenstellen an Unis oder Fachhochschuln über Posten als Referent bei Verbänden oder NGOs bis hin zu Tätigkeiten, die im Kultur- oder Medienbereich lagen. Letzteres interessierte mich am meisten, jedoch rechnete ich mir dort mangels Praxiserfahrungen auch am wenigsten Chancen aus. Auf all diese Bewerbungen bekam ich keine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch – mit einer Ausnahme. Das war skurrilerweise eine von drei Stellen im Ausland, auf die ich mich im Laufe der Zeit beworben hatte. Die Uni Amsterdam nahm mich dann zwar nicht als Doktorand, aber immerhin war die Einladung ein kleines Erfolgserlebnis. Das ich auch dringend gebrauchen konnte, denn jede Bewerbungsmappe, die man verschickt hat, nach einigen Wochen oder Monaten wieder im Briefkasten zu finden, stärkt nicht unbedingt das Selbstwertgefühl.
In dieser Zeit war es auch, dass ich notgedrungen wieder mit meinem alten Arbeitgeber in Kontakt kam. Dieser nannte sich inzwischen seit einigen Jahren nicht mehr Bundesanstalt für Arbeit, sondern hatte sich ein schönes neues Kleid geschneidert. Die ehemals mit einem tristen Image versehene Behörde hatte viel Geld investiert und clevere Berater beauftragt, um wie Phönix aus der Asche aufzuerstehen: als Bundesagentur für Arbeit. Mit einer Agentur möchte schließlich jeder, der etwas auf sich hält, zu tun haben. Ob Werbe-, Media- oder Modelagentur – das Ansehen all dieser Einrichtungen ist im Allgemeinen hervorragend (zumindest solange man nicht wirklich weiß, was diese eigentlich den lieben langen Tag lang so machen). So hieß auch das gute alte Arbeitsamt vor Ort nun also nicht mehr so schnöde, sondern trug den schicken und zeitgemäßen Namen Agentur für Arbeit. Da geht man doch gerne hin.
Fortsetzung folgt



