Donnerstag, August 27, 2009

Die ARGE (XXIV)

Meine Internetrecherchen, wie denn nun eine Klageschrift fürs Sozialgericht aussehen musste, hatten ergeben, dass man eine Untätigkeitsklage erst einreichen konnte, wenn nach sechs Monaten noch kein Verwaltungsakt erfolgt war. Mit anderen Worten: Erst wenn man nach einem halben Jahr immer noch keinen Bescheid über die Bewilligung oder Ablehnung eines Antrages auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts bekommen hat, kann man vor Gericht die Erteilung eines solchen Bescheids einklagen. Bis dahin ist man entweder längst obdachlos oder muss das Gericht mit Eilanträgen bombardieren, um die ARGE zumindest zur Zahlung angemessener Abschlagzahlungen zu zwingen. Die Bezeichnung Sozialstaat führt sich bei einer solchen Gesetzgebung ad absurdum.


Zum Glück war einer meiner Freunde mit einem Anwalt befreundet, der sich in einer Nachbarstadt auf Streitfälle mit der ARGE spezialisiert hatte. Dieser stellte dann für mich einen Antrag auf einstweilige Anordnung beim Düsseldorfer Sozialgericht. Die ARGE sollte dazu verpflichtet werden, mir bis zur endgültigen Entscheidung monatlich einen angemessenen Abschlag von 500 Euro zu zahlen. Und siehe da: Kurz darauf lag der rückwirkende Bewilligungsbescheid der ARGE in meinem Briefkasten. Zufälligerweise trug dieser exakt das Datum des Tages, an dem mein Anwalt per Fax den Eilantrag beim Sozialgericht gestellt hatte. Daraufhin hätte dann gleich die ARGE beim Gericht angerufen, um mitzuteilen, sie sei doch gerade dabei gewesen, den Bescheid zu verschicken, erzählte mir der Anwalt am Telefon. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...


Seitdem ich den Antrag bei der ARGE gestellt hatte, waren ziemlich genau vier Monate vergangen. Hätte meine Mutter mir in dieser Zeit nicht immer wieder Geld geliehen, wäre ich wohl schon längst aus meiner Wohnung geflogen. Ganz abgesehen davon, dass ich auch alle anderen Rechnungen nicht hätte bezahlen können. In Deutschland scheint es nur noch möglich zu sein, sein Recht gegenüber staatlichen Behörden auch durchzusetzen, wenn man sich einen fähigen Anwalt leisten kann. Der dann die Behörde zwingt, das zu tun, was ihre ureigene Aufgabe ist: Menschen davor zu schützen, ins wirtschaftliche Nichts abzustürzen. Schröder, Hartz und Konsorten haben wirklich geschafft, was nicht einmal Helmut Kohl angestrebt hatte: den Sozialstaat zu einem Almosenstaat zu machen.

Fortsetzung folgt

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Mittwoch, August 26, 2009

Die ARGE (XXIII)

Frage drei Leute, was das sinnvollste Vorgehen bei Untätigkeit der ARGE ist, und du wirst drei verschiedene Antworten bekommen. Am Tag nach meinem kafkaesken Erlebnis beim Anwalt ging ich zur Arbeitslosenberatung, um sie nach einem fähigeren Anwalt zu fragen. Der ehrenamtliche Mitarbeiter dort meinte jedoch, mit Anwälten hätten sie nur schlechte Erfahrungen gemacht. Eine Klage könnte man notfalls auch selbst formulieren. Außerdem bringe ein Eilantrag beim Sozialgericht im Moment sowieso nichts, weil ich dazu erst mal mit meinem Konto in den Miesen sein müsste. Ich hätte also zwei Wochen vorher, statt mich mit der ARGE rumzuärgern, um 150 Euro Abschlag zu bekommen, lieber da schon den Eilantrag beim Gericht stellen sollen. Dass das Gericht natürlich auch wieder einen Monat oder länger brauchen würde, um über den Eilantrag zu entscheiden, spielte wohl keine Rolle, da müsste man halt so lange sein Konto immer weiter überziehen. Ich konnte zwar jetzt schon absehen, dass ich bei weiterer Untätigkeit der Behörde spätestens nach zwei Wochen wieder in den Miesen sein würde, aber das zählte anscheinend für das Gericht nicht. Denen müsste ich ja plausibel machen, dass ich zum Zeitpunkt des Eilantrags schon kein Geld mehr hätte. Absurd.

Der Rat des Ehrenamtlers war dann: „Gehen Sie nochmal zur ARGE und da direkt zum Beschwerdemanagement.“ Leider beging ich den Fehler, diesem Rat zu folgen. Was für einen Sinn eine Stelle für Beschwerden haben soll, wenn diese einen dann an die zuständige Fallkoordinatorin zurückverweist, nicht ohne den Hinweis, man müsse, um diese zu sprechen, erst einmal eine Wartemarke ziehen, weiß ich auch nicht. Also verbrachte ich mal wieder zwei Stunden sinnlos in der Wartezone. Nachdem meine Nummer endlich aufgerufen worden war, fragte mich die Mitarbeiterin am Empfang in aller Dreistigkeit: „Was genau wollen Sie denn jetzt eigentlich?“ (Es war übrigens dieselbe „Dame“, die mich am Tag meiner Antragstellung nach der Umzugsgenehmigung der Mainzer ARGE gefragt hatte. Empathie schien für diese Person ein unbekanntes Gefühl zu sein.)

Diesmal war es soweit und mir platzte der Kragen. Gemeinhin gelte ich im Bekanntenkreis als sehr ruhiger bis fast schon phlegmatischer Mensch. Nun schrie ich die Frau an: „Einen Ablehnungsbescheid will ich, damit ich endlich dagegen beim Sozialgericht klagen kann!“ Dazu schlug ich mit der Faust auf die Theke. „Das kann doch wohl alles nicht wahr sein, wie Sie mir hier systematisch mein Recht vorenthalten!“, brüllte ich weiter. Mittlerweile waren zwei Menschen vom Sicherheitspersonal zu mir gekommen, die immer im Eingangsbereich herum standen, um dafür zu sorgen, dass auch ja kein Kunde unberechtigterweise zu seinem zuständigen Sachbearbeiter vordringen konnte. Während ich weiter auf die Security-Leute einredete, sagte mir die Mitarbeiterin hinter der Theke zu, meine Teamleiterin käme gleich herunter.

Diese konnte mir dann aber auch nur sagen, dass mein „Vorgang“ jetzt bei irgendeiner anderen Stelle läge. Ihre Abteilung hätte längst entschieden, und ich sollte diese ominöse Frau anrufen, die jetzt nur noch den Bescheid erstellen müsste oder was auch immer da noch zu tun war, bevor ich endlich meinen Bescheid und mein Geld bekommen würde. Natürlich ging auch diese Frau später nicht ans Telefon.

Fortsetzung folgt

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Wahlkampf in Düsseldorf

Irgendwer scheint unseren Oberbürgermeister nicht zu mögen...

Das erinnert mich an irgendeine Kundgebung, auf der ich vor Jahren mal war (und die nichts mit Lokalpolitik zu tun hatte; ich glaub, es war eine Anti-Irakkriegs-Demo), als Joachim Erwin hier noch OB war. Da rief einer der Zuhörer ständig: "Der Erwin ist schuld!" 

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Dienstag, August 25, 2009

Szenen eines Festes

Das Straßenfest des ZAKK, eines altehrwürdigen soziokulturellen Zentrums, ist immer eines der sommerlichen Highlights in Düsseldorf. Rund um das Zentrum tummeln sich an Trödel- und Infoständen so ziemlich alle, die irgendwie links oder alternativ denken: Punks, Hippies, Ökos und so weiter. Die Anwohner der benachbarten Kiefernstraße stellen auch Trödeltische vor ihre ehemals besetzten Häuser. Dort habe ich in diesem Jahr ein sehr lustiges Gespräch zwischen einer Trödlerin und einer Besucherin belauscht. Die Schwulen- und Lesbenszene scheint auch nicht mehr zu sein, was sie früher mal war. Das Gespräch ging nämlich etwa so:

"Ist das Rosa Mond eigentlich jetzt tot?" - "Ja, da passiert nichts mehr." - "Schade. Dann gibt's ja nur noch die paar Schwulen- und Lesbenkneipen." - "Ja, gibt's denn überhaupt noch welche? Welche denn?" - "Na, das ... auf der Bilker Allee. Und dann ... ja, das war's eigentlich schon."

Auch die linken politischen Parteien (und diejenigen, die sich selbst immer noch für links halten wie die SPD) haben traditionell immer einen Stand auf dem Fest. Mit der Piratenpartei war dieses Jahr zum ersten Mal seit ich das Fest kenne (gut 15 Jahre) eine neue Partei vertreten. Bei der Linken baut der ehemalige OB-Kandidat noch selbst den Sonnenschirm ab (anders als Herr Elbers von der CDU, der wahrscheinlich nur noch auf seine Wahlkampftermine einfliegt, nachdem alles schon vorbereitet ist). Auch Sahra Wagenknecht gab sich persönlich die Ehre. Sie hat neuerdings ihren Bundestags-Wahlkreis in Düsseldorf. Wobei die Stadt noch nicht so weit sein dürfte, dass die Linke hier das Direktmandat holt. Und dann war doch da tatsächlich noch eine Besucherin, die mit einem CDU-Baumwollbeutel übers Fest schlenderte. Entweder war das eine mutige Rebellin oder die Frau hatte einfach überhaupt kein Gespür für ihr soziokulturelles Umfeld. 

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Freitag, August 21, 2009

Die ARGE (XXII)

Als auch diese 14 Tage verstrichen, ohne dass ich wieder etwas von der Behörde gehört hatte, besorgte ich mir beim Amtsgericht einen Schein für Beratungshilfe. Danach griff ich zu den Gelben Seiten und schlug unter „Rechtsanwälte – Sozialrecht“ nach. Fettgedruckt stand dort ein Anwalt aufgeführt, der sich nur wenige Straßen von meiner Wohnung entfernt befand. Am Telefon wirkte der Mann schon etwas merkwürdig. Nicht nur, dass er gleich selbst dran ging, statt einer Sekretärin, hätte mir zu denken geben müssen. Auch sonst wirkte er etwas wirr und schon ziemlich alt. Aber ein verwirrter Anwalt kann ja trotzdem fachlich top sein, dachte ich mir. So vereinbarte ich also einen Termin.

Die Praxis wirkte dann, als wäre ich der erste Mandant in diesem Jahr. Der Anwalt wirkte, als sei das letzte Gesetz, mit dem er sich befasst hatte, die Reichsversicherungsordnung gewesen. Vom SGB hatte er anscheinend noch nie etwas gehört. Den Unterschied zwischen ARGE und Arbeitsagentur schien er ebenso wenig zu kennen wie die Höhe des Hartz IV-Regelsatzes. „Wieviel Geld erwarten Sie denn da?“, fragte er mich. Seine einzige Sorge schien zu sein, dass die Kundennummer der BA, die ich immer auf meine Briefe an die ARGE geschrieben hatte, nicht mit der BG-Nummer für das Alg II übereinstimmte. Dass das zwei verschiedene Baustellen waren, verstand er nicht so wirklich.

Die Bedarfsgemeinschafts-Nummer hatte mir übrigens bisher überhaupt noch niemand offiziell mitgeteilt. Ich hatte sie lediglich zufällig auf dem Antrag auf Abschlagzahlung gesehen, den ich beim letzten Mal unterschreiben musste, und gleich notiert. Der Anwalt blätterte immer wieder in meinem Schnellhefter vor und zurück, in den ich den Schriftverkehr mit der ARGE geheftet hatte. Während ich versuchte zu erklären, was bisher vorgefallen war, und was das Amt alles verbockt hatte, unterbrach er ständig und sagte mit sorgenvoller Stimme: „Aber die Kundennummer hier ist doch nicht dieselbe wie die Nummer, die Sie hier angegeben haben. Hoffentlich liegt es nicht daran, dass Sie noch keinen Bescheid haben.“ – „Ja, aber das eine ist ja der Ablehnungsbescheid von der Arbeitsagentur, das andere ein Schreiben an die ARGE.“ – „Hier stimmt die Nummer wieder.“

Es war sinnlos. Ich hätte dem angeblichen Fachanwalt für Sozialrecht erst erklären müssen, was überhaupt eine ARGE ist und was das SGB II unter einer Bedarfsgemeinschaft versteht. Außerdem womöglich noch, wie dort die Anrechnung von Einkommen geregelt ist. Wir einigten uns darauf, dass er zunächst einmal einen Brief an die ARGE schicken wollte, mit der Aufforderung, den ausstehenden Betrag zu zahlen. Um diesen zu ermitteln, sollte ich aber zuerst meine Honorarabrechnungen der letzten Monate vorbei bringen. Insgeheim hatte ich schon längst beschlossen, mir einen anderen Anwalt zu suchen. Da ich Respekt vor älteren Menschen habe, traute ich mich jedoch nicht, ihm seine Inkompetenz ins Gesicht zu sagen. Ich versuchte deshalb heimlich, meinen Beratungshilfeschein wieder in der Akte verschwinden zu lassen, bevor ich sie einstecken wollte. Das merkte er allerdings sofort, wenn er sonst auch kaum noch etwas verstand. Klar, dabei ging es ja auch um sein Geld. „Den Schein müssen Sie mir aber schon hier lassen“, forderte er mich auf. Auf dem Weg nach Hause musste ich immer wieder an einen Satz von Franz Kafka denken: „Irgendjemand musste K. denunziert haben…“ Wie K. kam ich mir inzwischen auch längst vor.

Fortsetzung folgt

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Donnerstag, August 20, 2009

Mikrokosmos Notaufnahme

Wenn die Krankenwagen um die Ecke in den Hof des County General Hospitals einfuhren, die Sanitäter ihre Tragen mit den Patienten entluden und diese dann durch die schwingenden Türen der Notaufnahme geschoben wurden, war man als Zuschauer immer mitten im Zentrum des Geschehens. Hunderte, wahrscheinlich tausend Mal wurde diese Standardszene wiederholt, die trotzdem nie langweilig wurde. Denn so wie jeder Patient eine neue Herausforderung für die Ärzte war, so brachte er auch jedes Mal ein neues Schicksal, eine neue Leidensgeschichte in die Serie, und die immer wieder neue Frage: Wird dieser Patient noch zu retten sein?

Als ER 1994 startete (und ein Jahr später in Deutschland), beendete es die Ära der bis dahin üblichen Krankenhausserien. Ging es in der Schwarzwaldklinik oder in amerikanischen Pendants noch um Halbgötter in Weiß, die von Bett zu Bett wanderten und ihren Patienten mit wohlfeilen Worten Mut spendeten, so begleiteten wir Zuschauer nun Woche für Woche junge Mediziner, die mal ausgebrannt waren und mal frustriert, mal wütend und mal traurig, die desöfteren einen Patienten verloren, andere retteten, die die Eindrücke ihrer Arbeit mit nach Hause nahmen, deshalb auch manchmal Probleme mit ihren Partnern und ihren Familien bekamen, und die sich doch nichts anderes vorstellen konnten, als Tag für Tag diesen Job zu machen. Die Kamera war nicht distanziert, sondern immer nah dran, an den Patienten im Traumaraum und an den Menschen, die sie behandelten. Die Steadycam kreiste scheinbar endlos um das Geschehen rund um den Notfallpatienten, oft folgte sie auch einer Schwester oder einem Arzt durch die Schwingtür in den Nachbarraum, wo zeitgleich ein anderer Patient um sein Leben kämpfte. Das Personal warf sich medizinische Fachausdrücke und Abkürzungen um die Ohren, von denen man nicht einmal die Hälfte verstand. Aber darauf kam es auch nicht an. Denn was man verstand, war, dass es um Menschen ging, um Leben und Tod und darum, wie diejenigen damit umgehen, die täglich damit konfrontiert werden.

Daneben war ER immer auch eine hoch politische Serie: Der Umgang mit HIV-Infizierten wurde ebenso diskutiert wie gesellschaftliche Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Die Ärzte wurden in Afrika mit Bürgerkriegen konfrontiert und als Soldaten oder deren Angehörige mit dem Krieg im Irak. Und immer wieder wurden die Folgen des maroden US-Gesundheitssystems gezeigt, wenn Patienten sich eine lebensnotwendige Behandlung nicht leisten konnten, wenn Alte und Arme auf der Strecke blieben, wenn das Personal Regeln brechen musste, um überhaupt ihren Job machen zu können.

Einige der interessantesten Figuren der TV-Geschichte hat die Serie hervorgebracht, allen voran Mark Greene, den gütigen Oberarzt, der immer versucht, trotz allen Stresses Mensch zu bleiben (und dessen Krebstod zu den bewegendsten Handlungssträngen der Serie gehört) sowie John Carter, der als junger Medizinstudent in die Notaufnahme kommt, zunächst ungeschickt und naiv, der zwischendurch ein karrieregeiler Zyniker wird, später sogar medikamentenabhängig, und der sich doch zu einem guten, erfahrenen Arzt entwickelt. Aber auch starke weibliche Charaktere wie Susan Lewis, Abby Lockhardt und Carol Hathaway, die den männlichen Ärzten oft genug zeigten, dass sie diesen mindestens ebenbürtig waren.

Leider konnte ER die hohe Qualität der ersten acht Staffeln nicht dauerhaft halten. Schaut man sich heute noch mal Folgen aus den frühen Staffeln an und davor oder danach welche aus den aktuelleren, ist es fast, als schaue man zwei verschiedene Serien. Und das liegt nicht nur - wenn auch zu einem großen Teil - daran, dass zwischen der achten und der 15. Staffel die komplette Hauptdarstellerriege ausgetauscht wurde. Es beginnt im Grunde schon damit, dass der alte Vorspann, der perfekt auf die Atmosphäre der Serie einstimmte, irgendwann gegen ein nichtssagendes kurzes Intro ersetzt wurde. Es geht weiter mit der langsameren Erzählweise, wo meistens nicht mehr Dutzende Patienten pro Folge in den ER geschoben wurden, sondern meist nur noch eine Handvoll. Der Fokus verschob sich immer mehr auf das Privat- und Liebesleben der Hauptfiguren, die Patienten wurden oft fast zu Staffage. Spätestens nachdem die neuen Ärzte immer jünger und cooler wurden, hatte man das Gefühl, nur noch einen Abklatsch der inzwischen auch quotenmäßig erfolgreicheren Serie "Grey's Anatomy" zu sehen - was eine Schande ist, wenn man doch bedenkt, dass diese Serie ohne den Erfolg von ER nie möglich gewesen wäre.

In der letzten Staffel gab es zumindest ein Wiedersehen mit einigen schmerhaft vermissten Charakteren. Nicht nur Noah Wyle durfte für die letzten Folgen noch einmal in seine Glanzrolle als Dr. Carter schlüpfen, auch einige Ehemalige, mit denen zum Teil niemand mehr gerechnet hatte - darunter der schon längst verstrorbene Dr. Greene (Anthony Edwards) sowie Superstar George Clooney als Dr. Ross mit seiner Filmehefrau Carol (Juliana Marguilies) - wurden für jeweils ein oder zwei Folgen noch einmal in die Handlung eingebaut. Die letzte Folge fand ich relativ schwach. Zwar tauchen noch einmal eine ganze Reihe alter Gesichter auf, die aber abgesehen von Carter nicht besonders viel zu tun bekommen. Mit dem Auftauchen von Dr. Greenes erwachsen gewordener Tochter Rachel, die nun ebenfalls Medizin studieren will und sich am County bewirbt, schließt sich der Kreis, und einige Szenen der Abschlussepisode erinnern stark an den Pilotfilm. Dafür werden viele Handlungsstränge einfach offen gelassen (Kommen Sam und Gates wieder zusammen? Neela und Ray?), anders als in John Wells' anderer grandisoser Serie "Third Watch" passiert auch nichts Spektakuläres, kommt keine richtige Abschiedsstimmung auf.

Nun ist ER endgültig Geschichte und obwohl man in den letzten Jahren das Gefühl hatte, sie wäre das schon seit längerem, so ist es insgesamt doch eine stolze Geschichte. 
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Mittwoch, August 19, 2009

Darwinismus als Science-Fiction: Dietmar Daths "Die Abschaffung der Arten"


500 Jahre in der Zukunft ist die Menschheit so gut wie ausgestorben; was von ihren übrig geblieben sind, sind einige Ausgestoßene, die wie die Wilden leben. Den Platz der Menschen hat eine neue Zivilisation von sprechenden Tieren eigenommen: die Gente. Angeführt vom weisen Löwen Cyrus Golden, der einst ein Mensch war, bevor er durch Genetik eine neue Spezies schuf, leben Dachse, Wölfe, Libellen, Affen und allerlei andere Geschöpfe in drei gewaltigen Städten, die dort stehen, wo früher Europa war. Sie verständigen sich über Duftstoffe, ihr komplexes Pherinfonsystem erinnert mit seinen Diskussionsforen und Datenleitungen an unser heutiges Internet. Da sie nicht mehr an einen Körper gebunden sind, überdauern diese Wesen die Jahrhunderte. Aber ein neuer großer Krieg droht durch ein Maschinenwesen, das im südamerikanischen Dschungel lebt. Der Löwe schickt seinen Botschafter, den Dachs Dmitri, aus, um den drohenden Untergang der Gente-Zivilisation abzuwenden.

Im Roman "Die Abschaffung der Arten" des Schriftstellers und ehemaligen FAZ-Feuilleton-Redakteurs Dietmar Dath geht es um nicht weniger als um das Ende der Menschheit und darum, wie die Evolution nach deren Epoche weitergeht. Doch damit nicht genug: Nach etwa 300 Seiten lässt Dath seine ganze neue Welt, die er zuvor mit großer Phantasie ausgemalt hat, wiederum untergehen. Man muss seinen Wagemut bewundern, an dieser Stelle nicht nur die Hauptfiguren, sondern die ganze Kultur verschwinden zu lassen, die er zuvor etabliert hat - und selbst den Schauplatz Erde zu verlassen. Stattdessen findet sich der Leser nun auf zwei anderen Planeten wieder, auf denen die Nachkommen der Gente wiederum neue Kulturen aufgebaut haben, manche, um die Tradition der Vorfahren aufrecht zu erhalten, andere, gerade, um deren Erbe zu vergessen. Doch so weit sich die einzelnen Spezies auch von ihren menschlichen Ursprüngen entfernen: Die negativen Eigenschaften ihrer Vorfahren werden sie doch nie los.

Mit diesem epischen Science Fiction-Roman versucht Dath den ganz großen Wurf, eine Erzählung über 1500 Jahre, über den Aufstieg und Fall mehrerer Zivilisationen. Leider neigt er dazu, an manchen Stellen in schier endloses Techno-Gebabbel über Genetik, Darwinismus, Raum-Zeit und ähnliches abzudriften, das nicht nur unverständlich ist, sondern vor allem den Eindruck erweckt, der Autor habe seinen Lesern zeigen wollen, wie gebildet er doch ist. Auch das Herumschleudern mit völlig unbekannten Fremdwörtern, von denen man meistens nicht so genau weiß, ob sie wirklich im Duden stehen oder der überbordenden Phantasie Daths entsprungen sind, machen das Lesen nicht gerade leichter. Ebenso wie bei manchen unfassbar langen Schachtelsätzen merkt man hier deutlich, dass Dath früher für die FAZ (und für die Spex) geschrieben hat.

Auf der anderen Seite fasziniert der unglaubliche Einfallsreichtum des Autors, seine Detailfreude im Beschreiben von Techniken, Kulturen und Ereignissen, die so unwahrscheinlich sind, das man sie fast schon für möglich halten könnte. Spätestens, wenn sich im untergehenden Reich des Löwen neue Koalitionen bilden, Intrigen gesponnen werden und treue Verbündete sich gegen ihn wenden, hat Dath seine Leser gepackt. Und wenn dann plötzlich in der Mitte des Buches Schauplätze, Figuren und Kulturen auf einen Schlag wechseln, möchte man nur noch wissen, was es damit nun wieder auf sich hat. Zum Glück fehlt es dem Schriftsteller nicht an Humor. Immer wieder finden sich mitten in dem ganzen Schlachtengetümmel und Techniksprech wahnsinnig witzige Einfälle und Anspielungen: ein des Sprechens kaum kundiger Esel, der die Laudatio bei der Verleihung eines Kunstpreises halten soll, ein Orang-Utan, der nach 1000 Jahren aus seinen Erbinformationen wieder zusammengesetzt werden soll und sich dabei in einen Riesenaffen à la King Kong verwandelt, der sich sogleich aufmacht, eine Stadt zu zerstören etc. etc. Da finden sich dann herrliche Sätze wie etwa dieser: 

"Der Vorgang dauerte auch deshalb seine Zeit, weil die Natur zunächst einmal ihr Erstaunen und ihren Abscheu überwinden mußte, da es ihr zuvor nicht im Traum eingefallen wäre, aus Dreck und Licht auf der Oberfläche der Venus ausgerechnet einen armen alten Affen zu akkumulieren."

Dietmar Dath ist ein großer literarischer Weltenerschaffer. Hätte er seine Sprache etwas einfacher gehalten, ein paar biologische und physikalische Theorien weniger in sein Buch gepackt, hätte dies ein ganz großer Roman werden können. So ist es immer noch zwar anstrengende, aber doch sehr lohnende Lektüre für alle, die sich schon immer die Frage stellten, ob die Evolution nicht doch etwas Besseres hätte hinbekommen können als den Menschen.
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Dienstag, August 18, 2009

Die ARGE (XXI)

Auf den versprochenen Anruf der ARGE zu warten, war natürlich ähnlich erfolgversprechend wie das Warten in dem berühmten Stück von Beckett. Die Vorgesetzte rief erwartungsgemäß nicht an. Also fuhr ich am nächsten Vormittag wieder zur ARGE, ließ mich einige Male hin und her schicken, um der Teamleiterin schließlich die Zusage abzutrotzen, jetzt endlich eine Abschlagzahlung zu bekommen. Danach wartete ich noch einmal eine Stunde, bis die Sachbearbeiterin Zeit hatte und hörte dann vom Gang aus zu, wie diese und ihre Zimmernachbarin versuchten, das Computerprogramm zu bewältigen („Wo muss ich das denn eintragen?“ – „Hier.“ – „Das nimmt er aber nicht.“ ).

Letztendlich händigte die Mitarbeiterin mir dann einen Abschlag in Höhe von unglaublichen 150 Euro aus. In Worten: EINHUNDERTFÜNFZIG! Nach DREI MONATEN! Mit einem anrechenbaren Einkommen von durchschnittlich etwa 200 Euro seit Antragstellung! (Wobei die da ja gar nicht wussten, was Honorare überhaupt sind. "Bekommen Sie den Betrag jetzt regelmäßig?" - "Das hängt davon ab, wie viel ich schreibe." - "Aha." ) Auf meine Frage, wovon ich denn bitte die letzten drei Monatsmieten hätte zahlen sollen, bekam ich die Antwort, ich hätte die ja wohl gezahlt, also hätte ich ja irgendwo Geld herbekommen haben müssen, also wäre ich ja faktisch gar nicht hilfsbedürftig gewesen oder jedenfalls nicht in der Lage, das nachzuweisen.

Immer am ersten des Monats standen einige Leute von der Arbeitsloseninitiative, einer Selbsthilfegruppe, nicht zu verwechseln mir der Arbeitslosenberatung der städtischen Zukunftswerkstatt, vor dem Amt und boten einen Begleitservice durchs Haus an, damit man einen Zeugen hatte, wenn die Mitarbeiter einen über den Tisch ziehen wollten. Das hatte ich diesmal auch in Anspruch genommen. Der Begleiter erzählte mir auch von der Möglichkeit, beim Sozialgericht gegen die Untätigkeit der ARGE vorzugehen, was er schon durchgezogen hatte. Er berichtete auch von einem seiner Bekannten, Mitte 30, den ein ARGE-Mitarbeiter gefragt hatte, was wolle er denn eine eigene Wohnung finanziert haben, er könnte doch weiter bei seinen Eltern wohnen. Ich gab der ARGE nun in Gedanken noch eine Frist von zwei Wochen, meinen Antrag zu bewilligen, bevor ich einen Anwalt aufsuchen wollte.

Fortsetzung folgt

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Sonntag, August 16, 2009

Die taz über das Ende von ER

"Personell hat man darin noch mal alles aufgefahren und sogar den einzigen Superstar der ER-DarstellerInnen, George Clooney, zu einem groß angekündigten, aber lahmen Gastauftritt überreden können. Wenn also am Mittwoch die letzte ER-Folge in Deutschland ausgestrahlt wird, die durch Downloads vielen Fans eh längst bekannt ist, hat sich die Kaiserin der Arztserien endlich und viel zu spät vom Thron verabschiedet."

Ein sehr schöner Artikel über die beste aller Krankenhausserien, der noch einmal zusammenfasst, was sie so besonders machte, aber auch, warum sie in den letzten Jahren nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Mein persönliches Fazit folgt dann sicher nächste Woche.

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Mittwoch, August 12, 2009

Die ARGE (XX)

Der größte Hohn war aber: Auf den Bildschirmen, die in der Wartezone hingen, stand  regelmäßig "Arbeit lohnt sich nicht? Stimmt nicht!". Das schien eine neue Form der Gehirnwäsche zu sein. Wenn man nur lange genug da wartete und auf diesen Spruch starrte, würde man als Arbeitsloser schon motiviert, sich endlich mal einen Job zu suchen (was man sonst natürlich nicht war), so wahrscheinlich der clevere Plan der Werbeagentur, oder wer immer das verbrochen hatte. Tja, bei George Orwell hat das ja auf ganz ähnliche Weise auch geklappt. Vielleicht hängten sie bald noch ein Bild des Großen Bruders Peter Hartz daneben, der seine verlorenen Schäfchen milde lächelnd anschaute.

Der Beweis, dass sich Arbeit als Alg II-Berechtigter eben gerade nicht lohnte, war ich selbst. Hätte ich nicht in geringem Umfang freiberuflich gearbeitet, also gar keine Einnahmen erzielt, wäre mein Antrag vermutlich schon Mitte Mai bewilligt worden. Da ich aber arbeitete, ohne in der Lage zu sein, meinen Lebensunterhalt davon bestreiten zu können, und die ARGE unfähig war, einfach mein Einkommen anzurechnen und mir das verbleibende Geld zu bewilligen, hatte ich seit drei Monaten viel weniger Geld auf dem Konto, als ich gehabt hätte, wenn ich seit April keinen Finger mehr gekrümmt hätte.

Die E-Mailadresse der Beschwerdestelle lautete übrigens arge-duesseldorf.kundenreaktionsmanagement@arge-sgb2.de - das dürfte die längste E-Mail-Adresse der Welt sein! Die Dame vom Arbeitslosenzentrum meinte, das sei wieder so ein Trick, die "Kunden" abzuwimmeln. Ich denke, es sollte einem unmöglich gemacht werden, diese Adresse fehlerfrei einzutippen, in der Hoffnung, man ließe sich durch die Fehlermeldung abschrecken und versuche es daraufhin kein zweites Mal, sich zu beschweren.

Fortsetzung folgt

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Skurrile Übersetzung

Viele kritisieren ja, dass deutsche Synchronisationen amerikanischer Serien oft schlecht seien. Noch seltsamer kann es aber bei Untertitelungen werden. Ein Beispiel aus ER:

Arzt: "Wissen Sie, woher Sie den Tripper haben?" - Patientin: (im Original) "Of course, I'm not a slut!"; (deutsche Untertitel) "Natürlich, ich bin doch keine Schlunze!"

Also, ich bin mir ziemlich sicher, dass man das in der Synchro korrekt mit "Schlampe" übersetzt hat. (Dass man einen 5er French auf Deutsch wirklich 5er Franzose nennt, glaub ich auch nicht wirklich, aber ich bin auch kein Arzt.) 

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Dienstag, August 11, 2009

Die ARGE (XIX)

Statt also telefonisch jemanden zu erreichen, bekam ich einige Tage später einen Brief der Fallkoordinatorin. Ich hätte die fehlende Honorarabrechnung immer noch nicht eingereicht, die ich ja schon vor 2 Wochen abgeschickt hatte. Außerdem wolle sie noch eine Heizungsabrechnung von den Stadtwerken, obwohl ich ihr beim letzten Mal breit erklärt hatte, dass aus meinem Anmeldungsschreiben nicht hervorging, welcher Anteil der Stromkosten auf die Nachtspeicherheizung entfiel. Sie hatte mir damals gesagt, dann würde sie einen Pauschalbetrag ansetzen. Nun schrieb sie, sollte ich die Unterlagen nicht bis zum 4. Juni einreichen, müsste sie meinen Antrag ablehnen. Daraufhin fuhr ich sofort zur ARGE, um noch einmal eine Kopie der verschwundenen Honorarabrechnung persönlich abzugeben und ließ mir das diesmal auch an der Anmeldung quittieren. Nun war ich guter Dinge, dass endlich alle Hindernisse beseitigt waren und die Bewilligung nur noch eine Frage von Tagen sein konnte.

Einen Monat später, wir schrieben inzwischen Anfang Juni, es waren seit meiner Antragstellung also mittlerweile drei Monate vergangen, ich hatte zwei Mal beim Callcenter der ARGE angerufen und eine E-Mail an die Fallkoordinatorin verschickt, welche unbeantwortet geblieben war, fuhr ich auf Anraten der Dame von der Arbeitslosenberatungsstelle, mal wieder zur ARGE. Mittlerweile war dies eine Art Running Gag geworden, der nur leider für mich kein bisschen lustig war. Nachdem ich 2 1/2 Stunden in der Wartezone herum gesessen hatte, erfuhr ich, dass die Fallkoordinatorin - die eh nur an zwei Tagen pro Woche arbeitete - im Urlaub wäre. Der Herr an der Anmeldung telefonierte mit deren Vorgesetzter, die mich angeblich noch am gleichen Tag zurückrufen sollte. Würde die Frau sich nicht melden, sollte ich einen Tag später wieder zur ARGE kommen.

Fortsetzung folgt

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Samstag, August 08, 2009

Dystopie-Klassiker für Jugendliche: John Christophers "Die Wächter"

1986 sah ich im ARD-Vorabendprogramm eine SF-Miniserie, deren Namen ich leider lange vergessen hatte. In einer Grabbelkiste in der Stadtbücherei geriet mir vor ein paar Tagen zufällig die Buchvorlage in die Finger: "Die Wächter" heißt sie (genau wie die Serie), im Original "The Guardians", geschrieben von dem Engländer John Christopher, der auch die "Tripods" geschrieben hat, einen anderen SF-Roman, der ja ungefähr zur gleichen Zeit ebenfalls als TV-Serie verfilmt wurde. "Die Wächter" ist in den 70ern als Taschenbuch bei Ravensburger erschienen, also als Jugendbuch, und erzählt seine doch recht stationsreiche Geschichte auf gerade mal 150 Seiten.

Mitte des 21.Jahrhunderts ist Großbritannien zu einem Staat geworden, in der sich zwei gesellschaftliche Gruppen gebildet haben, die räumlich streng voneinander getrennt leben. In den Konurbas, großen Ballungsgebieten, leben die Menschen auf engem Raum in einer Konsumwelt, die wenig Platz für individuelles Verhalten lässt. Hauptfreizeitbeschäftigungen sind Holovision und blutige Wettkämpfe in Stadien, die die stumpfe Masse ablenken sollen. Umgeben sind diese Megastädte von Landkreisen, in denen der Adel weitgehend so lebt wie im 19. Jahrhundert: ohne arbeiten zu müssen, aber auch ohne große technische Annehmlichkeiten, dafür umsorgt vom Dienstpersonal. Zwischen beiden Gesellschaftsschichten findet so gut wie kein Kontakt statt, der Übertritt von den Konurbas in die Landkreise ist für die Stadtbewohner sogar verboten: Große Zäune trennen die Gebiete ab.

Als der Vater des jungen Rob, der bereits seine Mutter verloren hat, überraschend stirbt, muss der Junge in ein Internat. Die dortigen Zustände verleiten ihn schließlich zur Flucht, nicht nur aus der Schule, sondern auch aus der Konurba Groß-London: Er wagt das Unvorstellbare und macht sich auf in den Landkreis. Das dortige Leben erscheint ihm zunächst paradiesisch, aber auch dort gibt es Unzufriedene, die eine Revolution gegen das herrschende Gesellschaftssystem planen...

Christopher entwirft ein klassisches Dystopie-Szenario, das sich dadurch von ähnlich angelegten Zukunftsvisionen unterscheidet, dass es neben der entmenschlichten Großstadtwelt eine weitere Welt gibt, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Erst ganz zum Schluss erfährt der jugendliche Held der Geschichte (und der Leser), wie diese scheinbar getrennten Gesellschaftssysteme zusammenhängen, und das noch andere Mächte im Spiel sind als die, die vorher bekannt waren. Die Fragen, die der Autor aufwirft, sind absolut zeitlos und für Erwachsene sicherlich ebenso spannend wie für Jugendliche. Leider wirkt der Aufbau der Handlung manchmal etwas holperig. 150 Seiten sind halt sehr wenig, und so bleibt oft wenig Zeit für Erklärungen oder ausgearbeitete Charakterentwicklungen. Deshalb ist insbesondere die Motivation Robs nicht immer ganz nachvollziehbar.

Auch das Gesellschaftssystem, das Christopher entwirft, ist nicht immer so ganz schlüssig. Einerseits ist die jeweils andere Welt für die Bewohner tabu, andererseits stehen beide Welten aber in einem wirtschaftlichen Austausch. Obwohl die Bewohner der Konurbas vom Landadel ausgebeutet werden, scheint sie das nicht besonders zu stören. Die Großstädter blicken stattdessen mit Verachtung auf das einfache Leben auf dem Land, obwohl es ihnen doch eigentlich privilegiert erscheinen müsste. Rob scheint so ziemlich der einzige zu sein, der den Zuständen in der Konurba entkommen möchte.

Ich kann mich nur an sehr wenig aus der Serie erinnern (diese scheint auch nie wiederholt worden zu sein), denke aber, dass man dort mehr Zeit für Details hatte - immerhin war das ein Sechsteiler. Dort kamen wohl auch Personen vor, die es im Roman gar nicht gibt. So kann ich mich erinnern, dass die titelgebenden Wächter in der Serie bei ihrer "Arbeit" vor Überwachungsmonitoren zu sehen waren, und zwar schon in den ersten Folgen, während die im Buch überhaupt erst ganz zum Schluss erwähnt werden. Wen Robert Atzorn da nun gespielt hat, weiß ich allerdings auch nicht mehr.

Das Buch ist auf jeden Fall eine anregende und interessante Lektüre, auch für ältere Semester. Die Serie wäre mal ein Fall für eine DVD-Box. Warum die ARD solche eigenproduzierten Schätze in ihren Archiven schlummern lässt, statt sie mal auf einem ihrer zahlreichen Kanäle zu wiederholen, ist mir eh schleierhaft.
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Freitag, August 07, 2009

Die ARGE (XVIII)

Zwar schickte ich die fehlenden Unterlagen, den Alg I-Ablehnungsbescheid der Arbeitsagentur sowie den vollständig kopierten Mietvertrag, per Post ein und fuhr wie vereinbart drei Wochen später zum Gespräch mit der zuständigen Sachbearbeiterin, die sich hier Fallkoordinatorin schimpfte. Diese meinte jedoch, sie brauche noch eine Honorarabrechnung der Lokalzeitung, für die ich ja seit Ende März schrieb. Ich hatte aber bisher noch keine Abrechnung über einen ganzen Monat bekommen, so dass ich auch nicht belegen konnte, wieviel ich dort monatlich ungefähr verdienen würde. Wir einigten uns darauf, dass ich die Abrechnung für den April, die ich in den nächsten Tagen erwartete, dann sofort einschicken würde. Dann würde sie sofort den Antrag bewilligen, da alle anderen Unterlagen ja vorlägen. Meine Frage, wie es denn bis dahin mit einer Abschlagzahlung aussähe, schmetterte sie ab: „In ein paar Tagen haben Sie ja dann Ihre Bewilligung, und dann bekommen Sie ja gleich Ihr Geld seit April rückwirkend überwiesen.“

Die Abrechnung lag wie erwartet ein paar Tage später in meinem Briefkasten, und natürlich schickte ich gleich eine Kopie an die ARGE. Als ich zwei Wochen später noch nichts von dort gehört hatte, versuchte ich, mich telefonisch nach dem Stand der Bearbeitung meines Antrags zu erkundigen. Als wenn das so einfach möglich gewesen wäre! Bei jeder anderen Behörde, sei es das Finanz- oder das Wohnungsamt, ist so etwas zwar eine Selbstverständlichkeit. Versucht man bei der Düsseldorfer ARGE, seine Sachbearbeiterin telefonisch zu erreichen (laut ihren Briefen war sie eh nur mittwochs und donnerstags da), wird man mit einem Band abgespeist: "Aufgrund des hohen Anrufaufkommens können wir sie nicht erhören" oder so ähnlich. Dasselbe Band läuft auch noch um halb Sechs nachmittags.

Eine Mitarbeiterin der Zukunftwerkstatt (!), die in Düsseldorf auch Beratung für Arbeitslose anbietet, wenn diese Ärger mit der Arbeitsagentur oder der ARGE haben – was per se schon mal merkwürdig ist, da sie, genau wie die ARGE teilweise, eine städtische Einrichtung ist -, erklärte mir einige Wochen später auch den Grund dafür. Die Nummern, die die ARGE-Mitarbeiter an ihre „Kunden“ gäben, seien nur von acht bis neun Uhr morgens freigeschaltet. (Langsam kam mir der Verdacht, die ganze ARGE arbeite vielleicht nur in dieser einen Stunde am Tag.) In dieser Stunde versuchten dann, etwa zweitausend Leute dort anzurufen, weswegen natürlich so gut wie keiner durchkäme. Die Dame von der Arbeitslosenberatung meinte, das sei so gewollt. Ich muss zugeben, ein ziemlich effektives Vorgehen, um sich unerwünschte Nachfragen oder Beschwerden vom Leib zu halten. Wenn es darum geht, zu seinem Recht zu kommen, ohne gleich ständig Briefe schreiben zu müssen oder auch nur darum, zu erfahren, woran die Bearbeitung eines Antrages denn hakt, ist das natürlich ein katastrophales Vorgehen.

Fortsetzung folgt

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Donnerstag, August 06, 2009

Die ARGE (XVII)

14 Tage nachdem ich den Antrag auf Arbeitslosengeld II gestellt hatte, gab ich meine Antragsunterlagen bei der ARGE ab. Der Mann, der die Unterlagen entgegen nahm, blätterte sie durch und fragte schließlich: “Wo ist denn der Alg I-Ablehnungsbescheid?“ – „Welcher Alg I-Antrag?“, fragte ich, „Sie sehen doch, dass ich bis vorletzten Monat Alg II bezogen habe, woher soll ich denn jetzt plötzlich einen Alg I-Anspruch herhaben?“ -  „Ja, einen Antrag müssen Sie trotzdem stellen, damit wir den Ablehnungsbescheid von der Arbeitsagentur in unsere Akte heften können - falls mal einer die Akten prüft."

Abgesehen davon, dass man das beim Mainzer Jobcenter nicht so machen musste, war diese Vorgehensweise natürlich kompletter Humbug. Erstens konnte ich ja in einem Monat gar keinen Anspruch auf Alg I erworben haben, was die ARGE-Mitarbeiter auch wissen. Und zweitens haben die doch wohl Zugriff auf dieselben Beschäftigungsdaten wie die Arbeitsagentur. Schließlich hatte ich der BA ja nie mitgeteilt, was ich in den letzten zwei Jahren gemacht hatte, sondern nur dem Jobcenter in Mainz. Aber die Düsseldorfer Arbeitsagentur konnte genau diese Daten in ihrem Computersystem sehen, als ich dort notgedrungen einige Tage später wegen eines Alg I-Ablehnungsbescheides vorsprach. Und die ARGE konnte diese Daten nicht selbst einsehen?

Die Krönung war aber, dass ich die fehlenden Unterlagen jetzt erst im Mai abgeben sollte, etwa drei Wochen später. Die zuständige Sachbearbeiterin arbeitete nämlich Teilzeit, und hätte voher keinen Termin frei. Bis dahin würde natürlich auch der Antrag noch nicht bearbeitet. Auf meinen Vorschlag, den Original-Mietvertrag, den ich zwar mitgebracht, aber nicht kopiert hatte, könnte ich ja jetzt noch schnell kopieren und dann reinreichen, erwiderte der Mitarbeiter: „Den können Sie ja dann in drei Wochen abgeben, wenn Sie eh mit der Sachbearbeiterin sprechen.“ Auf meine Frage, wovon ich bis dahin eigentlich meine Miete bezahlen sollte, antwortete er: „Ja. Das ist eine blöde Situation für Sie. Können Sie nicht mit Ihrem Vermieter sprechen, ob Sie nicht später zahlen können?“

Klar, und wann bitte? Wenn irgendwann im Juni vielleicht der Antrag mal durch und ich dann mit zwei Monatsmieten im Verzug wäre? Und wovon sollte ich bis dahin meine sonstigen Kosten bestreiten? Sollte ich im Supermarkt auch sagen: „Ihr Geld kriegen Sie irgendwann“? Wir einigten uns darauf, dass ich wohl erst einmal meine Mutter bitten müsste, mir Geld zu leihen. Um es kurz zu machen: Hätte meine Mutter selbst kein Geld gehabt oder hätte ich ein schlechtes Verhältnis zu ihr gehabt, wäre ich dank der ARGE wahrscheinlich aus meiner Wohnung geflogen und auf der Straße gelandet. Denn natürlich wurde mein Antrag auch im Mai nicht sofort bearbeitet.

Fortsetzung folgt

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Sonntag, August 02, 2009

Das opus magnum des deutschen TV-Films: Edgar Reitz' "Die zweite Heimat"

Ich muss jetzt doch mal was über den Fernsehfilm schreiben, der mich am meisten bewegt hat. 1993 strahlte die ARD innerhalb weniger Wochen die 13 Teile von Edgar Reitz' "Die zweite Heimat - Chronik einer Jugend" aus. Ich entdeckte die Reihe zufällig beim Zappen, als ich in den dritten Teil geriet. Nach einigen Minuten war ich so gefesselt, dass ich keinen der weiteren Teile mehr verpasste. Der 13-teilige TV-Film mit einer Gesamtlänge von unglaublichen 25 1/2 Studen war eine lockere Fortsetzung von Reitz' 1984er "Heimat"-Mehrteiler. Eigentlich ist es aber ein mehr oder weniger eigenständiger Film, der lediglich eine Figur aus "Heimat" übernimmt und dessen Erwachsenwerden im München der 60er Jahre schildert.

Hermann Simon verlässt als junger Mann sein heimaltliches Hunsrückdörfchen Schabbach (dessen Geschichte durch das 20. Jahrhundert der erste "Heimat"-Film erzählt), um in München Musik zu studieren. "Die zweite Heimat" des Titels ist nicht nur eine Anspielung auf den ersten Film, sondern hat auch inhaltliche Bedeutung: Es geht hier um die zweite, die selbstgewählte Heimat, die nicht nur ein Ort sein kann, sondern auch etwas, was dem eigenen Leben Sinn gibt, im Falle von Hermann und seinen neuen Freunden sind es die Musik, der Film, die Kunst. Fast alle Gleichaltrigen, die Hermann in seiner neuen Heimatstadt kennenlernt, machen wie er irgendetwas mit Kunst; sie sind Musikstudenten oder Jungfilmer.

Jede Episode ist einem anderen Charakter gewidmet, wobei sich die Hauptstory um Hermann und seine große Liebe Clarissa durch alle Folgen zieht. Im Laufe der Jahre legen die Figuren einen Weg zurück, der sie meist von jugendlichem Eifer und Idealismus über Rückschläge und Enttäuschungen bis zu einem "Ankommen" im Erwachsenendasein führt. Einige haben in ihrem Beruf Erfolg, andere scheitern auf dem Weg, eine Figur geht den radikalen Weg in den Terrorismus, bei manchen nimmt es kein gutes Ende. Die großen zeitgeschichtlichen Ereignisse der 60er Jahre bilden den Hintergrund für die Erlebnisse der Figuren: die aufkeimende Studentenbewegung, die Radikalisierung eines Teiles davon, die Auseinandersetzungen über die Rolle der Elterngeneration im Dritten Reich. 

Edgar Reitz' Stil ist sperrig: das Erzähltempo ist langsam, die Dialoge wirken manchmal etwas gestelzt, die Bilder wechseln zwischen schwarz-weiß und Farbe. Dass die Hauptfiguren ausgerechnet Protagonisten der Neuen Musik sind, und auch gerne mal zehn Minuten lang avantgardistische Klangkompositionen aufgeführt werden, macht den Zugang nicht unbedingt einfacher. Aber wenn man einmal gepackt ist, lässt die Erzählung einen nicht mehr los. Ich habe nur wenige Leute getroffen, die "Die zweite Heimat" gesehen haben, aber alle waren davon fasziniert.

Wobei bei mir sicher auch eine Rolle spielte, dass ich damals, als ich sie zum ersten Mal sah, ungefähr im gleichen Alter war wie die Protagonisten am Anfang des Films. Die Themen, die hier behandelt werden, sind universell (auch wenn das Zeitkolorit der bewegten 60er Jahre ein Übriges zur Faszination dazu tut): Es geht darum, seinen Platz im Leben zu finden, die Welt, in die man hinein geboren wurde, diejenige der Eltern, zurück zu lassen und eine neue Welt zu entdecken, eine, in der man dann auch heimisch werden kann. Auch wenn Hermann am Ende (vorläufig) kapituliert und nach Schabbach zurück kehrt. 2004 erzählte Reitz seine und Clarissas Geschichte dann in dem Sechsteiler "Heimat 3" weiter, konnte die alte Faszination aber leider nicht mehr so ganz erzeugen.

Von der Begeisterung, die "Die zweite Heimat" gerade auch im Ausland ausgelöst hat, zeugen einige enthusiastische Userkommentare in der imdb. Bei manchen ging es gleich so weit, dass sie danach von Australien nach München reisten und Deutsch lernten. Leider ist der Film nie im deutschen TV wiederholt worden (im Gegensatz zur ersten "Heimat" ). Das wäre doch mal was für Eins Festival. Seit 2005 liegen alle drei "Heimat"-Teile aber auf DVD vor.

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