Donnerstag, September 17, 2009

Herr Hase sagt tschüss, der Medienjunkie bloggt weiter

Nach ziemlich genau drei Jahren habe ich mich entschlossen, dieses Blog dicht zu machen. Zum einen bin ich sowieso gerade dabei, meine Online-Aktivitäten neu zu sortieren. Zum anderen gab es mir hier einfach zu wenig Feedback. Ich höre aber das Bloggen nicht auf, sondern mache das nun unter dieser neuen Adresse. Wir lesen uns!
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Samstag, September 12, 2009

Der Kandidat: Steinmeier in Düsseldorf

Freitagabend am Düsseldorfer Rheinufer. Auf dem Johannes-Rau-Platz, zwischen Rheinkniebrücke und der alten Staatskanzlei, in der heute die Landtagspräsidentin ihren Sitz hat, hat der Wahlkampftross der SPD Station gemacht. Nur wenige Meter von der Bühne entfernt reckt der ehemalige Landesvater Rau, der diesem Platz seinen Namen gibt, als Bronzestatue seinen Arm Richtung Menge. Unter seinem gütigen Blick soll hier gleich der neueste Hoffnungsträger seiner ehemaligen Partei, Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, die Leute aufrütteln, ihm in zwei Wochen seine Stimme zu geben. 

Der Bereich direkt vor der Bühne ist großflächig für geladene Gäste abgesperrt. Für sie sind etwa fünfzig Holzbänke vorgesehen, für das ungeladene Fußvolk nur zehn an der Seite und vor der Absperrung. Die meisten interessierten Bürger müssen mit Stehplätzen vorlieb nehmen. Langsam füllen sich die Reihen. Immer wieder schreiten Jusos in roten Hemden die Bänke im VIP-Bereich ab und verteilen Schilder mit FW Steinmeier-Logo und verschiedenen Sprüchen, die die Zuhörer später während seiner Rede in die Luft strecken sollen. Auf der Bühne müht sich derweil eine rothaarige Sängerin ab, das Publikum in Stimmung zu bringen.

Zunächst stellt der Moderator die beiden Düsseldorfer Direktkandidaten vor. Karin Kortmann kann es sich nicht verkneifen, gegen das bedingungslose Grundeinkommen zu stänkern, das angeblich die Linke fordere (was für die Gesamtpartei gar nicht stimmt). Bei diesem Konzept gehe es nur darum, die finanziellen Bedürfnisse der Erwerbslosen zu befriedigen, sie bräuchten aber auch Beratung und Hilfe, um eine Arbeitsstelle zu finden. Warum das eine das andere ausschließen soll, erklärt sie nicht. Im Übrigen sei ein Grundeinkommen von 800 bis tausend Euro für jeden Bürger unfinanzierbar. Deshalb sei das nur eine populistische Forderung der Linken, die ja nie in die Verantwortung käme, diese auch umsetzen zu müssen. Woran weniger die Linke schuld ist als die SPD selbst, die es ja ablehnt, mit der Linken zu koalieren und nach der Wahl lieber mit der CDU weitermachen wird. 

Gegen acht Uhr marschiert endlich der Kanzlerkandidat selbst ein. Zunächst schimpft er auf NRW-Ministerpräsident Rüttgers, der heute gegen die Rumänen hetze und morgen vielleicht schon gegen die Chinesen. Danach widmet er sich dem CDU-Wunschpartner FDP. Wie vor der vergangenen Bundestagswahl verteilten die bürgerlichen Parteien schon wieder Ämter. Westerwelle solle Außenminister werden, von Guttenberg aber auch. "Ich frage mich, ob bei dem Gerangel überhaupt jemand auf dem Stuhl landet."

Protestiert wurde auch

Warum Steinmeier aus der großen Koalition heraus möchte, wird nicht so ganz klar. Immerhin meint er doch: "Ohne die große Koalition hätte es keine Lösung für Opel gegeben, aber ohne die SPD in der Regierung hätte gar keiner nach einer Lösung gesucht." Eine bemerkenswerte Ehrlichkeit, heißt das doch, dass eine rot-grüne Koalition Opel nicht hätte retten können. Merkel wirft er vor, keine inhaltlichen Ziele zu verfolgen: "Wer nicht gestalten will, braucht auch nicht zu regieren." Nun ist es nicht gerade so, als wirke er selbst wie ein Politiker mit großen Visionen.

Bei der Union vermisse er Ehrgeiz, in wichtigen Politikfeldern wie dem Klimaschutz vorankommen zu wollen. Bei Steinmeier selbst vermisst man den Ehrgeiz, überhaupt Kanzler werden zu wollen. Eine klare und glaubwürdige Machtperspektive kann oder will er jedenfalls nicht aufzeigen. Mit der Linken will er nicht regieren, mit der Union angeblich auch nicht und der FDP wirft er vor, die Solidarität in der Geselllschaft aukündigen zu wollen, u.a. durch die Abschaffung der gesetzlichen Krankenversicherung. Aber wieso strebt er dann eine Ampelkoalition an, wenn es für rot-grün nicht reicht? Warum will er mit der ach so unsolidarischen FDP koalieren? Die meisten Ziele, die Steinmeier im Laufe seiner Rede nennt, hat man schon oft gehört. Die Einführung des Mindestlohns etwa. Wie glaubwürdig diese Forderung ist, wo die SPD selbst in dieser Legislaturperiode gegen einen entsprechenden Gesetzentwurf der Linken stimmte, kann sich jeder selbst denken.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde ist der Kandidat mit seiner Rede am Ende. Während er noch vor der Bühne mit Ehrengästen plaudert, leert sich der Platz. Johannes Rau schaut noch immer von seinem Sockel herunter. Was er über den aktuellen Kandidaten der SPD denkt, bleibt dem Beobachter leider verborgen. 
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Donnerstag, September 10, 2009

Der schlechteste Kanzlerkandidat seit 25 Jahren

Das ist Frank-Walter "FW" Steinmeier. Mindestens. (Rau war glaube ich 1983? Also seit 27 Jahren.) Wer sich am Dienstag durch die "ZDF-Wahlarena" mit FW gequählt hat, konnte den Eindruck gewinnen, der Mann sei irgendwie im falschen Film gelandet. Abgesehen davon, dass er schwitzte wie ein Bär unter der Höhensonne und sich während der Fragen aus dem Publikum teilweise Luft zupustete, erfüllte er in geradezu paradigmatischer Weise das Klischee des Politikers, der nie auf eine gestellte Frage antwortet. Stattdessen schrammten seine Antworten immer mehr oder weniger haarscharf an den Fragen der Zuschauer vorbei. Beispiel: "Was wird die SPD dafür tun, dass es mehr und bessere Bildung in Deutschland gibt?" - "Also, die Konkurrenz von der CDU sagt ja überhaupt nicht, wie sie bessere Bildung finanzieren will. Die versprechen was und sagen dann nicht, wie sie das bezahlen wollen. Das finde ich unanständig." Und was will die SPD tun? Das wusste man hinterher immer noch nicht.

Anderes Beispiel: Ein Zuschauer schildert, dass er viele Bekannte hat, die Vollzeit arbeiten, aber trotzdem Hartz IV beantragen müssen, weil sie von ihrem Lohn nicht leben können. Frage: "Wann wird sich Arbeit in Deutschland wieder lohnen?" Statt dass der Mann nun antwortet, die SPD wolle deswegen einen Mindestlohn einführen (angeblich will sie das ja), stammelt er herum: "Erstens bedeutet Arbeit zu haben ja einen Arbeitsplatz..." (aha, und was nützt einem der, wenn er die Miete nicht einbringt?), "zweitens ein Einkommen" (das unter dem Hartz IV-Satz liegt), "und drittens ja auch, dass sie ihre Ansprüche fürs Alter dadurch sichern." (Wie hoch fällt wohl die Rente aus, wenn man nicht mal von seinem Erwerbseinkommen leben kann?) Kurzum: Die Antwort des Kandidaten lautet eigentlich: "Im Grunde lohnt sich Arbeit für viele nicht und ich kann ihnen da auch nicht helfen, aber Arbeit stellt ja schon einen Wert an sich da." Irgendwie zynisch.

Vollends lächerlich macht sich der Mann, wenn er dann noch glaubhaft versichern will, er hätte eine Chance, tatsächlich bald Kanzler zu werden. Und zwar ohne Hilfe der Linken. Frage: "Mit wem wollen Sie denn koalieren, wo es ja zu einer Mehrheit allein mit den Grünen offensichtlich nicht reichen wird?" - "Ich kämpfe für eine Mehrheit der SPD. Da es zu einer absoluten Mehrheit wahrscheinlich nicht ganz reichen wird..." (die Bemerkung sollte wohl witzig sein, wirkte aber nur verzweifelt bemüht), "... kann ich mir vorstellen, nein, strebe ich sogar an, eine Koalition mit den Grünen." Klingt überzeugt. Und das ist die Antwort auf die Frage des Zuschauers, die ja schon beinhaltete, dass das alleine nicht reichen wird?

Auffällig war nicht nur, dass FW meistens erst einmal zehn Sekunden schwieg, bevor er überhaupt mit einer Antwort begann - unangenehm war vor allem sein Beamtendeutsch. "Ich komme auch aus einem Familienhintergrund, nein, aus einer Familie ohne akademischen Hintergrund." Schröder hätte einfach gesagt: "Bei uns in der Familie hatte auch niemand studiert." Bei FW heißt das "Familienhintergrund" oder "-zusammenhang". Der Mann müsste erst mal lernen, wie ein normaler Mensch zu sprechen, und nicht wie jemand, der seit 20 Jahren nur noch die Welt der Gremien und Hinterzimmergespräche kennt.

Fast schon das Schlimmste an seiner Kandidatur ist, dass er nicht einmal den Eindruck erweckt, wirklich Kanzler werden zu wollen. Dazu fehlt ihm auch jede politische Vision. Die hatten Schröder und Merkel zwar auch nicht, bei denen war und ist aber zumindest der Wille zur eigenen Machtausübung deutlich erkennbar. Steinmeier wirkt hingegen wie ein Parteisoldat, der den Job des Kanzlerkandidaten übernommen hat, weil es irgendwer halt machen muss, der sich im Grunde in seiner Rolle als ewiger zweiter Mann aber ganz wohl fühlt - und der selbst nicht weiß, was er im Kanzleramt denn nun eigentlich besser oder zumindest anders machen sollte als Frau Merkel.

Als Oskar Lafontaine 1990 als Kanzlerkandidat 33 Prozent für die SPD holte, galt das als neuer Tiefpunkt in der jüngeren Parteigeschichte. Mit FW Steinmeier wird die ehemalige Volkspartei froh sein, wenn es für 23 Prozent reicht. Und FW kann dann wieder das machen, was er am besten kann: diplomatisch herum schwadronieren - in weiteren vier Jahren als Außenminister in der großen Koalition.

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Prominente

Die 25 "Künstler und Intellektuellen", die heute im Freitag zum Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan in absehbarer Zeit aufrufen, sind mir überwiegend sympathisch, auch wenn ich nicht alle als solche titulieren würde. (Sarah Kuttner und Charlotte Roche passen ja nun wirklich weder in die eine noch in die andere Kategorie, obwohl ich beide durchaus für intelligent halte.) Witzigerweise hab ich mit zweien der 25 schon mal telefoniert. Gut, das spricht jetzt eher dafür, dass die meisten nicht so wahnsinnig prominent sind ;-).
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Montag, September 07, 2009

Ein unbekannter früher Bergman: "Das Gesicht"


Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin einer von einer Handvoll Unentwegter, die quasi im Alleingang versuchen, die Kinokultur aufrecht zu erhalten. Jedenfalls finde ich es merkwürdig, dass sich in einer Stadt mit über 500.000 Einwohnern nicht mehr als fünf Menschen finden, die sich dafür interessieren, wenn im örtlichen kommunalen Kino ein selten gezeigter früher Bergman-Film aufgeführt wird. So saß ich also gestern mit vier anderen allein gekommenen Männern, die wesentlich älter waren als ich, in der Düsseldorfer Black Box, um mir eine ziemlich schlechte Kopie von "Das Gesicht" aka "The Magnician" anzuschauen. Gut, dass die im schwedischen Original mit englischen Untertiteln sein würde, wusste ich vorher auch nicht, hätte mich aber auch nicht wesentlich gestört, wenn es nicht etwas anstrengend wäre, weiße Untertitel bei einem Schwarz-Weiß-Film zu lesen.

Von dem Film selbst hatte ich vorher noch nie was gehört, obwohl er von 1958 ist, also aus der Hochphase von Ingmar Bergman: Ein Jahr vorher hatte er seine großen Klassiker "Das Siebente Siegel" und "Wilde Erdbeeren" gedreht, immer noch meine beiden Lieblings-Bergmans. In "Das Gesicht" taucht dann auch der Großteil der Besetzung aus "Wilde Erdbeeren" wieder auf: Max von Sydow, Ingrid Thulin, Gunnar Björnstrand (der auch den Knappen Jöns im "Siebenten Siegel" spielt), Bibi Andersson und sogar die Alte, die Prof. Borgs Mutter spielte. Bergman arbeitete ja gerne mit einem festen Ensemble zusammen; nicht nur von Sydow oder Liv Ullmann spielen über Jahrzehnte immer wieder in seinen Filmen, auch Björnstrand ist sogar noch in "Fanny und Alexander" mit dabei, 25 Jahre nach seiner Rolle in diesem Film.

Von Sydow ist hier der Magier Dr. Vogler, der mit seinem "Magnetischen Gesundheits-Theater" Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Lande zieht, um das Volk mit Tricks und dem Verkauf angeblicher Wundermittel anzulocken. Begleitet wird er u.a. von seiner Ehefrau (Thulin), die sich als männlicher Schüler Voglers tarnt, da die beiden polizeilich gesucht werden, wohl wegen Betrugs. Überhaupt scheint die Truppe ihre besseren Zeiten schon seit längerem hinter sich zu haben, aus Kopenhagen ist sie mit Schimpf und Schande davon gejagt worden. Nun kommt sie in eine kleine schwedische Stadt, wo sie sich zunächst den strengen Fragen und Blicken des Polizeichefs und eines Arztes des Gesundheitsministeriums stellen muss. Dazu müssen die Schausteller im Haus eines Konsuls übernachten, der mit dem Arzt eine Wette eingegangen ist: Der Arzt beharrt darauf, dass alles wissenschaftlich erklärt werden kann, während der Konsul an die Existenz des Übersinnlichen glaubt.

Bergman greift hier wieder einmal seine Lieblingsthemen auf: die Frage nach der Existenz Gottes und den Konflikt zwischen Rationalität und Übersinnlichem bzw. dem Glauben daran. Daneben gibt es in der Nacht in dem Herrenhaus allerlei amouröse Verwicklungen zwischen Köchinnen und Assistenten, Hausmädchen und Kutschern und auch zwischen Vogler und der Dame des Hauses. Bergman schwankt dabei recht unentschlossen zwischen Drama und Komödie hin und her, was leider nicht wirklich gelingt. Ich kenne nur sehr wenige Bergman-Komödien; erinnern kann ich mich nur an "Das Lächeln einer Sommernacht", der auch als Komödie funktioniert. In "Das Gesicht" sind die Komödienelemente eher auf dem Niveau des Millowitsch-Theaters. An diesen Stellen ist der Film leider sehr stark gealtert, über diese derben sexuellen Anspielungen kann heute wohl niemand mehr lachen. Gut ist der Film immer dann, wenn sich Bergman auf seine Kernkompetenzen beschränkt: aufs existenzialistische Drama. Von Sydow ist die Idealbesetzung, wenn es darum geht, das Leiden am Leben mit seinem Gesicht auszudrücken - und das fast ohne Worte, denn Dr. Vogler ist vorgeblich stumm.

Die Frage, ob die Magiertruppe tatsächlich über unerklärliche Fähigkeiten verfügt oder alles nur Bluff ist, wird interessant und spannend verhandelt; es gibt mehrere Wendungen und am Ende ist das immer noch nicht ganz klar. Zumindest die Großmutter, die Rattengift als Liebestrank verkauft, sieht einen Selbstmord tatsächlich vorher. Anders als viele andere Bergman-Filme endet dieser sogar mit einem Happy-End. Insgesamt finden die verschiedenen Elemente aber nicht wirklich zu einem dramaturgischen Ganzen zusammen. Großartig ist aber wie immer in den frühen Bergman-Filmen die Bildsprache: Selten habe ich Frauengesichter schöner von einer Kamera eingefangen gesehen.
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Dienstag, September 01, 2009

Die beste Frage an Frank-Walter Steinmeier

Herr Steinmeier, wenn Sie vier Millionen neue Arbeitsplätze schaffen wollen, es offiziell aber nur 3,5 Millionen Arbeitslose gibt, wo wollen Sie dann die übrigen 500.000 Arbeitskräfte herholen?

(Frage eines Hörers im "Blue Moon", Radio Fritz)

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