Donnerstag, September 17, 2009

Herr Hase sagt tschüss, der Medienjunkie bloggt weiter

Nach ziemlich genau drei Jahren habe ich mich entschlossen, dieses Blog dicht zu machen. Zum einen bin ich sowieso gerade dabei, meine Online-Aktivitäten neu zu sortieren. Zum anderen gab es mir hier einfach zu wenig Feedback. Ich höre aber das Bloggen nicht auf, sondern mache das nun unter dieser neuen Adresse. Wir lesen uns!
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Donnerstag, August 27, 2009

Die ARGE (XXIV)

Meine Internetrecherchen, wie denn nun eine Klageschrift fürs Sozialgericht aussehen musste, hatten ergeben, dass man eine Untätigkeitsklage erst einreichen konnte, wenn nach sechs Monaten noch kein Verwaltungsakt erfolgt war. Mit anderen Worten: Erst wenn man nach einem halben Jahr immer noch keinen Bescheid über die Bewilligung oder Ablehnung eines Antrages auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts bekommen hat, kann man vor Gericht die Erteilung eines solchen Bescheids einklagen. Bis dahin ist man entweder längst obdachlos oder muss das Gericht mit Eilanträgen bombardieren, um die ARGE zumindest zur Zahlung angemessener Abschlagzahlungen zu zwingen. Die Bezeichnung Sozialstaat führt sich bei einer solchen Gesetzgebung ad absurdum.


Zum Glück war einer meiner Freunde mit einem Anwalt befreundet, der sich in einer Nachbarstadt auf Streitfälle mit der ARGE spezialisiert hatte. Dieser stellte dann für mich einen Antrag auf einstweilige Anordnung beim Düsseldorfer Sozialgericht. Die ARGE sollte dazu verpflichtet werden, mir bis zur endgültigen Entscheidung monatlich einen angemessenen Abschlag von 500 Euro zu zahlen. Und siehe da: Kurz darauf lag der rückwirkende Bewilligungsbescheid der ARGE in meinem Briefkasten. Zufälligerweise trug dieser exakt das Datum des Tages, an dem mein Anwalt per Fax den Eilantrag beim Sozialgericht gestellt hatte. Daraufhin hätte dann gleich die ARGE beim Gericht angerufen, um mitzuteilen, sie sei doch gerade dabei gewesen, den Bescheid zu verschicken, erzählte mir der Anwalt am Telefon. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...


Seitdem ich den Antrag bei der ARGE gestellt hatte, waren ziemlich genau vier Monate vergangen. Hätte meine Mutter mir in dieser Zeit nicht immer wieder Geld geliehen, wäre ich wohl schon längst aus meiner Wohnung geflogen. Ganz abgesehen davon, dass ich auch alle anderen Rechnungen nicht hätte bezahlen können. In Deutschland scheint es nur noch möglich zu sein, sein Recht gegenüber staatlichen Behörden auch durchzusetzen, wenn man sich einen fähigen Anwalt leisten kann. Der dann die Behörde zwingt, das zu tun, was ihre ureigene Aufgabe ist: Menschen davor zu schützen, ins wirtschaftliche Nichts abzustürzen. Schröder, Hartz und Konsorten haben wirklich geschafft, was nicht einmal Helmut Kohl angestrebt hatte: den Sozialstaat zu einem Almosenstaat zu machen.

Fortsetzung folgt

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Mittwoch, August 26, 2009

Die ARGE (XXIII)

Frage drei Leute, was das sinnvollste Vorgehen bei Untätigkeit der ARGE ist, und du wirst drei verschiedene Antworten bekommen. Am Tag nach meinem kafkaesken Erlebnis beim Anwalt ging ich zur Arbeitslosenberatung, um sie nach einem fähigeren Anwalt zu fragen. Der ehrenamtliche Mitarbeiter dort meinte jedoch, mit Anwälten hätten sie nur schlechte Erfahrungen gemacht. Eine Klage könnte man notfalls auch selbst formulieren. Außerdem bringe ein Eilantrag beim Sozialgericht im Moment sowieso nichts, weil ich dazu erst mal mit meinem Konto in den Miesen sein müsste. Ich hätte also zwei Wochen vorher, statt mich mit der ARGE rumzuärgern, um 150 Euro Abschlag zu bekommen, lieber da schon den Eilantrag beim Gericht stellen sollen. Dass das Gericht natürlich auch wieder einen Monat oder länger brauchen würde, um über den Eilantrag zu entscheiden, spielte wohl keine Rolle, da müsste man halt so lange sein Konto immer weiter überziehen. Ich konnte zwar jetzt schon absehen, dass ich bei weiterer Untätigkeit der Behörde spätestens nach zwei Wochen wieder in den Miesen sein würde, aber das zählte anscheinend für das Gericht nicht. Denen müsste ich ja plausibel machen, dass ich zum Zeitpunkt des Eilantrags schon kein Geld mehr hätte. Absurd.

Der Rat des Ehrenamtlers war dann: „Gehen Sie nochmal zur ARGE und da direkt zum Beschwerdemanagement.“ Leider beging ich den Fehler, diesem Rat zu folgen. Was für einen Sinn eine Stelle für Beschwerden haben soll, wenn diese einen dann an die zuständige Fallkoordinatorin zurückverweist, nicht ohne den Hinweis, man müsse, um diese zu sprechen, erst einmal eine Wartemarke ziehen, weiß ich auch nicht. Also verbrachte ich mal wieder zwei Stunden sinnlos in der Wartezone. Nachdem meine Nummer endlich aufgerufen worden war, fragte mich die Mitarbeiterin am Empfang in aller Dreistigkeit: „Was genau wollen Sie denn jetzt eigentlich?“ (Es war übrigens dieselbe „Dame“, die mich am Tag meiner Antragstellung nach der Umzugsgenehmigung der Mainzer ARGE gefragt hatte. Empathie schien für diese Person ein unbekanntes Gefühl zu sein.)

Diesmal war es soweit und mir platzte der Kragen. Gemeinhin gelte ich im Bekanntenkreis als sehr ruhiger bis fast schon phlegmatischer Mensch. Nun schrie ich die Frau an: „Einen Ablehnungsbescheid will ich, damit ich endlich dagegen beim Sozialgericht klagen kann!“ Dazu schlug ich mit der Faust auf die Theke. „Das kann doch wohl alles nicht wahr sein, wie Sie mir hier systematisch mein Recht vorenthalten!“, brüllte ich weiter. Mittlerweile waren zwei Menschen vom Sicherheitspersonal zu mir gekommen, die immer im Eingangsbereich herum standen, um dafür zu sorgen, dass auch ja kein Kunde unberechtigterweise zu seinem zuständigen Sachbearbeiter vordringen konnte. Während ich weiter auf die Security-Leute einredete, sagte mir die Mitarbeiterin hinter der Theke zu, meine Teamleiterin käme gleich herunter.

Diese konnte mir dann aber auch nur sagen, dass mein „Vorgang“ jetzt bei irgendeiner anderen Stelle läge. Ihre Abteilung hätte längst entschieden, und ich sollte diese ominöse Frau anrufen, die jetzt nur noch den Bescheid erstellen müsste oder was auch immer da noch zu tun war, bevor ich endlich meinen Bescheid und mein Geld bekommen würde. Natürlich ging auch diese Frau später nicht ans Telefon.

Fortsetzung folgt

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Freitag, August 21, 2009

Die ARGE (XXII)

Als auch diese 14 Tage verstrichen, ohne dass ich wieder etwas von der Behörde gehört hatte, besorgte ich mir beim Amtsgericht einen Schein für Beratungshilfe. Danach griff ich zu den Gelben Seiten und schlug unter „Rechtsanwälte – Sozialrecht“ nach. Fettgedruckt stand dort ein Anwalt aufgeführt, der sich nur wenige Straßen von meiner Wohnung entfernt befand. Am Telefon wirkte der Mann schon etwas merkwürdig. Nicht nur, dass er gleich selbst dran ging, statt einer Sekretärin, hätte mir zu denken geben müssen. Auch sonst wirkte er etwas wirr und schon ziemlich alt. Aber ein verwirrter Anwalt kann ja trotzdem fachlich top sein, dachte ich mir. So vereinbarte ich also einen Termin.

Die Praxis wirkte dann, als wäre ich der erste Mandant in diesem Jahr. Der Anwalt wirkte, als sei das letzte Gesetz, mit dem er sich befasst hatte, die Reichsversicherungsordnung gewesen. Vom SGB hatte er anscheinend noch nie etwas gehört. Den Unterschied zwischen ARGE und Arbeitsagentur schien er ebenso wenig zu kennen wie die Höhe des Hartz IV-Regelsatzes. „Wieviel Geld erwarten Sie denn da?“, fragte er mich. Seine einzige Sorge schien zu sein, dass die Kundennummer der BA, die ich immer auf meine Briefe an die ARGE geschrieben hatte, nicht mit der BG-Nummer für das Alg II übereinstimmte. Dass das zwei verschiedene Baustellen waren, verstand er nicht so wirklich.

Die Bedarfsgemeinschafts-Nummer hatte mir übrigens bisher überhaupt noch niemand offiziell mitgeteilt. Ich hatte sie lediglich zufällig auf dem Antrag auf Abschlagzahlung gesehen, den ich beim letzten Mal unterschreiben musste, und gleich notiert. Der Anwalt blätterte immer wieder in meinem Schnellhefter vor und zurück, in den ich den Schriftverkehr mit der ARGE geheftet hatte. Während ich versuchte zu erklären, was bisher vorgefallen war, und was das Amt alles verbockt hatte, unterbrach er ständig und sagte mit sorgenvoller Stimme: „Aber die Kundennummer hier ist doch nicht dieselbe wie die Nummer, die Sie hier angegeben haben. Hoffentlich liegt es nicht daran, dass Sie noch keinen Bescheid haben.“ – „Ja, aber das eine ist ja der Ablehnungsbescheid von der Arbeitsagentur, das andere ein Schreiben an die ARGE.“ – „Hier stimmt die Nummer wieder.“

Es war sinnlos. Ich hätte dem angeblichen Fachanwalt für Sozialrecht erst erklären müssen, was überhaupt eine ARGE ist und was das SGB II unter einer Bedarfsgemeinschaft versteht. Außerdem womöglich noch, wie dort die Anrechnung von Einkommen geregelt ist. Wir einigten uns darauf, dass er zunächst einmal einen Brief an die ARGE schicken wollte, mit der Aufforderung, den ausstehenden Betrag zu zahlen. Um diesen zu ermitteln, sollte ich aber zuerst meine Honorarabrechnungen der letzten Monate vorbei bringen. Insgeheim hatte ich schon längst beschlossen, mir einen anderen Anwalt zu suchen. Da ich Respekt vor älteren Menschen habe, traute ich mich jedoch nicht, ihm seine Inkompetenz ins Gesicht zu sagen. Ich versuchte deshalb heimlich, meinen Beratungshilfeschein wieder in der Akte verschwinden zu lassen, bevor ich sie einstecken wollte. Das merkte er allerdings sofort, wenn er sonst auch kaum noch etwas verstand. Klar, dabei ging es ja auch um sein Geld. „Den Schein müssen Sie mir aber schon hier lassen“, forderte er mich auf. Auf dem Weg nach Hause musste ich immer wieder an einen Satz von Franz Kafka denken: „Irgendjemand musste K. denunziert haben…“ Wie K. kam ich mir inzwischen auch längst vor.

Fortsetzung folgt

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Dienstag, August 18, 2009

Die ARGE (XXI)

Auf den versprochenen Anruf der ARGE zu warten, war natürlich ähnlich erfolgversprechend wie das Warten in dem berühmten Stück von Beckett. Die Vorgesetzte rief erwartungsgemäß nicht an. Also fuhr ich am nächsten Vormittag wieder zur ARGE, ließ mich einige Male hin und her schicken, um der Teamleiterin schließlich die Zusage abzutrotzen, jetzt endlich eine Abschlagzahlung zu bekommen. Danach wartete ich noch einmal eine Stunde, bis die Sachbearbeiterin Zeit hatte und hörte dann vom Gang aus zu, wie diese und ihre Zimmernachbarin versuchten, das Computerprogramm zu bewältigen („Wo muss ich das denn eintragen?“ – „Hier.“ – „Das nimmt er aber nicht.“ ).

Letztendlich händigte die Mitarbeiterin mir dann einen Abschlag in Höhe von unglaublichen 150 Euro aus. In Worten: EINHUNDERTFÜNFZIG! Nach DREI MONATEN! Mit einem anrechenbaren Einkommen von durchschnittlich etwa 200 Euro seit Antragstellung! (Wobei die da ja gar nicht wussten, was Honorare überhaupt sind. "Bekommen Sie den Betrag jetzt regelmäßig?" - "Das hängt davon ab, wie viel ich schreibe." - "Aha." ) Auf meine Frage, wovon ich denn bitte die letzten drei Monatsmieten hätte zahlen sollen, bekam ich die Antwort, ich hätte die ja wohl gezahlt, also hätte ich ja irgendwo Geld herbekommen haben müssen, also wäre ich ja faktisch gar nicht hilfsbedürftig gewesen oder jedenfalls nicht in der Lage, das nachzuweisen.

Immer am ersten des Monats standen einige Leute von der Arbeitsloseninitiative, einer Selbsthilfegruppe, nicht zu verwechseln mir der Arbeitslosenberatung der städtischen Zukunftswerkstatt, vor dem Amt und boten einen Begleitservice durchs Haus an, damit man einen Zeugen hatte, wenn die Mitarbeiter einen über den Tisch ziehen wollten. Das hatte ich diesmal auch in Anspruch genommen. Der Begleiter erzählte mir auch von der Möglichkeit, beim Sozialgericht gegen die Untätigkeit der ARGE vorzugehen, was er schon durchgezogen hatte. Er berichtete auch von einem seiner Bekannten, Mitte 30, den ein ARGE-Mitarbeiter gefragt hatte, was wolle er denn eine eigene Wohnung finanziert haben, er könnte doch weiter bei seinen Eltern wohnen. Ich gab der ARGE nun in Gedanken noch eine Frist von zwei Wochen, meinen Antrag zu bewilligen, bevor ich einen Anwalt aufsuchen wollte.

Fortsetzung folgt

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Mittwoch, August 12, 2009

Die ARGE (XX)

Der größte Hohn war aber: Auf den Bildschirmen, die in der Wartezone hingen, stand  regelmäßig "Arbeit lohnt sich nicht? Stimmt nicht!". Das schien eine neue Form der Gehirnwäsche zu sein. Wenn man nur lange genug da wartete und auf diesen Spruch starrte, würde man als Arbeitsloser schon motiviert, sich endlich mal einen Job zu suchen (was man sonst natürlich nicht war), so wahrscheinlich der clevere Plan der Werbeagentur, oder wer immer das verbrochen hatte. Tja, bei George Orwell hat das ja auf ganz ähnliche Weise auch geklappt. Vielleicht hängten sie bald noch ein Bild des Großen Bruders Peter Hartz daneben, der seine verlorenen Schäfchen milde lächelnd anschaute.

Der Beweis, dass sich Arbeit als Alg II-Berechtigter eben gerade nicht lohnte, war ich selbst. Hätte ich nicht in geringem Umfang freiberuflich gearbeitet, also gar keine Einnahmen erzielt, wäre mein Antrag vermutlich schon Mitte Mai bewilligt worden. Da ich aber arbeitete, ohne in der Lage zu sein, meinen Lebensunterhalt davon bestreiten zu können, und die ARGE unfähig war, einfach mein Einkommen anzurechnen und mir das verbleibende Geld zu bewilligen, hatte ich seit drei Monaten viel weniger Geld auf dem Konto, als ich gehabt hätte, wenn ich seit April keinen Finger mehr gekrümmt hätte.

Die E-Mailadresse der Beschwerdestelle lautete übrigens arge-duesseldorf.kundenreaktionsmanagement@arge-sgb2.de - das dürfte die längste E-Mail-Adresse der Welt sein! Die Dame vom Arbeitslosenzentrum meinte, das sei wieder so ein Trick, die "Kunden" abzuwimmeln. Ich denke, es sollte einem unmöglich gemacht werden, diese Adresse fehlerfrei einzutippen, in der Hoffnung, man ließe sich durch die Fehlermeldung abschrecken und versuche es daraufhin kein zweites Mal, sich zu beschweren.

Fortsetzung folgt

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Dienstag, August 11, 2009

Die ARGE (XIX)

Statt also telefonisch jemanden zu erreichen, bekam ich einige Tage später einen Brief der Fallkoordinatorin. Ich hätte die fehlende Honorarabrechnung immer noch nicht eingereicht, die ich ja schon vor 2 Wochen abgeschickt hatte. Außerdem wolle sie noch eine Heizungsabrechnung von den Stadtwerken, obwohl ich ihr beim letzten Mal breit erklärt hatte, dass aus meinem Anmeldungsschreiben nicht hervorging, welcher Anteil der Stromkosten auf die Nachtspeicherheizung entfiel. Sie hatte mir damals gesagt, dann würde sie einen Pauschalbetrag ansetzen. Nun schrieb sie, sollte ich die Unterlagen nicht bis zum 4. Juni einreichen, müsste sie meinen Antrag ablehnen. Daraufhin fuhr ich sofort zur ARGE, um noch einmal eine Kopie der verschwundenen Honorarabrechnung persönlich abzugeben und ließ mir das diesmal auch an der Anmeldung quittieren. Nun war ich guter Dinge, dass endlich alle Hindernisse beseitigt waren und die Bewilligung nur noch eine Frage von Tagen sein konnte.

Einen Monat später, wir schrieben inzwischen Anfang Juni, es waren seit meiner Antragstellung also mittlerweile drei Monate vergangen, ich hatte zwei Mal beim Callcenter der ARGE angerufen und eine E-Mail an die Fallkoordinatorin verschickt, welche unbeantwortet geblieben war, fuhr ich auf Anraten der Dame von der Arbeitslosenberatungsstelle, mal wieder zur ARGE. Mittlerweile war dies eine Art Running Gag geworden, der nur leider für mich kein bisschen lustig war. Nachdem ich 2 1/2 Stunden in der Wartezone herum gesessen hatte, erfuhr ich, dass die Fallkoordinatorin - die eh nur an zwei Tagen pro Woche arbeitete - im Urlaub wäre. Der Herr an der Anmeldung telefonierte mit deren Vorgesetzter, die mich angeblich noch am gleichen Tag zurückrufen sollte. Würde die Frau sich nicht melden, sollte ich einen Tag später wieder zur ARGE kommen.

Fortsetzung folgt

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Freitag, August 07, 2009

Die ARGE (XVIII)

Zwar schickte ich die fehlenden Unterlagen, den Alg I-Ablehnungsbescheid der Arbeitsagentur sowie den vollständig kopierten Mietvertrag, per Post ein und fuhr wie vereinbart drei Wochen später zum Gespräch mit der zuständigen Sachbearbeiterin, die sich hier Fallkoordinatorin schimpfte. Diese meinte jedoch, sie brauche noch eine Honorarabrechnung der Lokalzeitung, für die ich ja seit Ende März schrieb. Ich hatte aber bisher noch keine Abrechnung über einen ganzen Monat bekommen, so dass ich auch nicht belegen konnte, wieviel ich dort monatlich ungefähr verdienen würde. Wir einigten uns darauf, dass ich die Abrechnung für den April, die ich in den nächsten Tagen erwartete, dann sofort einschicken würde. Dann würde sie sofort den Antrag bewilligen, da alle anderen Unterlagen ja vorlägen. Meine Frage, wie es denn bis dahin mit einer Abschlagzahlung aussähe, schmetterte sie ab: „In ein paar Tagen haben Sie ja dann Ihre Bewilligung, und dann bekommen Sie ja gleich Ihr Geld seit April rückwirkend überwiesen.“

Die Abrechnung lag wie erwartet ein paar Tage später in meinem Briefkasten, und natürlich schickte ich gleich eine Kopie an die ARGE. Als ich zwei Wochen später noch nichts von dort gehört hatte, versuchte ich, mich telefonisch nach dem Stand der Bearbeitung meines Antrags zu erkundigen. Als wenn das so einfach möglich gewesen wäre! Bei jeder anderen Behörde, sei es das Finanz- oder das Wohnungsamt, ist so etwas zwar eine Selbstverständlichkeit. Versucht man bei der Düsseldorfer ARGE, seine Sachbearbeiterin telefonisch zu erreichen (laut ihren Briefen war sie eh nur mittwochs und donnerstags da), wird man mit einem Band abgespeist: "Aufgrund des hohen Anrufaufkommens können wir sie nicht erhören" oder so ähnlich. Dasselbe Band läuft auch noch um halb Sechs nachmittags.

Eine Mitarbeiterin der Zukunftwerkstatt (!), die in Düsseldorf auch Beratung für Arbeitslose anbietet, wenn diese Ärger mit der Arbeitsagentur oder der ARGE haben – was per se schon mal merkwürdig ist, da sie, genau wie die ARGE teilweise, eine städtische Einrichtung ist -, erklärte mir einige Wochen später auch den Grund dafür. Die Nummern, die die ARGE-Mitarbeiter an ihre „Kunden“ gäben, seien nur von acht bis neun Uhr morgens freigeschaltet. (Langsam kam mir der Verdacht, die ganze ARGE arbeite vielleicht nur in dieser einen Stunde am Tag.) In dieser Stunde versuchten dann, etwa zweitausend Leute dort anzurufen, weswegen natürlich so gut wie keiner durchkäme. Die Dame von der Arbeitslosenberatung meinte, das sei so gewollt. Ich muss zugeben, ein ziemlich effektives Vorgehen, um sich unerwünschte Nachfragen oder Beschwerden vom Leib zu halten. Wenn es darum geht, zu seinem Recht zu kommen, ohne gleich ständig Briefe schreiben zu müssen oder auch nur darum, zu erfahren, woran die Bearbeitung eines Antrages denn hakt, ist das natürlich ein katastrophales Vorgehen.

Fortsetzung folgt

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Donnerstag, August 06, 2009

Die ARGE (XVII)

14 Tage nachdem ich den Antrag auf Arbeitslosengeld II gestellt hatte, gab ich meine Antragsunterlagen bei der ARGE ab. Der Mann, der die Unterlagen entgegen nahm, blätterte sie durch und fragte schließlich: “Wo ist denn der Alg I-Ablehnungsbescheid?“ – „Welcher Alg I-Antrag?“, fragte ich, „Sie sehen doch, dass ich bis vorletzten Monat Alg II bezogen habe, woher soll ich denn jetzt plötzlich einen Alg I-Anspruch herhaben?“ -  „Ja, einen Antrag müssen Sie trotzdem stellen, damit wir den Ablehnungsbescheid von der Arbeitsagentur in unsere Akte heften können - falls mal einer die Akten prüft."

Abgesehen davon, dass man das beim Mainzer Jobcenter nicht so machen musste, war diese Vorgehensweise natürlich kompletter Humbug. Erstens konnte ich ja in einem Monat gar keinen Anspruch auf Alg I erworben haben, was die ARGE-Mitarbeiter auch wissen. Und zweitens haben die doch wohl Zugriff auf dieselben Beschäftigungsdaten wie die Arbeitsagentur. Schließlich hatte ich der BA ja nie mitgeteilt, was ich in den letzten zwei Jahren gemacht hatte, sondern nur dem Jobcenter in Mainz. Aber die Düsseldorfer Arbeitsagentur konnte genau diese Daten in ihrem Computersystem sehen, als ich dort notgedrungen einige Tage später wegen eines Alg I-Ablehnungsbescheides vorsprach. Und die ARGE konnte diese Daten nicht selbst einsehen?

Die Krönung war aber, dass ich die fehlenden Unterlagen jetzt erst im Mai abgeben sollte, etwa drei Wochen später. Die zuständige Sachbearbeiterin arbeitete nämlich Teilzeit, und hätte voher keinen Termin frei. Bis dahin würde natürlich auch der Antrag noch nicht bearbeitet. Auf meinen Vorschlag, den Original-Mietvertrag, den ich zwar mitgebracht, aber nicht kopiert hatte, könnte ich ja jetzt noch schnell kopieren und dann reinreichen, erwiderte der Mitarbeiter: „Den können Sie ja dann in drei Wochen abgeben, wenn Sie eh mit der Sachbearbeiterin sprechen.“ Auf meine Frage, wovon ich bis dahin eigentlich meine Miete bezahlen sollte, antwortete er: „Ja. Das ist eine blöde Situation für Sie. Können Sie nicht mit Ihrem Vermieter sprechen, ob Sie nicht später zahlen können?“

Klar, und wann bitte? Wenn irgendwann im Juni vielleicht der Antrag mal durch und ich dann mit zwei Monatsmieten im Verzug wäre? Und wovon sollte ich bis dahin meine sonstigen Kosten bestreiten? Sollte ich im Supermarkt auch sagen: „Ihr Geld kriegen Sie irgendwann“? Wir einigten uns darauf, dass ich wohl erst einmal meine Mutter bitten müsste, mir Geld zu leihen. Um es kurz zu machen: Hätte meine Mutter selbst kein Geld gehabt oder hätte ich ein schlechtes Verhältnis zu ihr gehabt, wäre ich dank der ARGE wahrscheinlich aus meiner Wohnung geflogen und auf der Straße gelandet. Denn natürlich wurde mein Antrag auch im Mai nicht sofort bearbeitet.

Fortsetzung folgt

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Donnerstag, Juli 30, 2009

Die ARGE (XVI)

Das private Beratungsinstitut hatte früher zu einem großen Industrieunternehmen gehört und sollte nun Arbeitslosen helfen, einen Job zu finden. Beim ersten Termin dort empfing mich ein mittelalter Mann, Typ Sozialarbeiter. Er fragte mich zunächst nach meinen beruflichen Wünschen. Beim nächsten Termin sollte ich meine Bewerbungsunterlagen als Datei mitbringen, damit er diese für mich an potentielle Arbeitgeber verschicken könnte. Außerdem sollte ich ihm eine Liste meiner laufenden Bewerbungen geben, um Doppelbewerbungen zu vermeiden. Zum zweiten Termin brachte ich beides mit, wunderte mich aber, dass der Berater gar nicht mehr danach fragte. „Beim nächsten Mal sprechen Sie dann mit meiner Kollegin, die kennt sich mit PR ganz gut aus, vielleicht fällt der was ein, wo sie sich bewerben könnten.“ – „Äh, ich habe Ihnen noch meine Bewerbungsunterlagen und die Liste der offenen Bewerbungen mitgebracht.“ – „Ah ja, schön. Die brauchen wir.“

Die Kollegin, mit der ich beim nächsten Mal sprach, war zwar freundlich, kannte aber im Grunde auch keine journalistischen Arbeitgeber. Stattdessen meinte sie, sie mache ihren Job auch nur so zum Übergang, weil sie eigentlich lieber im PR-Bereich arbeiten wollte. Eine weitere Einladung bekam ich von dem Institut nicht. Nach einigen Wochen rief ich dort an, um zu fragen, ob ihnen denn irgendetwas eingefallen wäre, was mir weiter helfen könnte. Ich erfuhr, dass die Beraterin, mit der ich beim letzten Besuch gesprochen hatte, gar nicht mehr dort arbeitete. Ihre Nachfolgerin hatte auch keine konkrete Idee, wollte sich aber wieder bei mir melden, wenn ihr etwas eingefallen war.

Ich hörte nie wieder etwas von ihr oder ihren Kollegen. Die vier Monate verstrichen, ohne dass ich auch nur einen konkreten Vorschlag bekommen hätte. Im Grunde war das wieder einmal so eine Aktion, bei der einem als Arbeitslosen Hoffnung vorgegaukelt wurde, ohne dass einem wirklich konkret geholfen wurde. Aber Arbeitslose, die von privaten Vermittlern betreut werden, gelten ja als Teilnehmer an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, und werden deshalb nicht in der Statistik geführt. Also war ich in diesen vier Monaten wahrscheinlich offiziell gar nicht arbeitslos gewesen.  

Fortsetzung folgt

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Mittwoch, Juli 29, 2009

Die ARGE (XV)

Eigentlich sollte man denken, dass die Verwaltungsverfahren bei allen ARGEn in Deutschland eingermaßen einheitlich sind, dass man also in jeder Stadt ungefähr das Gleiche tun muss, um seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II geltend zu machen. Tja, so naiv war ich tatsächlich, als ich mich am 1. April bei der ARGE Düsseldorf-Mitte meldete. Vielleicht war aber auch das Datum schlecht gewählt, und die Mitarbeiter hielten das Ganze für einen Scherz. „Sie können sich nur zwischen acht und neun Uhr bei uns neu anmelden“, teilte mir die Frau am Empfang mit, natürlich erst, nachdem ich eine Stunde gewartet hatte, „da müssen Sie morgen Früh wiederkommen.“

Auf meine Erklärung hin, ich hätte bis Ende Februar in Mainz Alg II bezogen und sei dann, weil mein Studium schon seit einem halben Jahr zuende sei, in meine Heimatstadt zurück gezogen, fragte sie erst einmal: „Haben Sie denn eine Notwendigkeitsbescheinigung der Mainzer ARGE?“ Eine was? War das grundgesetzlich garantierte Recht auf Freizügigkeit inzwischen abgeschafft worden, ohne dass ich es mitbekommen hatte? Ich hatte natürlich in Mainz nicht nach einer Zustimmung der ARGE zu meinem Umzug gefragt, da ich ja davon ausgegangen war, mich danach gar nicht mehr arbeitslos melden zu müssen. Außerdem lag die Miete meiner neuen Wohnung unterhalb der Grenze, bis zu der die ARGEn sie bei Hartz IV-Empfängern übernehmen müssen. Auch die Größe der Wohnung lag deutlich unter dem, was einem Arbeitslosen zugestanden wurde.

Zum Glück fragte dann auch niemand mehr nach dieser ominösen Notwendigkeitsbescheinigung – für was genau sollte mein Umzug eigentlich notwendig gewesen sein: für meinen Seelenfrieden? -, als ich am nächsten Tag endlich meinen Antrag stellen konnte. Nach meinem beruflichen Werdegang, meiner Ausbildung oder dazu, was ich eigentlich beruflich machen wollte, hat allerdings auch kein Mensch gefragt. Stattdessen bekam ich eine Infobroschüre eines privaten Beratungsinstitus in die Hand gedrückt, und in der Eingliederungsvereinbarung wurde festgelegt, dass ich etwa alle zwei Wochen auf Einladung hin, zu Beratungsgesprächen dorthin fahren müsste. Das Institut sollte mir helfen, innerhalb von vier Monaten einen Job zu finden. Anscheinend sah sich die ARGE damit auch schon der Verantwortung enthoben, sich selbst um meine berufliche Eingliederung bemühen zu müssen. Jedenfalls bekam ich nie einen Termin bei einem Arbeitsvermittler oder „persönlichen Ansprechpartner“. Damals nicht, in den folgenden Monaten nicht, und bis heute, ein Jahr später, nicht. Soviel zum Aspekt des Förderns beim viel strapazierten Motto des „Förderns und Forderns“.

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Samstag, Juli 25, 2009

Die ARGE (XIV)

Im Februar entschloss ich mich, nachdem meine bisherige Arbeitssuche vergeblich geblieben war, und nach einigem Hin und Her, wo ich denn in Zukunft wohnen wollte, zurück nach Düsseldorf zu ziehen. Mit Mainz war ich nie so richtig warm geworden, die ganze Stadt war mir einfach zu provinziell. Düsseldorf ist zwar auch keine Metropole, zumindest hat man dort aber das Gefühl, in einer Großstadt zu leben. Eine einigermaßen bezahlbare Wohnung in meiner alten Heimatstadt hatte ich relativ einfach gefunden, und so fand ich mich im März in einer Ein-Zimmer-Wohnung wieder, in dem gleichen Stadtteil, aus dem ich gut zwei Jahre vorher nach Mainz gezogen war. Ursprünglich hatte ich gehofft, nun auch über die Runden zu kommen, ohne mich wiederum bei der örtlichen ARGE melden zu müssen. Ich konnte nämlich bei der Lokalredaktion einer großen örtlichen Tageszeitung als freier Mitarbeiter anfangen. Dass ich dort nicht üppig verdienen würde, war mir zwar klar, da die üblichen Zeilenhonorare bei lokalen Tageszeitungen selten über 50 Cent liegen. Dennoch war ich guter Hoffnung, dass mein Einkommen zumindest das Hartz IV-Niveau erreichen würde und ich somit auf die Unterstützung der ARGE verzichten könnte.

Tatsächlich schrieb ich dann aber für eine Stadtteilausgabe, bei der das Zeilenhonorar nur etwa die Hälfte von dem betrug, was ich erwartet hatte. Am Monatsende bekam ich für etwa drei bis vier Artikel, die ich pro Woche schrieb, um die 250 Euro überwiesen. Damit war klar, dass mir ein erneuter Gang zur ARGE nicht erspart bleiben würde. Hätte ich, als ich noch in Mainz wohnte, geahnt, was mich in den Gängen der Düsseldorfer ARGE für kafkaeske Situationen erwarten würden, ich wäre vermutlich nie weggezogen, jedenfalls nicht nach Düsseldorf.

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Freitag, Juli 24, 2009

Die ARGE (XIII)

Nach zwei Jahren ging mein Aufbaustudium zuende. Da ich während dieser Zeit zwar drei Praktika absolviert und einen Nebenjob in einer renommierten Internet-Redaktion gehabt hatte, die Kontakte aber leider nicht gereicht hatten, für die Zeit nach Studienende auch einen festen Job angeboten zu bekommen, fand ich mich Ende September 2007 erneut in der ARGE wieder. In Mainz hieß diese allerdings „Jobcenter für Arbeitsmarktintegration“. Ein bisschen spröde zwar, auch irgendwie tautologisch (Was soll ein Jobcenter wohl anderes tun, als jemanden in den Arbeitsmarkt zu integrieren?), aber immerhin schon mal besser als ARGE. Über die Arbeit der Mainzer Behörde kann ich dann auch kaum etwas Negatives sagen. Gut, ich musste gegen den Bescheid, den ich recht zügig bekam, erst einmal Widerspruch einlegen, weil man ein Nebeneinkommen doppelt angerechnet hatte und nicht berücksichtigt hatte, dass ich den Nebenjob in der Internet-Redaktion gar nicht mehr hatte. Aber ansonsten lief alles mehr oder weniger reibungslos. Ich bekam sogar nach etwa sechs Wochen einen Termin bei meiner „persönlichen Ansprechpartnerin“, wie sich die Arbeitsvermittler hier wohl inzwischen nannten.

Dabei kam es allerdings doch zu einem recht merkwürdigen Dialog. Als die Dame in ihren Computer schaute, entdeckte sie natürlich auch, dass ich früher selbst einmal bei der Arbeitsverwaltung gearbeitet hatte. „Ja, ich habe damals eine Ausbildung bei der Bundesanstalt für Arbeit gemacht“, erklärte ich ihr, „ich weiß gar nicht, ob es diesen Ausbildungsberuf eigentlich noch gibt, die haben ja alles geändert da.“ Daraufhin erwiderte sie: „Keine Ahnung, interessiert mich nicht, wie das bei denen abläuft. Ich bin ja Angestellte bei der Stadt Mainz, mit der BA habe ich nichts zu tun.“ Und das, obwohl sie im Jobcenter Tür an Tür mit Angestellten der BA saß und täglich mit diesen zusammen arbeitete. Spricht man da unter Kollegen nicht auch mal über so etwas wie Arbeitsverträge oder behördeninterne Ausbildungen, also fragt man nicht etwa mal eine Kollegin: „Wie nennt sich eigentlich die Ausbildung, die du machen musstest?“? Anscheinend nicht. Ein Zeichen dafür, dass die ARGEn von Anfang an eine Fehlkonstruktion waren, eine Mischverwaltung, in der zwei Behördenkulturen aufeinandertreffen, die nicht kompatibel zu sein scheinen. Tatsächlich sind diese Institutionen mehr mit sich selbst, mit ihrer eigenen Organisation und Zuständigkeitsrangeleien zwischen den beiden Trägern beschäftigt als mit der Beratung und Vermittlung ihrer Klienten.

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Mittwoch, Juli 22, 2009

Die ARGE (XII)

Nach diesen ernüchternden Erfahrungen mit der Kompetenz „professioneller“ Arbeitsmarktexperten war mir klar geworden, dass ich mich schnellstmöglich nach einer echten Alternative umsehen musste, wenn ich nicht auf absehbare Zeit tatsächlich in einem Ein-Euro-Job enden wollte. Diese Alternative konnte aber auch nicht darin bestehen, nun Altenheime anzurufen, ob sie mich nicht als ungelernten, überqualifizierten Hilfspfleger beschäftigen wollten. Nein, ich musste mich beruflich noch einmal genz neu orientieren.

Bei der Internetrecherche stieß ich auf verschiedene Möglichkeiten einer journalistischen Zusatzausbildung. Den meisten Erfolg versprach ich mir von einem zweijährigen Aufbaustudium, jedenfalls schien mir das eine bessere Qualifikation zu sein als eine neunmonatige Fortbildung bei einem ominösen privaten Maßnahmeträger. So bewarb ich mich im Sommer an zwei Universitäten: in Stuttgart-Hohenheim und in Mainz. Von der Uni Hohenheim bekam ich schon wenig später meine Unterlagen zurückgeschickt. Leider könnte ich im Auswahlverfahren nicht mehr berücksichtigt werden, teilte man mir mit, da die Bewerbungsfrist schon abgelaufen sei. Während in der Datenbank der Bundesagentur für Aus- und Weiterbildungen als Fristende der 31. Juli gestanden hatte, war dieses tatsächlich schon einen Monat vorher verstrichen. Verlässt man sich auf die BA, ist man verlassen.

Aber ich hatte mich, nach einigem Zögern, auch noch in Mainz beworben, wo zwar im Gegensatz zu Hohenheim gerade Studiengebühren für das Aufbaustudium eingeführt worden waren, dafür das Auswahlverfahren aber wesentlich erfolgversprechender schien. Musste man in Baden-Württemberg nicht nur überdurchschnittlich gute Noten vorweisen, sondern auch noch möglichst viele journalistische Erfahrungen – die ich nicht hatte -, gab es in Mainz einen Eignungstest. Bisherige Kenntnisse spielten dabei keine Rolle. Obwohl ich es nach dem zweitägigen Test nie geglaubt hätte, war ich tatsächlich einer der knapp 20 Auserwählten, die eine Zulassung bekamen. Guten Mutes zog ich also im November in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt, um einen Master in Journalismus zu erwerben, in Praktika endlich die fehlenden journalistischen Erfahrungen zu sammeln – und nicht zuletzt, um der ARGE zu entfliehen. Ein Einzelgespräch mit der für mich zuständigen Arbeitsvermittlerin der ARGE hatte ich übrigens in den zehn Monaten meines Alg II-Bezuges nie gehabt.

Fortsetzung folgt

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Montag, Juli 20, 2009

Die ARGE (XI)

Mit der Erwartung, bald für einen Euro in der Stunde Spargel stechen zu müssen oder eine ähnlich erbauliche Arbeit zu machen, ging ich kurz darauf zu dem Termin bei der Zukunftswerkstatt. Dort erfuhren wir dann, wiederum in einem Gruppengespräch, dass es gar nicht darum gehen sollte, uns gegen unseren Willen in einen künstlich geschaffenen Job zu zwingen. Stattdessen sollte in Einzelgesprächen ausgelotet werden, ob es sinnvolle Alternativen zu unseren bisherigen oder erlernten Berufen gäbe. Das klang doch schon viel freundlicher.

Als ich zu meinem Einzelgespräch bei der Zukunftswerkstatt fuhr, schickte mich die zuständige Mitarbeiterin aber zunächst wieder nach Hause, da ihr ein anderer Termin dazwischen gekommen wäre. Klar, das Telefon war ja auch noch nicht erfunden, um mir das mitzuteilen, bevor ich losgefahren war. Beim Ersatztermin wenig später fragte mich die Beraterin – heute nennt man das wahrscheinlich eher Coach -, welche Tätigkeit ich mir denn als Alternative zu Sozialwissenschaftler vorstellen könnte. Darüber hatte ich mir natürlich auch schon einmal Gedanken gemacht, und schlug also vor, irgendetwas im pflegerischen Bereich, da ich meinen Zivildienst in der Krankenpflege geleistet und mir das viel Spaß gemacht hatte. „Ja, aber das ist ja ihr erlernter Beruf“, erwiderte die Beraterin, „es geht ja hier gerade darum, sich von diesem zu trennen und etwas ganz Anderes zu überlegen.“ Nun war ich erst einmal baff. „Äh, wieso“, fragte ich zurück, „ich hab doch Sozialwissenschaften studiert. Das hat doch mit Pflege gar nichts zu tun.“ – „Ja, aber das geht doch alles in die gleiche Richtung, soziale Berufe eben.“ – „Äh, nein, Sozialwissenschaften hat ja nichts mit Sozialpädagogik oder so zu tun“, versuchte ich zu erklären, „das ist ja mehr theoretisch, mit alten oder kranken Menschen hat das ja nichts zu tun.“

Die Coach-Frau bestand jedoch weiterhin darauf, Sozialwissenschaften und Altenpflege sei doch mehr oder weniger das gleiche, ich hätte mich noch nicht hinreichend von meiner Wunschvorstellung gelöst und überhaupt wüsste ich eigentlich selbst nicht so genau, was ich wollte. „Ich kann ja nicht Altenheime für Sie anrufen, wenn Sie sich selbst nicht sicher sind, als was Sie arbeiten wollen.“ Was für eine Absurdität! Wäre es schon immer mein Berufsziel gewesen, Altenpfleger zu werden, hätte ich sicherlich nicht sieben Jahre Soziologie studiert, sondern eine Ausbildung in der Pflege gemacht. Hier sollte es doch angeblich um eine Alternative gehen. Und warum Altenpflege keine Alternative zu Soziologie sein sollte, wusste wohl niemand außer dieser Expertin. Sie entließ mich dann aus dem fruchtlosen Gespräch mit der Aufforderung, mir doch erst mal über meine eigenen Ziele klar zu werden. Dann könnte ich mich ja wieder bei ihr melden.

Fortsetzung folgt

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Freitag, Juli 17, 2009

Die ARGE (X)

Da es mit der Stelle leider nicht klappte und ich in Deutschland nicht einmal zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, blieb mir nichts Anderes übrig, als mich Ende 2004, kurz bevor die Hartz IV-Reform inkrafttreten sollte, wieder zur Arbeitsagentur zu bemühen, um mich dort in die Schlange der Antragsteller einzureihen. Arbeitslosengeld II sollte die neue, aus Arbeitslosen- und Sozialhilfe entstandene Geldleistung heißen, die man ab 1. Januar 2005 beziehen konnte, wenn man keinen Anspruch auf das normale Arbeitslosengeld hatte. Und das hat man ja als frischer Hochschulabsolvent nicht. In meinem Fall nicht mehr, da meine aktive Zeit beim Arbeitsamt, und damit die letzte Zeit, in der ich in die Sozialversicherung eingezahlt hatte, ja schon länger als vier Jahre zurücklag.

Bei meiner ersten Antragstellung lief alles mehr oder weniger reibungslos. Rechtzeitig vor Beginn des neuen Jahres bekam ich meinen Bewilligungsbescheid. Ich wunderte mich lediglich, dass dieser im Briefkopf einen Namen trug, von dem ich noch nie etwas gehört hatte: ARGE. Was sollte das denn sein? Tatsächlich hatte die rot-grüne Bundesregierung – in Absprache mit der CDU-Opposition – die weitreichende Arbeitsmarktreform so schnell über den Zaun gebrochen, dass einem als betroffener Arbeitsloser gar nicht klar war, wie die zuständige Behörde denn nun eigentlich hieß. Wenn man das Ergebnis sah, konnte man zu dem Schluss kommen, dass auch die Verantwortlichen, die bei der BA und in den Kommunen vor Ort das neue Gesetz umsetzen mussten, nicht viel Zeit zum Nachdenken über ihre Außendarstellung gehabt hatten. Die übliche Abkürzung für Arbeitsgemeinschaft ist ja eigentlich überall in Deutschland AG. Die kennt man unter anderem noch aus der Schule, wo dann nachmittags die Video- oder die Italienisch-AG auf dem Stundenplan stand. Nur bei der Arbeitsverwaltung hieß die Arbeitsgemeinschaft aus BA und Stadtverwaltung, die sich um die Langzeitarbeitslosen kümmern sollte, nun also nicht AG, sondern ARGE. Was nicht unbedingt positive Assoziationen hervorruft. Arg sollte allerdings werden, was Schröder und Co. den Alg II-Empfängern zumuten wollten. Insofern hatte der wenig glückliche Name schon seine Berechtigung.

Das erste halbe Jahr gestaltete sich der Umgang mit der neuen Behörde unproblematisch. Besser gesagt: Außer dass deren Zahlungen pünktlich auf meinem Konto eintrafen, hatte ich nichts weiter mit ihnen zu tun. Einen Arbeitsvermittler oder Fallmanager bekam ich nicht zu Gesicht. Irgendwann im Sommer bekam ich dann eine Einladung zu einer Gruppeninformation in den Räumen der Arbeitsagentur. Es ging um alternative Beschäftigungsmöglichkeiten. Zusammen mit zwei Dutzend anderer Alg II-Empfänger lauschte ich also den Worten der Arbeitsvermittlerin, die im Jahr davor auch schon die Informationsveranstaltung zur „Agentur“ geleitet hatte. Leider wusste diese Dame diesmal selbst nicht, um was es bei ihrem neuen Angebot eigentlich gehen sollte. Wir sollten an die Zukunftswerkstatt weitergeleitet werden, eine Tochter der Stadt Düsseldorf, die uns dann irgendwelche Jobs vermitteln sollte. Die Stimmung unter den Eingeladenen wurde langsam immer gereizter, da die Vermittlerin auf Nachfragen nichts Konkretes sagen konnte, um was für Jobs es sich dabei denn handelte. „Reden Sie doch Klartext, es geht hier um Ein-Euro-Jobs“, forderte sie schließlich einer der Anwesenden auf.

Fortsetzung folgt

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Donnerstag, Juli 16, 2009

Die ARGE (IX)

Während der sechs Wochen in der „Agentur“ bemühte ich mich auch, einen Termin mit der Europa-Beraterin der Bundesagentur für Arbeit zu vereinbaren, die für die Niederlande zuständig war. Da ich ein Auslandssemester in Groningen verbracht und mich dort sehr wohl gefühlt hatte, wäre ich gerne noch einmal länger in das Nachbarland gegangen, zum Beispiel, um dort zu promovieren. Nachdem es mir nach einigen Telefonaten endlich gelungen war, herauszufinden, wo überhaupt die nächstgelegene Ansprechpartnerin zu finden war, fuhr ich in der Woche, nachdem die Maßnahme zu Ende gegangen war, morgens nach Köln. In der dortigen Agentur für Arbeit, saß nämlich die auch für Düsseldorf zuständige Europa-Beraterin. Die Kölner Arbeitsagentur ist ein furchtbar aussehendes Hochhaus im Stadtteil Sülz, umgeben von noch höheren Häusern, die das Landgericht und ein Studentenwohnheim beherbergen.

Von einer Beraterin, die auf die Arbeitssuche im benachbarten Ausland spezialisiert ist, erwartet man nun, dass diese mit dem dortigen Arbeitsmarkt in besonderer Weise vertraut ist. Außerdem sollte sie einem Tipps geben können, wie man denn dort eine Stelle finden kann. Nun, alles was der guten Frau einfiel, war, bei Google die Suchbegriffe „Niederlande“ und „Stellenangebote“ einzugeben. Eine Idee, auf die ich noch nie gekommen war. Außerdem gab sie mir noch einige Merkblätter mit, in denen es um so wichtige Dinge wie das niederländische Sozialversicherungssystem ging. Klar, das ist ja auch der erste Schritt: Bevor man überhaupt eine Stelle im Ausland hat, macht man sich erst einmal Gedanken, wie man dort rentenversichert wäre. Und für dieses ungemein hilfreiche Gespräch fährt man dann 50 Kilometer mit dem Zug. Tatsächlich hatte ich dann zwar kurz darauf das Vorstellungsgespräch für eine Doktorandenstelle an der Amsterdamer Uni; die hatte ich allerdings in einer Stellenbörse gefunden, die ich schon vorher kannte.

Fortsetzung folgt

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Mittwoch, Juli 15, 2009

Die ARGE (VIII)

Die Mischung der Teilnehmer war übrigens recht bunt. Einzige Gemeinsamkeiten – neben der traurigen Tatsache, dass wir alle keine Arbeit hatten – waren das relativ niedrige Alter und dass alle Akademiker waren - oder zumindest schon in Führungspositionen gearbeitet hatten. Ansonsten waren neben Betriebswirten und Juristen auch Physiker und Psychologen vertreten, jemand, der Mathematik und Religion auf Lehramt studiert hatte, Sozialpädagogen, ein Historiker und eine Journalistin. Alle zwei Wochen kamen wieder acht bis zehn neue hoffnungsfrohe Kandidaten hinzu, während eine alte Gruppe verabschiedet wurde. Hin und wieder kam es auch einmal vor, dass jemand vorzeitig die Maßnahme verließ, weil er oder sie tatsächlich eine Arbeitsstelle gefunden hatte. Und eine Frau aus meiner Gruppe, die im Personalbereich gearbeitet hatte, entschied sich nach zwei Wochen, eine Fortbildung des gleichen Trägers zu beginnen, die gerade mehrere Etagen höher startete. Was die Falter Personalberatung vermutlich sofort als Erfolg verbuchte. Und das Amt wahrscheinlich auch, schließlich war wieder jemand aus der Arbeitslosenstatistik verschwunden.

Schnell begriff ich, dass nach diesem Prinzip der ganze Trick von wegen „Nach drei Monaten ist keiner von Ihnen mehr arbeitslos“ funktionierte. Tatsächlich tauchte ein relativ großer Anteil von uns nach dieser Zeit nicht mehr in der Statistik auf, weil die Leute entweder eine andere Maßnahme besuchten, die ihnen eine Mitarbeiterin aufgequatscht hatte, oder sich entschlossen hatten, es mit einer Existenzgründung zu probieren. Wie viele dieser Leute dann nach ein oder zwei Jahren erneut arbeitslos waren, kann ich natürlich nicht sagen. Und die Kollegen, die tatsächlich in diesen paar Monaten während oder nach dem Training einen Arbeitsplatz bekommen hatten, hätten diesen natürlich auch gefunden, wenn sie nie an dem Training teilgenommen hätten.

Für mich als Sozialwissenschaftler ohne Berufserfahrung brachte die ganze Zeit in der „Agentur“ naturgemäß gar nichts. Um mich nach einer beruflichen Alternative umzusehen, schien es mir, gerade einmal ein halbes Jahr, nachdem ich mein secheinhalbjähriges Studium beendet hatte, etwas zu früh. Mit welcher Dienstleistung man sich als Soziologe selbständig machen sollte, wusste ich nicht. Und die Tipps des Jobcoachs Frau Unke waren nicht wirklich hilfreich. Bei dieser Dame hatte ich im Verlauf der sechs Wochen drei Einzelgespräche. Frau Unke trug am Revers stets einen Anstecker mit eben diesem Tier und stellte sich bei ihrem ersten Erscheinen vor, indem sie sagte: „Ich bin Frau …“, auf ihren Button zeigte und den Satz mit „… Unke“ beendete. Verliefen die ersten beiden Gespräche mit ihr noch eher allgemein und freundlich, verschärfte sich der Ton im dritten Gespräch plötzlich spürbar. Die Dame hatte wohl die Anweisung, den Druck so kurz vor Ende der Maßnahme zu erhöhen, wenn man immer noch keine Perspektive aufzeigen konnte, der Statistik in absehbarer Zeit zu entfliehen. Wie das denn nun aber gehen sollte, wusste Frau Unke leider auch nicht recht zu sagen.

Als ich ihr erzählte, dass ich unter anderem gerne in den Journalismus gehen würde, da aber ohne Praxiserfahrungen keine Chance sähe, schlug sie vor: „Versuchen Sie es doch einmal beim Bürgerradio.“ Ich antwortete: „Mach ich ja schon, ich mach bei einer Radiogruppe an der Uni mit.“ – „Nein, Sie müssen noch einen Schritt eher ansetzen. Es gibt doch bei jedem Lokalradio so Sendeplätze, die für Amateure zur Verfügung gestellt werden müssen.“ – „Ja, da mach ich ja seit zwei Jahren mit. Einmal im Monat produzieren wir eine Studentensendung, die dann bei Radio Duisburg läuft. Bürgerfunk nennt sich das.“ – „Ja, und darüber kommen Sie doch bestimmt in Kontakt mit der Redaktion von dem Radiosender, zum Beispiel, wenn Sie Ihre Sendung abliefern.“ – „Nein, mit denen hat man gar nichts zu tun. Die Sendung bringt der Leiter der Radiowerkstatt auf Mini-Disc zum Sender und gibt die da beim Pförtner ab. Mit der Redaktion von Radio Duisburg komm ich da gar nicht in Kontakt.“ – „Ach so, schade.“

Fortsetzung folgt

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Dienstag, Juli 14, 2009

Die ARGE (VII)

Leider war das gegenseitige Schulterklopfen die einzige Konstante der folgenden sechs Wochen. Immer wieder sagten sich alle, wie wertvoll doch die Erfahrungen der Anderen seien, dass man sich doch gegenseitig helfen könnte, Defizite auszugleichen und einander wichtige Tipps geben könnte, wie der jeweils Andere endlich zu seinem Traumjob kommen könnte. „Die Agentur“ war nämlich weniger als klassisches Bewerbungstrainig angelegt, wie es wahrscheinlich für ungelernte oder niedrig Qualifizierte Jobsuchende angeboten wird. Nein, die Teilnahme an der „Agentur“ sollte das Gefühl vermitteln, man habe schon einen Job – zumindest für diese sechs Wochen. Also kam man morgens um halb Neun in die Räume, die Falter dafür zur Verfügung stellte, zog seine Magnetkarte durch das Zeiterfassungsgerät … und wartete darauf, dass irgendetwas passieren würde.

Zum Auftakt des Tages gab es erst einmal eine Powerpoint-Präsentation, die jeden Tag von einer anderen Gruppe aus jeweils zwei bis vier Teilnehmern vorbereitet wurde. Alle Anderen standen im Halbkreis um die Vortragenden herum und hörten mehr oder weniger aufmerksam zu, was diese zu sicherlich sehr wichtigen Themen aus der Berufs- und Arbeitswelt zu sagen hatten. Ob Ergonomie oder Auslandsaufenthalte von Führungskräften – alles tolle Themen. Aber wo lag bloß der Sinn darin, sich solche Vorträge als Arbeitsloser anzuhören? Half mir das irgendwie weiter, einen Job zu finden? Und was brachte es mir, in Gruppenarbeit einen Vortrag zu erarbeiten? Hatte ich das nicht schon im Studium gelernt, genau wie alle Anderen hier?

Heute glaube ich, der Hauptzweck dieser ganzen Maßnahme war es, einen irgendwie von der Straße weg zu bekommen. Die meisten Leute, die mit mir zusammen dort waren, bezogen Arbeitslosengeld oder –hilfe. Inwieweit sie für die sechs Wochen auch aus der Statistik herausfielen, weiß ich nicht. Gab es in der ersten Woche noch relativ viele seminarähnliche Veranstaltungen, wo uns dann eine Mitarbeiterin zwei Stunden etwas beizubringen versuchte, was mehr oder weniger hilfreich bei der Jobsuche sein konnte, wurden diese den Tagesablauf strukturierenden Programmpunkte mit der Zeit immer weniger. Stattdessen hieß es nun: Selbstorganisation. Man sollte die täglich sieben Stunden nutzen, um nach passenden Stellenangeboten zu suchen, seine Bewerbungsunterlagen zu optimieren, Bewerbungen zu schreiben und sich im Gespräch mit den anderen Teilnehmern über seine eigenen Potentiale und Strategien klar zu werden.

Alles schön und gut, aber muss ich dafür jeden Tag sieben Stunden in einem Büro verbringen? In dem noch dazu für etwa dreißig Teilnehmer nur ein Dutzend Computer zur Verfügung steht? Einen PC hatte ich ja auch zu Hause, und dort musste ich nicht warten, bis dieser frei wurde, bis ich eine Bewerbung schreiben oder im Internet Stellenbörsen durchforsten konnte. Aber vielleicht sah ich das auch zu negativ. Der Vorteil der Anwesenheitspflicht sollte wohl die Kommunikation sein, das gegenseitige Stützen und Motivieren. Ist klar, wenn mir nicht jeden Tag sieben Stunden lang vor Augen geführt worden wäre, dass ich arbeitslos war, hätte ich bestimmt keine einzige Bewerbung geschrieben, schon verstanden.

Unterbrochen wurde die Selbstbeschäftigungstherapie hin und wieder von einem Workshop, zu dem man sich meist freiweillig anmelden konnte. Module nannten die Mitarbeiterinnen das in ihrem merkwürdigen Agentursprech. Da wurde dann mal ein Vorstellungsgespräch simuliert und anschließend ausgewertet oder man traf sich in einem Seminarraum zu einem lustigen Spiel namens „Kreative Köpfe“. Letzteres war für solche Teilnehmer gedacht, die überhaupt noch nicht wussten, was sie eigentlich für einen Job suchten. Oder die nach einer Alternative suchten, weil sie in ihrem bisherigen oder bisher angestrebten Beruf keine Stelle fanden. Dazu suchte man sich drei Kollegen, denen man mittels eines Flip-Charts seinen bisherigen beruflichen Lebenslauf präsentierte. Danach sollten sich diese Gedanken darüber machen, was der Mensch denn noch so beruflich machen könnte, was zu seinem Charakter, seinen Kenntnissen und Vorlieben passen würde. Dann ging jeder der drei „Kreativen“ der Reihe nach an die Stellwand und pappte kleine, mehrfarbige Kärtchen an, auf denen stichpunktartige Ideen standen. Am Ende bedankte sich der Ratsuchende bei allen für ihr konstruktives Feedback und die aufgewendete Zeit (als hätte man diese irgendwie sinnvoller nutzen können) und man ging wieder auseinander. Der Ratsuchende war danach meist genauso ratlos wie vorher, hatte nun aber zumindest die Anregung bekommen, er könne ja wieder als Bürokaufmann arbeiten, wenn er mit seinem Germanistikstudium nichts anfangen könne.

Fortsetzung folgt

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Montag, Juli 13, 2009

Die ARGE (VI)

Als ich mich also nach meiner letzten Prüfung zunächst „arbeitsuchend“ meldete, hatte sich auf dem Amt außer seines Namens noch nicht allzuviel verändert. Da ich noch bis Ende des laufenden Semesters an der Uni eingeschrieben war und ja eh keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder –hilfe hatte, beantragte ich erst einmal keinerlei Geldleistung, sondern stellte mich lediglich der Arbeitsvermittlung zur Verfügung. Nicht, dass ich in den darauffolgenden 9 Monaten auch nur eine einzige Stelle vorgeschlagen bekommen hätte, aber damit rechnet man ja auch nicht unbedingt. Erste Folge meiner Meldung bei der Arbeitsagentur war, dass ich nach etwa einem halben Jahr eingeladen wurde, an einem sechswöchigen Bewerbungstraining für arbeitslose Akademiker teilzunehmen. Da das Ganze mich ja nichts kosten sollte, und ich zudem Zeit genug hatte, meldete ich mich dafür auch an. Zumal das, was uns Interessierten bei einer Informationsveranstaltung in den Räumen des Maßnahmeträgers erzählt worden war, im Grunde ganz vielversprechend klang. Dieser Träger war eine Personalberatung namens Falter, die angeblich einen sehr guten Ruf hatte. Das Training nannte sich „Die Agentur“ (da war es wieder, das verheißungsvolle Trendwort) und versprach, seine Teilnehmer so fit zu machen, dass spätestens einige Monate nach Ende der sechs Wochen keiner mehr arbeitslos sein sollte. Dann hätte jeder entweder einen Job, hätte sich selbständig gemacht oder sich entschieden, eine Fortbildung oder Ähnliches zu machen.

Der Inhaber der Personalberatung war ein freundlich wirkender, untersetzter Herr, der kurz vor dem Ruhestand war. Er empfing uns Neue am ersten Tag in seinem Büro, um einen Vortrag über den Arbeitsmarkt im Allgemeinen und den in Düsseldorf im Besonderen zu halten. Das heißt, eigentlich war das als Begrüßungsrunde geplant; es artete de facto aber in einen Vortrag des Chefs aus, den dieser wahrscheinlich in den vergangenen Jahren alle zwei Wochen hielt, wenn er wieder einmal neue Teilnehmer zu begrüßen hatte. „Seien Sie froh, dass Sie in Düsseldorf wohnen“, ermunterte Herr Falter uns unter anderem, „das ist hier die einzige Stadt in NRW, wo es überhaupt noch freie Stellen gibt. In Gelsenkirchen oder Bochum bräuchten Sie sich erst gar nicht mehr zu bewerben.“ Davon, dass Akademiker ja oft sowieso davon ausgehen, bundesweit flexibel sein zu müssen, um eine Arbeit zu bekommen, hatte er offensichtlich noch nie etwas gehört. Ansonsten beinhaltete das „Gespräch“ hauptsächlich, uns zu sagen, wie toll wir doch alle wären, und dass wir auf keinen Fall glauben dürften, wir seien selbst schuld daran, keine Arbeit zu haben. So weit, so sympathisch.

Fortsetzung folgt

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Freitag, Juli 10, 2009

Ungeordnete Gedanken

Mein Ausflug aufs Land hat mir bestätigt, was ich eh schon wusste: Ich könnte nirgendwo anders als in der Großstadt leben. Natur, Ruhe, gute Luft - alles schön und gut, aber wenn ich auf dem Dorf oder in einer abgelegenen Kleinstadt leben müsste, würde wohl das Max Frisch-Zitat auf mich zutreffen: "Ich sah in Gedanken schon, an welchem Balken ich baumeln würde."

Ist es ein Zeichen, dass man alt wird, wenn man plötzlich Countrymusik gut findet?

Jetzt hab ich's schwarz auf weiß: Friedrichstadt, der Stadtteil, in dem ich wohne, hat den zweitgrößten Latte Macchiatto-Faktor von Düsseldorf. Sagt zumindest der "Prinz". Getoppt nur noch von Flingern. Die Nordstraße, an der ich vor über zehn Jahren längere Zeit gewohnt habe, kam auf Platz 5 oder 6. Insofern bin ich also schon aufgestiegen. Um noch cooler zu wohnen, könnte ich also nur noch nach Flingern ziehen. Oder gleich nach Berlin.

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Mittwoch, Juli 08, 2009

Picknicken bei der ARGE

Wenn mir vorher jemand erzählt hätte, dass ich zwei Mal drei Stunden warten müsste, um mich für fünf Tage bei der ARGE ortabwesend zu melden, hätte ich's sein lassen. Beim Abmelden hatte mir die Mitarbeiterin am Empfang versichert, beim Zurückmelden könnte ich gleich durch, ohne eine Wartemarke ziehen zu müssen. War natürlich nix. Nachdem ich mich ein wenig mit dem Wachmann herum gestritten hatte, zog ich also widerwillig eine Wartemarke - und ging erst mal wieder nach Hause. Da ich mit mindestens zwei Stunden Wartezeit rechnete. Womit ich mich nochmal um 1 1/2 Stunden verschätzt hatte.

Auch um Viertel vor Zwei sitzen bei der Düsseldorfer ARGE noch knapp fünfzig Leute in der Wartezone rum - obwohl die offiziell um 12 Uhr zumacht. Bis der letzte abgearbeitet ist, haben die Mitarbeiter vermutlich wirklich Feierabend. Die Atmosphäre in der Wartezone ist unheimlich aufbauend; da findet sich alles: spielende Kinder, Migranten, die anscheinend gleich in größeren Freundesgruppen zum Amt kommen, Ehepaare, die belegte Brote auspacken. (Letzteres ist bei der Wartezeit auch kein Wunder; nächstes Mal nehme ich mir glaube ich zumindest einen Kaffee mit, oder am besten gleich eine Thermoskanne.) Hätte jemand eine Decke ausgebreitet und seinen Picknickkorb ausgepackt, hätte mich das auch nicht mehr wirklich gewundert. Dann gibt's noch Leute, die eine halbe Stunde lang auf Kosten der ARGE telefonieren, an den bereitgestellten Telefonen, mit denen man eigentlich potentielle Abreitgeber anrufen soll (wer das allerdings macht, weiß ich auch nicht; die Geräuschkulisse ist denkbar ungeeignet, um berufliche Gespräche zu führen). Wenn man eh warten muss, und da hängt ein Telefon, kann man ja auch mal die Omma oder 'nen Kumpel anrufen und mal fragen, wie's so geht. Bleibt die Frage, ob das Amt einfach unter Personalmangel leidet oder ob die Zustände da eine Folge totaler Fehlorganisation sind. Ich tippe überwiegend auf letzteres.  

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Mittwoch, Juli 01, 2009

Die ARGE (V)

Zunächst begann ich also, Bewerbungen zu schreiben: erst hoffnungsfroh, dann mit zunehmend sinkender Erwartung, schließlich, nach über einem Jahr, mehr oder weniger desillusioniert. Insgesamt mögen es in etwa eineinhalb Jahren um die achtzig Bewerbungen gewesen sein, die ich verschickt habe. Damals war es noch eher erwünscht, sich auf dem klassischen Postweg zu bewerben als heute, so dass die meisten dieser Bewerbungen wesentlich mehr Arbeit verursachten als heute, wo der Großteil der Arbeitgeber auch E-Mails akzeptiert. Die Stellen, auf die ich mich bewarb, waren ganz unterschiedlicher Natur: Das reichte von wissenschaftlichen Assistentenstellen an Unis oder Fachhochschuln über Posten als Referent bei Verbänden oder NGOs bis hin zu Tätigkeiten, die im Kultur- oder Medienbereich lagen. Letzteres interessierte mich am meisten, jedoch rechnete ich mir dort mangels Praxiserfahrungen auch am wenigsten Chancen aus. Auf all diese Bewerbungen bekam ich keine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch – mit einer Ausnahme. Das war skurrilerweise eine von drei Stellen im Ausland, auf die ich mich im Laufe der Zeit beworben hatte. Die Uni Amsterdam nahm mich dann zwar nicht als Doktorand, aber immerhin war die Einladung ein kleines Erfolgserlebnis. Das ich auch dringend gebrauchen konnte, denn jede Bewerbungsmappe, die man verschickt hat, nach einigen Wochen oder Monaten wieder im Briefkasten zu finden, stärkt nicht unbedingt das Selbstwertgefühl.

In dieser Zeit war es auch, dass ich notgedrungen wieder mit meinem alten Arbeitgeber in Kontakt kam. Dieser nannte sich inzwischen seit einigen Jahren nicht mehr Bundesanstalt für Arbeit, sondern hatte sich ein schönes neues Kleid geschneidert. Die ehemals mit einem tristen Image versehene Behörde hatte viel Geld investiert und clevere Berater beauftragt, um wie Phönix aus der Asche aufzuerstehen: als Bundesagentur für Arbeit. Mit einer Agentur möchte schließlich jeder, der etwas auf sich hält, zu tun haben. Ob Werbe-, Media- oder Modelagentur – das Ansehen all dieser Einrichtungen ist im Allgemeinen hervorragend (zumindest solange man nicht wirklich weiß, was diese eigentlich den lieben langen Tag lang so machen).  So hieß auch das gute alte Arbeitsamt vor Ort nun also nicht mehr so schnöde, sondern trug den schicken und zeitgemäßen Namen Agentur für Arbeit. Da geht man doch gerne hin.

Fortsetzung folgt

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Sonntag, Juni 28, 2009

Die ARGE (IV)

Generation Hoffnungslos wäre auch eine treffende Bezeichnug, zumindest für den Teil der Abiturienten, der sich immer noch traut, sich für ein oder mehrere geistes- oder gesellschaftswissenschaftliche Fächer einzuschreiben. Dabei war ich noch voller guter Dinge, als ich vor gut elf Jahren mein Studium begann (mein Erststudium müsste ich aus heutiger Sicht schreiben, aber dazu später mehr). Ich war froh, mein Fachabitur auf dem zweiten Bildungsweg doch noch geschafft zu haben, und nun also, wie viele meiner Freunde, die auf dem Gymnasium geblieben waren, doch noch an die Uni zu können. Und das mit nur zwei bis drei Jahren Verzögerung. Das Studentenleben war dann auch ungefähr so, wie ich mir das immer vorgestellt hatte: Ich stand meistens zwischen neun und elf Uhr auf, fuhr an drei Tagen in der Woche zur Uni und hörte mir dort ein bis zwei Veranstaltungen am Tag an. Gut, in den ersten drei Semestern hatte ich noch mehr zu tun; da war ich fast jeden Tag an der Uni, und manchmal auch sechs bis zehn Stunden am Stück, weil ich da die ganzen obligatorischen Einführungsveranstaltungen in den verschiedenen Fächern besuchen musste. In den höheren Semestern musste ich dann zwar mehr Zeit damit verbringen, Texte zu lesen oder Referate vorzubereiten; alles in allem hielt sich die Arbeitsbelastung aber doch sehr in Grenzen.

Trotzdem war ich froh, als irgendwann die letzte Zeile der Diplomarbeit geschrieben, die letzte Teilprüfung bestanden und somit das Ende der Studienzeit erreicht war. Dreizehn Semster und ein paar Wochen reichten dann doch, ich fühlte mich jetzt bereit für den Arbeitsmarkt. Arbeitsmarkt? Für Diplom-Sozialwissenschaftler? Da war doch was. Richtig, der war ja in den vergangenen Jahren mehr oder weniger zusammengebrochen. Was ich in meiner Naivität leider nicht rechtzeitig mitbekommen hatte. Die Universität ist ja ein Elfenbeinturm, eine kleine Welt für sich, mit ihren eigenen Gesetzen und ihren eigenen Problemen. Auf das wirkliche Problem, den Übergang ins Berufsleben, bereitet einen dort im Normalfall niemand vor. Schon gar nicht die Professoren, die meistens selbst schon seit Jahrzehnten kein Unternehmen mehr von innen gesehen haben. Jedenfalls nicht, wenn sie Disziplinen wie Soziologie oder Psychologie lehren. Da stand ich nun also, Ende Zwanzig, frisch ernannter Diplom-Sozialwissenschaftler, ohne nennenswerte Praxiserfahrungen, aber immerhin mit einem Semester Auslandsaufenthalt. (Na gut, nur in den Niederlanden, aber immerhin, das ist auch fremdsprachiges Ausland.) Und dachte ernsthaft, ich hätte nun eine gute Chance auf dem Arbeitsmarkt. Es soll ja tatsächlich Soziologen geben, die bereits wenige Jahre nach ihrem Abschluss arbeiten, und zwar nicht als Taxifahrer, sondern als Wissenschaftliche Mitarbeiter, als Unternehmensberater oder als … Arbeitsvermittler. Ich kenne selbst welche! Nur ich gehöre nicht dazu.

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Samstag, Juni 27, 2009

Die ARGE (III)

Irgendetwas ist in diesem Land in den vergangenen 15 Jahren schief gelaufen. Das denke ich in letzter Zeit immer öfter. Zum Beispiel als ich einen 20-Jährigen kennen lerne, der eine Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation machte. Und zwar in einer außerbetrieblichen Einrichtung, weil er keine Lehrstelle in einer Firma gefunden hatte. Als ich ihn interessehalber fragte, was er denn für einen Schulabschluss habe, antwortete er: „Fachabi. Wieso, sehe ich nicht so aus?“.

Früher, also zu der Zeit, in der ich selbst Azubi war, machten außerbetriebliche Ausbildungen nur junge Leute, die relativ schlechte Schulabschlüsse hatten. Wobei ich hier nicht von schlechten Abiturzeugnissen spreche, sondern eher von schlechten Hauptschulabschlüssen. Mit der „Mittleren Reife“ in der Tasche bekam damals noch so gut wie jeder einen Ausbildungsplatz in einem Beruf, den er sich mehr oder weniger auch ausgesucht hatte (siehe oben). Die Abiturienten gingen zum Großteil noch an die Uni, nur einige wenige bewarben sich ebenfalls auf dem Lehrstellenmarkt, meistens aber nur in sozialen oder künstlerisch angehauchten Berufen, also etwa als Krankenschwester oder als Goldschmied. Und wer in der Schule echt schlecht war, für den standen immer noch genügend Lehrberufe offen. Ein Bekannter, mit dem ich vor einigen Jahren, in meiner ersten längeren Phase der Arbeitslosigkeit, ein Bewerbungstraining für Akademiker machte, sagte einmal sinngemäß: „Früher bekam eigentlich jeder ’ne Lehrstelle, sogar wer blöd war, der bekam halt eine auf’m Bau.“

DAMALS, also vor 15 bis zwanzig Jahren, legten nämlich noch nicht alle Arbeitgeber, vor allem nicht kleinere Handwerksmeister oder Filialleiter von Drogerieketten, bei Bewerbern Wert auf hervorragende Mathematikkenntnisse und exzellente mündliche wie schriftliche Ausdrucksfähigkeit im Deutschen. Ich habe nie verstanden, warum man heutzutage als Schulabgänger geschliffene Aphorismen formulieren oder die allgemeine Relativitätstheorie flüssig und in gutem Deutsch erklären können muss, wenn man drei Jahre lang lernen möchte, wie man zum Beispiel Brötchen verkauft oder Tische baut. Oder warum es nötig ist, Goethes Faust I und II gelesen und interpretiert zu haben, wenn man beispielsweise älteren Menschen den Hintern apputzen soll. (Natürlich ist mir klar, dass das Berufsbild des Altenpflegers / der Altenpflegerin damit nicht annähernd hinreichend beschrieben ist, das sollte jetzt nur mal so zur Vereinfachung dienen.)

Manchmal, wenn ich an die Zeit meiner eigenen Lehre zurück denke, erscheint es mir, als sei diese nicht dreizehn Jahre her, sondern vielleicht 30. Nicht, weil ich mich so alt fühlen würde oder weil die Erinnerung an diese Lebensphase schon verblasst wäre, sondern weil mir die sozialen Rahmenbedingungen und die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt rückblickend fast paradiesisch erscheinen. Dann denke ich immer: Das DAMALS in diesem Zusammenhang müsste man schon fast in Großbuchstaben schreiben, oder sogar in Frakturschrift. So wie in Rubrikenüberschriften in Zeitschriften: „Großvater erzählt“. Dabei bin ich erst Mitte 30.

Als ich also Anfang 20 war, war es nicht nur für die meisten Schulabgänger ein Leichtes, eine Ausbildungsstelle zu finden, es gab auch so etwas wie einen funktionierenden Arbeitsmarkt. Die Älteren werden sich noch erinnern: Wenn jemand zum Beispiel studierte, konnte er relativ sicher sein, nach seinem Diplom oder Magister auch eine angemessene, seiner akademischen Ausbildung entsprechende Arbeitsstelle zu finden. Dazu musste derjenige nicht einmal Medizin oder Ingenieurswissenschaften studiert haben; auch Psychologen, Historiker und manchmal sogar Soziologen fanden, zumindest nach einer etwas längeren Bewerbungsphase von im Schnitt vielleicht einem Jahr, einen Arbeitsplatz. (Ansonsten konnten sie immer noch eine Pommesbude eröffnen und dort ihre Kunden mit ihren Adorno-Kenntnissen nerven.)

Und heute? Der Arbeitsmarkt ist im Grunde gar kein Markt mehr, jedenfalls nicht, wenn ich die Definition in der VWL-Vorlesung damals richtig verstanden habe. Denn von einem einigermaßen ausgewogenen Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage kann ja schon lange keine Rede mehr sein. Nachgefragt werden immer noch hauptsächlich die so genannten Normalarbeitsverhältnisse: 35 bis 40 Stunden in der Woche, unbefristet, mit Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Rentenanspruch und Kündigungsfrist. Also das, was fast jeder Mensch schon immer und zu allen Zeiten haben wollte und brauchte, wenn er sich selbst und eine eventuell vorhandene oder irgendwann geplante Kleinfamilie nicht nur über Wasser halten, sondern dem allgemeinen Lebensstandard entsprechend versorgen wollte. Wenn er nicht gerade eine Praxis vom Papa oder der Mama geerbt hatte oder von sich aus schon immer selbständig sein wollte. Angeboten werden hingegen zunehmend prekäre Beschäftigungsverhältnisse: Teilzeit, befristet oder Leiharbeit, unter Tarif bezahlt. Prekär sind dabei weniger die Beschäftigungen als die Lebensverhältnisse: Im Grunde weiß man nie, ob man seine Miete auch nächsten Monat noch bezahlen kann und ob man dann noch im Call Center arbeitet oder schon beim Burger King. In zunehmendem Maße sind davon nicht mehr nur die „niedrig Qualifizierten“ betroffen (noch so ein Unwort), sondern auch die formal doch eigentlich am höchsten Qualifizierten, also Akademiker wie ich. Jaja, ich weiß, Witze über Taxi fahrende Soziologen gab es auch schon vor zwanzig Jahren. Aber immer öfter entsprechen solche Gags auch der Realität.

Ein akademischer Abschluss an und für sich hat heute schon fast gar keinen Wert mehr. Was der Herr Diplom-Politologe oder die Frau Magistra Artium in Philosophie und Germanistik denn nun im Studium wirklich gelernt hat, interessiert potentielle Arbeitgeber nur noch am Rande bis gar nicht. Wichtig sind die sonstigen Erfahrungen, Kenntnisse und Soft Skills. Die soll man in den meisten Fällen nicht an der Uni erworben haben, sondern in seiner Freizeit – pardon, ich meinte natürlich in zahlreichen Praktika, Kursen, Nebentätigkeiten und ähnlichem. Und natürlich im Ausland, wo man selbstverständlich mindestens ein Semester, gerne aber auch länger, verbracht hat. Das alles selbstredend bevor man 23 geworden ist. Denn dann sollte das Studium ja spätestens abgeschlossen sein, wenn es mit dem Berufseinstieg überhaupt noch klappen soll. Sprach man früher von Bummelstudenten und dem lustigen Studentenleben, so ist heute von der Generation Praktikum die Rede. So ändern sich die Zeiten.

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Freitag, Juni 26, 2009

Der König ist tot

Komisch, ich scheine als Kind einen Hang zu gefährdeten Popsängern gehabt zu haben. "Bad" war eine meine ersten Langspielplatten, also eine der ersten, die ich mir von meinen Eltern habe kaufen lassen. Eine andere war "Emotional" von Falco (auf MC!). Beide Alben fallen heute eher in die Rubrik "peinliche frühere Lieblingsplatten". Und beide "Künstler" sind den Weg von James Dean bzw. Hendrix, Joplin & Co. gegangen. Wobei man bei Jackson nicht wirklich sagen kann, dass er den Rat "Live fast, die young and leave a good looking corpse" konsequent befolgt hätte - dazu war er mit 50 wohl doch schon etwas zu alt, und wirklich gut ausgesehen hat er ja auch schon seit zwanzig Jahren nicht mehr. Rückblickend scheint Jacksons relativ früher Tod erschreckend erwartbar. Auch wenn ich heute Morgen, als ich die Überschrift "Michal Jackson ist tot" im internet las, erst mal intuitiv auf den Kalender schaute, ob denn schon wieder April ist. Ab einem bestimmten Grad der Popularität ist ein normales Altern wohl gar nicht mehr möglich. Entweder man wird zur tragischen Gestalt oder man geht vorher (also vor dem Altern) drauf. Oder beides.

Zitat des Tages: "Sein Trauzeuge war ein Affe, sein bester Freund ein Lama."

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Donnerstag, Juni 25, 2009

Die ARGE (II)

Der Hauptvorteil, ein Azubi zu sein, lag darin, sich eine eigene kleine Wohnung leisten zu können, die auch noch in der Nähe meines Arbeitsplatzes lag. Und so saß ich während meiner Lehre an Wochenenden und in den Ferien also gerne im nahe gelegenen Hofgarten herum, blickte wie Oskar Matzerath auf das Amt und die Kunstakademie und erfreute mich meines Lebens. Die Parallelen mit Grassens Romanheld sollten hier ein Ende haben (sieht man von meiner geringen Körpergröße und einem leichten Hang zur Buckelbildung einmal ab). Aber leicht hatte ich es in der Folge auch nicht gerade. Denn eine Ausbildung im Mittleren Verwaltungsdienst führt nicht unbedingt zur seelischen Erfüllung. Jedenfalls nicht, wenn man jung ist, und im Herzen nicht der typische Büroangestellte. Dummerweise öffnet einem eine solche Ausbildung aber auch nicht gerade die weiten Pforten des Arbeitsmarktes. Nachdem man seine Lehre beendet hatte, gab es damals genau zwei Möglichkeiten: Entweder man wurde übernommen und arbeitete bis zur Rente beim Arbeitsamt. Oder man kündigte früher oder später und machte dann etwas ganz anderes, vorzugsweise eine weitere Ausbildung. Denn bei einem anderen Arbeitgeber konnte man mit dem, was man während der Ausbildung gelernt hatte, herzlich wenig anfangen. Die BA hatte zu der Zeit ja noch das Vermittlungsmonopol für Arbeitsuchende, andere Beschäftigungsmöglichkeiten für Mitarbeiter der Arbeitsverwaltungs gab es demnach praktisch keine.

Ich entschied mich trotzdem, zum zweiten Mal in meinem Leben den unbequemen Weg zu gehen, und kündigte wenige Monate, nachdem ich meine Lehre erfolgreich abgeschlossen hatte. Mein Ziel damals war es, mein Abi nachzuholen und doch noch zu studieren. Ich wollte etwas machen, was meinen Neigungen und Interessen besser entsprach als der trockene Verwaltungsdienst. Germanistik, Politologie, Philosophie – das waren so die hehren Fächer, von denen ich träumte. Was ich damals nicht ahnte, war, dass ich diesem Ziel relativ nah kommen sollte, und später trotzdem mehrere Jahre auf der anderen Seite des Schreibtisches Platz nehmen sollte. Vom Arbeitsamtsmitarbeiter zum Langzeitarbeitslosen, und das trotz zweier in der Zwischenzeit abgeschlossener Studiengänge – um mir das vorzustellen, fehlte mir wirklich die Phantasie. Aber genau so ist es gekommen.

Fortsetzung folgt

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Montag, Juni 22, 2009

Die ARGE (I)

Nachdem mir mehrere Bekannte gesagt haben, ich sollte meine absurden Erlebnisse mit der Arbeitsverwaltung mal gesammelt zu Papier bringen, habe ich genau das getan. Für ein Buch reicht es leider vom Umfang her noch nicht. Ich werde deshalb den Erfahrungsbericht in den nächsten Wochen hier in Fortsetzungen veröffentlichen. Regelmäßige Blog-Leser kennen insbesondere die kafkaesken Erlebnisse im Zusammenhang mit meinem letzten Alg II-Neuantrag schon überwiegend, aber was soll's... Heute also Kapitel I des großen Schicksalsromans "Die ARGE":

Als ich 18 Jahre alt wurde, bekam ich „Die Blechtrommel“ zum Geburtstag geschenkt. Also, den Roman, nicht den Film; DVDs gab es damals noch nicht, und Videos zu verschenken, war eher ungewöhnlich. Der Roman gefiel mir damals gut, besonders die (unverfilmte) zweite Hälfte, die nicht mehr in Danzig spielt, sondern nach dem Krieg in Düsseldorf, wohin Oskar Matzerath mit seiner Stiefmutter flieht. Auch ich wohnte damals, wie mein ganzes bisheriges Leben, in Düsseldorf und kannte viele der Schauplätze, die Günter Grass in dem Buch beschreibt. Besonders angesprochen fühlte ich mich von einer Stelle, in der Oskar als junger Erwachsener regelmäßig auf einer Parkbank im Hofgarten herumlungert und auf die Kunstakademie guckt, die, wie Grass treffend schreibt, in Düsseldorf direkt gegenüber des Arbeitsamtes liegt. (Inzwischen ist das übrigens nicht mehr so, da das Amt vor etwa 15 Jahren umgezogen ist.) Nicht nur ging ich damals gerne in meiner Freizeit in dem gleichen Park spazieren, der nur etwa zehn Gehminuten von meiner Wohnung entfernt war; auch arbeitete ich zu der Zeit beim Arbeitsamt, also genau in dem Gebäude, auf das der arme Oskar schaute, wenn er seinen Blick mal von der Kunstakademie zur Seite schweifen ließ. Ich fand das damals eine merkwürdige Koinzidenz. Leider bin ich dann nicht von Kunststudenten als Aktmodell entdeckt worden wie Oskarchen im weiteren Verlauf des Romans. Stattdessen machte ich meine Lehre zum Angestellten im Mittleren Dienst der Arbeitsverwaltung zu Ende. Zu meiner Zeit nannte sich das noch so; heute, wo man sich bei der ehemaligen Bundesanstalt für Arbeit vom Behördendeutsch zumindest nach außen hin weitgehend verabschiedet hat, heißt es wahrscheinlich Servicefachkraft Arbeitsmarktmanagement oder weiß der Teufel wie.

In diese Ausbildung hatte ich mich gestürzt, weil mich irgendwann im Laufe des elften Schuljahres wie aus heiterem Himmel eine Sinnkrise überkommen hatte. Ich wusste plötzlich nicht mehr, warum ich eigentlich nach meinem Realschulabschluss aufs Gymnasium gewechselt war. Das heißt, ich merkte, dass ich dies nur getan hatte, weil mir keine bessere Alternative eingefallen war. Je länger ich jetzt darüber nachdachte, desto sinnvoller schien es mir, einen Beruf zu erlernen, statt noch zwei Jahre zur Schule zu gehen, ohne überhaupt zu wissen, was ich mit dem Abitur denn anfangen sollte. Da mir die ganze Atmosphäre in der gymnasialen Oberstufe mit ihren verzogenen Oberschichtsschülern – zu denen ich definitiv nicht gehörte; meine Familie bestand eher aus Proletariern und Sozialhilfeempfängern -, stündlich wechselnden Kurskameraden und irgendwie nicht zu mir passen wollenden Leistungskursen auf die Nerven ging, beschloss ich, mehr oder weniger von heute auf morgen, nicht mehr zur Schule zu gehen, sondern mir eine Lehrstelle zu suchen. Ich wollte einen ganz soliden Beruf erlernen, auf eigenen Beinen stehen, mein eigenes Geld verdienen etc. pp. Leider hatte ich mit 17 keine Ahnung, welche Berufe eigentlich für mich in Frage kamen – also, rückwirkend betrachtet. Damals dachte ich natürlich, genau zu wissen, welche Ausbildung die richtige für mich sei: Bibliotheksassistent wollte ich werden. Dazu musste man sich damals noch an einer NRW-weit einheitlichen Ausbildungseinrichtung bewerben: der Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen im benachbarten Köln, die es inzwischen auch längst nicht mehr gibt. Heute heißt der Beruf auch vermutlich schon lange Assistant Manager in Information Services. Wie dem auch sei: Da es mir dann doch etwas unsicher erschien, darauf zu vertrauen, dass diese Einstellungsbehörde mich auch tatsächlich einstellen würde, und ich ungern als Schulabbrecher auf der Straße enden wollte, sah ich mich natürlich auch nach anderen, vielleicht ähnlichen Ausbildungsberufen um, für die ich mich als Plan B bewerben könnte. In meiner jugendlichen Naivität nahm ich dazu vor allem die Dienste des Arbeitsamtes, heißt der Berufsberatung, in Anspruch. Und welche Ausbildung empfahl mir die Ausbildungsstellenvermittlerin (die sich heute bestimmt längst Senior Assistant in Job Coaching Services and Advices nennt)? Eine Lehre beim Arbeitsamt! Leider habe ich damals dieses perfide Spiel nicht durchschaut. Die FH in Köln konnte sich nicht so recht entscheiden, ob sie mich nun einstellen wollte oder nicht. Jedenfalls hatte sie dies einen Monat vor Beginn der Ausbildung noch nicht getan. Stattdessen lud sie mich noch zu einem zweiten Vorstellungsgespräch in ihre heiligen Hallen ein. Sicherheitshalber unterschrieb ich bei der Bundesanstalt für Arbeit (die mir ihrerseits eine Frist bis eben einen Monat vor Ausbildungsbegin gesetzt hatte, mich für oder gegen sie zu entscheiden). Und so lernte ich in den folgenden Jahren also nicht, Bücher zu katalogisieren und entsprechend in Regale einzuräumen, sondern Akten zu bearbeiten und Arbeitslose zu verwalten, pardon, zu betreuen.

Fortsetzung folgt
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Sonntag, Juni 14, 2009

Invasion der Schweinegrippe-Aliens

Wenn man gestern Nachmittag ahnungslos in die Düsseldorfer Altstadt ging, konnte man denken, die Aliens wären in der Nacht vorher gelandet. Einige von ihnen trugen am ganzen Körper einen gelben Pelz, andere hatten blaue und pinke Haare und trugen martialische Gewänder. Die Invasion der Pokemons! Aber es waren nur Besucher des Japan-Tages, bei dem anscheinend ein Cosplay veranstaltet worden war, ein Verkleidungswettbewerb für Manga-Fans. Die zogen nun in Scharen durch die Gassen. Die männlichen Kostümierten trugen gerne Waffen mit sich. Stichwaffen scheinen in diesen Kreisen als Phallussymbol zu dienen, und wer noch nicht lange geschlechtsreif ist, kompensiert das halt mit einem überdimensionalen Schwert.

Die Mädels waren oft auffallend aufreizend angezogen, Miniröckchen, Netzstrümpfe und grell geschminkt. Mangas haben ja oft den Ruf, dass es da desöfteren mal um leichtbekleidete Schulmädchen geht. Vielleicht werden sie aber auch nur gerne von solchen gelesen. Das wäre auch mal ein Diplomarbeitsthema für einen Psychologen, warum sich pubertierende Mädchen gerne so verkleiden. In unserer Jugend gab's sowas ja nicht. Unsere Helden waren Donald Duck und Biene Maja, da war wenig mit Erotik. Obwohl der amerikanische Undergroundcomic-Zeichner Robert Crumb mal erzählt hat, als Teenie habe er sich von Bugs Bunny sexuell stimuliert gefühlt.

Auffallend viele dieser kostümierten Manga-Freunde trugen auch Mundschutz. Da weiß man jetzt nicht, gehörte das zum Kostüm, waren das alles japanische Touristen, die wahrscheinlich gewohnheitsmäßig mit den Dingern rumlaufen, weil die Luftverschmutzung in Tokio doch etwas höher ist als in Düsseldorf, oder waren das etwa doch Schüler der hiesigen Japanischen Schule, deren Klassenkameraden ja gerade wegen Schweinegrippe im Krankenhaus liegen. Das wäre doch mal eine geile "Express"-Schlagzeile gewesen: "Alien-Alarm in der Altstadt: Pokemons verbreiten Schweinegrippe!".

Am Stand der Bahnhofsbuchhandlung auf dem Bücherbummel, der parallel auf der Kö stattfand, zeichneten irgendwelche Teenie-Mädchen Manga-Figuren für die Besucher. Die hatten laut einem angebrachten Zettel einen Mangaka-Wettbewerb der Buchhandlung gewonnen. "Germany's Next Mangaka" oder sowas. So weit ist es schon gekommen. Wir standen früher nur für Autogramme wirklich bekannter Künstler an. Carl Barks oder Karl Marx. Oder vielleicht noch, wenn Günter Grass uns eine Unke in sein Buch zeichnete. Aber für ein Pokemon? No way!  

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Alles unter einem Dach

In letzter Zeit liest man wieder überall Artikel über das bevorstehende Kaufhaussterben, manchmal auch über Kaufhäuser, von denen noch gar nicht klar ist, ob sie bald schließen müssen. Das ist ein Klassiker des (Lokal-)Journalismus: Wenn bekannt wird, dass irgendwo ein Kaufhaus schließt oder gar eine ganze Kette, schickt man einen Reporter hin, um die Stimmung vor Ort einzufangen. Ich selbst hatte schon zwei Mal das Vergnügen, solche Artikel zu schreiben: einmal für die Uni, als der Mainzer Wal-Mart dicht machte (bzw. in einen real umgestaltet wurde), und einmal für die Lokalzeitung, als die Schließung einer Strauss-Filiale in Düsseldorf bekannt gegeben wurde. Die Reaktionen sind immer die gleichen: Kunden, Mitarbeiter und örtliche Geschäftsleute - alle sind traurig bis wütend. Die Kunden wissen nicht, wo sie in Zukunft ihre Socken kaufen sollen, die Mitarbeiter wissen nicht, ob sie einen neuen Job finden werden, und die Geschäftsleute befürchten, dass in ihrem Viertel alles den Bach runtergeht, wenn das einzige größere Warenhaus am Ort dicht macht.

In Düsseldorf-Oberbilk macht bald der Woolworth zu, den es erst ein paar Jahre gab. Dazu muss man wissen, dass Oberbilk ein Problemstadt...äh, ich meine ein Stadtteil mit erhöhtem Erneuerungsbedarf ist. Kommt man auf die Haupteinkaufsstraße, denkt man, da wäre neulich erst der Krieg zu Ende gegangen. Teilweise stehen ganze Häuserblocks leer, Handyshop reiht sich an Dönerladen, Menschen ohne Migrationshintergrund kommen einem eher wenige entgegen. Und am Ende der Straße steht halt der Woolworth, der früher übrigens mal ein Karstadt war - und danach ein Strauss, der dann auch zumachte, allerdings nicht der, über den ich geschrieben hab. In Angebot und Preisgestaltung hat sich der Woolworth sehr an die Anwohnerschaft angepasst. Alles ist extrem billig. Im Schaufenster habe ich mal eine Flasche Sekt für fünf Euro gesehen. Da kann man sich auch mit Hartz IV mal was gönnen. Ansonsten gibt es da wirklich von allem etwas. Die CD-Abteilung besteht z.B. aus einem Regal mit Schlager- und Kinder-CDs, DVDs gab's glaube ich ein Fach, wobei keine mehr als fünf Euro kostete. Die Kunden sind hauptsächlich ältere Frauen mit Kopftuch. Früher, als das noch der Karstadt war, gab's da noch eine richtige Plattenabteilung, wo ich manchmal LPs oder MCs gekauft habe. Und einmal habe ich als Kind auf dem Wühltisch einen Han Solo-Roman für 2 Euro 50 erstanden.

Ich gehe schon seit Jahren viel weniger in Kaufhäuser als früher. Wirklich fehlen wird mir vermutlich nur die Kurzwarenabteilung, wenn Karstadt & Co. wirklich mal aus der Stadt verschwinden sollten. Denn wo sonst kann man noch Gardinenröllchen und -stangen kaufen?

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Montag, Juni 01, 2009

Ich wünschte, ich würde mich für Fußball interessieren

Ich dachte immer, Mainz wäre die einzige deutsche Stadt, die komplett durchdreht, wenn ihr Fußballverein aufgestiegen ist. Nun musste ich feststellen, dass es in Düsseldorf leider auch nicht besser ist. Am letzten Samstag interessierte sich hier kein Mensch dafür, wer deutscher Meister wird. Auf einem Straßenfest lief an jedem zweiten Stand ein Transistorradio mit Antenne Düsseldorf und der Übertragung des Drittligaspiels. Als Fortuna dann ein Tor schoss, brach überall Jubel aus. Ich wusste bis dahin noch nicht mal, dass Düsseldorf überhaupt um den Aufstieg spielt. Plötzlich hört man Leute erzählen, sie seien zum ersten Mal überhaupt an jenem Samstag im Stadion gewesen. Wer erfolgreich ist, hat immer viele Freunde. Autos mit Fortunafahnen habe ich auch schon gesehen. Solange Fortuna nicht mal wieder um den Meistertitel spielt, interessiert mich das alles nicht die Bohne. Und da kommt eher der Führer zurück als das das noch mal passiert. (33 ist Düsseldorf das letzte Mal deutscher Meister geworden, das war eh kein gutes Jahr.)
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Samstag, Mai 16, 2009

Muschelhorn oder Mobile Phone?

In Vanuatu, einem Inselstaat im Pazifik, haben sie vor Kurzem ein Handynetz eingeführt. Jetzt müssen die Leute dort nicht mehr drei Stunden zu Fuß zum nächsten Festnetzanschluss laufen, wenn sie mal telefonieren wollen. Das ist sicher schön, andererseits geht aber auch ein Stück Tradition verloren. Z.B. riefen die Stammesältesten bisher immer zu Zusammenkünften ihrer Gruppen auf, indem sie das Muschelhorn bliesen. Ab sofort brauchen sie nur noch zum Handy zu greifen. Ich würde es bevorzugen, vom Muschelhorn informiert zu werden, statt ständig sinnlose Handy-Gespräche im Supermarkt oder mitten auf der Straße mitanhören zu müssen.

Im 1972er Woody Allen-Film "Mach's nochmal, Sam" gibt es einen herrlichen Running Gag, der in einem Film, der zur heutigen Zeit spielte, gar nicht mehr funktionieren würde. Ein überarbeiteter Aktienhändler greift in jedem Haus, in das er kommt, erst einmal zum Telefon, um seinen Mitarbeitern Bescheid zu sagen, unter welcher Nummer sie ihn in nächster Zeit erreichen können: "Ich bin jetzt nicht mehr unter 654287, sondern unter 3487236 zu erreichen, etwa eine Stunde, danach eine Viertelstunde unter 207608 und dann wieder zuhause, also unter 4076892." Ein 12-Jähriger würde diesen Gag wahrscheinlich heute gar nicht mehr verstehen.

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Freitag, Mai 01, 2009

Bachmann-Remix

Nachdem Else Buschheuer nach zehn Jahren ihr Internet-Tagebuch dicht gemacht hat, wird in nächster Zeit wohl auch ihre Reihe "Immer wieder dasselbe Bachmann-Zitat" nicht fortgesetzt werden. Mein Lieblings-Bachmann-Zitat ist ganz ähnlich wie ihres, nur geht es darin nicht um Männerbekanntschaften, sondern um (falsche) Freunde. Sinngemäß geht es etwa so:

Er trifft Moll wieder, der sein Freund war zu Studienzeiten, und er erkennt ihn kaum wieder. Einen anderen Freund findet er fast unverändert wieder. Er heißt Moll und war einmal sein bester Freund. Am nächsten Tag trifft er auf der Straße Moll, Moll, der ihm damals eine Freundin ausgespannt hat. Im Haus an der Ecke wohnt immer noch Moll, sein Freund aus der Kindheit. Moll, der alles besser wusste. Ein Freund hat ihn damals verraten. Sein Name war Moll. Die Welt ist ihm voller Molls. 

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Aus der Reihe "Immer wieder das gleiche Zitat, leicht verändert"

Ein Mensch, der sich mit 40 umbringt, ist zu jedem Zeitpunkt seines Lebens ein Mensch, der sich umbringen wird.
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Montag, April 27, 2009

Zitat des Tages

"Ich sehe im Fernsehen, Leute in Frankreich auf der Straße demonstrieren, aber in Deutschland bleibt alles ruhig. Ich schlage Kollegen vor, lasst uns mal den Chef einsperren. Aber sie sagen, das geht nicht, Büroräume sind in Deutschland nicht als Wohnraum zugelassen."

Reporter Alfons aus Frankreich versteht die deutsche Welt mal wieder nicht. (vorhin auf WDR5 gehört)

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Mittwoch, April 22, 2009

"Menschen irren orientierungslos durch die Stadt, fühlen sich einsam"

... denn niemand rief sie an, in den paar Stunden, in denen gestern das D1-Netz der Telekom ausfiel. Die Armen. Manchmal glaube ich, meine Mutter ist die einzige Deutsche, die noch kein Handy hat. Die meisten Menschen scheinen inzwischen die einfachsten Grundlagen der zwischenmenschlichen Verabredung verlernt zu haben. Wie dieser arme Wicht in dem Filmbericht. Früher hat man sich mit seinen Freunden an einem bestimmten Ort zu einer vorher festgelegten Zeit verabredet. Heute steht man ratlos auf der Straße, wenn das Handy mal nicht funktioniert, weil man erst los geht und dann anruft, wo man sich eigentlich treffen soll. Und das soll ein zivilisatorischer Fortschritt sein?
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Dienstag, April 21, 2009

Marschieren zusammen mit den Katholen

Heute Mittag war ich auf einer Demo für die Einführung eines Sozialtickets in Düsseldorf. Es ist schon absurd, dass der Hartz IV-Regelsatz 11 Euro irgendwas für Fahrkarten des öffentlichen Nahverkehrs vorsieht, während das billigste Monatsticket im VRR 38 Euro noch was kostet (das dann auch erst ab neun Uhr benutzt werden kann; wer früher zum Arzt muss, hat halt Pech gehabt). Ich fahre, wann immer möglich, eigentlich mit dem Rad, auch bei schlechterem Wetter. Zum Glück wohne ich so zentral, dass ich in die Stadt, zum Bahnhof oder ins Kino schnell mit dem Rad komme. Und die ARGE ist sogar zu Fuß in acht Minuten erreichbar, der nächste Park auch relativ nah. Lediglich, wenn ich mal in einen Außenbezirk fahre, nehme ich die Bahn. Und natürlich, wenn ich mal Freunde in einer Nachbarstadt treffe. Wobei man dann mit einem Viererticket die Pauschale schon überschritten hat, das kostet nämlich 15 Euro. Und damit kommt man ja auch nur noch bis Elberfeld, aber nicht mehr bis Barmen. Und eine einfache Fahrt nach Köln kostet knapp zehn Euro. Ich gebe also schon mehr als diese 11 Euro noch was für den ÖPNV aus, obwohl ich ihn nur selten überhaupt benutze. In anderen Städten wie Köln oder Dortmund gibt es längst ein günstigeres Sozialticket für Alg II- und Grundsicherungs-Bezieher, im reichen Düsseldorf streuben sich CDU & Co. dagegen.

Die Demo war besser besucht, als ich gedacht hatte (ungefähr 200 Leute), allerdings eine sehr merkwürdige Mischung von Leuten aus unterschiedlichen Gruppen. Klar, mit der Arbeitsloseninitiative war zu rechnen, auch mit der "Linken" und den Gewerkschaften. Die Kundgebungen vor Rathaus und Landtag moderierte ein Dominikanermönch, der hier in der Obdachlosenarbeit aktiv ist ("Fifty-Fifty" ist die hiesige Obdachlosenzeitung). Dann sprachen auch noch ein Mensch von der Diakonie - und einer von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung o.s.ä. Hatte mich schon die ganze Zeit gewundert, was das für komische Fahnen sind, die eine Handvoll älterer Männer die ganze Zeit trugen. Die kamen wohl von irgendwelchen katholischen Kirchengemeinden. Die Rede des Katholen war dann auch herrlich naiv: "Wir nehmen den Auftrag des Evangeliums ernst" etc. Immer wieder betonte er, wie toll das doch sei, dass auch die Katholische Kirche sich sozial engagiere. Naja, besser als sich weiterhin gegen den Gebrauch von Kondomen in Afrika einzusetzen.

Das war halt so ein Thema, das für viele gesellschaftliche Gruppen eine Art kleinster gemeinsamer Nenner zu sein scheint. Neben den Katholiken marschierten dann auch einige Autonome, die über den moderaten Ton der Kirchenvertreter aber nur schmunzeln konnten. ("Wir sind ganz brave Bürger und halten uns deshalb an die Bannmeile, das ist mit der Polizei so vereinbart." ) Die Revolution wird man mit solchen braven Bürgern sicher nicht gewinnen. Die Demo selbst war auch erstaunlich ruhig. Einige Gruppen hatten so lindwurmartige Straßenbahn-Verkleidungen mitgebracht, in die jeweils mehrere Leute reinschlüpfen konnten. So marschierten wir dann meistens ganz leise durch die Altstadt, zur Belustigung der Gäste, die draußen in Straßencafés und -restaurants saßen. Die dachten wahrscheinlich eher, das wäre ein Karnevalsumzug als eine politische Demonstration. Auf den Demos, auf denen ich bisher so war, ging es doch meist etwas lauter zu (Trillerpfeifen bis zum Ohrensausen, Bongotrommeln etc.). Vielleicht sind arme Menschen immer noch zu angepasst. (Nicht, dass ich nun getrillert hätte, aber mir liegt Lärm generell nicht so.)

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Hurra, es ist soweit!

Das Handynetz von T-Mobile ist in ganz Deutschland zusammengebrochen, höre ich grad bei Bayern2. Endlich! Und als Nächstes erobern wir Fußgänger die Autobahnen zurück!
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Donnerstag, April 09, 2009

Ego-Blogging

Eigentlich habe ich ja keine Lust mehr auf diese "Heute ist mir das und das passiert"-Geschichten. Aber das war einfach zu strange: Ich sitze auf der Bank, neben mich hat sich eine dicke ältere Frau gesetzt. Junger Typ kommt vorbei, grinst mir ins Gesicht und sagt im Vorbeigehen: "Das ist ja lustig." Will der mich verarschen, frage ich mich. Auf seinem Rückweg kommt der Typ wieder an mir vorbei, die Frau ist inzwischen gegangen. Typ: "Ich fand vorhin nur die Frau neben dir so lustig. Die sah aus, als hätte sie so Düsen unter ihrem Kleid und würde jeden Moment abheben. Wie in einem tschechischen Märchenfilm." Ich so: "Ach so...?!"

Aus der Reihe "Märchenbraut", du hast unser Leben versaut.

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Die Wahrheit über Hartz IV

"Solange man stillhält - solange man sich willig in die Struktur, in das Räderwerk der ARGE fügt - solange man also nicht aus dem Raster schert - solange tut die ARGE nur eins: Sie fordert. Sie fordert, fordert, fordert und fordert. Beamtenschläfertum in Reinkultur ... Doch sobald man sagt: “Stop - hier - da stimmt was nicht - und hey, moment, das steht ja sogar so im Gesetz, ihr Lieben!” - dann ist man auf einmal außen vor. Störenseiter. Gar Reaktionär. Weil man so dumm ist auf seinem Recht zu beharren, denn die Pflicht, die hat man schon genügend getan."

Prospero illustriert die Ergebnisse einer Hartz IV-kritischen Studie mit eigenen Erfahrungen. Die sich im Prinzip voll und ganz mit meinen eigenen decken. Auch dass man als Alg II-Empfänger keinen Anspruch auf den normalen Gründungszuschuss hat, wenn man sich selbständig machen will, sondern nur auf ein Einstiegsgeld in Höhe des halben Regelsatzes (also ungefähr 175 Euro), ist nicht nur kontraproduktiv, was die Verringerung der Arbeitslosigkeit angeht, sondern einfach blanker Hohn. Wenn's ums Fordern geht, kennen die ARGEn kaum Mäßigung (s. den Göttinger Fall, wo einem bettelnden Hatz IV-"Kunden" das Erbettelte auf sein Alg II angerechnet wurde), beim Fördern hört das Engagement der Sachbearbeiter aber meistens auf.

 

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Mittwoch, April 01, 2009

Ich glaubte, ich seh nicht recht

Da hatte ich doch neulich erst noch Vincent Gallo gelobt, dass er absolut kompromisslos sein Ding durchzieht, ohne auf den kommerziellen Erfolg seiner Filme zu achten, und ein paar Wochen später blickt er plötzlich von jeder zweiten Straßenbahnhaltestelle herunter. Als Werbemodel auf den H&M-Plakaten. Naja, von irgendwas muss auch ein Vincent Gallo ja seine Rechnungen bezahlen...
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Donnerstag, März 26, 2009

Zitat des Tages

"Mit einem Marmeladenbrot in der Hand sterben ist besser als ein Fünfer im Lotto"

Kathrin Gerlof in einer "Freitag"-Reportage über den Tod auf dem Dorf

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Sonntag, März 22, 2009

Gut, dass ich ein Blog habe

Das hilft nämlich ungemein, meinen Leidensweg bei der ARGE zu rekonstruieren. Nachdem mir verschiedene Leute gesagt haben, ich solle meine absurden Erlebnisse mit der Arbeitsverwaltung doch zu einem Buch verarbeiten, versuche ich seit einigen Wochen genau das. Da ist auf jeden Fall sehr hilfreich, dass ich im Blog die verschiedenen Stationen auf dem viermonatigen Weg bis zur Bewilligung meines Alg II-Antrags festgehalten habe, sonst würde ich die richtige zeitliche Reihenfolge nämlich nicht mehr auf die Reihe kriegen. Wohin dieser Text führen wird, ist mir noch nicht ganz klar, aber das Ganze ist glaube ich schon wert, einmal am Stück aufgeschrieben zu werden. Falls jemand einen Verlag kennt, der an so etwas interessiert sein könnte, bitte melden. Auch wenn jemand über ähnlich kafkaeske Erfahrungen mit der ARGE zu berichten hat. E-Mail-Adresse findet sich im Rheinblick-Impressum (s. links unter Links, kleines Wortspiel).
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Donnerstag, März 19, 2009

Zerschlagt die Jobcenter, sie können es einfach nicht

Außerdem halte die Fraktion den Versuch für grundfalsch, eine vom Verfassungsgericht als verfassungswidrig eingestufte Regelung durch eine Verfassungsänderung verfassungskonform zu machen. "Das ist für uns schlechterdings nicht vertretbar", sagte Röttgen. [Franktionsgeschäftsführer der Union]

Sieht so aus, als gäbe es in der CDU tatsächlich noch vernunftbegabte Menschen in Führungspositionen. Was sich Scholz, Koch, Rüttgers & Co. da leisten wollten, geht tatsächlich auf keine Kuhhaut: Wenn das BVerfG ein Gesetz für verfassungswidrig erklärt, ändern wir nicht das Gesetz entsprechend, sondern die Verfassung. Jetzt werfen alle - auch führende CDU-Politiker - der Bundestagsfraktion vor, sie wisse nicht, was sie eigentlich mit ihrem Nein zur Jobcenter-Reform erreichen wolle. Das mag zwar stimmen, aber die taz berichtet, es gebe Pläne, nach der Wahl zusammen mit der FDP die Arbeitsverwaltung ganz in die Hände der Kommunen zu legen.

Ich hätte auch nicht gedacht, das jemals sagen zu müssen, aber die FDP hat Recht: Die Bundesagentur für Arbeit hat in der Vergangenheit mehr als einmal gezeigt, dass sie es einfach nicht kann. Ich erinnere nur an den Statistikskandal, Gersters Dienstwagenaffäre etc. Ab einer bestimmten Größe scheint eine Institution mehr mit sich selbst und der Sicherung eigener Pfründe beschäftigt zu sein als mit der Aufgabe, für die sie ursprünglich gegründet wurde. Und die ARGEn waren von Anfang an eine Fehlkonstruktion, eine Mischverwaltung, in der zwei Behördenkulturen aufeinandertrafen, die nicht kompatibel zu sein scheinen. (Legendärer Satz einer Mitarbeiterin der Mainzer ARGE: "Ich weiß nicht, wie das bei der BA ist, ich bin Angestellte bei der Stadt." - Für ihre Kollegen, die ein Büro weiter arbeiten und die bei der BA angestellt sind, interessiert sie sich anscheinend nicht oder will nichts damit zu tun haben.) In den ARGEn herrscht das totale organistorische Chaos, in der einen mehr (Düsseldorf), in der anderen weniger (z.B. Mainz). Als Betroffener hat man überhaupt keinen Ansprechpartner mehr, an den man sich schnell und unbürokratisch wenden könnte, wenn etwas schief gelaufen ist. Dass die ARGEn tatsächlich irgendjemanden in (reguläre Vollzeit-) Arbeitsplätze vermitteln würden, glaube ich inzwischen nicht mehr (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). 

Die einzige richtige Konsequenz kann nur lauten: Zerschlagt diesen ganzen Wasserkopf namens BA, legt die Arbeitsverwaltung und -vermittlung in die Hände der Kommunen und lasst diese auch das Arbeitslosengeld auszahlen. (Die Behauptung der taz "Langzeitarbeitslose müssten dann wieder bei der Arbeitsagentur das ALG II, bei der Kommune das Wohngeld beantragen." ist übrigens Quatsch: Das war ja nie so, wer vor Hartz IV Anspruch auf Arbeitslosenhilfe hatte, wurde vom Arbeitsamt betreut, wer nicht - z.B. Uniabsolventen oder Leute, die lange nicht mehr gearbeitet hatten - , musste zum Sozialamt gehen und dort Sozialhilfe beantragen. Die ARGEn werden auch nicht dann zerschlagen, wenn sich die Große Koalition nicht bis zur Wahl einigen kann, sondern nur dann, wenn sich auch die neue Koalition in der nächsten Legislaturperiode nicht einigen kann.)

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Montag, März 16, 2009

Projekte

Früher hatten Menschen einen Beruf und/oder eine Familie. Heute haben viele nur noch Projekte. Bis vor ein paar Jahrzehnten ergriff man nach der Schule einen Beruf, den man dann meistens bis zur Rente ausüben musste. Wenn man Glück hatte, war dieser Beruf gleichzeitig Berufung, bei der überwiegenden Zahl der Leute war er einfach irgendetwas, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreitern konnten. Dann kam das, was Ulrich Beck vor 20 Jahren die Risikogesellschaft nannte: Fortan war zwar jeder seines eigenen Glückes Schmied, aber nur, solange das Glück auch mitspielte.

Den Begriff "Bohèmien" gibt es zwar schon seit dem 15. Jahrhundert, und seit Puccini (oder spätestens seit Kaurismäki) wissen wir auch in Deutschland ungefähr, was er bedeutet. Aber massenhaft besetzen die am Rande des Existenzminimums lebenden Akademiker, Künstler und Internet-Arbeiter unsere Straßencafés wohl erst seit einigen Jahren. Seit wir uns von der Industrie- in die Postindustriegesellschaft entwickelt haben. Seit wir alle keine Anstellung fürs Leben mehr haben, sondern unterschiedlich erfolgreiche und verschieden lang andauernde Projekte. Meine Band, mein Buch, meine Webseite. Auch eine Beziehung ist heute ein Projekt, ein Kind auch und eine Familie ist dann sozusagen ein Langzeitprojekt.

Und dann muss man all diese verschieden wichtigen Projekte auch noch unter einen Hut bekommen! Julia Franck regte sich gestern im ZDF-Nachtstudio auf, die männlichen Schriftsteller hätten's gut, sie als Frau müsse sich ja tagsüber um die Kinder kümmern und hätte deswegen nicht ständig Zeit zum Schreiben. Bodo Kirchhoff regte sich vor ein paar Tagen in "Literatur im Foyer" auf, heute schreibe jeder TV-Moderator einen Roman, als er angefangen habe, sei Schriftsteller noch ein richtiger Beruf gewesen. Er mache das seit 30 Jahren professionell, Romane schreiben. Da könne er über so Leute wie Charlotte Roche (oder Sarah Kuttner, die neben ihm am Tisch saß;) nur lachen, die auch mal eben so ein Buch schrieben.

Ich muss mir jetzt mal das Buch von Lobo und Friebe besorgen: "Wir nennen es Arbeit". Vielleicht steht da auch drin, wie man denn von seinen ganzen Projekten endlich auch leben kann. Und wenn nicht, gibt's da auf jeden Fall das Kapitel zu "Die Währung Anerkennung Respekt". Eine Bekannte meiner Mutter hat mal gesagt: "Die Sowieso, die 40 Jahre einen Beruf hatte, hat erzählt bekommen, jemand habe einen neuen Job. Da hat die gefragt: 'Wie, Job? Warum gehst du nicht richtig arbeiten?'".

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Donnerstag, März 12, 2009

Alles im ARGEn reloaded

Jedesmal, wenn die Düsseldorfer ARGE mir einen Brief schickt, habe ich inzwischen schon Schaum vorm Mund. Weil schon vor dem Lesen klar ist, dass sie es auch diesmal wieder nicht auf die Reihe gekriegt haben, eine meinen tatsächlichen Verhältnissen sowie den eingereichten Unterlagen entsprechende Entscheidung zu treffen. Seit letztem August überweist mir diese Behörde monatlich etwa 150 Euro weniger als mir eigentlich zustehen würden. Weil sie immer noch ein Nebeneinkommen in einer Höhe anrechnet, die meinem durchschnittlichen Einkommen in den Monaten April bis Juli 2008 entspricht. Dass ich seitdem leider wesentlich weniger Einnahmen erziele, habe ich denen schon mindestens ein halbes Dutzend Mal mitgeteilt; ich reiche ja auch jede Honorarabrechnung ein, die ich bekomme. Natürlich habe ich auch in den beiden Weiterbewilligungsanträgen, die ich seitdem stellen musste, jeweils mein aktuelles Einkommen als Selbsteinschätzung für den neuen Bewilligungszeitraum angegeben. Diese Aufstellungen, die man da erstellen muss, schmeißen die anscheinend gleich in den Papierkorb. Ansonsten wäre mir unverständlich, wieso sie dann trotzdem ein doppelt so hohes Einkommen ansetzen als in meiner Selbsteinschätzung drinsteht.

Damit hört die Unfähigkeit aber noch nicht auf: Gegen den letzten Weiterbewilligungsbescheid habe ich dann erst einmal Widerspruch eingelegt. Der wurde aber nie bearbeitet. Als ich mal bei der ARGE war, sagte man mir, von einem Widerspruch stünde nichts im Computersystem. Gestern bekam ich meinen Bescheid für den neuen Bewilligungszeitraum. Und? Richtig: Als Einkommen wird wieder genau derselbe Betrag angerechnet, den sie seit einem Dreivierteljahr anrechnen und der genauso lange schon 100 Prozent zu hoch ist. Diesmal habe ich den Widerspruch gleich in Kopie an meinen Anwalt geschickt. Da diese Behörde nicht in der Lage zu sein scheint, eingechickte Unterlagen von der Poststelle im Erdgeschoss an die zuständige Stelle im ersten oder zweiten Stock weiterzuleiten. Da kommt nämlich grundsätzlich nur jedes zweite Schreiben an. Vielleicht hat der Poststellenmensch auch keinen Bock, und schmeißt die Briefe gleich in den Müll. Natürlich erst, nachdem er dem Briefträger den Empfang bestätigt hat, da ich ja alles nur noch per Einschreiben mit Rückschein sende.

Die ARGE Düsseldorf ist ein Musterbeispiel dafür, wie man als (hilfsbedürftiger) Bürger von einer Behörde entrechtet werden kann. Was habe ich davon, wenn im SGB bestimmte Verfahrensvorschriften festgelegt sind, die ausführende Behörde vor Ort aber nicht in der Lage ist, diese auch anzuwenden? Da kann ich auch genauso gut in einem Unrechtsstaat leben, denn das Ergebnis ist das Gleiche. 

Ich würde im Übrigen jedem, der ALG II beantragt, inzwischen raten, entweder gar nicht nebenbei zu arbeiten oder dies nicht bei der ARGE anzugeben. In beiden Fällen hätte ich nämlich monatlich mehr Geld auf dem Konto als so, wo ich versuche, alles entsprechend des Gesetzes anzugeben.

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Sonntag, März 01, 2009

Diskriminierung des Tages

"Hartz IV-Empfänger sind ideale Konsumenten, weil sie alles, was sie einnehmen, ausgeben müssen. Von ihnen profitiert auch die Unterhaltungselektronikindustrie. Wer arbeitslos ist, guckt sehr viel Fernsehen, deshalb kaufen die auch viele Fernsehgeräte."

Irgendein Schwachmat im Presseclub. Genau, und wer beim Fernsehen angestellt ist, arbeitet eigentlich gar nicht, sondern wird dafür bezahlt, den ganzen Tag vor der Glotze zu sitzen. Mannmannmann...

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Donnerstag, Februar 19, 2009

Blog 1.0: Die Rückkehr des Tagebuchstils

Als ich neulich in meinem alten Tagebuch blätterte (das eher ein "Zwei Einträge pro Jahr"-Buch war), fiel mir auf, dass ich damals die Einträge tatsächlich in klassischem Tagebuchstil geschrieben habe: Die Sätze waren meist nicht länger als ein paar Worte, stichpunktartige Eindrücke. Ganz anders als beim Bloggen, wo man im Idealfall versucht, gute Texte zu formulieren, weil man davon ausgeht oder zumindest hofft, dass sie auch jemand anders liest als nur man selbst. Leider ist dieser Tagebuchstil, kurz und knackig und gänzlich unprosaisch, im Zeitalter des Bloggens mehr oder weniger verloren gegangen (Schreibt heute noch jemand Tagebuch auf Papier? Mit einem Stift? In ein Buch hinein?) Während von berühmten Schriftstellern wie Hesse oder Frisch noch Tagebücher überliefert und in Buchform herausgegeben sind (gut, Frisch hat seine Tagebücher genannten Texte auch immer schon mit Blick auf eine spätere Leserschaft gestaltet, deshalb sind das auch meist keine klassischen Tagebuchtexte), wird es von zeitgenössischen Autoren wohl später nur noch Blogeinträgesammlungen in Buchform geben (Else Buschheuer und Rainald Goetz sind zwei Vorreiter dieses Buchgenres). Schade. Um dem etwas entgegenzusetzen hier nun ein Versuch, den alten Tagebuchstil wieder aufleben zu lassen, ganz nach der Ansicht vieler Leute, Blogs wären doch nichts anderes als Tagebücher im Internet.

19. Februar

Kalt. Früh aufgewacht, nicht mehr einschlafen gekonnt. Verkleidete Menschen ziehen unter meinem Fenster her. Hatte vergessen, dass es ja noch Altweiber gibt. Höre erst im Radio davon, dass das heute ist. Selbst WDR 5 spielt Karnevalsschlager. Willy Ostermann: "Mir lasse de Dom in Kölle". Kein schlechtes Lied eigentlich. Nostalgisch. 

Später ins Café. Viele Mütter mit kleinen Kindern. Junge Mütter scheinen die einzigen Nichtstuer zu sein, die gesellschaftlich anerkannt sind. Dann kommt eine Gruppe Behinderter mit Betreuern rein. Der eine schreit laut. Unangenehm. Später durch die Haupteinkaufsstraße in Oberbilk. Bin ich seit Ewigkeiten nicht gewesen. Alles total runtergekommen. Viele Geschäfte stehen leer. Bürgersteige dreckig. Vom Karneval? Oder kommt hier schon keine Stadtreinigung mehr? Auffallend hoher Ausländeranteil. Früherer Karstadt ist seit Neuestem ein Woolworth. Der hat sich in der Preispolitik an die Anwohnerschaft angepasst. CDs mit Schlagern für sechs Euro. Flasche Sekt zwei Euro irgendwas. Direkt nebenan ein riesiger Ein Euro-Shop auf zwei Etagen. War noch nie in so einem Laden. Bin positiv überrascht. Hatte nur Krempel erwartet. Neben viel Kitsch gibt es aber auch sinnvolle Gebrauchsgüter wie Schreibwaren u.ä. sehr günstig. Kaufe zum ersten Mal in meinem Leben eine Packung Büroklammern. Könnte hier meinen Jahresbedarf an Büroartikeln für fünf bis zehn Euro decken. Aber was sagt das Finanzamt dazu? Verbringe fast eine Stunde in dem Laden. Beim Rauskommen schneit es wieder. Mit Fahrrad hinter dem Bahnhof vorbei. Spielende Kinder. Kostümiert. Helau, helau! Nase läuft wieder. Besser Bahnticket gekauft. Husten macht langsam Sorgen.

Frühe Nachtruhe. Vorher noch eine Psyquil geschluckt. Muss morgen Arzttermin ausmachen.

Also nein, der letzte Absatz war jetzt Hesse-Style (ein Meister der Selbstbespiegelung und Hypochondrie), das war nicht authentisch.

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Sonntag, Februar 08, 2009

Schaufensterschild des Monats

"Wie jedes Jahr zu Karneval: Tolle Kostümideen im NATO-Shop!"
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Donnerstag, Februar 05, 2009

Zitat des Tages

"Das Leben ist eine sexuell übertragbare Krankheit, die hundertprozentig lethal verläuft."

(Kierkegaard)

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