Donnerstag, September 10, 2009
Der schlechteste Kanzlerkandidat seit 25 Jahren
Das ist Frank-Walter "FW" Steinmeier. Mindestens. (Rau war glaube ich 1983? Also seit 27 Jahren.) Wer sich am Dienstag durch die "ZDF-Wahlarena" mit FW gequählt hat, konnte den Eindruck gewinnen, der Mann sei irgendwie im falschen Film gelandet. Abgesehen davon, dass er schwitzte wie ein Bär unter der Höhensonne und sich während der Fragen aus dem Publikum teilweise Luft zupustete, erfüllte er in geradezu paradigmatischer Weise das Klischee des Politikers, der nie auf eine gestellte Frage antwortet. Stattdessen schrammten seine Antworten immer mehr oder weniger haarscharf an den Fragen der Zuschauer vorbei. Beispiel: "Was wird die SPD dafür tun, dass es mehr und bessere Bildung in Deutschland gibt?" - "Also, die Konkurrenz von der CDU sagt ja überhaupt nicht, wie sie bessere Bildung finanzieren will. Die versprechen was und sagen dann nicht, wie sie das bezahlen wollen. Das finde ich unanständig." Und was will die SPD tun? Das wusste man hinterher immer noch nicht.
Anderes Beispiel: Ein Zuschauer schildert, dass er viele Bekannte hat, die Vollzeit arbeiten, aber trotzdem Hartz IV beantragen müssen, weil sie von ihrem Lohn nicht leben können. Frage: "Wann wird sich Arbeit in Deutschland wieder lohnen?" Statt dass der Mann nun antwortet, die SPD wolle deswegen einen Mindestlohn einführen (angeblich will sie das ja), stammelt er herum: "Erstens bedeutet Arbeit zu haben ja einen Arbeitsplatz..." (aha, und was nützt einem der, wenn er die Miete nicht einbringt?), "zweitens ein Einkommen" (das unter dem Hartz IV-Satz liegt), "und drittens ja auch, dass sie ihre Ansprüche fürs Alter dadurch sichern." (Wie hoch fällt wohl die Rente aus, wenn man nicht mal von seinem Erwerbseinkommen leben kann?) Kurzum: Die Antwort des Kandidaten lautet eigentlich: "Im Grunde lohnt sich Arbeit für viele nicht und ich kann ihnen da auch nicht helfen, aber Arbeit stellt ja schon einen Wert an sich da." Irgendwie zynisch.
Vollends lächerlich macht sich der Mann, wenn er dann noch glaubhaft versichern will, er hätte eine Chance, tatsächlich bald Kanzler zu werden. Und zwar ohne Hilfe der Linken. Frage: "Mit wem wollen Sie denn koalieren, wo es ja zu einer Mehrheit allein mit den Grünen offensichtlich nicht reichen wird?" - "Ich kämpfe für eine Mehrheit der SPD. Da es zu einer absoluten Mehrheit wahrscheinlich nicht ganz reichen wird..." (die Bemerkung sollte wohl witzig sein, wirkte aber nur verzweifelt bemüht), "... kann ich mir vorstellen, nein, strebe ich sogar an, eine Koalition mit den Grünen." Klingt überzeugt. Und das ist die Antwort auf die Frage des Zuschauers, die ja schon beinhaltete, dass das alleine nicht reichen wird?
Auffällig war nicht nur, dass FW meistens erst einmal zehn Sekunden schwieg, bevor er überhaupt mit einer Antwort begann - unangenehm war vor allem sein Beamtendeutsch. "Ich komme auch aus einem Familienhintergrund, nein, aus einer Familie ohne akademischen Hintergrund." Schröder hätte einfach gesagt: "Bei uns in der Familie hatte auch niemand studiert." Bei FW heißt das "Familienhintergrund" oder "-zusammenhang". Der Mann müsste erst mal lernen, wie ein normaler Mensch zu sprechen, und nicht wie jemand, der seit 20 Jahren nur noch die Welt der Gremien und Hinterzimmergespräche kennt.
Fast schon das Schlimmste an seiner Kandidatur ist, dass er nicht einmal den Eindruck erweckt, wirklich Kanzler werden zu wollen. Dazu fehlt ihm auch jede politische Vision. Die hatten Schröder und Merkel zwar auch nicht, bei denen war und ist aber zumindest der Wille zur eigenen Machtausübung deutlich erkennbar. Steinmeier wirkt hingegen wie ein Parteisoldat, der den Job des Kanzlerkandidaten übernommen hat, weil es irgendwer halt machen muss, der sich im Grunde in seiner Rolle als ewiger zweiter Mann aber ganz wohl fühlt - und der selbst nicht weiß, was er im Kanzleramt denn nun eigentlich besser oder zumindest anders machen sollte als Frau Merkel.
Als Oskar Lafontaine 1990 als Kanzlerkandidat 33 Prozent für die SPD holte, galt das als neuer Tiefpunkt in der jüngeren Parteigeschichte. Mit FW Steinmeier wird die ehemalige Volkspartei froh sein, wenn es für 23 Prozent reicht. Und FW kann dann wieder das machen, was er am besten kann: diplomatisch herum schwadronieren - in weiteren vier Jahren als Außenminister in der großen Koalition.
Prominente
Die 25 "Künstler und Intellektuellen", die heute im Freitag zum Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan in absehbarer Zeit aufrufen, sind mir überwiegend sympathisch, auch wenn ich nicht alle als solche titulieren würde. (Sarah Kuttner und Charlotte Roche passen ja nun wirklich weder in die eine noch in die andere Kategorie, obwohl ich beide durchaus für intelligent halte.) Witzigerweise hab ich mit zweien der 25 schon mal telefoniert. Gut, das spricht jetzt eher dafür, dass die meisten nicht so wahnsinnig prominent sindSonntag, Juni 14, 2009
Alles unter einem Dach
In letzter Zeit liest man wieder überall Artikel über das bevorstehende Kaufhaussterben, manchmal auch über Kaufhäuser, von denen noch gar nicht klar ist, ob sie bald schließen müssen. Das ist ein Klassiker des (Lokal-)Journalismus: Wenn bekannt wird, dass irgendwo ein Kaufhaus schließt oder gar eine ganze Kette, schickt man einen Reporter hin, um die Stimmung vor Ort einzufangen. Ich selbst hatte schon zwei Mal das Vergnügen, solche Artikel zu schreiben: einmal für die Uni, als der Mainzer Wal-Mart dicht machte (bzw. in einen real umgestaltet wurde), und einmal für die Lokalzeitung, als die Schließung einer Strauss-Filiale in Düsseldorf bekannt gegeben wurde. Die Reaktionen sind immer die gleichen: Kunden, Mitarbeiter und örtliche Geschäftsleute - alle sind traurig bis wütend. Die Kunden wissen nicht, wo sie in Zukunft ihre Socken kaufen sollen, die Mitarbeiter wissen nicht, ob sie einen neuen Job finden werden, und die Geschäftsleute befürchten, dass in ihrem Viertel alles den Bach runtergeht, wenn das einzige größere Warenhaus am Ort dicht macht.
In Düsseldorf-Oberbilk macht bald der Woolworth zu, den es erst ein paar Jahre gab. Dazu muss man wissen, dass Oberbilk ein Problemstadt...äh, ich meine ein Stadtteil mit erhöhtem Erneuerungsbedarf ist. Kommt man auf die Haupteinkaufsstraße, denkt man, da wäre neulich erst der Krieg zu Ende gegangen. Teilweise stehen ganze Häuserblocks leer, Handyshop reiht sich an Dönerladen, Menschen ohne Migrationshintergrund kommen einem eher wenige entgegen. Und am Ende der Straße steht halt der Woolworth, der früher übrigens mal ein Karstadt war - und danach ein Strauss, der dann auch zumachte, allerdings nicht der, über den ich geschrieben hab. In Angebot und Preisgestaltung hat sich der Woolworth sehr an die Anwohnerschaft angepasst. Alles ist extrem billig. Im Schaufenster habe ich mal eine Flasche Sekt für fünf Euro gesehen. Da kann man sich auch mit Hartz IV mal was gönnen. Ansonsten gibt es da wirklich von allem etwas. Die CD-Abteilung besteht z.B. aus einem Regal mit Schlager- und Kinder-CDs, DVDs gab's glaube ich ein Fach, wobei keine mehr als fünf Euro kostete. Die Kunden sind hauptsächlich ältere Frauen mit Kopftuch. Früher, als das noch der Karstadt war, gab's da noch eine richtige Plattenabteilung, wo ich manchmal LPs oder MCs gekauft habe. Und einmal habe ich als Kind auf dem Wühltisch einen Han Solo-Roman für 2 Euro 50 erstanden.
Ich gehe schon seit Jahren viel weniger in Kaufhäuser als früher. Wirklich fehlen wird mir vermutlich nur die Kurzwarenabteilung, wenn Karstadt & Co. wirklich mal aus der Stadt verschwinden sollten. Denn wo sonst kann man noch Gardinenröllchen und -stangen kaufen?
Sonntag, Juni 07, 2009
Wo ist Europa?
Was ich mich seit Tagen frage: Warum gibt es nicht nur keinen europäischen Wahlkampf, d.h. keine Diskussion über europapolitische Themen, sondern auch keine europäischen Parteien? Warum kann ich nur zwischen deutscher SPD und CDU wählen, aber nicht zwischen europäischen Sozialdemokraten und europäischer Volkspartei? In den Wahlsendungen von ARD und ZDF ist jedes dritte Wort Bundestagswahl. Bundespolitiker erklären, warum dieses Wahlergebnis ein positives Signal für ihre jeweilige Partei für die Wahl im September sei oder auch nicht. Was es nun aber für die EU selbst bedeutet, erklärt kein Mensch. Was die Bürger in den anderen EU-Staaten gewählt haben, erfährt man auch nicht. Das Ganze wirkt wie eine Bundestagswahlsendung ohne Koalitionsfrage und Kanzlerkandidaten. Es wird so getan, als säßen dann im EU-Parlament nur 99 deutsche Abgeordnete, und die Union sei die stärkste Fraktion. Aber es gibt im EU-Parlament keine CDU/CSU-Fraktion, sondern eine gemeinsame Fraktion mit englischen Tories, ÖVP, niederländischer CDA und wer weiß wem noch.Geschäftsmodell für Minderheiten: "64'er" mit Diskette
Vor einiger Zeit kam mir mal die Idee, eine unbesetzte Nische auf dem Zeitschriftenmarkt wäre doch eine C64-Zeitschrift mit beigelegter 5 1/4-Zoll-Diskette. Keine CD-ROM, keine DVD, wie das jede zweite PC-/TV- und sonstige Zeitschrift macht, nein, eine gute alte, labberige, riesengroße Floppy Disc. Ideal wäre natürlich, wenn man dafür noch die Titelrechte an der "64'er" bekommen würde und das Ding mit Original-Schriftzug wieder auf den Markt bringen würde.
Passend dazu habe ich gestern im Retro-Magazin erstaunt erfahren, dass die "64'er" erst Ende 1996 eingestellt wurde und danach noch eine Weile als Faltblatt plus Diskette, die der "PC Go" beilagen, weiterlebte. Ich hätte gedacht, die Zeitschrift sei spätestens 1992 eingestellt worden, eher früher. Der Grund, warum ich sie danach nicht mehr wahrnahm, war einfach: Sie wurde nur noch an Abonnenten verschickt. Die letzten Jahre hatte das Heft wohl nur noch 50 Seiten Umfang und fusionierte 1996 mit der "Magic Disk Klassik", einem Nachfolgeheft der "Magic Disk 64", die übrigens ein reines Diskettenmagazin war, d.h. die ganze Zeitschrift fand sich auf einer Diskette. Die Homepage der "64'er" ist übrigens immer noch online, Stand 1998, gefühlte Computer-Steinzeit.
Meine Idee kam leider auf zwei Partys nicht besonders gut an. Allgemeines Urteil: Zielgruppe zu klein, der Enthusiasmus hielt sich in Grenzen. Wo sind denn diese ganzen C64-Geeks, die sich angeblich auf Trödelmärkten für zwei Euro einen "Brotkasten" als Geschenk für Freunde kaufen oder sich einen C64-Laptop bauen oder so lange rumlöten, bis man eine CD-ROM in ihren 64er stecken (und der diese auch lesen) kann oder die ihren C64 so umbauen, dass sie mit ihm ins Internet können? (Internet? Was ist das denn für Teufelszeug? Wir haben damals von Btx geträumt!)
Naja, nicht so tragisch, meine Lieblings-Computerzeitschrift war eh die "ASM".
Donnerstag, März 26, 2009
Zitat des Tages
"Mit einem Marmeladenbrot in der Hand sterben ist besser als ein Fünfer im Lotto"
Kathrin Gerlof in einer "Freitag"-Reportage über den Tod auf dem Dorf
Donnerstag, Februar 19, 2009
53.000 Unterstützer für ein Bedingungsloses Grundeinkommen
"Fast 53.000 Menschen haben die Online-Petition von Susanne Wiest für ein bedingungsloses Grundeinkommen unterzeichnet. Jetzt steht eine lange parlamentarische Prüfung an"
Quelle:freitag.de
Einen gelungenen Kommentar zum Thema von Michael Jäger gibt es heute auf der ersten Seite der Printausgabe, leider nicht online. Aber ihr könnt ihn ja mal im Laden lesen
.
Sonntag, Februar 08, 2009
Kann man einem Kampfroboter Moral beibringen?
Neulich durfte ich mal wieder etwas zu einem meiner Lieblingsthemen schreiben: autonome Roboter. Je mehr ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto mehr Angst macht mir die ganze Entwicklung.Donnerstag, Januar 29, 2009
Auf den "Rolling Stone" ist Verlass
Auf dem Cover ist diesen Monat wahlweise Bob Dylan oder John Lennon (Ja, jetzt gibt's auch bei Musikzeitschriften schon Variant-Cover; ob die dann später auch so einen Sammlerwert haben, wie das bei DC- und Marvelcomics mit Alternativcovern der Fall sein soll?) und die Platte des Monats kommt von Bruce Springsteen. Wie berechenbar kann eine Zeitschrift eigentlich sein? Trotzdem sah das Heft beim Durchblättern sehr ansprechend aus, so dass das wahrscheinlich die zweite Ausgabe in den letzten dreieinhalb Jahren wird, die ich mir kaufen werde. Besonders das Motown-Special interessiert mich, aber auch die Afghanistan-Reportage. Da werden manche jetzt wieder sagen, das hat in einer Musikzeitschrift nichts verloren, aber ich schätze am "Rolling Stone" gerade, dass das kein reines Musikmagazin ist, sondern eher Popkultur+Politik.Montag, Januar 19, 2009
Blattkritik: NRZ
Ich mag Regionalzeitungen nicht. Zumindest habe ich in Deutschland noch kaum eine in den Händen gehabt, die mich auch nur ansatzweise überzeugt hätte. Ausnahme vielleicht: die "Berliner Morgenpost"; ist aber auch schon zehn Jahre her, dass ich mir die in der Hauptstadt mal gekauft habe. In NRW erscheinen ja die zwei größten deutschen Regionalzeitungen, die WAZ und die Rheinische Post. Zur Qualitätsverbesserung auf dem NRW-Zeitungsmarkt trägt das leider nicht unbedingt bei. Beispiel Düsseldorf: Hier hat man die Wahl zwischen drei Zeitungen mit Lokalteil: RP, WZ und NRZ, die zur WAZ-Gruppe gehört. Von diesen dreien ist die RP noch mit Abstand die beste - was aber nicht viel heißen muss. Die WZ wirkt schlicht wie ein Blatt aus dem letzten Jahrhundert, vor allem wegen der ausschließlich schwarz-weißen Fotos im Innenteil. Im Folgenden möchte ich mir mal die letzte Samstagsausgabe der NRZ etwas ausführlicher vornehmen.
Auf der ersten Seite finden wir vier Berichte, keinen länger als 60 Zeilen: Einen von der ddp, einen von der ap, einen, der aus zwei Agenturmeldungen zusammen gerührt ist und ganz unten tatsächlich noch einen, den ein NRZ-Mitarbeiter selbst geschrieben hat. Respekt! Auf Seite 2 gibt es u.a. einen Kommentar mit der Überschrift "Danke, Kapitän Sullenberger". Dieser ist genauso inhaltsleer, wie das Thema vermuten lässt. Die überraschende Erkenntnis des Kommentators: "Es gibt wohl nicht viele Piloten, die das geschafft hätten." Es gibt wohl auch nicht viele Zeitungen, die ein Ereignis, bei dem es absolut nichts zu kritisieren gibt, zum Anlass eines Kommentars nehmen.
Höhepunkt der Ausgabe sind die Seiten 3 und 4; auf Seite 3 gibt es einen längeren Bericht zur Flugzeugnotlandung in New York. Dieser ist zwar wieder aus verschiedenen Agenturen zusammen gerührt, aber zumindest gut bebildert. Auf Seite 4 ("Das Land" ) finden sich zumindest einige interessante Regionalthemen: Nahost-Demos in Duisburg, Absage der Bochumer Loveparade. Auf sagenhafte zwei Seiten Politik folgt nun eine Seite Wirtschaft. Diese ist zu zwei Dritteln mit einer Anzeige, Börsentabellen und einer Tabelle "Die günstigsten Call-by-call-Tarife" zugekleistert. Aber Service soll ja so wichtig sein. (Btw: Wer telefoniert heute eigentlich noch per Call-by-call? Selbst meine Mutter, die von Technik überhaupt keinen Plan hat, ist schon seit Jahren pre-selected.) Zum Abschluss des ersten Buches gibt es nun noch die Kinderseite mit dem wahnsinnig originellen Titel "Knuts Klartext für Kinder".
Danach folgen erst einmal fünf Seiten Sport. Man achte hier auf die Gewichtung der Themengebiete: Acht Seiten insgesamt für Politik, Regionales, Wirtschaft und Kinderseite, fünf alleine für Sport. Es folgt der Lokalteil. Hier habe ich keinen einzigen Artikel gelesen. Immerhin gibt es darin viele Fotos von Kindern und Jugendlichen, die den älteren Lesern vermutlich Hoffnung machen sollen, dass die Jugend doch noch nicht ganz verroht ist. Die Veranstaltungsseite macht mit einem großen Foto von Helmut Lotti auf - da weiß man gleich wieder, wer die Zielgruppe der Zeitung ist: Generation 60+. Ein Artikel zur boot-Messe kommt nicht ohne ein Foto von Ralf Schumacher aus. Immerhin leistet sich die NRZ, anders als viele Regionalzeitungen, eineinhalb Seiten Feuilleton. Es folgt das TV-Programm mit einem kritischen Artikel zum Dschungelcamp - der natürlich Gelegenheit bietet, ein Foto von Guilia Siegel abzudrucken. Nun noch eine Seite "Menschen und Medien": keine Ahnung, warum die Seite so heißt, um Medien geht es nämlich überhaupt nicht. Stattdessen erfahren wir, dass Boy George für 15 Monate ins Gefängnis muss, weil er einen Callboy nackt ans Bett gefesselt hat. Auf der letzten Seite ("Rund um den Globus" ) noch der Klassiker: Ein großer Bericht über ein Treffen von Taubenzüchtern aus aller Welt.
Fazit: Die NRZ erfüllt sämtliche Klischees, die man so im Kopf hat, wenn man an eine Regionalzeitung denkt. Teilweise wirkt das Ganze in dieser Ballung (Lotti, Taubenzucht, alte Männer, die kleine Boote basteln) schon unfreiwillig komisch. Die meisten Themen sind belanglos, wirklich Überraschendes findet sich ebenso wenig wie ausführlichere Hintergrundartikel, die dem Leser vielleicht auch mal helfen würden, Nachrichten einzuordnen. Stattdessen überwiegen kurze Artikel, die oft von Nachrichtenagenturen kommen, und nicht einmal von den besten, denn die dpa hat der WAZ-Konzern ja zum Jahresanfang gekündigt. Angeblich sollten deswegen ja die Redakteure jetzt mehr eigene Stücke schreiben, wie WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz großspurig verkündet hatte. Davon ist zumindest in dieser Ausgabe nichts zu merken. Man hat anscheinend einfach die dpa-Texte durch ddp-Texte ersetzt, wobei man wissen muss, dass letztere Agentur wesentlich billiger zu beziehen ist.
Die Themenauswahl ist oft boulevardesk bis verschlafen. Von Fotos winken oft behinderte Kinder oder auch mal unbehinderte Jugendliche. Die Themenauswahl richtet sich offensichtlich fast ausschließlich an Rentner. Für jüngere Leser gibt es genau eine Seite: die Kinderseite. Für die Generationen dazwischen, vor allem für die 14-40-Jährigen bietet die Zeitung: nichts. Jedenfalls nichts, was man nicht schon am Tag vorher im Radio gehört, in den Fernsehnachrichten gesehen oder im Internet gelesen hätte. Vielleicht wendet sich diese Zeitung ja aber auch an Menschen, die keinen Strom haben oder elektronische Medien aus Prinzip als Teufelszeug ablehnen. Wie so eine Zeitung wirtschaftlichen Erfolg haben kann, ist mir absolut unbegreiflich. (Hat sie, glaube ich, zumindest in Düsseldorf, auch nicht.) Dass Manager ernsthaft glauben können, man könne die Qualität dieser Zeitung verbessern, indem sie nun noch im großen Stil Redakteure entlassen, ist fast schon ein Witz. Wesentlich verschlechtern kann man sie allerdings auch nicht mehr, das stimmt schon. Eines muss man allerdings auch sagen: Wenn so eine Zeitung sich dann in ein paar Jahrzehnten nicht mehr rentiert und sie eingestellt wird, ist es auch nicht schade drum. Man hat sich sein Grab dann halt selbst geschaufelt.Samstag, Januar 17, 2009
Sag ich doch!
1. Print-Magazine können nicht nur toll sein, sondern auch noch Erfolg haben. Gut, die Beispiele, die Meedia.de nennt, sind jetzt außer NEON nicht so mein Ding, aber ansonsten haben die natürlich völlig recht.
2. Abstimmungen bei Online-Portalen sind fast immer sinnfrei und dienen nur dazu, die Page Impressions aufzubessern. Meine nicht nur ich, sondern auch Frau Meckel:
“Das hat weder mit Journalismus noch mit Meinungsbildung zu tun, aber es kann für Minuten die Aufmerksamkeit der Nutzerinnen und Nutzer binden, die einmal klicken dürfen und glauben sollen, ihre Meinung bedeute irgendetwas. Im Hintergrund zählt eine Webstatistik die Clicks, die Clicks zählen umgekehrt nix.” (via)
Hab neulich mal versucht, den Sinn oder Unsinn dieser Online-Abstimmungen mit der stellvertretenden Chefredakteurin eines großen Nachrichtenportals auszudiskutieren. Die meinte, viele Leser würden sich halt freuen, wenn sie auf der Arbeit in einer kurzen Pause mal irgendwo was ankreuzen dürften, das komme ihrem Bedürfnis nach Interaktivität entgegen. Da frage ich mich: Wie gelangweilt muss man sein, dass man sich schon freut, bei fazsüddeutschefrweltsponfocusstern.de zwischen mehreren, meist gleich sinnfreien Antwortmöglichkeiten auswählen zu dürfen? Haben diese Leute keine sozialen Kontakte, mit denen sie über aktuelle Fragen diskutieren können?
Mittwoch, Januar 14, 2009
Albtraum statt Traumberuf
Früher war Journalist mein absoluter Traumberuf, der lange Zeit in unerreichbarer Ferne zu liegen schien. Zunächst mal hatte ich gar kein Abitur, sondern machte eine Verwaltungslehre für den Mittleren Dienst bei einer Bundesbehörde, während meine ehemaligen Schulfreunde weiter zur Oberstufe gingen. Wenn wir uns verabredeten, redeten sie über Goethe, Shakespeare oder was sie sonst gerade so auf dem Gymnasium durchnahmen. Ich beschäftigte mich hingegen tagsüber mit Paragraphen, Akten und Anträgen und Verwaltungsverfahren. Trotzdem war ich in dieser Zeit eigentlich ganz zufrieden; die Ausbildung war nicht nur erträglich, sondern machte manchmal sogar Spaß, Ausgleich zum trockenen Arbeitsalltag schafften neben der Freizeit die Azubi-Kollegen, eine recht lustige Truppe, mit der man immer Dampf ablassen konnte über merkwürdige Mitarbeiter, in deren Büros man zum Hospitieren oder Mitarbeiten vorher so rumgesessen hatte. Außerdem konnte ich mir im Gegensatz zu meinen Freunden eine eigene Wohnung leisten und fühlte mich deshalb selbständig.
Dass ich nicht mein Leben lang auf dem Amt arbeiten würde, war mir trotzdem relativ schnell klar. So holte ich nach der Lehre mein Fachabi nach und begann zu studieren. Zwar wusste ich nicht so recht, was ich nach dem Studium eigentlich beruflich machen wollte, die Prioritäten wechselten immer mal wieder, im Hinterkopf hatte ich aber irgendwie immer noch den Traumberuf Journalist. Eigentlich dachte ich auch, diesem mit einem geisteswissenschaftlichen Studium ein gutes Stück näher zu kommen.
Nach dem Studium schrieb ich eineinhalb Jahre Bewerbungen - ohne Erfolg. Es gelang mir nicht einmal, ein Praktikum bei einem Radiosender zu bekommen. "Sie sind ja schon fast 30 und haben überhaupt keine journalistische Erfahrung", war die gängige Antwort, wenn ich mich irgendwo bewarb. Da ich auch keinen Job als Soziologe oder als sonst irgendwas fand, sah ich schließlich nur noch eine Möglichkeit: nochmal zurück an die Uni zu gehen, um ein journalistisches Aufbaustudium zu machen. Zu meinem großen Erstaunen bestand ich tatsächlich die Eignungsprüfung an einer der bundesweit zwei Unis, die ich ausgemacht hatte, die ein praxisorientiertes, zweijähriges Aufbaustudium Journalismus anbieten. Also packte ich meine Koffer und zog innerhalb von ein paar Wochen nach Bekanntgabe der Prüfungsergebnisse in ein anderes Bundesland - voller Hoffnung, nun endlich auf dem richtigen Weg zu sein, meinen Traumjob zu erreichen.
Über die zwei Jahre in RLP möchte ich mich jetzt nicht weiter äußern. Wer dieses Blog schon länger liest, hat da ja einiges von mitbekommen. Zusammengefasst: Es war hart, in fast jeder Hinsicht, finanziell, vom sehr strangen Klima an dem Institut her, wegen der provinziellen Umgebung etc. pp. Aber ich habe es durchgezogen. Weil ich dachte, danach hätte ich eine realistische Chance, einen Arbeitsplatz zu finden, der nicht nur meiner Begabung, sondern auch meinen Interessen entspricht. Ein erstes studienbegleitendes Praktikum bestätigte mir, dass das genau mein Ding war. Auch wenn die weiteren Praktika teilweise eher durchwachsen waren, war ich doch guter Dinge, endlich die richtige Berufsentscheidung getroffen zu haben. Was ich nicht ahnte: Nach dem zweiten Studium war ich wieder genauso weit wie nach dem ersten. Auf Bewerbungen folgten meist Absagen, einige Vorstellungsgespräche führten auch nicht zum Erfolg. Mit der Zeit sanken die Ansprüche. Hatte ich mich anfangs noch hauptsächlich bei rennomierten Medien beworben, versuchte ich es nun auch bei Provinzzeitungen, PR-Stellen und Ähnlichem. Aber es reichte nicht einmal für ein Volontariat. Dazu war ich vermutlich schon wieder zu alt, für eine Redakteursstelle fehlte mir die Berufserfahrung.
Nun arbeite ich seit zehn Tagen zur Probe bei einem Redaktionsbüro, bei dem ich mich auch nur als Notlösung beworben habe, weil attraktive Jobs wieder in weite Ferne gerückt sind. Ich schreibe jetzt die meiste Zeit des Tages über Themen, die mich nicht die Bohne interessieren. Meistens handelt es sich zudem mehr oder weniger um PR-Texte. Ein "anzeigenfreundliches Umfeld" schaffen, nennt man das wohl. Wenn man nicht gleich Pressemeldungen mehr oder weniger unverändert auf die Zeitungsseite haut, dreht man den Interviewpartnern so lange das Wort im Mund herum, bis ihre Aussagen dem entsprechen, was potentiellen oder tatsächlichen Anzeigenkunden gefallen könnte. Ich kann jetzt hier leider nicht weiter ins Detail gehen, da ich noch nicht weiß, wie lange ich in dieser Redaktion arbeiten werde.
Mein Selbstwertgefühl war schon als Arbeitsloser nicht toll, hat aber nun einen neuen Tiefpunkt erreicht. Woher soll die Motivation kommen, wenn nicht von innen heraus? Da kann ich aber leider (?) keine Motivation für diesen Job finden. Wie auch, nachdem uns zwei Jahre lang von unseren größenwahnsinnigen Profs eingetrichtert worden ist, sie bildeten uns nicht für irgendeine Regionalzeitung aus, sondern für die FAZ? (Damit wir uns nicht falsch verstehen, zur FAZ will ich gar nicht, aber es reicht beim derzeitigen Arbeitsmarkt ja nicht einmal für die Regionalzeitung.) Die Alternativen sind lausig. Täglich liest man, dass Zeitungen und Zeitschriften in großem Maße Redakteursstellen abbauen: G+J hat seine kompletten Wirtschaftredaktionen entlassen, damit sich die langjährigen Redakteure nun auf ihre alten Stellen neu bewerben können, zusammen mit externen Bewerbern und zu schlechteren Bedingungen als vorher. Die WAZ-Gruppe denkt anscheinend, man könne eine bessere Zeitug machen, indem man die Inhalte von drei Zeitungen zentral in einer Redaktion steuert, wofür man natürlich wesentlich weniger Redakteure braucht. Zwei Lokalredaktionen in einer Stadt braucht demnach ja auch keiner mehr. Publizistische Vielfalt? Ein Wort aus dem vorigen Jahrhundert. Die redaktionellen Beilagenseiten lässt man gleich von externen Büros produzieren; das ist billiger als weiterhin "hochbezahlte" Redakteure im eigenen Verlag dafür zu beschäftigen. Der Leser denkt, er bekomme auf diesen Seiten journalistische Artikel. In Wahrheit bekommt er überwiegend schlecht kaschierte PR-Texte. Auch bei rennomierten Zeitungen wie der Süddeutschen wird hinter vorgehaltener Hand bereits über Stellenabbau in größerem Rahmen gesprochen. Die altehrwürdige Frankfurter Rundschau scheint eh nur noch eine Gnadenfrist zu haben.
Was bleibt? Die Wahl zwischen staatlicher Unterstützung und einem Job, der zu innerer Emigration führt. Vielleicht bin ich auch einfach zu anspruchsvoll. Aber ist das nicht genau die Haltung, zu der man im Studium erzogen wird, insbesondere an einem selbst ernannten "Eliteinstitut" für Journalisten? Davon abgesehen: Wenn es mir bei einem Job nur darauf ankäme, dass ich am Monatsende meine Miete bezahlen kann, hätte ich das auch schon vor 13 Jahren haben können. So weit war ich ja nach der Lehre schon mal. Verdienen würde ich inzwischen wohl mehr, wenn ich damals da geblieben wäre; mein aktueller Job ist nämlich noch nicht einmal annähernd adäquat bezahlt. Angeblich verdient ein Redakteur bei einer Tageszeitung ja mindestens um die 35.000 Euro im Jahr. Davon könnte ich nur träumen. Wär ich beim Amt geblieben, hätte ich übrigens schon die vergangenen 13 Jahre das gleiche monatliche Einkommen gehabt wie bei diesem ach so begehrten Redaktionsjob. Und hätte zwischenzeitlich keine 20.000 Euro Schulden durch BAFöG und Bildungskredit angehäuft, da ich halt keine reichen Eltern hatte.
So, und jetzt erzählt mir bitte noch mal, dass Journalist doch ein Traumberuf ist.
Sonntag, Januar 11, 2009
Noch was zum Thema Stellenabbau bei Print-Medien
Die Boocompany ist irgendwie an einen Offenen Brief der Betriebsräte der G+J-Wirtschaftspresse an den Bertelsmann-Vorstand (zu dem G+J gehört) gelangt. Schon faszinierend, das Internet; da bleibt nichts lange verborgen.Wohin geht der Freitag?
Der neue Eigentümer der Ost-West-Wochenzeitung "Freitag", Jakob Augstein, nimmt eine scharfe Kritik von F!XMBR-Chris zum Anlass, in einem Kommentar recht ausführlich zu erläutern, in welche Richtung er sein Blatt führen will. Abgesehen davon, dass ich es sehr lobenswert finde, dass ein Verleger in einem Blog über seine Zeitung diskutiert, klingt das doch sehr vielversprechend, was er da schreibt:
Die Küste, das ist in meiner Metapher der Mainstream. Wenn wir außer Sichtweite sind, um mal in meinem Bild zu bleiben, dann sind wir nicht mehr Teil der Gesellschaft. Dann sind wir so weit draußen, dass unsere Ansichten zur Gesellschaft irrelevant werden.Weil wir uns selber nicht mehr als zugehörig begreifen.
Ich glaube nicht, dass man auf dieser Grundlage guten Journalismus machen kann. Das ist meine Überzeugung.
Wenn wir aber in Küstennähe (!) sind, sind wir Mainstream. Das dürfen wir nciht sein. Und wollen es auch nicht.
Wir müssen Abstand haben zum Mainstream. Aber in Sichtweite sein, um noch verstehen zu können, was dieser Mainstream denkt. Warum er so handelt, wie er es tut. Und dann können wir dagegen anschreiben.
Samstag, Januar 10, 2009
Vom RBB ins Internet: Radio Multikulti macht weiter
Passend zum Thema Kreativität und "Mach dein eigenes Ding": Der RBB hat bekanntlich zum Jahresende trotz Protesten aus Öffentlichkeit und Politik seine Integrationswelle Radio Multikulti eingestellt - um sein Haushaltsdefizit auszugleichen (Einen lesenswerten Artikel darüber, warum auch Menschen, die man auf den ersten Blick nicht zur Zielgruppe zählen würde, solche "Minderheitenprogramme" brauchen, findet ihr hier.).
Einige Ex-Redakteure und -Mitarbeiter haben aber nicht aufgegeben, sondern ein neues Internetradio mit ähnlicher Ausrichtung gestartet. Das ging in der Silvesternacht, pünktlich nachdem die UKW-Welle abgeschaltet wurde, auf Sendung. Bis jetzt gibt es wohl nur ein Notprogramm von einigen Stunden pro Tag, demnächst sollen Programm und Homepage aber deutlich ausgebaut werden. Ein positives Beispiel dafür, dass es möglich ist, dem Abbau interessanter Angebote bei den traditionellen Medien etwas entgegenzusetzen sowie ein weiterer Beleg für meine aktuelle Lieblingsthese, dass Internetradio sowieso das Ding der Zukunft ist. (Klaus Walter ist ja seit Jahresende auch nur noch auf ByteFM zu hören.)
Donnerstag, Januar 08, 2009
Transparenz bei der WAZ
Die WAZ hat nicht nur ein Blog zu den geplanten Umstrukturierungen (Euphemismus für Kündigungen) bei Ihren vier NRW-Zeitungen gestartet, sondern dort auch die Präsentation der Unternehmensberater eingestellt, die den Redakteuren bei der Betriebsversammlung in Essen Anfang letzten Monats vorgestellt wurde. Das finde ich schon relativ mutig, muss ich sagen. Keinen Respekt gibt es von mir hingegen für das Konzept selbst. Das setzt völlig einseitig auf die Kostenseite bzw. deren Senkung. Hat sich vielleicht in der Verlagsführung auch mal jemand Gedanken über die Einnahmeseite gemacht? Anscheinend nicht. Damit will man nun also den Auflagenschwund stoppen: weniger Redakteure, weniger Seiten, die WP füllt den Mantel, was die überregionalen Themen angeht, mit Agenturmaterial, gleichzeitig wird die beste und am meisten Länder und Regionen abdeckende Agentur (die dpa) gekündigt. Meiner völlig unwesentlichen Meinung nach hebt man hier einige Meter seines eigenen Grabes aus.Mittwoch, Januar 07, 2009
Coverboy
Das Einzige, was mir der Job bisher gebracht hat, ist, dass ich es zum Coverboy einer Immobilienseite gebracht habe. Wenn um 14 Uhr 30 keiner mehr Schnee schnippt, muss der Journalist fürs Foto halt selbst einen Besen in die Hand nehmen. Kaum gestellt.Samstag, Januar 03, 2009
R.I.P. blond, Matador und Humanglobaler Zufall - Zeitschriftenfriedhof 2008
retromedia hat sich wieder die Mühe gemacht, die Zeitschriften aufzulisten, die im vergangenen Jahr eingestellt wurden. Darunter finden sich bekannte Titel wie die "(Neue) Revue", "Park Avenue" und "Matador" (Über letztere werde ich wahrscheinlich in 30 Jahren jüngeren Leuten erzählen, dass ich da mal einen "großen Artikel" drin hatteDienstag, Dezember 30, 2008
Journalistenalbtraum
Letzte Nacht hatte ich einen typischen Journalistenalbtraum: Ich saß mit meinen Kommilitonen um einen Tisch herum und sollte Gregor Gysi interviewen. Als mir das Wort erteilt wurde, hatte ich aber noch den Mund voll mit Brötchen und konnte deshalb nicht sprechen. Außerdem dachte ich die ganze Zeit, warum darf ich ihm nur Fragen zur PDS stellen, viel interessanter wäre doch, was aktuelles zur LINKEN zu fragen, zum Beispiel über sein Verhältnis zu Lafontaine.
Die Grundangst hinter diesem schönen Traum ist auch für mich als Freud-Hasser sofort erkennbar, aber wieso ausgerechnet Gysi? Habe ich in letzter Zeit zuviel über die LINKE gehört oder gelesen? Oder weil diese die letzte Hoffnung in Zeiten des Neoliberalismus ist? Oder Gysi mein heimliches Idol? Ich habe keine Ahnung.
Samstag, Dezember 27, 2008
Egon Erwin Kisch - der erste Borderline-Journalist?
Dass Reporterlegende Egon Erwin Kisch eigentlich der erste Vertreter des Borderline-Journalismus war, hab ich hier glaube ich schon mal behauptet. So war seine berühmt gewordene Reportage über einen Großbrand in Prag so gut wie frei erfunden - er kam nämlich zu spät zum Unglücksort. Jetzt gibt es einen sehr schönen Artikel dazu bei den Kollegen von medienlese.com. Inhaltlich kann ich den Schlussfolgerungen dort nur zustimmen.Freitag, Dezember 19, 2008
Neues aus der regionalen Subkultur
Die Düsseldorfer Filmkunstkinogesellschaft, die innerhalb der letzten 10 Jahre sämtliche Kinos übernommen hat, die andere zugemacht haben, scheint sich etwas übernommen zu haben. Vom Kino im Filmmuseum, der Black Box, trennt man sich zum Jahreswechsel. Dieses wird dann wieder vom Filmmuseum selbst bespielt. Das Programm scheint dadurch auf den ersten Blick eher noch skurriler zu werden: russische Stummfilme, japanischer Trash (Godzilla u.ä.) und Filme wie "Als die Frauen noch Schwänze trugen" (Italien 1970, mit Senta Berger). Woanders läuft das glaube ich unter Kultfilme... Ob das jetzt die Massen anzieht, weiß ich nicht. Zumindest gibt es ab Januar auch eine David Cronenberg-Retrospektive. Den mag ich gerne, obwohl ich nicht alle seine Filme gelungen finde ("Die Fliege" fand ich nur schwer erträglich, bei "Crash" habe ich mich die ganze Zeit gefragt, was das soll; andererseits: SM-Sex mit Autounfällen und Amputationen, da muss man auch erst mal drauf kommen, dass das einen Filmstoff abgeben könnte).
Ganz schließen wird wohl das Lichtburg Studio Theater, das erst vor drei Jahren als Ersatz für die traditionsreiche Lichtburg auf der Kö eröffnet wurde. Der Eigentümer der Kö-Galerie hat gewechselt, und der Neue will statt Kultur wohl noch mehr Platz für Konsumtempel in seinem Einkaufszentrum schaffen.
Völlig bergab scheint es auch mit dem "Coolibri" zu gehen, einem kostenlosen Programmheft, das sich in D'dorf und Wuppertal eigentlich großer Beliebtheit erfreut. Die beiden letzten Hefte sind viel dünner als sonst, was natürlich auch an mangelnden Anzeigen vor Weihnachten liegen kann. Aber eigentlich dachte ich immer, dass das Anzeigenaufkommen vor Weihnachten eher höher ist als sonst? Die Filmkritiken sind jetzt auch kürzer als bisher und komischerweise stehen in der Düsseldorf-Ausgabe für Januar seitenweise Texte aus Wuppertal statt den üblichen lokalen Kulturtipps und Gastrokritiken für D'dorf. War die D'dorfer Redaktion diesen Monat komplett im Urlaub?
Samstag, Dezember 13, 2008
Bürger finanzieren Reportagen
Ist das die Zukunft des Journalismus? Auf jeden Fall ist es ein sehr interessanter Ansatz: Über die Mitte November in den USA gestartete Website Spot.us können Journalisten ihre Arbeit von Bürgern finanzieren lassen - per Spende. (Die Zeit hat diese Woche einen Artikel darüber, den ich online leider nicht gefunden habe.) Auf der Seite kann jedermann Vorschläge für Artikel machen, Journalisten können diese oder eigene Ideen dann anpitchen. Danach wird Geld gesammelt, und wenn eine vorher veranschlagte Summe zusammen gekommen ist, wird die Story recherchiert und geschrieben. Wenn sich ein Medienunternehmen mit 50 % beteiligt, bekommt es die Rechte am Abdruck, ansonsten wird der fertige Artikel auf der Webseite veröffentlicht, und unter einer CC-Lizenz freigegeben. Bisher sind wohl drei Storys finanziert. Auf so eine Idee warte ich auch für Deutschland.Montag, Dezember 08, 2008
WAZ es alles gibt: Wie Stellenabbau auch Karrieren befördern kann
Ausgerechnet in einer Phase, in der die WAZ-Geschäftsführung mit den Betriebsräten über die Ausgestaltung des bevorstehenden Stellenabbaus im großen Ausmaß verhandeln soll, wird der bisherige Betriebsratsvorsitzende einer der betroffenen Zeitungen, Malte Hinz, zum neuen Chefredakteur derselben befördert. Zufällig ist er auch noch Vorsitzender einer der beiden Gewerkschaften, der dju nämlich, die zu verdi gehört. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das einzig Gute daran scheint mir zu sein, dass Katrin Lenzer damit ihr Amt als Chefredakteurin der Westfälischen Rundschau los ist. Über die Visionen der Dame habe ich mich vor einem halben Jahr hier schon aufgeregt.
Was da sonst bei den WAZ-Zeitungen im Ruhgebiet abgeht, kann man wohl nur mit den Worten "große Sauerei" bezeichnen. Entsprechend hoch schlagen die Wellen im Protestblog der Mitarbeiter. Sehr treffend finde ich übrigens das Foto in der Titelleiste. Auch mir kommt es so vor, als wenn den meisten Regionalzeitungs-Verlegern inzwischen völlig egal ist, was in ihren Zeitungen so drin steht. Hauptsache, es finden sich noch genügend Dumme, die diese kaufen, und sei es nur, um ihren Fisch darin einzuwickeln.
Qualitätsjournalismus im Internet
Klickshows sind und bleiben in neun von zehn Fällen dümmlich und sind nur aus einem Zweck gemacht: damit der Nutzer klickt.Bastian Berkner arbeitet bei T-Online in einer Internet-Redaktion. Die Arbeit dort beschreibt er in seinem Blog sehr treffend, zieht aber mMn teilweise die falschen Schlüsse. Ist es wirklich "der" Leser, der halt nur auf schnelle Infos ohne Hintergründe aus ist? Und wie sollen sich Online-Portale voneinander abheben, wenn alle die gleichen Inhalte haben?
Sonntag, Dezember 07, 2008
"Wenn die Gier das Hirn auffrisst, kommt's zu Blasen"
Doch einmal ein Eintrag zur Finanzkrise (über Dinge, von denen ich absolut keine Ahnung habe, vermeide ich normalerweise, was zu schreiben): An der Krise seien nicht allein die Banken schuld, sondern vor allem die Gier vieler Anleger, meint Christian Nürnberger in einem lesenswerten Artikel im SZ-Magazin. Das Zitat in meiner Überschrift stammt übrigens von dem Frankfurter Finanzanalysten Dieter Hein, den ich mal für die Uni interviewt habe. Das war vor etwa zwei Jahren. Hein erweist sich im Nachhinein als weiser Mann - im Gegensatz zu dem Sprecher der Deutschen Börse, den wir damals auch interviewten. Der meinte nämlich, die Anleger hätten aus dem Crash des Neuen Marktes gelernt, und würden heute ihre Anlageentscheidungen besser überlegen. Während Hein sagte:
„Blasen an Börsen, die gibt es, seit es Märkte gibt. Das ist eine Folge von Märkten und was Märkte antreibt, nämlich die Gier nach Gewinnen und wenn die Gier das Hirn auffrisst, dann kommt’s zu Blasen. Das Gedächtnis ist relativ kurz und solche Crashs gibt’s vielleicht alle fünfzehn, zwanzig Jahre. Es gibt dann genug Anleger, die solche Crashphasen nicht mitgemacht haben, und wer an der Börse spekuliert, ist grundsätzlich eigentlich immer Optimist.“
Donnerstag, Dezember 04, 2008
Klicks sind alles
Dass gestandene Redakteure lieber für den "Stern" als für "stern.de" arbeiten, dass junge Journalisten lieber zur "SZ" als zu "sueddeutsche.de" gehen, hängt doch nicht primär mit dem Medium (gedruckt oder digital) zusammen, sondern mit den Arbeitsbedingungen. Solange es in Deutschland kaum qualitativ hochwertigen Journalismus im Netz gibt (weil kein Geld und keine Zeit für Recherche da ist), ist das Feld für viele unattraktiv. Solange ein Redakteur beim "Stern" viele Wochen Zeit für eine Geschichte und für Recherche vor Ort habe, während er bei "stern.de" zig Geschichte am Tag produzieren muss, bleibt für viele Print attraktiver.
Ein Mensch namens Arnulf kommentiert sehr treffend einen Artikel von Thomas Knüwer zur Zukunft des Journalismus.
Das Ganze passt sehr gut zu einer negativen Erfahrung, die ich in den vergangenen Tagen in der Online-Redaktion einer großen Regionalzeitung machen durfte. Das Problem mit Regionalzeitungen ist, dass es dort in den Redaktionen meistens genauso abläuft, wie man sich das als Leser von außen vorstellt. Oder anders formuliert: Seit ich Redaktionen dieser Zeitung von innen kenne, weiß ich wieder, warum ich keine Regionalzeitung lese und auch kein Online-Portal einer solchen.
Zeit für eigene Recherche scheint online wirklich eine Seltenheit zu sein. Die Klicks zählen, und die erreicht man oberflächlich betrachtet schneller, indem man in kurzen Abständen viele kurze Artikel auf seine Seite haut, die meistens leicht veränderte Agenturmeldungen sind. Für selbst recherchierte Stücke bleibt da natürlich wenig Zeit. Also pappt man lieber an möglichst viele Artikel noch Bildergalerien mit möglichst vielen Fotos ran, eventuell noch eine Abstimmung und ein Quiz. Bringt alles Page Impressions. Klar, bei einer Galerie mit 20 Fotos hat der User theoretisch natürlich die Möglichkeit, mehr Seiten aufzurufen, als wenn nur ein Foto dran hängt. Wenn man dann anmerkt, dass man Bildergalerien an jedem zweiten Artikel nicht mag, muss man sich anhören, man hätte das Medium Internet nicht verstanden.
Man könnte natürlich auch versuchen, sich von den ewig gleichen Inhalten abzuheben, die ich fast wortgleich bei allen Zeitungsportalen finde, weil sie immer auf den gleichen Agenturmeldungen basieren. Ein eigenes Profil aufbauen, in der Hoffnung, dass Leser auch im Internet Qualität zu schätzen wissen. Und auf meine Seite zurück kommen, wenn sie einmal ein gutes Stück gelesen haben, das sie so nirgendwo anders gefunden haben. Man könnte sogar mutmaßen, dass das langfristig die bessere Strategie wäre. Aber die Verlagsverantwortlichen scheinen eher zu denken: "Hintergründe, wer will so was denn lesen?" Ist ja auch nicht etwa so, dass sich Zeitungen und Zeitschriften, die auf gut recherchierte Hintergrundartikel setzen, gut verkaufen würden. SZ, Spiegel, Zeit - nie gehört.
Was passiert eigentlich, wenn es in absehbarer Zukunft einmal kaum noch gedruckte Zeitungen geben wird? Wird sich dann noch irgendein Medienhaus trauen, Zeit und Personalkosten in Recherche von originären Artikeln zu investieren? Die nur noch im Internet erscheinen? Vielleicht wird es so kommen, wie Thomas Knüwer in seinem o.g. Artikel prophezeit:
Die großen Medienhäuser werden ihre Angebote zusammenlegen und
runterschrumpfen bis sie ein Niveau erreicht haben, das sich noch
irgendwie über Werbung finanzieren lässt. Denn bezahlen mag ja heute
schon kaum jemand für die Inhalte.
Diese neuen Redaktionen werden aufklauben, was ihnen die
Nachrichtenagenturen liefern und es so zurechtstutzen, dass es in den
gering bemessenen Redaktionsplatz neben Anzeigen und Werbespots passt.
Uniformität siegt. Für ihre Leser, Zuschauer, Zuhörer werden diese
Dienste die Informationsgrundversorgung bilden. Und den Rest? Den
werden sich sich bei den wenigen Spezialisten holen, die sich als
hochspezialisierte Kleinsteinheiten wunderbar ernähren können, zu
finden sein werden sie vor allem im Internet. Allein: Es werden nicht
viele sein.
Ein trauriges Zukunftsbild. Nicht nur für die Leser, auch für die Journalisten. Aber leider nicht ganz unwahrscheinlich.
Sonntag, November 23, 2008
Es war einmal: Ohne Abi zum Volo
Manchmal denke ich, ich bin einfach im falschen Jahrzehnt mit der Schule fertig geworden. Früher brauchte man kein Studium, um Journalist zu werden, in manchen Fällen noch nicht einmal ein Abi. Helge Timmerberg z.B. beschloss im Alter von 17 Jahren in einem Ashram in Indien, Journalist zu werden, stellte sich zu Hause bei einem Chefredakteur vor, und bekam ein Volontariat. Heute gibt einem ohne Studium eh keiner mehr eine Chance, aber auch mit Studium ist es eher ein Glücksspiel. Entweder ist man dann schon zu alt (wie ich), hat das falsche studiert, das gerade nicht gefragt ist oder es sind einfach zu viele Bewerber, die sich um die wenigen Volostellen kloppen. Wenn du heute mit 17 bei der Zeitung anrufen würdest und denen erzählen würdest, dir wäre während eines Trips nach Indien klar geworden, dass du Journalist werden willst, würden die dich auslachen. Du könntest ja auch gar keine tollen Praktika vorweisen und keine mehrjährige freie Mitarbeit bei einer Lokalzeitung.
Dafür, dass formale Bildungsabschlüsse völlig schnuppe sind, um ein großer Journalist zu werden, ist Timmerberg übrigens der beste Beweis. Er wurde später Reisejournalist und schrieb und schreibt immer noch wunderbare Reportagen im Stil des New Journalism für Lifestyle-Zeitschriften und Illustrierte. Dazu vielleicht später noch mal mehr.
Dienstag, November 11, 2008
Drogen nehmen und wild um sich schießen für den Rolling Stone
Im Grunde stand Kummer natürlich in der Tradition eines Hunter S. Thompson, bei dem man auch nie genau wusste, wie wirklichkeitsgetreu seine Reportagen waren. In Deutschland kennt man Thompson fast nur durch sein Buch "Fear and Loathing in Las Vegas" und die gleichnamige Verfilmung. Vor Kurzem sind als Heyne-Taschenbücher seine wichtigsten Werke neu veröffentlicht worden, einige davon zum ersten Mal auf Deutsch. Ich hatte vor Jahren schon mal versucht, sein Buch über den US-Präsidentschaftswahlkampf 1972 zu lesen, fand das aber doch ziemlich langweilig. Da fehlen mir auch schlicht die Hintergrundkenntnisse über die handelnden Personen und die politischen Hintergründe.
Das Buch "Gonzo Generation" versammelt vier amerikanische Sammelbände des Autors mit Artikeln von den 60er bis zu den 90er Jahren. Am interessantesten sind sicherlich die Artikel aus den 60er und 70er Jahren, die er für Magazine wie den Rolling Stone verfasst hat. Anfangs sind dies noch eher herkömmliche, wenn auch sehr engagierte Reportagen über Reisen durch Südamerika, die dortige politische Situation oder eine Auseinandersetzung zwischen Latinos und Polizisten in East-L.A., wo es zu einer Quasi-Hinrichtung eines hispanischen TV-Journalisten durch Cops kommt. Später werden die Reportagen immer abgefahrener, im Mittelpunkt steht jetzt immer der Autor selbst, der während der Arbeit LSD oder andere Drogen einwirft, immer eine Schusswaffe dabei hat und Streit mit ihm unsympathischen Zeitgenossen anfängt. Der Latino-Anwalt, der in der Reportage über die Riots in L.A. noch als ganz normaler, engagierter Verteidiger erscheint, dient ihm später als Vorbild für den durchgeknallten Reisepartner in "Fear and Loathing...", und in einer Art Nachruf für seinen vor Jahren verschollenen Freund schildert er diesen dann als Kriminellen, der nachts Drogen schmuggelt und den Rasen eines Richters in Brand setzt und am nächsten Morgen wieder vor Gericht erscheint, als sei nichts gewesen.
Die Sammelbände aus den späteren Jahrzehnten sind leider oft recht langweilig, Thompson schreibt dort viel über amerikanische Innenpolitik, wobei er sich oft wiederholt. Nixon und Reagan sind seine großen Feindbilder, von Clinton ist er aber auch schnell enttäuscht. Die Texte versprechen manchmal mehr als sie dann halten. In einem Artikel über den Wahltag, an dem Clinton 1992 ins Weiße Haus gewählt wird, erfährt man fast nichts über die politische Stimmung, stattdessen schildert Thompson, wie er mit einem seiner Berater durch die Bars zieht. Dass Thompson schreiben konnte, beweisen eher literarische Texte wie ein Romanfragment aus den 50er Jahren, in der es eine herrliche Szene über ein Vorstellungsgespräch eines jungen Journalisten bei einer New Yorker Tageszeitung gibt. (Der Journalist denkt, er könne jetzt Karriere machen, der Chefredakteur will ihn erst einmal ein Jahr als Bürobote einsetzen und ihn dann "langsam ans Schreiben heranführen".)
Insgesamt ein guter Einblick in Thompsons Schaffen; weniger wäre hier aber mehr gewesen, den Abdruck von zwei der vier Sammelbände hätte man sich sparen können.
Drogen kaufen auf Kosten eines Großverlages
Seit gestern lese ich Tom Kummers Autobiographie "Blow up", die gab's als Mängelexemplar für knapp fünf Euro. Kummer reflektiert darin über seinen Aufstieg zum Starjournalisten und den plötzlichen Abstieg, als herauskam, dass einige seiner spektakulären Interviews mit Hollywoodstars frei erfunden waren. Immer wieder versucht er zu ergründen, wie es so weit kommen konnte, wie er diesen Weg einschlug und was ihn dazu getrieben hat. Dabei neigt er leider zur Selbststilisierung als durchgeknallter, erlebnishungriger Outsider. Ziemlich witzig sind aber seine Anekdoten über seine Erlebnisse im Journalismus. So tauchte er in Militärklamotten zum Vorstellungsgespräch in der TEMPO-Redaktion auf, wo er dem Chefredakteuer wilde selbst gedrehte Videos vorführte. Später ließ er sich eine Woche im Keller des Redaktionsgebäudes einsperren, um einen Artikel über die Isolationshaft der RAF-Gefangenen in Stammhein zu schreiben. Der Art Director winkte ihm dreimal täglich durch die Kellerluke zu, wenn er über den Parkplatz lief. Einmal bekam Kummer von der Finanzabteilung des Jahreszeitenverlages einen Umschlag mit 10.000 Mark, mit denen er in ganz Deutschland harte Drogen kaufen sollte, für eine Story "Die Drogen-Landkarte Deutschland". Die Story ist dann nie erschienen, weil sie doch zu heiß wurde, die eingekauften Drogen verschwanden nach und nach aus der Schreibtischschublade, in der Kummer sie in der Redaktion verstaut hatte. Heute wäre so ein Vorgehen vermutlich völlig unvorstellbar. Was sagte wohl die Buchhaltung des Verlages dazu?
Die niederschmetternden Erfahrungen mit den üblichen Gruppeninterviews in Hollywood (acht Journalisten bekommen 20 Minuten Zeit mit Pamela Anderson) brachten Kummer schließlich dazu, Interviews komplett zu erfinden, ohne die Stars überhaupt getroffen zu haben. Diese "Gespräche" drehten sich teilweise um Themen von Büchern, die er zufällig aus seinem Regal genommen hatte, z.B. lässt er Charles Bronson über Pflanzen philosophieren ("Ein Mann sieht grün" ). Von den Heimatredaktionen in Deutschland und der Schweiz wurde er für seine spektakulären Texte gefeiert, obwohl es in diesen genug Anhaltspunkte dafür gab, dass sie nicht der Realität ensprachen. Als die Sache aufflog, wurde Kummer zur persona non grata des deutschsprachigen Journalismus, die Chefredakteure des SZ-Magazins, darunter der unsägliche Ulf Poschardt, verloren ihre Jobs. Heute unterrichtet Kummer in L.A. Paddle Tennis, eine Mischung aus Squash und Tennis. Ab und zu schreibt er mal etwas, z.B. ein Interviewbuch mit Knut, dem Eisbären. Ich würde lieber wieder Reportagen von ihm lesen, denn Kummer gehört wirklich zu den besten Schreibern, die ich auf diesem Gebiet kenne. Wo sind die mutigen Chefredakteure?
Mittwoch, November 05, 2008
Too close to call
CNN wird in Deutschland ja oft als oberflächlich und volksverdummend abgetan, als mehr Infotainment als tiefgründige Nachrichten, gar nicht vergleichbar mit unserem deutschen hochwertigen Nachrichtenjournalismus à la Tagesschau und heute. Wenn man diese Nacht die Wahlsendungen im TV verfolgt hat, kann man auch zu einem ganz anderen Urteil kommen. Infotainment gab es nämlich bei ARD und ZDF, harte Fakten und Analysen hingegen bei CNN.
Während das Erste seine halbe Politikredaktion plus Sandra Maischberger und Monica Lierhaus nach Washington und New York geschickt hatte, sendete das ZDF von einer Wahlparty in Berlin. Bei beiden Sendern gab es viele Filmberichte und Talkrunden mit irgendwelchen Promis. Im Ersten plauderte Maischberger mit Otto Schily und Florian "Alter Adel" von Donnersmarck. Was die Beiden nun dazu qualifiziert, sich zur amerikanischen Innenpolitik zu äußern, weiß ich auch nicht. Donnersmarck redete sich fast um Kopf und Kragen, als er erklären wollte, dass Schwarze nun mal kulturell ganz anders seien als Weiße. Wahrscheinlich kennt er das von seiner schwarzen Haushälterin. Gerd Ruge verteidigte den Begriff Neger. Später hatte Monica Lierhaus einen mir völlig unbekannten deutschstämmigen oder deutschen Hollywood-Schauspieler zu Gast. Anscheinend reicht es bei den Öffentlich-Rechtlichen schon, einen Wohnsitz in den USA zu haben, um als Experte zu gelten. Beim ZDF palaverte Peter Frey mit Helen Schneider. Die hat immerhin einen amerikanischen Akzent. Infos über den Stand der Auszählungen gab es nur wenige, man erfuhr zwar, welche Staaten noch "too close to call" waren, aber nicht, wer denn in den jeweiligen Staaten führte.
CNN beschränkte sich hingegen auf das, was man eigentlich von einer Wahlsendung erwartet: Hochrechnungen, Prognosen, Analysen und Reaktionen von den zentralen Wahlpartys der Parteien. Interessant, wie vorsichtig der US-Sender war: Prognosen wurden nur für die sicheren Staaten abgegeben. Das kennt man aus Deutschland auch nicht, da wird fröhlich prognostiziert, auch wenn dabei falsche Ergebnisse vorhergesagt werden wie 2002, wo die ARD Stoiber schon zum Kanzler erklärt hatte. Erst eine Dreiviertelstunde, nachdem das ZDF Pennsylvania Obama zugeschlagen hatte, wagte auch CNN diese Prognose. Wahrscheinlich hat man hier aus dem Florida-Debakel 2000 gelernt. Aber man sah immer die aktuell ausgezählten Stimmen in jedem Bundesstaat, und so z.B. auch, dass Obama in Florida deutlich vorne lag. Bei den deutschen Sendern dazu nur Schweigen.
Stilistisch fiel auf, dass das US-Fernsehen viel schneller gemacht ist. Der CNN-Moderator sprach gefühlt doppelt so schnell wie die deutschen. Jede Prognose wurde mit über den Bildschirm fliegenden Sternen und einer hämmernden Fanfare angekündigt, jedes neue Ergebnis mit einem "Alert", der von einem Ton begleitet wurde, als wenn bei Windows eine Fehlermeldung aufpoppt. Beeindruckend auch die Technik bei CNN. Dass eine Korrespondentin per "Hologramm" ins Studio geschaltet wurde, war natürlich ein reiner optischer Gag ("I feel in the tradition of Princess Leia today." ). Wirklich hilfreich war aber ein Touchscreen, auf dem der Experte mit einem Fingertipp das Ergebnis aus jedem County in jedem Staat anzeigen konnte, dazu das Ergebnis aus 2004 und durch einen weiteren Tipp noch die demographischen Daten des jeweiligen Countys. Dagegen sind die Balken und eingefärbten Landkarten, die uns die deutschen Sender präsentieren, technische Steinzeit.
Überrascht war ich, dass Soledad O'Brien jetzt bei CNN gelandet ist. Mein Gott, die hab ich ja seit 10 Jahren nicht mehr gesehen. Damals moderierte sie eine Internetsendung bei NBC und war der Schwarm von ein paar Nerds in Deutschland, die sich diese anschauten. Vermisst habe ich hingegen den ausgeflippten Typen, der vor vier Jahren bei CNN immer vor dem Blue Screen mit der Landkarte rumhüpfte und ständig rief, dass Florida noch "too close to call" sei. Den hat wahrscheinlich der Herzinfarkt dahin gerafft.
Dienstag, Oktober 28, 2008
Web-Tipp: Zeitschriften im Test
Eine sehr schöne Idee: Das Blog Medienlese.com testet regelmäßig neue Ausgaben von Zeitschriften. Einige interessante sind schon dabei gewesen: DUMMY, NEON, Die Weltwoche und natürlich die Micky Maus. Meistens sind die Bewertungen recht zutreffend, mal abgesehen davon, dass MATADOR besser abschnitt als der "Humanglobale Zufall" (da wurde die aktuelle Ausgabe getestet). Am witzigsten geschrieben ist der Test zu "Monocle", diesem internationalen Magazin für die designverliebten Jetsetter dieser Welt:
Zielgruppe
29-jährige Designstudenten in weißen Leinenhosen und Balenciaga-Flip-Flops, die mit Billigfliegern zwischen Barcelona, Riga, Bangkok und Kopenhagen unterwegs sind und bereits wieder Sushi essen, nachdem andere noch glauben, es sei zum Proletenfood verkommen.
Montag, Oktober 27, 2008
Macht mich reich und berühmt
Wer das schon immer wollte, hat dazu jetzt die Gelegenheit. Ich habe eine Idee für eine Zeitschrift bei einem Ideenwettbewerb reingestellt, bei dem alle Internetuser abstimmen können. Sogar jeden Tag von Neuem. Die Wochensieger können im Finale 30.000 $ für die Umsetzung ihrer Idee gewinnen. Also, supportet mich bitte, wenn ihr könnt. Dann hätte sich zumindest der Aufwand gelohnt, die Dateien da hoch zu laden. Das gestaltete sich nämlich so derart umständlich, dass ich damit heute über zwei Stunden zugebracht habe. Userfreundlichkeit ist jedenfalls was Anderes. Blöd ist auch, dass die auf der Startseite nur Fotos im quadratischen Format anzeigen können. Wie soll man DIN A 4-Seiten quadratisch zuschneiden?!? Naja, wenn ihr auf die einzelnen Seitenfotos klickt, bekommt ihr die kompletten Seiten angezeigt.Freitag, Oktober 24, 2008
Sleeper Cell: Tom Kummer funkt aus der Wüste
Ach, Tom Kummer hat 2003 anonym einen Fortsetzungs-"Kolumnenroman" für die Jungle World geschrieben? Im Prinzip ist das eine längere Fassung dieser Reportage über die Mojave-Wüste bei L.A., die ich hier letztes Jahr mal verlinkt habe. Der Ich-Erzähler sitzt in der Wüste, wo lauter Freaks wohnen, und wartet auf die Ankunft der Aliens. Diesmal ist es zumindest klar als fiktional gekennzeichnet, während das ja in dieser Schweizer Zeitung als Reportage lief. Wobei mich schon interessieren würde, wie viel von der Schilderung dieser Wüstenbewohner eigentlich auf tatsächlichen Personen basiert. Zumindest hat Kummer tatsächlich da gewohnt, wie er in einem ebenfalls ziemlich abgefahrenen Intro-Interview erzählt. Wobei seine Antworten teilweise fast wörtlich wieder in dem fiktionalen Text vorkommen. Das scheint so seine Arbeitsmethode zu sein; auch bei den gefakten Starinterviews fürs SZ-Magazin hat er den Promis teilweise Sätze in den Mund gelegt, die er selbst vorher in Porträts über dieselben Stars bereits verwendet hatte.
Ich denke immer noch, der Fehler, den er damals gemacht hat, war, die Textform Interview zu wählen. An diese stellt der Leser halt einen viel höheren Authentizitätsanspruch. Skurrilerweise sind diese Interviews damals sogar als Buch erschienen (vor dem Skandal), seine Reportagen und Porträts aber nicht. Ein Buch, das seine Texte aus TEMPO sammelt, würde ich sofort kaufen.
Dienstag, Oktober 21, 2008
Paralleluniversum Österreich
Wo Österreich ländlich ist, erlebt der reisende Städter aus Deutschland so viel heile gebaute Welt, dass es ihn schwindeln lässt. Als hätte es nie einen zweiten Weltkrieg gegeben. Nur dieses satte Land.
Tina Veihelmann ist für den Freitag durch die Steiermark gereist, wo ein Drittel der Wähler rechtsradikale Parteien wählen. Sehr schön, wie sie das mit dem sehr speziellen Lebensgefühl in dieser Landschaft erklärt. Mit dem benachbarten Kärnten, wo Haiders jeweilige Partei ja seit 20 Jahren regiert, ist es mMn ähnlich: Wer jeden Tag auf dieses Bergpanorama guckt, kann irgendwann nicht mehr klar denken und hat automatisch Angst, dass "der Fremde" ihm seine schöne Idylle wegnehmen will. (Dabei gibt es in diesen beiden Bundesländern wahrscheinlich fast gar keine "Fremden".)
Ich hab mal eine Vier österreichische Städte in vier Tagen-Reise gemacht (zwei davon waren eher zufällig), bis auf Wien alle in Kärnten und der Steiermark. Vor allem Kärnten fand ich total surreal. Am Wörthersee dachte ich ständig, jetzt kommt gleich Roy Black aus seinem Hotel. Diese Berge überall! Und dann alte Frauen im Dirndl, die mit "Grüß Gott, gnä' Frau" angesprochen wurden. Und Klagenfurt war so tot, also, da war der Lindwurm ja noch das Lebendigste (das ist ein Denkmal). Kein Wunder, dass Ingeborg Bachmann verrückt geworden ist. Wenn Thomas Bernhard Salzburg für die dümmste Stadt der Welt hielt, war er wahrscheinlich nie in Klagenfurt. Wien mag ich übrigens sehr gerne. Aber Wien ist ja nicht Österreich. Für die Steirer und Kärntner ist Wien irgendwie schiach, fast schon preußisch. Und Piefkes mögen die da nun mal gar nicht. Dafür liebten die ihren Jörgi, der ja jetzt aus dem Leben geschieden ist, wie Märchenkönig Ludwig II. es nicht stilvoller hingekriegt hat. Jetzt soll der Jörgi auch noch schwul gewesen sein, schreibt die taz. Wenn seine Kärntner das nicht mal ganz schön schiach gefunden hätten.
Montag, Oktober 20, 2008
Meine erste Frauenzeitschrift
Heute hat sich Herr Hase zum ersten Mal in seinem Leben eine Frauenzeitschrift gekauft. Nachdem ich in den letzten Tagen mehrere Radiointerviews mit den Macherinnen des neuen Missy Magazine gehört hatte, war ich doch neugierig geworden. Ein Popkulturmagazin aus Frauensicht, das klang (auch für mich als Mann) interessant. Die Herausgeberinnen, allesamt junge Journalistinnen, zählen sich selbst wohl zur Welle der Third Wave-Feministinnen, und ärgerten sich immer, dass in Popkulturmagazinen wie Spex, Intro etc. hauptsächlich Männer für Männer über Männer schreiben. In Missy schreiben jetzt Frauen (ausschließlich? Fast, ich hab aber ein oder zwei eindeutig (?) männliche Vornamen unter den Autoren gefunden. Oder ist Tim auch ein Frauenname?) fast ausschließlich über (starke) Frauen.
Interessant ist dieser Ansatz zweifellos, obwohl ich mich schon frage, warum nicht auch männliche Autoren, die einen feministischen Ansatz teilen, über starke Frauen im Pop schreiben dürfen oder warum männliche Künstler für Feministinnen per se uninteressant sein sollen. Als so ziemlich einziger Mann darf der zurzeit überall gehypte Ex-Spex-, heute FAZ- und außerdem Romanautor Dietmar Darth einen etwas albernen Fragebogen beantworten. Die Themenwahl erscheint mir ansonsten noch etwas krude. Braucht es wirklich einen ganzen Teil "Mach es selbst", wo eine DJane erklärt, wie man Platten mixt, eine Künstlerin, wie man Stofftiere strickt usw.? Kommt ein Popkulturmagazin nicht ohne Modeteil aus? Natürlich sollen diese "klassischen" Frauenzeitschriftsthemen hier alle gegen den Strich gebürstet werden, schon klar. Besonders originell ist das aber alles nicht ausgefallen. Vieles Andere ist ganz witzig (eine Autorin hat z.B. Kamasutra-Stellungen getestet), mehr aber auch nicht. Man überfliegt das halt so, ohne, dass man länger hängen bliebe. Überhaupt sind die meisten Texte sehr kurz. Am interessantesten fiel der Politikteil aus, mit einer recht guten Reportage über Genitalverstümmelung in Burkina Faso und entsprechende dagegen anwirkende Projekte, und mit einem schönen Artikel über Zelda Fitzgerald, die Frau von F. Scott Fitzgerald, die als "It-Girl" der 20er Jahre vorgestellt wird. Auch der Rezensionsteil ist nicht schlecht.
Insgesamt wirkt das alles noch etwas beliebig und leider auch oberflächlich. Die Texte in Spex oder Intro gehen doch deutlich mehr in die Tiefe. Trotzdem habe ich viel Respekt für die Haltung und den Enthusiasmus, der hinter diesem Magazin steckt (s. auch diese Videos). Keep on rockin', girls!
Samstag, Oktober 11, 2008
Ein Lob und eine Bitte an die ZEIT
Euer neues Literatur-Magazin, dass diese Woche der ZEIT beiliegt, ist wirklich schön geworden: interessante Themen, gute Texte (auch wenn sie manchmal etwas in feuilletonistisches Geschwafel abgleiten) und teilweise eine ganz neue Herangehensweise an literarische Themen (z.B. die Fotostrecke mit den jungen deutschen Lyrikern). Aber ich möchte bitte keine Texte von Orhan Pamuk mehr in Zeitungen oder Magazinen lesen! Erst klatscht die SZ ihre ganze Wochenendbeilage mit Pamuk zu, dann bringt ihr einen langen Artikel von ihm und heute schreibt er schon wieder eine ganze Seite in der Süddeutschen voll. Hab schon verstanden, Nobelpreisträger, Buchmessengastland Türkei und so, aber mich interessiert der Mann leider überhaupt nicht, und ich hab keine Lust mehr, etwas über sein imaginäres Museum zu lesen, das er dann demnächst auch in Echt betreibt. Es reicht!Freitag, September 26, 2008
Albinos, Sklaven und Roberto Blanco
Also, ich fand das neue DUMMY zum Thema Schwarze wieder super. Großartige Fotos, die man sonst nirgendwo sieht, u.a. von afrikanischen Albinos, interessante Artikel über Diskriminierung, Popkultur, Sklavenschiffe und die menschliche Evolution, ein buntes Themenspektrum, und man wird sogar noch zum Nachdenken angeregt, hauptsächlich über die Frage, wo denn nun Politische Unkorrektheit aufhört und Rassismus anfängt. Was will man eigentlich von einer Zeitschrift mehr erwarten?
Einige Leser sehen das ganz anders und werfen der Redaktion, nicht nur, weil sie ursprünglich vorhatte, das Heft "Neger" zu nennen, Rassismus vor (s. Kommentare hier). Die Themenauswahl sei nach rein biologistischen Kriterien erfolgt, Roberto Blanco und afrikanische Asylanten hätten außer ihrer Hautfarbe ja nichts gemeinsam. Letzteres stimmt natürlich, das gleiche Argument könnte man aber auch gegen jedes andere DUMMY-Thema einwenden. Was haben Frauen außer ihres Geschlechts gemeinsam, was verbindet alle Juden? Ich wage zu behaupten: nichts. Darf man also gar keine monothematischen Magazine zu bestimmten Ethnien, Religionen, Nationalitäten machen? Warum gibt es dann in den USA eine Zeitschrift für Afroamerikaner mit Namen "Ebony"? Die Idee, ein Heft zum Thema Weiße zu machen, find ich übrigens gar nicht schlecht. Da könnte man dann über Nazis schreiben, aber auch über nordische Heldensagen, über Sonnenbrand und darüber, wie man sich als Weißer in Soweto fühlt. Oder so.
Dienstag, September 23, 2008
Liebes DUMMY
Warum bin ich automatisch rassistisch, nur weil ich auf die Frage, ob ich mich ernsthaft für nicht rassistisch halte, mit ja antworten würde? Natürlich haben wir alle Vorurteile, aber heißt rassistisch sein nicht, dass da auch Werturteile beinhaltet sein müssen? Die Behauptung, dass alle Menschen von Geburt an Rassisten sind, die erst mühsam lernen müssen, das rassistische Denken abzulegen, halte ich übrigens für kompletten Unsinn. MMn haben kleine Kinder überhaupt keine Vorurteile und Menschen anderer Hautfarbe treten sie völlig unvoreingenommen und unbefangen gegenüber. So lange, bis ihre Eltern oder andere Erwachsene sie mit ihren Vorurteilen angesteckt und ihnen eingeredet haben, Ausländer und Andersfarbige seien anders als sie selbst.
Noch eine interessante Frage, die das neue DUMMY aufwirft: Ist es rassistisch, wenn man eine schwarze Werbefigur auf eine Schokoladenpackung druckt? Wenn ja, warum?
Montag, September 15, 2008
Prophetisches und Fehldiagnosen - Was 20 Jahre alte Zeitschriften offenbaren
Da hab ich mich doch neulich noch beklagt, dass man nie alte TEMPO-Hefte auf Trödelmärkten findet, und dann finde ich gestern doch tatsächlich TEMPO-Ausgaben von 1988 und 89 auf dem Trödelmarkt, also aus den Glanzzeiten der Zeitschrift, und auch noch spottbillig. An einigen Stellen wirken die Autoren wirklich prophetisch. So sagen sie bereits im Januar 1989 voraus, dass Schröder der einzige aus der damaligen SPD-Führungsriege ist, der einmal im Kanzleramt enden wird. Auch dass die Grünen vielleicht einmal die Partei der intellektuellen Mittelschicht werden wird.
Peter Glaser beschreibt 1989 die Zukunft im Cyberspace. Eine seiner Voraussagen ist, dass der PC alle Medien zu einem Medium verschmelzen wird. Gut, die elektronische Zeitung ist nicht ganz so Wirklichkeit geworden, wie er sich das damals vorgestellt hat; er meinte nämlich, ein Programm werde Nachrichten aus verschiedenen Quellen individuell auf die Interessen des Users zugeschnitten zusammentragen und das Ganze würde dann aus dem Drucker rattern. Aber das war immerhin zu einem Zeitpunkt, als noch kein Normalbürger überhaupt ans Internet dachte. Dass Glaser übrigens noch ganz förmlich als "DAPRA/InterNet" vorstellt. Witzig auch, wie er von PCs mit unglaublicher Speicherkapazität schwärmt: 8 MB Arbeitsspeicher - aus damaliger Sicht wohl der absolute Wahnsinn. Auch "elektronische Mail" muss damals etwas Revolutionäres gewesen sein. Wissenschaftler könnten so miteinander kommunizieren, ohne ihr Büro verlassen zu müssen. Auch, dass wir einmal Bilder, Audio- und Videodateien verschicken werden, hat Glaser damals schon vorhergesagt.
Als Meister der Fehldiagnose erweist sich hingegen der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Glotz (der doch immer als Vordenker seiner Partei galt) in einem Streitgespräch mit Franz Schönhuber. Das Festhalten der CDU an der Wiedervereinigung sei illusorisch, sagt er im Mai 89. Außerdem hält er eine Ampelkoalition auf Bundesebene für das Modell der Zukunft. Gut, kann ja noch kommen, aber er meinte wohl damals eher die nähere Zukunft.
Mittwoch, September 10, 2008
Die Zukunft verpasst
Nach längerer Zeit habe ich mal wieder ein Thema verkauft, das mir sogar selbst sehr am Herzen liegt: Ich schreibe was über Internetradios. Insider wissen, dass ich selbst mal bei einem solchen aktiv war, das dann leider den Bach runter gegangen ist. Langsam bekomme ich den Eindruck, dass wir das Potential des Mediums damals unterschätzt haben, dass Internetradio vielleicht doch das next big thing ist oder zumindest ein Zukunftstrend. Es gibt nämlich zunehmend etwas, was es noch vor kurzem kaum gab: moderierte Programme, die ausschließlich im Netz senden. Kein Nonstop-Musikgedudel, das vom Musikcomputer per Zufallsprinzip gesteuert wird, fein säuberlich getrennt nach dem Prinzip "Ein Stream pro Genre" (oder umgekehrt), sondern abwechslungsreiche Musiksendungen, von fachkundigen Moderatoren zusammengestellt oder auch Infotainment-Formate. Naja, wenn dann in zehn Jahren alle nur noch Internetradio hören, kann ich wenigstens sagen, dass ich meinerzeit zu den Pionieren gehörteFreitag, September 05, 2008
Die Erfolgsbilanz des Franz Müntefering
... liest sich wahrhaft beeindruckend. Ein schöner Satz aus Heribert Prantls SZ-Reportage über den Wahlkampfauftritt von Münte im bayerischen Landtagswahlkampf: "Es riecht nicht nach Mannheim im Saal, sondern nur nach Wurstsalat." (gemeint ist der Vergleich zum 95er Parteitag, bei dem Lafontaine Scharping wegputschte)
Wie die "Reformpolitik" der Herren Müntefering und Schröder die Armut in Deutschland erhöht hat, hätte man dem letzten Armutsbericht der Bundesregierung entnehmen können, wenn Olaf Scholz' Arbeitsministerium das zugrunde liegende Gutachten nicht derart verwässert hätte, dass dabei ein "Armutsbeschönigungsbericht" (Zitat SZ) heraus gekommen ist. (Ich hätte den entsprechenden, sehr entlarvenden Bericht gerne verlinkt, habe ihn online aber nicht gefunden.)
Ich habe überhaupt keine Lust, was über die Hetze der BILD gegen Hartz IV-Empfänger und dieses ominöse Gutachten der Chemnitzer "Wissenschaftler" zu schreiben, aber eine Frage beschäftigt mich schon: Wieso werden Artikel zum Thema Armut und Hartz IV in den letzten Tagen immer mit Fotos von Menschen in öffentlichen Suppenküchen bebildert, auch bei SZ und taz? Stellt sich so der gemeine linksliberale Journalist den typischen Hartz IV-Empfänger vor? Andererseits wäre eine Suppenküche wirklich ein effektiver Weg, neben dem Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme auch noch die sozialen und Kommunikationsbedürfnisse der Betroffenen zu befriedigen. Quatschen kostet ja nichts und wenn man jeden Tag kostenlos Erbsensuppe und 'ne Stulle bekommt, kann der Regelsatz ja problemlos gesenkt werden. Es ist wirklich schwierig, bei der derzeitigen Stimmung in diesem Land nicht zynisch zu werden.
Sonntag, August 31, 2008
Denk ich an Düsseldorf in der Nacht...
Was ist eigentlich mit Düsseldorf los? Früher lagen SPD und CDU hier immer Kopf an Kopf, bei Kommunalwahlen lag mal der Eine vorne, mal der Andere. In den 90ern regierten hier fast das ganze Jahrzehnt SPD-OberbürgermeisterInnen. Dann kam Joachim Erwin, der teilweise als neuer Heilsbringer gefeiert wurde, und heute hat sein Ziehsohn bei der OB-Wahl 60 Prozent bekommen, die SPD-Kandidatin 35. Dabei sieht der Typ aus wie der typische CDU-Jüngling, Marke schmieriger Schwiegersohn. Sein einziger Programmpunkt: Weiter so! Ich versteh's nicht, wie man auf so was reinfallen kann.
Dass sich kein Mensch mehr für Wahlen interessiert und die Wahlbeteilligung bei 40 Prozent liegt, braucht allerdings auch keinen zu verwundern, wenn im WDR-Fernsehen praktisch keine Berichterstattung stattfindet und das Thema in der Aktuellen Stunde an dritter Stelle nach dem wahnsinnig wichtigen Aufmacher "Super Wetter in NRW" kommt - von einer etwaigen, lokal ausgestrahlten Sondersendung ganz zu schweigen. Da muss man dann schon Antenne Düsseldorf hören oder Center TV gucken, der über DVB-T gar nicht ausgestrahlt wird, wenn man um kurz nach Sechs wissen will, wie's ausgegangen ist, beides Sender, die nicht gerade für Qualitätsjournalismus bekannt sind. Aber der WDR zeigt halt lieber die Anrheiner...
Freitag, August 29, 2008
Die Welt ist eine Goo...äh, Scheibe
Haben die beiden Autoren, die sich diesen Streit darüber lieferten, wer von ihnen das tolle Wortspiel "Die Welt ist eine Google" erfunden hat, schon mitbekommen, dass der "journalist" diesen Satz in seiner aktuellen Ausgabe als Überschrift für die Titelgeschichte verwendet? Das Covermotiv erinnert auch auffallend an das, was der Spiegel vor Kurzem zum Thema Google hatte, wobei das ja angeblich schon beim amerikanischen "Atlantic" geklaut sein sollte.Montag, August 25, 2008
Olympia-Fazit
Die größten Verlierer: ARD und ZDF
Was sich die Öffentlich-Rechtlichen mit ihrer Olympia-Berichterstattung geleistet haben, war wirklich unter jeder Sau: Pseudo-Journalist Kerner hab ich mir in 16 Tagen ganze 15 Minuten gegeben, und die waren schon zuviel. Statt kritischer Berichterstattung bekam man auch in der ARD Waldi & Harry, einen ehemaligen BR-Sportchef, der sich nach eigener Aussage nicht als Sportjournalist fühlt (als was sonst, fragt man sich da. Als Comedian? Als wandelnde Weißbier-Reklame?) und in der letzten Sendung auch zugab, dass er gar keine Lust habe, Goldmedaillengewinnern noch Fragen zu stellen, und einen Late Night-Talker, dem inzwischen alles egal zu sein scheint, und der Filme beisteuerte, die überwiegend auf dem Niveau von YouTube-Hobbyfilmchen lagen. Warum Gebühren dafür verbraten werden, dass betrunkene Hockey-Nationalspieler sich grölend eine halbe Stunde selbst feiern, muss mir mal einer verraten. Kerner durfte dann auch noch auf Kosten des Gebührenzahlers zur Fußballübertragung nach Nürnberg und wieder zurück nach Peking jetten, weil die größte Sendeanstalt Europas keinen zweiten Live-Moderator für Sportübertragungen zu haben scheint. Ein einziges Armutszeugnis.
Die größten Gewinner:
- Eurosport: Dieser Privatsender hat den öffentlich-rechtlichen Dinosauriern zwei Wochen lang vorgemacht, wie man spannende und professionelle Sportberichterstattung macht. Jeden Nachmittag Leichtathletik pur, abends die wichtigsten Wettkämpfe als Aufzeichnungen, kompetente Kommentatoren statt eitlen Dampfplauderern, die sich nur selbst in den Mittelpunkt stellen. Bei der Schlussfeier brachte der Kommentator des Sportsenders (!) mehr Kritik am chinesischen Regime unter als die ach so journalistische ARD in ihren 16 Tagen "Peking ist schön, Chinesen sind freundlich, deutsche Medaillengewinner sind geil"-Propaganda.
- der Olympia-Teil der Süddeutschen: den las ich weniger wegen der Sportberichte als wegen der hoch interessanten Artikel zu den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten des Spektakels. Bester Schreiber (wie immer): Holger Gertz. Wer so einen großartigen Reporter im Team hat, hat eigentlich schon gewonnen. Der machte selbst aus kleinen Begegnungen am Rande noch ganz großes Kino.
Mittwoch, August 20, 2008
Den Stadtmagazinen scheint es nicht gut zu gehen
Manchen jedenfalls. Was sollte sonst der Grund dafür sein, dass Magazine wie Prinz oder Marabo ihre Verkaufszahlen nicht mehr von der IVW veröffentlichen lassen? Richtig schlecht sehen für mich die zuletzt gemeldeten Zahlen der Ruhrgebiets-Illu Marabo aus. Einer verkauften Auflage von angeblich 20.000 Stück stehen gut 700 Abonnenten und rund 1300 Exemplaren im Einzelverkauf gegenüber. Der Rest zählt zu den so genannten "Sonstigen Verkäufen". Von wem und zu welchem Preis diese Exemplare gekauft wurden, weiß kein Mensch. Kann auch sein, dass der Verlag die mehr oder weniger verschenkt hat. Also letztlich verkaufte das Ding nur 2000 Hefte an Endkunden. Wahrscheinlich hat der Verlag selbst gemerkt, dass das für Anzeigenkunden nicht gut aussieht, und meldet deshalb keine Zahlen mehr an die IVW. Relativ gut scheint es noch der Kölner Stadt-Revue zu gehen. In Düsseldorf hat die einzige gute Stadtillustrierte, der Überblick, ja leider schon vor zehn Jahren zu gemacht. Dabei waren die in den 80ern mal richtig gut, mit literarischem Anspruch und so. Chefredakteur war damals Hubert Winkels, der mal kurz die Nachfolge von Roger Willemsen bei 0137 auf Premiere angetreten hat, und heute glaube ich Literatursendungen im Radio moderiert. Wahrscheinlich läuft das Konzept Stadtmagazin heute nur noch in Metropolen wie Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt. Selbst in Städten von der Größe Düsseldorfs scheint die Zielgruppe schon zu klein geworden zu sein.Ich bin keine eierlegende Wollmilchsau!
Genau das scheint aber zu sein, was potentielle Arbeitgeber heutzutage haben wollen. Nach dem Vorstellungsgespräch letzte Woche hatte ich ein echt gutes Gefühl. Zum ersten Mal seit Abschluss meines Erststudiums, was jetzt auch schon über vier Jahre her ist, dachte ich, das könnte was werden mit 'nem richtigen Job, wenn's auch nur ein Volontariat gewesen wäre. Leider war die Hoffnung vergeblich. Die Absage ist dann mal wieder so wischiwaschi, dass ich nicht weiß, woran's denn nun gelegen hat. Liest sich so, als hätten sie auch noch keinen Anderen gefunden. Sie suchen angeblich jemanden, der noch genauer ihren Anforderungen entspricht. Welche das sein sollen, weiß ich nicht. Denn weder waren in der Ausschriebung besondere Anforderungen formuliert noch wären mir während des Gesprächs irgendwelche Anforderungen aufgefallen, die ich nicht erfüllen würde. Ganz im Gegenteil: Das ist ein Fachverlag für Sozialversicherung, ich habe eine Lehre in der Sozialversicherung abgeschlossen, und habe mMn damit sogar eine wichtige Zusatzqualifikation für die Stelle, denn Kentnisse auf diesem Gebiet waren in der Ausschreibung gar nicht verlangt. Was für ein Kandidat soll bitte schön besser auf die Stelle passen? Klar, einer der 'ne Lehre bei einer Krankenkasse gemacht und Journalismus studiert hat, wäre noch besser geeignet. Aber wie viele Leute davon gibt es bitteschön? Außerdem: Das ist ein Volo, also im Grunde eine etwas besser bezahlte Ausbildung, kein normal bezahlter Arbeitsplatz! Wenn es schon dafür nicht mehr reicht, wenn man zwei Studiengänge abgeschlossen hat, darunter einen, in dem man ja genau das gelernt hat, was auch ein Volontariat eigentlich vermitteln soll, dann weiß ich auch nicht mehr. Wahrscheinlich ist, dass ich denen im Gespräch einfach zu kritisch erschien; vielleicht suchen die auch lieber einen 23-Jährigen (mit abgeschlossenem Studium und journalistischen Erfahrungen natürlich), der nicht so viel selbständig denkt.
Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass es eigentlich überhaupt keinen Sinn macht, noch weiter Bewerbungen zu schreiben. Der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler ist einfach so am Boden, dass es ohne Berufserfahrung in einer Festanstellung so gut wie unmöglich ist, eine ausgeschriebene Stelle zu bekommen. Dazu bräuchte man schon Beziehungen. Und ich hab leider keine Tante, die irgendwo Chefredakteurin ist.
Meine Überlegungen gehen inzwischen mehr in die Richtung, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, statt noch 100 Bewerbungen zu schreiben und darauf zu hoffen, dass sich irgendwann einmal ein Arbeitgeber erbarmt, mich einzustellen. Und bevor ich für einen Appel und ein Ei als Freier für die Lokalpresse rumhüpfe, würde ich lieber das Risiko eingehen, mit einem Projekt, hinter dem ich inhaltlich stehen kann, Schiffbruch zu erleiden. (Das würde im Lebenslauf außerdem immer noch besser aussehen als noch ein Jahr auf Hartz IV.) Was mir leider fehlt (außer Geld), sind Mitstreiter, denn alleine kann man so ein Projekt, wie es mir vorschwebt, sicherlich nicht aufziehen. Da wäre ich schon den halben Monat damit beschäftigt, mich mit dem DTP-Programm rumzuschlagen, und am Ende würde es wahrscheinlich immer noch bescheiden aussehen.
Sonntag, August 17, 2008
Ist die Zeitung 2020 tot?
Nach all den selbstbeweihräuchernden Anti-Internet-Artikeln diverser Zeitungsjournalisten durfte jetzt endlich mal einer etwas zum Thema "Löst das Internet die Zeitung ab?" schreiben, der das Thema auch versteht: Heribert Prantl. In seinem gestern erschienenen Artikel habe ich jedenfalls nur einen Satz gefunden, dem ich nicht zustimmen würde. Ansonsten zieht er aus der aktuellen Entwicklung genau die richtigen Konsequenzen: Die Zeitung auf Papier hat nur eine Zukunft, wenn sie sich vom oberflächlichen Nachrichtenjournalismus verabschiedet und stattdessen auf Hintergründe, Analyse und gut geschriebene Geschichten setzt. Was ich immer sach.
Ob das allerdings wirklich das Überleben dieses Print-Mediums über die nächsten 30 Jahre hinaus retten wird, da bin ich mir nicht so sicher. Meine Vermutung ist, dass einige wenige überregionale Zeitungen wie die Süddeutsche oder die "Zeit" vielleicht überleben werden, den überwiegenden Teil der Regionalzeitungen wird es aber wahrscheinlich nur noch als Marken im Internet geben, als Nachrichtenportale eben. Was auch nicht weiter tragisch wäre, denn in ihrer jetzigen Form braucht diese Blätter schon jetzt keiner der heute unter 50-Jährigen mehr. Und die Generationen, die mit Zeitungen aufgewachsen sind und deshalb emotional an ihrer Lokalzeitung hängen, werden bis 2040 weggestorben sein.
Donnerstag, August 14, 2008
Olympia bei ARD und ZDF: Eine Farce
Der angeblich so kritische Sportjournalismus der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten hat sich sehr schnell als Farce entpuppt. Lockere Unterhaltung und das Abfeiern der "tollen Atmosphäre" bringen wahrscheinlich auch bessere Quoten. Wen interessiert da, dass chinesische BloggerInnen während der Spiele spurlos verschwinden oder irgendwelche Uiguren unterdrückt werden. Hauptsache, Deutschland liegt gut im Medaillenspiegel. So blödeln im Ersten Waldi & Harry rum, meistens auf dem Niveau von Klassenclowns in der Mittelstufe. Völlig unerträglich sind die abendlichen Sendungen mit Kerner und dieser neuen Co-Moderatorin, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, und die es auch nicht wert wäre, ihn nachzuschlagen. Während sie moderiert, nickt JBK die ganze Zeit wie eine Taube auf der Futtersuche und ansonsten flirten die Beiden so gekünstelt vor der Kamera rum, dass man sich wünscht, Götz Alsmann und Christine Westermann würden das Olympia-Studio moderieren. Denen nimmt man die gegenseitige Sympathie wenigstens ab.
Der Höhepunkt des kritischen Journalismus waren aber die letzten Minuten der Sendung vorgestern: TV-Tussi: "Wir würden gerne lustig weitermachen, und zum Schluss zeigen wir Ihnen ja immer noch mal die spektakulärsten Bilder des Tages." Kerner: "Na, spektakulär ist das auch, was wir jetzt zeigen." (setzt ernstes Pseudo-Journalisten-Gesicht auf) TV-Tussi spricht über eine MAZ von einem Panzer, der zur Sicherheit einer Sportstätte in Peking aufgefahren ist - Kerner: "Man weiß nicht, ob man sich dadurch sicherer fühlen soll oder ob einem diese Bilder eher Angst machen sollen. Aber auch das gehört zu Olympia, und wir wollten Ihnen diese Bilder nicht vorenthalten." (legt ernstes Pseudo-Journalisten-Gesicht wieder ab) TV-Tussi: "Und jetzt die schönsten Bilder des Olympia-Tages."
Wären die Beiden 1936 schon beim ZDF gewesen, wäre ihre Moderation wahrscheinlich ähnlich verlaufen: Kerner (setzt ernstes Pseudo-Journalisten-Gesicht auf): "Wir zeigen Ihnen kurz eine MAZ aus einem KZ. Auch diese unschönen Bilder gehören leider zu Olympia und wir wollten Sie Ihnen nicht vorenthalten." TV-Tussi: "Und jetzt die schönsten Bilder des Olympia-Tages. Da ist sogar ein Neger dabei, der Gold im Sprint geholt hat."
Dagegen ist Beckmann ja fast ein ernstzunehmender Journalist. Wie man es übrigens auch machen kann, zeigt die SZ mit ihrem Olypia-Teil, wo die Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen, gesellschaftliche und politische Aspekte der Spiele einen großen Raum einnimmt, Holger Gertz über die Wirkung der algerischen Beachvolleyballerinnen auf die Emanzipation in deren Heimat schreiben darf, wo sich an prominenter Stelle Berichte über verschleppte Dissidenten oder die Propagandamaschinerie der chinesischen Nachrichtenagentur finden.
Gerd Ruge
Ich hab's tatsächlich geschafft, ein Gerd Ruge-Zitat in einem Vorstellungsgespräch unterzubringen, und zwar zu meiner eigenen Charakterisierung. Hoffentlich halten die mich jetzt nicht für größenwahnsinnig.Montag, August 11, 2008
Markus Peichl und TEMPO: Ein genialischer Blattmacher schlägt zu
Regelmäßige Leser dieses Blogs wird wohl nicht überraschen, dass TEMPO meine absolute Lieblingszeitschrift war und in der Erinnerung immer noch ist. Als ich die Zeitschrift im Juni 1990 entdeckte, war deren Gründer Markus Peichl allerdings schon seit einem halben Jahr gefeuert. Den Namen hörte ich dann auch zum ersten Mal erst in Zusammenhang mit der Ankündigung, dass es Ende 2006 eine einmalige Jubiläumsausgabe geben sollte, die dieser selbst verantworten sollte. Alleine das war ja schon ein genialer Schachzug: Seinen ehemaligen Verleger zu überreden, eine Jubiläumsausgabe einer Zeitschrift zu machen, die schon seit zehn Jahren eingestellt war, und das dann auch noch von dem ehemaligen Chefredakteuer, den der Verleger schon sechs Jahre vor Ende der Zeitschrift gefeuert hatte, weil er nie die Erscheinungstermine einhielt. So ein Unterfangen dürfte relativ einmalig in der Pressegeschichte sein.
Zufällig bin ich gestern auf zwei sehr interessante Artikel zum Thema TEMPO gestoßen: Die Internetseite retromedia blickt noch einmal auf die wechselhafte Geschichte der Zeitschrift zurück. Dabei erfährt man u.a. etwas über die Entstehungsgeschichte: Der Jahreszeiten-Verlag wollte eigentlich eine deutsche Ausgabe des österreichischen WIENER machen, konnte sich aber nicht mit dessen Verleger einigen. Stattdessen warb man Peichl und einen Kollegen bei den Österreichern ab und ließ sie eine ähnliche Zeitschrift entwickeln: eben TEMPO. (Den deutschen WIENER machte dann im gleichen Jahr der Bauer Verlag, dieser wurde somit zur direkten Konkurrenz für TEMPO.)
Einen Rückblick auf die frühen Jahre in der TEMPO-Redaktion aus der Innenperspektive bietet ein Artikel von Bettina Röhl, den sie 2004 für DUMMY geschrieben und zwei Jahre später in ihr Blog gestellt hat - inklusive der Scans eines Interviews mit Peichl und einer Umfrage bei ehemaligen TEMPO-Autoren, wie sie sich an die Zeit damals erinnern. Es scheinen wirklich wilde Jahre gewesen zu sein: ein Haufen junger Wilder, die jeden Tag sich selbst und die Zeitschrift neu erfinden wollten. Es gab einen inoffiziellen Wettkampf, wer am längsten in der Redaktion blieb und am Morgen als erster wieder da war, Augenringe wurden wie Trophäen getragen. Und an der Spitze des organisierten Wahnsinns der Workaholic und genialische Blattmacher Peichl, der tagelang an jedem Artikel rumredigierte und manche gleich komplett neu schrieb, mit dem man kämpfen musste, damit er die Texte endlich für die Produktion freigab. Deshalb hielt er auch kaum einen Erscheinungstermin ein, was ihn schließlich den Job kostete. (Ein netter Insider-Gag war dann, dass auch die Jubiläumsausgabe 2006 mehrere Male verschoben wurde.) Auch Hunter S. Thompson schrieb für TEMPO, konnte aber nur unter Drogen arbeiten und musste von einer extra aus Deutschland angereisten Redakteurin gehätschelt werden. Those were the days...
Richtig genial fand ich TEMPO nur bis Ende 1991, danach kaufte ich es nur noch sporadisch. Unter dem letzten Chefredakteur verkam es ein wenig zu einer BRAVO für junge Erwachsene, mit bunteren Themen, mehr Sex und kürzeren, oberflächlicheren Texten. Trotzdem fanden sich auch in der Endphase noch hervorragende Texte, da Autoren wie Tom Kummer, Christian Kracht, Peter Glaser etc. ja immer noch dabei waren. Die großen Zeiten waren aber sicher schon vorbei, und nach immer weiter sinkenden Auflagen und Anzeigenerlösen wurde TEMPO 1996 eingestellt. Eine vergleichbare Zeitschrift sollte es nie wieder geben. Sicher war TEMPO ein typisches Kind der 80er; dass ein solches Konzept heute nicht mehr funktionieren würde, finde ich aber nicht, zumal ich auch die einmalige Comebacknummer fantastisch fand. Die ehemaligen Autoren sind inzwischen bekannte Schriftsteller (Maxim Biller, Glaser, Kracht), Ressortleiter bekannter Print-Medien (Claudius Seidl, FAS; Andrian Kreye, SZ usw.) oder stellvertretende BILD-Chefs geworden. Helge Timmerberg ging danach zur BUNTEn, verlegte sein Büro nach Marrakesch, schrieb dort einen Tag in der Woche People-Meldungen, mit denen er so gut verdiente, dass er den Rest der Woche faulenzen konnte. Und Markus Peichl ist jetzt Herausgeber von LIEBLING, dem man noch etwas von der Genialität des Blattmachers anmerkt.

