Montag, September 07, 2009
Ein unbekannter früher Bergman: "Das Gesicht"
Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin einer von einer Handvoll Unentwegter, die quasi im Alleingang versuchen, die Kinokultur aufrecht zu erhalten. Jedenfalls finde ich es merkwürdig, dass sich in einer Stadt mit über 500.000 Einwohnern nicht mehr als fünf Menschen finden, die sich dafür interessieren, wenn im örtlichen kommunalen Kino ein selten gezeigter früher Bergman-Film aufgeführt wird. So saß ich also gestern mit vier anderen allein gekommenen Männern, die wesentlich älter waren als ich, in der Düsseldorfer Black Box, um mir eine ziemlich schlechte Kopie von "Das Gesicht" aka "The Magnician" anzuschauen. Gut, dass die im schwedischen Original mit englischen Untertiteln sein würde, wusste ich vorher auch nicht, hätte mich aber auch nicht wesentlich gestört, wenn es nicht etwas anstrengend wäre, weiße Untertitel bei einem Schwarz-Weiß-Film zu lesen.
Von dem Film selbst hatte ich vorher noch nie was gehört, obwohl er von 1958 ist, also aus der Hochphase von Ingmar Bergman: Ein Jahr vorher hatte er seine großen Klassiker "Das Siebente Siegel" und "Wilde Erdbeeren" gedreht, immer noch meine beiden Lieblings-Bergmans. In "Das Gesicht" taucht dann auch der Großteil der Besetzung aus "Wilde Erdbeeren" wieder auf: Max von Sydow, Ingrid Thulin, Gunnar Björnstrand (der auch den Knappen Jöns im "Siebenten Siegel" spielt), Bibi Andersson und sogar die Alte, die Prof. Borgs Mutter spielte. Bergman arbeitete ja gerne mit einem festen Ensemble zusammen; nicht nur von Sydow oder Liv Ullmann spielen über Jahrzehnte immer wieder in seinen Filmen, auch Björnstrand ist sogar noch in "Fanny und Alexander" mit dabei, 25 Jahre nach seiner Rolle in diesem Film.
Von Sydow ist hier der Magier Dr. Vogler, der mit seinem "Magnetischen Gesundheits-Theater" Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Lande zieht, um das Volk mit Tricks und dem Verkauf angeblicher Wundermittel anzulocken. Begleitet wird er u.a. von seiner Ehefrau (Thulin), die sich als männlicher Schüler Voglers tarnt, da die beiden polizeilich gesucht werden, wohl wegen Betrugs. Überhaupt scheint die Truppe ihre besseren Zeiten schon seit längerem hinter sich zu haben, aus Kopenhagen ist sie mit Schimpf und Schande davon gejagt worden. Nun kommt sie in eine kleine schwedische Stadt, wo sie sich zunächst den strengen Fragen und Blicken des Polizeichefs und eines Arztes des Gesundheitsministeriums stellen muss. Dazu müssen die Schausteller im Haus eines Konsuls übernachten, der mit dem Arzt eine Wette eingegangen ist: Der Arzt beharrt darauf, dass alles wissenschaftlich erklärt werden kann, während der Konsul an die Existenz des Übersinnlichen glaubt.
Bergman greift hier wieder einmal seine Lieblingsthemen auf: die Frage nach der Existenz Gottes und den Konflikt zwischen Rationalität und Übersinnlichem bzw. dem Glauben daran. Daneben gibt es in der Nacht in dem Herrenhaus allerlei amouröse Verwicklungen zwischen Köchinnen und Assistenten, Hausmädchen und Kutschern und auch zwischen Vogler und der Dame des Hauses. Bergman schwankt dabei recht unentschlossen zwischen Drama und Komödie hin und her, was leider nicht wirklich gelingt. Ich kenne nur sehr wenige Bergman-Komödien; erinnern kann ich mich nur an "Das Lächeln einer Sommernacht", der auch als Komödie funktioniert. In "Das Gesicht" sind die Komödienelemente eher auf dem Niveau des Millowitsch-Theaters. An diesen Stellen ist der Film leider sehr stark gealtert, über diese derben sexuellen Anspielungen kann heute wohl niemand mehr lachen. Gut ist der Film immer dann, wenn sich Bergman auf seine Kernkompetenzen beschränkt: aufs existenzialistische Drama. Von Sydow ist die Idealbesetzung, wenn es darum geht, das Leiden am Leben mit seinem Gesicht auszudrücken - und das fast ohne Worte, denn Dr. Vogler ist vorgeblich stumm.
Die Frage, ob die Magiertruppe tatsächlich über unerklärliche Fähigkeiten verfügt oder alles nur Bluff ist, wird interessant und spannend verhandelt; es gibt mehrere Wendungen und am Ende ist das immer noch nicht ganz klar. Zumindest die Großmutter, die Rattengift als Liebestrank verkauft, sieht einen Selbstmord tatsächlich vorher. Anders als viele andere Bergman-Filme endet dieser sogar mit einem Happy-End. Insgesamt finden die verschiedenen Elemente aber nicht wirklich zu einem dramaturgischen Ganzen zusammen. Großartig ist aber wie immer in den frühen Bergman-Filmen die Bildsprache: Selten habe ich Frauengesichter schöner von einer Kamera eingefangen gesehen.Donnerstag, August 20, 2009
Mikrokosmos Notaufnahme
Wenn die Krankenwagen um die Ecke in den Hof des County General Hospitals einfuhren, die Sanitäter ihre Tragen mit den Patienten entluden und diese dann durch die schwingenden Türen der Notaufnahme geschoben wurden, war man als Zuschauer immer mitten im Zentrum des Geschehens. Hunderte, wahrscheinlich tausend Mal wurde diese Standardszene wiederholt, die trotzdem nie langweilig wurde. Denn so wie jeder Patient eine neue Herausforderung für die Ärzte war, so brachte er auch jedes Mal ein neues Schicksal, eine neue Leidensgeschichte in die Serie, und die immer wieder neue Frage: Wird dieser Patient noch zu retten sein?
Als ER 1994 startete (und ein Jahr später in Deutschland), beendete es die Ära der bis dahin üblichen Krankenhausserien. Ging es in der Schwarzwaldklinik oder in amerikanischen Pendants noch um Halbgötter in Weiß, die von Bett zu Bett wanderten und ihren Patienten mit wohlfeilen Worten Mut spendeten, so begleiteten wir Zuschauer nun Woche für Woche junge Mediziner, die mal ausgebrannt waren und mal frustriert, mal wütend und mal traurig, die desöfteren einen Patienten verloren, andere retteten, die die Eindrücke ihrer Arbeit mit nach Hause nahmen, deshalb auch manchmal Probleme mit ihren Partnern und ihren Familien bekamen, und die sich doch nichts anderes vorstellen konnten, als Tag für Tag diesen Job zu machen. Die Kamera war nicht distanziert, sondern immer nah dran, an den Patienten im Traumaraum und an den Menschen, die sie behandelten. Die Steadycam kreiste scheinbar endlos um das Geschehen rund um den Notfallpatienten, oft folgte sie auch einer Schwester oder einem Arzt durch die Schwingtür in den Nachbarraum, wo zeitgleich ein anderer Patient um sein Leben kämpfte. Das Personal warf sich medizinische Fachausdrücke und Abkürzungen um die Ohren, von denen man nicht einmal die Hälfte verstand. Aber darauf kam es auch nicht an. Denn was man verstand, war, dass es um Menschen ging, um Leben und Tod und darum, wie diejenigen damit umgehen, die täglich damit konfrontiert werden.
Daneben war ER immer auch eine hoch politische Serie: Der Umgang mit HIV-Infizierten wurde ebenso diskutiert wie gesellschaftliche Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Die Ärzte wurden in Afrika mit Bürgerkriegen konfrontiert und als Soldaten oder deren Angehörige mit dem Krieg im Irak. Und immer wieder wurden die Folgen des maroden US-Gesundheitssystems gezeigt, wenn Patienten sich eine lebensnotwendige Behandlung nicht leisten konnten, wenn Alte und Arme auf der Strecke blieben, wenn das Personal Regeln brechen musste, um überhaupt ihren Job machen zu können.
Einige der interessantesten Figuren der TV-Geschichte hat die Serie hervorgebracht, allen voran Mark Greene, den gütigen Oberarzt, der immer versucht, trotz allen Stresses Mensch zu bleiben (und dessen Krebstod zu den bewegendsten Handlungssträngen der Serie gehört) sowie John Carter, der als junger Medizinstudent in die Notaufnahme kommt, zunächst ungeschickt und naiv, der zwischendurch ein karrieregeiler Zyniker wird, später sogar medikamentenabhängig, und der sich doch zu einem guten, erfahrenen Arzt entwickelt. Aber auch starke weibliche Charaktere wie Susan Lewis, Abby Lockhardt und Carol Hathaway, die den männlichen Ärzten oft genug zeigten, dass sie diesen mindestens ebenbürtig waren.
Leider konnte ER die hohe Qualität der ersten acht Staffeln nicht dauerhaft halten. Schaut man sich heute noch mal Folgen aus den frühen Staffeln an und davor oder danach welche aus den aktuelleren, ist es fast, als schaue man zwei verschiedene Serien. Und das liegt nicht nur - wenn auch zu einem großen Teil - daran, dass zwischen der achten und der 15. Staffel die komplette Hauptdarstellerriege ausgetauscht wurde. Es beginnt im Grunde schon damit, dass der alte Vorspann, der perfekt auf die Atmosphäre der Serie einstimmte, irgendwann gegen ein nichtssagendes kurzes Intro ersetzt wurde. Es geht weiter mit der langsameren Erzählweise, wo meistens nicht mehr Dutzende Patienten pro Folge in den ER geschoben wurden, sondern meist nur noch eine Handvoll. Der Fokus verschob sich immer mehr auf das Privat- und Liebesleben der Hauptfiguren, die Patienten wurden oft fast zu Staffage. Spätestens nachdem die neuen Ärzte immer jünger und cooler wurden, hatte man das Gefühl, nur noch einen Abklatsch der inzwischen auch quotenmäßig erfolgreicheren Serie "Grey's Anatomy" zu sehen - was eine Schande ist, wenn man doch bedenkt, dass diese Serie ohne den Erfolg von ER nie möglich gewesen wäre.
In der letzten Staffel gab es zumindest ein Wiedersehen mit einigen schmerhaft vermissten Charakteren. Nicht nur Noah Wyle durfte für die letzten Folgen noch einmal in seine Glanzrolle als Dr. Carter schlüpfen, auch einige Ehemalige, mit denen zum Teil niemand mehr gerechnet hatte - darunter der schon längst verstrorbene Dr. Greene (Anthony Edwards) sowie Superstar George Clooney als Dr. Ross mit seiner Filmehefrau Carol (Juliana Marguilies) - wurden für jeweils ein oder zwei Folgen noch einmal in die Handlung eingebaut. Die letzte Folge fand ich relativ schwach. Zwar tauchen noch einmal eine ganze Reihe alter Gesichter auf, die aber abgesehen von Carter nicht besonders viel zu tun bekommen. Mit dem Auftauchen von Dr. Greenes erwachsen gewordener Tochter Rachel, die nun ebenfalls Medizin studieren will und sich am County bewirbt, schließt sich der Kreis, und einige Szenen der Abschlussepisode erinnern stark an den Pilotfilm. Dafür werden viele Handlungsstränge einfach offen gelassen (Kommen Sam und Gates wieder zusammen? Neela und Ray?), anders als in John Wells' anderer grandisoser Serie "Third Watch" passiert auch nichts Spektakuläres, kommt keine richtige Abschiedsstimmung auf.
Nun ist ER endgültig Geschichte und obwohl man in den letzten Jahren das Gefühl hatte, sie wäre das schon seit längerem, so ist es insgesamt doch eine stolze Geschichte.Mittwoch, August 19, 2009
Darwinismus als Science-Fiction: Dietmar Daths "Die Abschaffung der Arten"
500 Jahre in der Zukunft ist die Menschheit so gut wie ausgestorben; was von ihren übrig geblieben sind, sind einige Ausgestoßene, die wie die Wilden leben. Den Platz der Menschen hat eine neue Zivilisation von sprechenden Tieren eigenommen: die Gente. Angeführt vom weisen Löwen Cyrus Golden, der einst ein Mensch war, bevor er durch Genetik eine neue Spezies schuf, leben Dachse, Wölfe, Libellen, Affen und allerlei andere Geschöpfe in drei gewaltigen Städten, die dort stehen, wo früher Europa war. Sie verständigen sich über Duftstoffe, ihr komplexes Pherinfonsystem erinnert mit seinen Diskussionsforen und Datenleitungen an unser heutiges Internet. Da sie nicht mehr an einen Körper gebunden sind, überdauern diese Wesen die Jahrhunderte. Aber ein neuer großer Krieg droht durch ein Maschinenwesen, das im südamerikanischen Dschungel lebt. Der Löwe schickt seinen Botschafter, den Dachs Dmitri, aus, um den drohenden Untergang der Gente-Zivilisation abzuwenden.
Im Roman "Die
Abschaffung der Arten" des Schriftstellers und ehemaligen
FAZ-Feuilleton-Redakteurs Dietmar Dath geht es um nicht weniger als um
das Ende der Menschheit und darum, wie die Evolution nach deren Epoche
weitergeht. Doch damit nicht genug: Nach etwa 300 Seiten lässt Dath
seine ganze neue Welt, die er zuvor mit großer Phantasie ausgemalt hat,
wiederum untergehen. Man muss seinen Wagemut bewundern, an dieser
Stelle nicht nur die Hauptfiguren, sondern die ganze Kultur
verschwinden zu lassen, die er zuvor etabliert hat - und selbst den
Schauplatz Erde zu verlassen. Stattdessen findet sich der Leser nun auf
zwei anderen Planeten wieder, auf denen die Nachkommen der Gente
wiederum neue Kulturen aufgebaut haben, manche, um die Tradition der
Vorfahren aufrecht zu erhalten, andere, gerade, um deren Erbe zu
vergessen. Doch so weit sich die einzelnen Spezies auch von ihren
menschlichen Ursprüngen entfernen: Die negativen Eigenschaften ihrer
Vorfahren werden sie doch nie los.
Mit diesem epischen Science Fiction-Roman versucht Dath den ganz großen Wurf, eine Erzählung über 1500 Jahre, über den Aufstieg und Fall mehrerer Zivilisationen. Leider neigt er dazu, an manchen Stellen in schier endloses Techno-Gebabbel über Genetik, Darwinismus, Raum-Zeit und ähnliches abzudriften, das nicht nur unverständlich ist, sondern vor allem den Eindruck erweckt, der Autor habe seinen Lesern zeigen wollen, wie gebildet er doch ist. Auch das Herumschleudern mit völlig unbekannten Fremdwörtern, von denen man meistens nicht so genau weiß, ob sie wirklich im Duden stehen oder der überbordenden Phantasie Daths entsprungen sind, machen das Lesen nicht gerade leichter. Ebenso wie bei manchen unfassbar langen Schachtelsätzen merkt man hier deutlich, dass Dath früher für die FAZ (und für die Spex) geschrieben hat.
Auf der anderen Seite fasziniert der unglaubliche Einfallsreichtum des Autors, seine Detailfreude im Beschreiben von Techniken, Kulturen und Ereignissen, die so unwahrscheinlich sind, das man sie fast schon für möglich halten könnte. Spätestens, wenn sich im untergehenden Reich des Löwen neue Koalitionen bilden, Intrigen gesponnen werden und treue Verbündete sich gegen ihn wenden, hat Dath seine Leser gepackt. Und wenn dann plötzlich in der Mitte des Buches Schauplätze, Figuren und Kulturen auf einen Schlag wechseln, möchte man nur noch wissen, was es damit nun wieder auf sich hat. Zum Glück fehlt es dem Schriftsteller nicht an Humor. Immer wieder finden sich mitten in dem ganzen Schlachtengetümmel und Techniksprech wahnsinnig witzige Einfälle und Anspielungen: ein des Sprechens kaum kundiger Esel, der die Laudatio bei der Verleihung eines Kunstpreises halten soll, ein Orang-Utan, der nach 1000 Jahren aus seinen Erbinformationen wieder zusammengesetzt werden soll und sich dabei in einen Riesenaffen à la King Kong verwandelt, der sich sogleich aufmacht, eine Stadt zu zerstören etc. etc. Da finden sich dann herrliche Sätze wie etwa dieser:
"Der Vorgang dauerte auch deshalb seine Zeit, weil die Natur zunächst einmal ihr Erstaunen und ihren Abscheu überwinden mußte, da es ihr zuvor nicht im Traum eingefallen wäre, aus Dreck und Licht auf der Oberfläche der Venus ausgerechnet einen armen alten Affen zu akkumulieren."
Dietmar Dath ist ein großer literarischer Weltenerschaffer. Hätte er seine Sprache etwas einfacher gehalten, ein paar biologische und physikalische Theorien weniger in sein Buch gepackt, hätte dies ein ganz großer Roman werden können. So ist es immer noch zwar anstrengende, aber doch sehr lohnende Lektüre für alle, die sich schon immer die Frage stellten, ob die Evolution nicht doch etwas Besseres hätte hinbekommen können als den Menschen.Sonntag, August 16, 2009
Die taz über das Ende von ER
"Personell hat man darin noch mal alles aufgefahren und sogar den einzigen Superstar der ER-DarstellerInnen, George Clooney, zu einem groß angekündigten, aber lahmen Gastauftritt überreden können. Wenn also am Mittwoch die letzte ER-Folge in Deutschland ausgestrahlt wird, die durch Downloads vielen Fans eh längst bekannt ist, hat sich die Kaiserin der Arztserien endlich und viel zu spät vom Thron verabschiedet."
Ein sehr schöner Artikel über die beste aller Krankenhausserien, der noch einmal zusammenfasst, was sie so besonders machte, aber auch, warum sie in den letzten Jahren nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Mein persönliches Fazit folgt dann sicher nächste Woche.
Mittwoch, August 12, 2009
Skurrile Übersetzung
Viele kritisieren ja, dass deutsche Synchronisationen amerikanischer Serien oft schlecht seien. Noch seltsamer kann es aber bei Untertitelungen werden. Ein Beispiel aus ER:
Arzt: "Wissen Sie, woher Sie den Tripper haben?" - Patientin: (im Original) "Of course, I'm not a slut!"; (deutsche Untertitel) "Natürlich, ich bin doch keine Schlunze!"
Also, ich bin mir ziemlich sicher, dass man das in der Synchro korrekt mit "Schlampe" übersetzt hat. (Dass man einen 5er French auf Deutsch wirklich 5er Franzose nennt, glaub ich auch nicht wirklich, aber ich bin auch kein Arzt.)
Samstag, August 08, 2009
Dystopie-Klassiker für Jugendliche: John Christophers "Die Wächter"
1986 sah ich im ARD-Vorabendprogramm eine SF-Miniserie, deren Namen ich leider lange vergessen hatte. In einer Grabbelkiste in der Stadtbücherei geriet mir vor ein paar Tagen zufällig die Buchvorlage in die Finger: "Die Wächter" heißt sie (genau wie die Serie), im Original "The Guardians", geschrieben von dem Engländer John Christopher, der auch die "Tripods" geschrieben hat, einen anderen SF-Roman, der ja ungefähr zur gleichen Zeit ebenfalls als TV-Serie verfilmt wurde. "Die Wächter" ist in den 70ern als Taschenbuch bei Ravensburger erschienen, also als Jugendbuch, und erzählt seine doch recht stationsreiche Geschichte auf gerade mal 150 Seiten.
Mitte des 21.Jahrhunderts ist Großbritannien zu einem Staat geworden, in der sich zwei gesellschaftliche Gruppen gebildet haben, die räumlich streng voneinander getrennt leben. In den Konurbas, großen Ballungsgebieten, leben die Menschen auf engem Raum in einer Konsumwelt, die wenig Platz für individuelles Verhalten lässt. Hauptfreizeitbeschäftigungen sind Holovision und blutige Wettkämpfe in Stadien, die die stumpfe Masse ablenken sollen. Umgeben sind diese Megastädte von Landkreisen, in denen der Adel weitgehend so lebt wie im 19. Jahrhundert: ohne arbeiten zu müssen, aber auch ohne große technische Annehmlichkeiten, dafür umsorgt vom Dienstpersonal. Zwischen beiden Gesellschaftsschichten findet so gut wie kein Kontakt statt, der Übertritt von den Konurbas in die Landkreise ist für die Stadtbewohner sogar verboten: Große Zäune trennen die Gebiete ab.
Als der Vater des jungen Rob, der bereits seine Mutter verloren hat, überraschend stirbt, muss der Junge in ein Internat. Die dortigen Zustände verleiten ihn schließlich zur Flucht, nicht nur aus der Schule, sondern auch aus der Konurba Groß-London: Er wagt das Unvorstellbare und macht sich auf in den Landkreis. Das dortige Leben erscheint ihm zunächst paradiesisch, aber auch dort gibt es Unzufriedene, die eine Revolution gegen das herrschende Gesellschaftssystem planen...
Christopher entwirft ein klassisches Dystopie-Szenario, das sich dadurch von ähnlich angelegten Zukunftsvisionen unterscheidet, dass es neben der entmenschlichten Großstadtwelt eine weitere Welt gibt, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Erst ganz zum Schluss erfährt der jugendliche Held der Geschichte (und der Leser), wie diese scheinbar getrennten Gesellschaftssysteme zusammenhängen, und das noch andere Mächte im Spiel sind als die, die vorher bekannt waren. Die Fragen, die der Autor aufwirft, sind absolut zeitlos und für Erwachsene sicherlich ebenso spannend wie für Jugendliche. Leider wirkt der Aufbau der Handlung manchmal etwas holperig. 150 Seiten sind halt sehr wenig, und so bleibt oft wenig Zeit für Erklärungen oder ausgearbeitete Charakterentwicklungen. Deshalb ist insbesondere die Motivation Robs nicht immer ganz nachvollziehbar.
Auch das Gesellschaftssystem, das Christopher entwirft, ist nicht immer so ganz schlüssig. Einerseits ist die jeweils andere Welt für die Bewohner tabu, andererseits stehen beide Welten aber in einem wirtschaftlichen Austausch. Obwohl die Bewohner der Konurbas vom Landadel ausgebeutet werden, scheint sie das nicht besonders zu stören. Die Großstädter blicken stattdessen mit Verachtung auf das einfache Leben auf dem Land, obwohl es ihnen doch eigentlich privilegiert erscheinen müsste. Rob scheint so ziemlich der einzige zu sein, der den Zuständen in der Konurba entkommen möchte.
Ich kann mich nur an sehr wenig aus der Serie erinnern (diese scheint auch nie wiederholt worden zu sein), denke aber, dass man dort mehr Zeit für Details hatte - immerhin war das ein Sechsteiler. Dort kamen wohl auch Personen vor, die es im Roman gar nicht gibt. So kann ich mich erinnern, dass die titelgebenden Wächter in der Serie bei ihrer "Arbeit" vor Überwachungsmonitoren zu sehen waren, und zwar schon in den ersten Folgen, während die im Buch überhaupt erst ganz zum Schluss erwähnt werden. Wen Robert Atzorn da nun gespielt hat, weiß ich allerdings auch nicht mehr.
Das Buch ist auf jeden Fall eine anregende und interessante Lektüre, auch für ältere Semester. Die Serie wäre mal ein Fall für eine DVD-Box. Warum die ARD solche eigenproduzierten Schätze in ihren Archiven schlummern lässt, statt sie mal auf einem ihrer zahlreichen Kanäle zu wiederholen, ist mir eh schleierhaft.Sonntag, August 02, 2009
Das opus magnum des deutschen TV-Films: Edgar Reitz' "Die zweite Heimat"
Ich muss jetzt doch mal was über den Fernsehfilm schreiben, der mich am meisten bewegt hat. 1993 strahlte die ARD innerhalb weniger Wochen die 13 Teile von Edgar Reitz' "Die zweite Heimat - Chronik einer Jugend" aus. Ich entdeckte die Reihe zufällig beim Zappen, als ich in den dritten Teil geriet. Nach einigen Minuten war ich so gefesselt, dass ich keinen der weiteren Teile mehr verpasste. Der 13-teilige TV-Film mit einer Gesamtlänge von unglaublichen 25 1/2 Studen war eine lockere Fortsetzung von Reitz' 1984er "Heimat"-Mehrteiler. Eigentlich ist es aber ein mehr oder weniger eigenständiger Film, der lediglich eine Figur aus "Heimat" übernimmt und dessen Erwachsenwerden im München der 60er Jahre schildert.
Hermann Simon verlässt als junger Mann sein heimaltliches Hunsrückdörfchen Schabbach (dessen Geschichte durch das 20. Jahrhundert der erste "Heimat"-Film erzählt), um in München Musik zu studieren. "Die zweite Heimat" des Titels ist nicht nur eine Anspielung auf den ersten Film, sondern hat auch inhaltliche Bedeutung: Es geht hier um die zweite, die selbstgewählte Heimat, die nicht nur ein Ort sein kann, sondern auch etwas, was dem eigenen Leben Sinn gibt, im Falle von Hermann und seinen neuen Freunden sind es die Musik, der Film, die Kunst. Fast alle Gleichaltrigen, die Hermann in seiner neuen Heimatstadt kennenlernt, machen wie er irgendetwas mit Kunst; sie sind Musikstudenten oder Jungfilmer.
Jede Episode ist einem anderen Charakter gewidmet, wobei sich die Hauptstory um Hermann und seine große Liebe Clarissa durch alle Folgen zieht. Im Laufe der Jahre legen die Figuren einen Weg zurück, der sie meist von jugendlichem Eifer und Idealismus über Rückschläge und Enttäuschungen bis zu einem "Ankommen" im Erwachsenendasein führt. Einige haben in ihrem Beruf Erfolg, andere scheitern auf dem Weg, eine Figur geht den radikalen Weg in den Terrorismus, bei manchen nimmt es kein gutes Ende. Die großen zeitgeschichtlichen Ereignisse der 60er Jahre bilden den Hintergrund für die Erlebnisse der Figuren: die aufkeimende Studentenbewegung, die Radikalisierung eines Teiles davon, die Auseinandersetzungen über die Rolle der Elterngeneration im Dritten Reich.
Edgar Reitz' Stil ist sperrig: das Erzähltempo ist langsam, die Dialoge wirken manchmal etwas gestelzt, die Bilder wechseln zwischen schwarz-weiß und Farbe. Dass die Hauptfiguren ausgerechnet Protagonisten der Neuen Musik sind, und auch gerne mal zehn Minuten lang avantgardistische Klangkompositionen aufgeführt werden, macht den Zugang nicht unbedingt einfacher. Aber wenn man einmal gepackt ist, lässt die Erzählung einen nicht mehr los. Ich habe nur wenige Leute getroffen, die "Die zweite Heimat" gesehen haben, aber alle waren davon fasziniert.
Wobei bei mir sicher auch eine Rolle spielte, dass ich damals, als ich sie zum ersten Mal sah, ungefähr im gleichen Alter war wie die Protagonisten am Anfang des Films. Die Themen, die hier behandelt werden, sind universell (auch wenn das Zeitkolorit der bewegten 60er Jahre ein Übriges zur Faszination dazu tut): Es geht darum, seinen Platz im Leben zu finden, die Welt, in die man hinein geboren wurde, diejenige der Eltern, zurück zu lassen und eine neue Welt zu entdecken, eine, in der man dann auch heimisch werden kann. Auch wenn Hermann am Ende (vorläufig) kapituliert und nach Schabbach zurück kehrt. 2004 erzählte Reitz seine und Clarissas Geschichte dann in dem Sechsteiler "Heimat 3" weiter, konnte die alte Faszination aber leider nicht mehr so ganz erzeugen.
Von der Begeisterung, die "Die zweite Heimat" gerade auch im Ausland ausgelöst hat, zeugen einige enthusiastische Userkommentare in der imdb. Bei manchen ging es gleich so weit, dass sie danach von Australien nach München reisten und Deutsch lernten. Leider ist der Film nie im deutschen TV wiederholt worden (im Gegensatz zur ersten "Heimat" ). Das wäre doch mal was für Eins Festival. Seit 2005 liegen alle drei "Heimat"-Teile aber auf DVD vor.
Montag, Juli 27, 2009
Das Ende zweier HBO-Serien
Gestern habe ich die jeweils letzten Folgen zweier HBO-Serien gesehen: Carnivàle und Rome. Erstere konnte mit der zweiten Staffel leider die Erwartungen nicht so ganz erfüllen, die sie mit der ersten geweckt hat. In der ersten wurde eine geheimnisvolle Mythologie aufgebaut, die in der zweiten nicht zufriedenstellend aufgelöst wird. Man könnte auch, etwas zugespitzt, sagen: Es wird ein großes Brimborium aufgebaut, das dann mehr oder weniger im Sande verläuft. Die letzte Folge endet irgendwie unbefriedigend, mMn ohne dass wirklich etwas erklärt wurde. Man kann sich natürlich auf der DVD das Feature angucken, in dem die Autoren einiges der Hintergrundstory erläutern. Oder man kann sich im Internet auf die Suche nach der Mythologie der Serie machen. Ich finde so etwas immer unbefriedigend, wenn sich eine Serie oder ein Film nicht durch bloßes Anschauen verstehen lässt.
Auch sonst fand ich die zweite Staffel insgesamt schwächer als die erste. Vieles wiederholt sich, einige der interessantesten Fragen sind bereits geklärt - allen voran die, wer nun eigentlich das Böse und wer das Gute verkörpert -, und der Reiz der ungewöhnlichen Kulisse ist auch verflogen. Ursprünglich sollte Carnivàle über sechs Staffeln gehen, HBO setzte sie aber nach zweien ab. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht, denn ob die Serie das sehr hohe Niveau der ersten Staffel je wieder erreicht hätte, scheint mir doch eher ungewiss.
Bei Rome hatte ich eigentlich von der zweiten Staffel nicht mehr allzu viel erwartet, weil ich dachte, das Sujet Römisches Reich wäre mit Cäsars Tod am Ende der ersten ausgeschöpft. Tatsächlich gab es aber doch wieder einige starke Folgen, in denen die Hauptfiguren wegsterben wie die Fliegen. Die Todesrate im regular cast dürfte hier noch höher sein als in der letzten Staffel von BSG. Die beiden letzten Folgen gehören bei Rome zu den besten der Serie. Die Intrigen von Oktavian und Kleopatra, die zu Mark Antons Selbstmord führen, sind meisterhaft inszeniert; am Ende kann man richtig mit Antonius und Kleopatra, die schließlich doch noch in den Tod gehen muss, mitleiden.
Auch das Schicksal von Oktavians Mutter, die die ganze Serie über Intrigen gesponnen hat, um den Ruhm ihrer Familie zu sichern, und die schließlich im Moment des größten Triumphes ihres Sohnes wegen der enttäuschten Liebe zu Mark Anton längst innerlich abgestumpft ist, überzeugt. Und natürlich ist die Männerfreundschaft zwischen den beiden Soldaten Vorenus und Pullo bis zum Ende bewegend. Alle Charakterentwicklungen werden zu einem überzeugenden Ende geführt. Und das Faszinierendste ist, dass sich das Meiste davon wirklich so oder zumindest so ähnlich zugetragen hat. Gegen das alte Rom waren die Intrigen in Dallas tatsächlich nur Kindergartenstreiche.
Mittwoch, Juli 22, 2009
Ein Film zum Nachdenken oder zum Gehirn abschalten? Darren Aronofskys "The Fountain"
Bisher dachte ich, "The Fountain" wäre ein auf hohem Niveau gescheiterter Film, den man am besten genießen könnte, wenn man sich dem Rausch der Bilder hingibt, ohne nach einem Sinn in der Handlung zu suchen. Nachdem ich den Film jetzt noch mal nüchtern gesehen habe (damals im Kino hatten wir den Fehler gemacht, vorher Rotwein zu trinken) und danach im Diskussionsforum der imdb verschiedene Interpretationsansätze gelesen habe, muss ich meine Meinung widerrufen: "The Fountain" sieht nicht nur gut aus, sondern kann tatsächlich sinnvoll interpretiert werden.
Aronofsky erzählt die Geschichte einer großen Liebe auf drei Zeitebenen, die insgesamt 1000 Jahre überspannen: Im Mittelalter sucht der spanische Conquistador Tomas im Auftrag der Königin im südamerikanischen Dschungel nach einem Baum, der ewiges Leben spendet. In der Gegenwart versucht der Forscher Thomas mit Tierversuchen, ein Mittel gegen den Tumor seiner Frau Izzy zu finden, aber die Zeit läuft ihm davon. 500 Jahre in der Zukunft steigt Tom in einer Blase mit dem Baum des Lebens zu einem Sternennebel auf, der ebenfalls ewiges Leben verspricht. Diese drei Zeitebenen vermischen sich immer wieder, Elemente der einen Zeit begegnen uns in den anderen wieder.
Die historische Handlung entspringt einem Roman, den die sterbende Izzy schreibt, sie legt die Grundlagen für den Mythos vom Leben spendenden Baum. Die Gegenwartshandlung ist am bewegendsten (und am verständlichsten). In beiden Handlungen scheitert Tomas/Thomas letztlich daran, den Tod zu verhindern. Erst 500 Jahre nachdem er den Tod seiner geliebten Frau mitansehen musste, bekommt er eine zweite Chance...
Insbesondere die Zukunftsebene entzieht sich einer eindeutigen Interpretation. Ist das Ganze nur ein Traum oder eine unterbewusste Verarbeitung des Gegenwarts-Thomas? Wird dieser in der Zukunft wiedergeboren? Oder hat er doch das Geheimnis des ewigen Lebens lösen können und mit Hilfe des Baumes 500 Jahre überlebt? Letztere Erklärung scheint am logischsten, und nur dann macht auch der Rest der Zukunfts-Handlung wirklich Sinn: Der Baum entspringt dem Samen, den Thomas auf Izzys Grab gepflanzt hat, er verkörpert für ihn seine tote Frau. Sein Ziel ist es, den sterbenden Baum zu retten, um das Versagen im Kampf um das Leben Izzys 500 Jahre vorher wieder gut zu machen.
Der Film schneidet viele interessante mythologische Ideen im Zusammenhang mit den Themen Leben/Geburt und Tod an und stellt letztlich die Frage, was sinnvoller ist: möglichst lange zu leben oder die Zeit, die man hat, auszukosten. Während die totgeweihte Izzy akzeptiert hat, dass ihr nur noch wenig Zeit bleibt, und sie diese nutzen will, um z.B. den ersten Schneefall zu genießen, ist Thomas von der Idee besessen, der Tod sei nur eine Krankheit, die man heilen könne wie alle anderen. Ähnlich wie sein Meisterwerk "Requiem for a Dream" ist auch dieser Aronofsky-Film visuell brilliant und rasant geschnitten. Insbesondere die Zukunftsszenen wirken nicht wie billige CGI-Effekte, sondern wie Gemälde. Dazu kommt wieder die eindrückliche Musik des Kronos Quartetts.
"The Fountain" ist kein Film, der es seinen Zuschauern einfach macht, eher einer, den man mehrmals sehen muss, um hinter die Handlung und seine Aussage zu kommen. Aber es lohnt sich.Dienstag, Juni 30, 2009
Battlestar Galactica Staffel 4 und Schluss
(Achtung massive Spoiler!)
Dass BSG von den aktuell (in Deutschland) noch laufenden Serien diejenige ist, die mich am meisten fasziniert, dürfte euch nicht überraschen. Was die Hintergrundgeschichte angeht, würde ich sogar soweit gehen zu sagen, dass mich noch nie eine so gefesselt hat. Immer wieder gab es Anspielungen auf unbekannte Ereignisse in der Vergangenheit, auf Prophezeiungen und Vorbestimmungen. Geheimnisse wurden aufgelöst, nur um neue aufzuwerfen. Spätestens nach der dritten Staffel fragte man sich sorgenvoll, ob Ronald D. Moore es in der verbleibenden vierten Staffel noch schaffen würde, alle losen Enden zusammenzuführen und alle offenen Fragen zufriedenstellend zu beantworten. Nachdem ich gestern die letzte Folge gesehen habe, muss ich sagen: Ganz geschafft hat er es (natürlich) nicht; trotzdem ist es ein rundes Ende geworden.
Drei Staffeln lang wollte Moore uns im
Intro weismachen, die Zylonen hätten von Anfang an einen Plan gehabt
(und somit auch er selbst). In der letzten Staffel hat er erstmal das
Intro ausgetauscht - spätestens jetzt war klar, dass auch der
Showrunner keinen wirklichen Plan hatte. Trotzdem ist die finale
Staffel wieder von erstaunlich hohem Niveau. Man merkt auch von Anfang
an, dass es dem Ende entgegengeht: Auch Mitglieder des regular cast
werden nun nicht mehr geschont. Von einigen vertrauten Gesichtern
müssen wir auf ziemlich heftige Weise Abschied nehmen. Auch die Grenzen
zwischen Freund und Feind verschwimmen; schließlich kommt es sogar zur
Allianz zwischen Kolonisten und (einem Teil der) Zylonen. In Staffel 3
hatte sich ja schon herausgestellt, dass sowieso einige der
Besatzungsmitglieder selbst Zylonen sind. (Einer meiner
Lieblings-Dialoge in Staffel 4, nachdem Admiral Adama seinem vormaligen
Chief anbietet, dessen alten Posten wieder zu übernehmen: Chief Tyrol:
"I'm still a Cylon." - Adama: "So is my XO [executive officer]."
Nachdem auch die Identität des letzten unbekannten Zylonen aufgeklärt
wird, erfahren wir in einer einzigen Folge, was es mit den Final Five
auf sich hatte, wie diese mit den anderen Modellen in Verbindung stehen
und wie sie in die Flotte gelangt sind. Am wichtigsten aber: Schon in
Folge 10 finden die Kolonisten die lange gesuchte Erde - die sich als
postapokalyptischer unbewohnbarer Planet herausstellt.
Natürlich finden die Kolonisten am Ende doch noch eine neue Heimat. Die Auflösung, die Moore hier gefunden hat, schafft genau das, woran die Originalserie kläglich gescheitert ist: eine befriedigende Erklärung dafür zu finde, warum wir heute auf der Erde keine interstellaren Raumschiffe und intelligenten Roboter haben, obwohl unsere Vorfahren doch von den Kolonisten abstammen sollen. Indem Moore seine gesamte Geschichte nachträglich in unserer Vergangenheit ansiedelt, werden uns auch Kämpfe zwischen Zylonen und Viper-Piloten im New York der Gegenwart erspart. Die Auflösung finde ich also durchaus befriedigend. Dass die finale Doppelfolge trotzdem nicht hundertprozentig überzeugt, liegt zum einen daran, dass das ganze Mysterium um die von den Toten zurück gekehrte Starbuck nicht wirklich aufgeklärt wird, und zum anderen daran, dass das Erzähltempo teilweise doch etwas hakt.
Nach der grandiosen Entscheidungsschlacht, in der Moore & Co. nochmal alles an CGI-Effekten und Action aufgefahren haben, was BSG zu bieten hatte, ist der Schlussteil einfach zu lang geraten - und wird noch mehrmals durch Rückblenden in die Vergangenheit der Hauptfiguren unterbrochen, die auch nur zum Teil erhellend sind. Ein kurzer Epilog, der den Bogen in unsere Gegenwart schließt, hat mir hingegen wieder sehr gut gefallen. "All this has happened before", aber wird es auch diesmal wieder passieren? Oder kann der Kreislauf aus Gewalt und Vernichtung zwischen Menschen und Maschinen(wesen) diesmal unterbrochen werden? Die Frage bleibt offen, so wie auch wir nicht wissen, ob wir unsere Zivilisation letztendlich selbst zerstören werden oder nicht. Seit ich für zwei Artikel über autonome Kampfroboter recherchiert habe, ist meine Einschätzung darüber nicht unbedingt positiver geworden.
BSG war eine SF-Serie, die sich wirklich etwas traute: eine epische Geschichte über vier Staffeln hinweg zu erzählen, die moralischen Grenzen immer wieder zu verwischen und in Frage zu stellen, aktuelle politische und gesellschaftliche Probleme aufzuwerfen, ohne sie abschließend zu beantworten. Und nicht zuletzt war BSG die wohl düsterste SF-Serie, die das Fernsehen je gesehen hat. Ohne strahlende Helden, die immer auf der richtigen Seite stehen, ohne weise Anführer, die nie fragwürdige Entscheidungen stellen, stattdessen mit saufenden und kiffenden Führungsoffizieren und Soldaten, die oftmals nur von ihrer inneren Wut getrieben werden. Trotzdem ist das Ende hoffnungsvoll: Es spielt keine Rolle, ob man ein Mensch ist oder eine menschenähnliche Maschine, ob man an einen Gott glaubt oder an eine Vielzahl (oder an gar keinen) - wichtig ist, dass wir selbst es sind, die unsere Entscheidungen treffen, und dass wir jederzeit Mitmenschlichkeit und Frieden wählen können statt Hass und Krieg. Auch wenn die Abschlussfolge aus o.g. Gründen nicht an diejenigen anderer großartiger Serien wie etwa "Six Feet Under" und DS9 heranreicht, so ist BSG auf jeden Fall meine zweitliebste SF-Serie und hat sich mit der letzten Staffel einen Platz unter den Top 5 meiner All Time-Lieblingsserien gesichert.Montag, Juni 15, 2009
Der ganz normale Wahnsinn – Manu Larcenets vierteiliger Comicroman „Der alltägliche Kampf“
Lange Zeit wurde dem Medium Comic von seinen Kritikern ein Hang zur Realitätsflucht vorgeworfen. Auch heute noch setzen viele den Begriff Comic gleich mit vordergründigen Action- und Fantasygeschichten.
Mit seiner Reihe „Der alltägliche Kampf“, dessen vierter und abschließender Band vor kurzem erschienen ist, liefert der französische Zeichner Manu Larcenet ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass man im Comic auch vom ganz gewöhnlichen Alltagsleben erzählen und damit seine Leser unheimlich fesseln kann. Sein Held, der nicht zufällig ebenfalls Manu heißt, ist ein junger, problembeladener Mann. Wegen wiederkehrender Panikattacken flüchtet er von der Stadt aufs Land, versucht sich als Fotokünstler zu etablieren und seinen Platz im Leben zu finden. Im zweiten Band erfährt er von der schweren Krankheit seines Vaters. Als in der Werft, in der dieser jahrzehntelang gearbeitet hat, ein Streik ausbricht, dokumentiert er den Arbeitskampf mit seiner Kamera. Im dritten Teil versucht er, den Tod des Vaters zu verarbeiten und stößt auf ein dunkles Kapitel aus dessen Vergangenheit. Der abschließende Band schließlich zeigt seine Erfahrungen als junger Vater einer kleinen Tochter. Gleichzeitig wird die Werft endgültig geschlossen, und Manu dokumentiert noch einmal die Schicksale der Arbeiter, mit denen er aufgewachsen ist.
Selten hat ein Comickünstler aus solchen im Grunde ganz banalen Themen, wie sie in jedermanns Leben eine Rolle spielen, eine so bewegende Geschichte geschaffen. Es ist ein großer Entwicklungsroman, die Geschichte vom Erwachsenwerden eines unsicheren Mannes zwischen Zukunftsangst und Lebensmut, Engagement und Resignation. Scheinbar mühelos verwebt Larcenet persönliche Themen wie Liebe, Vaterschaft oder Tod mit gesellschaftlichen Problemen wie dem zunehmenden Verlust von Industriearbeitsplätzen im Zeitalter der Globalisierung. Auch wenn er manchmal etwas dazu neigt, seine Figuren als Sprachrohr für weltanschauliche Statements zu missbrauchen, so durchzieht doch meistens eine melancholische Leichtigkeit diesen Comic. Die Probleme können nie so massiv sein, dass sich nicht immer wieder etwas fände, über das man schmunzeln oder staunen könnte. All dies erzählt der Franzose mit einem leichten cartoonistischen Strich, der eher an einen klassischen Funny-Comic erinnert. Nur bei Bedarf wechselt er den Zeichenstil, um abstrakte oder realistische Bilder einzustreuen.
Larcenet gehört zu den „Jungen Wilden“ der französischen Comicszene um Lewis Trondheim und Joann Sfar, mit denen er auch an deren ausufernder Fantasy-Parodie „Donjon“ arbeitet. Diese Autoren haben einen ganz neuen Ton in den französischen Autorencomic gebracht. Obwohl genauso tiefgründig wie die Altmeister, bieten sie durch ihren oft skurrilen Humor und die an Kindercomics erinnernden Zeichnungen einen leichteren Zugang. Und somit einen idealen Einstieg für alle, die immer noch denken, die Darstellung des ganz normalen Wahnsinns könne nicht genauso spannend sein wie eine Weltraumschlacht.
Manu Larcenet: Der alltägliche Kampf 4 – Gewissheiten. Reprodukt, Berlin 2008, 64 S., broschiert, 13 €; Der alltägliche Kampf 1 – 4 im Schuber, 52 €
Donnerstag, Juni 04, 2009
Was Andere so über den neuen Jarmusch denken
"That reminded me of a silent film named "Man with a Movie Camera," which some people think is the best film ever made. It shows a man with a movie camera, photographing things. Was Jarmusch remaking it without the man and the camera?"Eine sehr witzige und treffende Kritik zu "The Limits of Control" hat Roger Ebert geschrieben, und zwar aus der Perspektive der Hauptfigur. Er stellt auch die Frage, die mir beim Film durch den Kopf ging: Wie um alles in der Welt bekommt man so eine Filmidee finanziert? ("Also, Herr Produzent, meine Idee ist, ein Mann ohne Namen läuft so rum, und dann trinkt er Kaffee, und dann läuft er wieder so rum, und dann fährt er mit dem Zug... Alles kann etwas bedeuten, tut es aber eigentlich gar nicht, alle Spuren laufen ins Leere und zum Schluss sage ich, dass Realität eh immer subjektiv ist." - "Super, hier haben Sie drei Millionen Dollar!" )
Ich habe in den letzten Tagen einige sehr ärgerliche Kritiken über den Film gelesen. Ich habe nichts dagegen, wenn andere Menschen anderer Meinung sind als ich. Wenn Zuschauern aber indirekt vorgeworfen wird, dass sie noch eine Handlung erwarten, hört bei mir der Spaß auf. Georg Seeßlen sieht zwar auch keinerlei Bedeutung, findet das aber gerade gut:
"Richtig bezaubert ist man in diesem Film, wenn man einiges von dem abschaltet, mit dem man so gewöhnlich ins Kino geht. ... Man genießt diesen Film, glaube ich, wenn man sich klarmacht, dass er nichts, aber auch gar nichts bedeutet. Er ist einfach. Und das macht er verdammt richtig..."
Also, liebe Kinogänger schalten Sie zuerst Ihr Gehirn aus, bevor Sie den Saal betreten, dann werden Sie glücklich. (Ein ganz neuer Ratschlag in Bezug auf Arthouse-Filme.)
Im Gegensatz zu Oliver Hüttmann vom Rolling Stone halte ich den Film auch weder für Jarmuschs "wohl philosophischstes und raffiniertestes" noch für sein "visuell schönstes Werk". Raffiniert ist daran höchstens, wie man es mit so einem Nonsense schafft, Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen und visuell ist der Film höchstens gehobenes Kunsthandwerk, ohne Inspiration. Den Höhepunkt seiner Kritik bildet aber dieser Satz:
"Wie oft bei Jarmusch ist trotz ständiger Bewegung die Langsamkeit ein prägendes Element, geschieht wenig und dennoch unglaublich viel, scheint nichts zusammenzupassen und ergibt alles doch einen Sinn."
Wer das, was in diesem Film passiert, für unglaublich viel hält, muss die letzten Jahre in Isolationshaft verbracht haben, und den Sinn kann man bestenfalls hineininterpretieren, von sich aus bietet er jedenfalls keinen zwingend an.
Ein Freund von mir, der auch zu den großen Hineininterpretierern gehört, meint übrigens, der geheimnisvolle Fremde sei der (spätere) Eisverkäufer aus "Ghost Dog". In einer Kritik, die ich gefunden habe, wird das auch behauptet. Warum aber spricht der Eisverkäufer dann kein Wort Englisch, der Profikiller aber schon? Falls ihr euer Hirn noch nicht abgeschaltet habt, wäre ich für Erklärungen und weitere Hinweise dankbar.
Samstag, Mai 30, 2009
Fantasy-Klassiker endlich komplett: "Die Lichter des Amalu"
Andrea und Elwood, zwei Pelzer, stürzen mit ihrem Flugapparat in den Fluss Amalu, vor die Küste einer Insel, auf der weitere Pelzer in ständiger Feindschaft mit den Durchscheinern leben, einem Volk, das die Neuankömmlinge nur aus einer alten Legende kannten. Schnell merken Andrea und Elwood, dass ihre Artgenossen ein großes Geheimnis vor den Durchscheinern verbergen. Doch es droht noch eine viel größere Gefahr: Die Legende sagt nämlich auch, dass der Tod der Großen Eiche, die alles Leben geschaffen hat, auch das Ende der beiden Völker bedeuten wird. Und der Tod des Schöpferbaumes scheint unmittelbar bevorzustehen. Gemeinsam mit der schönen Durchscheinerin Orane machen sich die beiden Pelzer auf in die Parallelwelt, das Reich der Eiche, aus dem alle Tiere einst stammten. Aber auch die anderen Pelzer wollen den Weg in diese Welt finden, um sich ein für alle mal von den Durchscheinern zu befreien.
Zehn Jahre mussten deutsche Leser auf das Ende des französischen Fantasy-Klassikers warten, von dem in den 90ern nur die ersten drei Alben auf Deutsch erschienen. Die Geschichte bezieht ihren Reiz aus dem ständigen Wechsel zwischen zwei Welten - derjenigen der Menschen, aus der die Protagonisten stammen, und dem geheimnisvollen Reich der Großen Eiche – sowie den Konflikten zwischen den und innerhalb der beiden Völker. Universelle Themen wie Völkermord und menschliche Hybris verpackt Szenarist Gibelin in eine Fantasy-Geschichte von epischen Ausmaßen. Die Menschen spielen nur eine Randrolle; im Mittelpunt stehen die höchst unterschiedlichen Völker der Pelzer, die aussehen, als seien sie aus einem Kindercomic mit funny animals entsprungen, sowie der menschenähnlichen Durchscheiner, die im Dunkeln unsichtbar werden. Trotz aller äußerlichen Unterschiede und der Jahrhunderte andauernden Feindschaft zwischen beiden haben die Völker mehr gemeinsam, als sie denken. Denn nur, wenn sie es schaffen, in Frieden zu leben, kann ihre Welt gerettet werden.
In der Gesamtausgabe kann man der damaligen Debütantin Wendling bei ihrer zeichnerischen Entwicklung zusehen: von den eher funnyhaften Figuren und einfach aufgebauten Seiten im ersten Teil bis zu fantastischen Landschaften und "realistischeren" Gesichtern in den späteren Alben. Ein in sich sehr stimmiges Werk, was für Fantasy-Comics nicht gerade selbstverständlich ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Mehrteilern lässt die Qualität nicht nach, sondern es gelingt den Autoren sogar noch, Tempo und Dramatik in den letzten Bänden zu steigern. Und ihre Erzählung zu einem durchaus befridigenden Ende zu bringen. Das lange Warten hat sich gelohnt.
Die Lichter des Amalu (Gesamtausgabe)
Christophe Gibelin & Claire Wendling / 240 Seiten / Albenformat / Hardcover / 4farbig / Carlsen / 39,90 €
Eine weiße Wand filmen: Jim Jarmuschs "The Limits of Control"
Viele Leute haben ja ein Problem mit Jim Jarmusch-Filmen, in denen entweder viel geredet, aber nichts wirklich Substantielles gesagt wird oder gleich kaum gesprochen wird, in denen es oft keine wirklich voranschreitende Handlung gibt. Ich liebe hingegen sowohl die lakonische Geschwätzigkeit der frühen Jarmusch-Filme, in denen ständig über Hunderennwetten und ähnlich Belangloses gesprochen wird, als auch das Schweigen Forest Whitackers oder Bill Murrays in seinen späteren Werken. Mit seinem neuen Film hat der Altmeister des Independentfilms es aber deutlich übertrieben.
In den meisten Filmen Alfred Hitchcocks gibt es einen so genannten McGuffin, einen rätselhaften Gegenstand oder ein Ereignis, um das sich die ganze Handlung dreht, ohne dass der Zuschauer jemals erfährt, um was genau es sich dabei eigentlich handelt. "The Limits of Control" ist ein einziger zweistündiger McGuffin. Sämtliche Elemente erfüllen keinen anderen Zweck, als den Film am Laufen und die Hauptfigur, einen geheimnisvollen Fremden ohne Namen, in Bewegung zu halten. Egal ob Streichholzschachteln mit kleinen Zetteln voller Ziffern und Buchstaben ausgetauscht werden oder Instrumentenkästen mit Gitarren. Die ganze "Handlung", wenn man es denn so nennen will, besteht nur daraus, dass dieser Fremde, der irgendeinen mysteriösen Auftrag bekommen hat, von einer spanischen Stadt in die nächste fährt, dort in Straßencafés andere geheimnisvolle Menschen ohne Namen trifft, mit diesen Streichholzschachteln austauscht, sich Gemälde im Museum anschaut - immer nur eines pro Besuch- und zwischendurch die Verführungsversuche einer ständig nackt herumlaufenden Schönheit abwährt.
Jarmusch spielt mit den Klischees des Thriller-Genres, insbesondere des Hitman-Films, in dem schweigsame Profikiller ihrer Arbeit nachgehen. Alle Erwartungen seiner Zuschauer, die diese an die Konventionen des Genres haben, lässt er konsequent ins Leere laufen. Die Handlung hat keinerlei Bedeutung, die Geschichte führt nirgendwo hin, eine kurz angedeutete "Auflösung" erklärt nichts und hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Ich wage zu behaupten, wenn Jarmusch zwei Stunden lang eine weiße Wand gefilmt und das Ganze mit Musik unterlegt hätte, wäre der Effekt der gleiche gewesen.
Nun ist das alles für Jarmusch nichts Neues, doch leider fehlt diesmal auch fast alles, was seine Filme sonst so sehenswert machte: Es gibt keine witzigen Dialoge, keine menschliche Aussage wie in "Ghost Dog" oder zuletzt in "Broken Flowers". Es fehlt auch die stilistische Brillianz vor allem seiner frühen Filme, in denen Bilder einer düsteren Straßenecke oder der undurchdringlichen Sümpfe von New Orleans (in "Down by Law" ) oder einer dreckigen Hauswand in New York (in "Stranger than Paradise" ) einen ganz eigenen Charme ausstrahlten. "Limits of Control" ist perfekt in Szene gesetzt, mit schönen Aufnahmen spanischer Landschaften, aber den Bildern fehlt jegliche Originalität, alles, was spezifisch Jarmusch-Style wäre. Für diesen Totalausfall gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder ist er müde geworden oder er denkt, er könne sich inzwischen alles erlauben; seine treuen Fans, würden das schon schlucken. So eine Frechheit kann sich aber auch ein Regie-Meister nur einmal erlauben.
Mittwoch, Mai 20, 2009
Von Grendlern, Terrianern und Kolonisten: Die hervorragende SF-Serie "Earth 2"
Nachdem ich jetzt noch mal einen Großteil der kurzlebigen Serie bei Eins Festival gesehen habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass "Earth 2" mMn eine der drei oder vier besten SF-Serien der TV-Geschichte ist. Leider kam sie über eine Staffel mit 21 Folgen nicht hinaus; wahrscheinlich war sie mit ihrem ungewöhnlichen Schauplatz - einem erdähnlichen Planeten ohne Zivilisation und Technik - und ihrer ökologischen Botschaft einfach ihrer Zeit voraus oder passte Mitte der 90er zumindest nicht in den damaligen SF-Boom im Fernsehen, wo ein Star Trek-Klon den nächsten jagte.
Die Grundidee war ebenso einfach wie bestechend: In der Zukunft ist die Erde dank Umweltverschmutzung so gut wie unbewohnbar geworden, die Menschen haben sich auf riesige Raumstationen geflüchtet. Die künstliche Atmosphäre dort macht aber viele Kinder krank, so dass sich die Regierung, der Hohe Rat, nach anderen Planeten umsieht, die als neue Heimat für die Menschheit dienen könnten. Eine kleine Gruppe Kolonisten wird quasi als Kundschafter auf einen erdähnlichen Planeten geschickt. Wenn sich dieser als geeigneter Lebensraum für Menschen erweist, sollen tausende Kolonisten folgen. Durch Sabotage stürzt die Vorhut aber mitten in der Wüste ab, Tausende von Kilometern entfernt von der Küste, wo sie sich eigentlich ansiedeln sollten. Ganz auf sich allein gestellt muss die kleine Gruppe von Menschen nun lernen, in der ungewohnten Umgebung zu überleben, während sie versucht, den Weg nach New Pacifica zu finden.
Das Figurenensemble besteht aus Vertretern der unterschiedlichsten Gruppen der Raumstationen: Mitglieder der Oberschicht ebenso wie Arbeiter und Piloten, Regierungsbeamte und sogar ein Cyborg, ein verurteilter Verbrecher, dem seine Erinnerungen gelöscht wurden und der nun als Hauslehrer für die Kinder reicher Familien dient. Das Misstrauen zwischen den einzelnen Expeditionsteilnehmern ist groß; erst langsam lernen sie, miteinander auszukommen.
Die Gefahr kommt in "Earth 2" meistens nicht daher, von wo man sie vermutet: Die einheimischen Bewohner des Planeten sind zwar fremdartig, aber nicht böswillig. Die Terrianer, die unter der Erde leben, sich telepathisch verständigen und eine Symbiose mit dem Planeten bilden, werden oft zu unerwarteten Helfern. So heilen sie gleich in der Pilotfolge den schwer immungeschädigten Uly, Sohn der Anführerin der Menschengruppe. Auch die eklig aussehenden Grendler, monsterhafte Lumpensammler und Händler, erweisen sich mehrmals eher als Hilfe denn als Bedrohung. Die wahre Gefahr droht oft von anderen Menschen, die schon vorher auf den Planeten geschickt wurden, so von Strafkolonisten und Killern. Und die meisten Konflikte entstehen innerhalb der Gruppe selbst, durch Gier und Neid, durch Misstrauen und Unvorsichtigkeit. Auch ist nicht immer klar, ob wirklich alle auf derselben Seite stehen, haben einige der Kolonisten doch tiefergehende Verbindungen zum Hohen Rat, der, wie sich bald herausstellt, nicht unschuldig an ihrem Absturz ist.
Wie bei jeder Serie gibt es auch unter den 21 Folgen von "Earth 2" einige schwache. Die meisten Storys sind jedoch solide bis hervorragend. Statt genreübliche Klischees aneinander zu reihen, haben sich die Autoren bemüht, etwas ganz Neues zu schaffen, eine SF-Serie (fast) ohne Raumschiffe, ohne feindliche Aliens und Weltraumschlachten. Stattdessen wird meist eine ökologische und humanistische Botschaft vermittelt. Das Ensemble der Hauptfiguren bietet genügend Potential, um auch mehrere Staffeln zu füllen. Die Schauspieler sind alle sehr gut; besonders hervorzuheben ist hier Clancy Brown als mürrischer Techniker und alleinerziehender Vater John Danzinger. Auch Bildgestaltung und Musik sind gelungen; vor allem gibt es grandiose Landschaftsaufnahmen. Fast die gesamte Serie spielt in freier Natur. Die letzte Folge endet mit einem gemeinen Cliffhanger, der nie aufgelöst wurde, da die Serie nach der ersten Staffel abgesetzt wurde. Hier noch mal eine Auflösung zu sehen wäre schön, wird aber wohl leider nicht mehr geschehen. Sehr schade, denn diese Serie hätte wirklich das Potenzial für noch einige gute Staffeln gehabt.
Montag, Mai 18, 2009
Kleine Comic-Schau (III): Die Wilden Zwanziger und der Schatten der Diktatur: Jason Lutes' "Berlin - Bleierne Stadt"
Kaum eine Epoche der deutschen Geschichte dürfte so voller Widersprüche gewesen sein wie die Weimarer Republik. Jason Lutes schildert in seiner „Berlin“-Trilogie das Schicksal eines guten Dutzend unterschiedlichster Bewohner der Metropole zwischen 1928 und 1933. Die Protagonisten kommen dabei aus den verschiedensten sozialen, politischen, religiösen und beruflichen Gruppen: Arbeiter und Polizisten, Obdachlose und Künstler, Juden, Kommunisten und Nazis. Im zweiten Band taucht die junge Malerin Marthe Müller, die vor ihrem großbürgerlichen Leben in der Provinz nach Berlin geflüchtet ist, ein in die schillernde Welt der Nachtclubs und Untergrundbars, entdeckt schwarzen Jazz und die lesbische Liebe. Eine aus fünf Schwarzen bestehende Jazzcombo aus den USA wird zum heißesten Live-Act der Stadt, stößt aber auch auf Betrug und Rassismus. Währenddessen verteidigt der „Weltbühne“-Journalist Kurt Severing mit Schreibmaschine und Papier die bedrohte Demokratie, während sich auf den Straßen die Kämpfe zwischen Linken und Nazis verschärfen.
Der US-Amerikaner Lutes nähert sich der deutschen Geschichte mit dem Blick des Außenstehenden. Aber er hat tief recherchiert und zeichnet so ein detailliertes Bild der Machtkämpfe und der sich zuspitzenden Gegensätze, die schließlich zum Zerfall der ersten deutschen Demokratie führten. Manchmal nehmen die vielen politischen Reden und Diskussionen fast zu viel Platz ein, so dass man sich eher an einen Lehrcomic erinnert fühlt. Vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund entwirft Lutes einen vielstimmigen Großstadtroman, der zugleich ein politisches Lehrstück als auch eine Liebeserklärung an das Berlin der Zwischenkriegszeit ist. Zeichnerisch scheint er sich an der frankobelgischen Ligne Claire zu orientieren: Ganz klar sind seine Bilder, meist auf das Wesentliche beschränkt. Der zweite Band endet mit einem Sieg der Nationalsozialisten bei der Parlamentswahl. Obwohl wir wissen, wie die Geschichte weiter verlief, bleibt das Schicksal der Protagonisten spannend.
Jason Lutes: Berlin – Bleierne Stadt
216 Seiten / Kleinformat / broschiert / schwarzweiß / Carlsen / 14 €
Freitag, Mai 15, 2009
Respekt, Mr. Abrams!
Als ich hörte, dass J.J. Abrams einen neuen Star Trek-Film drehen sollte, der die Vorgeschichte der klassischen Serie mit jungen Schauspielern in den Rollen von Kirk, Spock & Co. erzählen sollte, war ich mehr als kritisch. Das will doch kein Schwein mehr sehen, dachte ich, dieses ewige Zurückgreifen auf die Vergangenheit ist doch nur ein Zeichen dafür, dass einem gar nichts Neues mehr einfällt. Je näher der Kinostart rückte, desto mehr Positives las ich dann über den neuen Film - und desto neugieriger wurde ich doch, ihn selbst zu sehen. Und nun muss ich sagen, Abrams hat (fast) alles richtig gemacht. Woran George Lucas grandios gescheitert ist, eine Jahrzehnte alte SF-Kultreihe für eine neue Zuschauergeneration zu modernisieren, ohne die Altfans vor den Kopf zu stoßen, hat er mühelos geschafft.
Schon die Anfangssequenz von Star Trek XI gehört zum besten, was je in einem ST-Film zu sehen war. Da gibt es keine umständlichen Einführungen in die Handlung, keine zehnminütigen "Wir müssen die Enterprise erst einmal aus dem Dock manövrieren"-Sequenzen, sondern der Zuschauer ist sofort mittendrin in einer dramatischen Weltraumschlacht, in der es gleich um Leben und Tod einer ganzen Raumschiffbesatzung geht. Und in diesem Tempo geht es weiter: ST XI hat mehr Action als die ersten sechs Teile zusammen, brilliantere Special Effects als je bei Star Trek zu sehen waren, dazu Humor und Witz statt Slapstick und Albernheiten. Aber auch die ruhigen und tragischen Momente kommen nicht zu kurz, so etwa wenn Spock über den Untergang seines Heimatplaneten und den Tod seiner Mutter gleichzeitig trauern muss.
Die Fandiskussionen, ob das
denn nun noch Star Trek ist oder ob Abrams mit der Etablierung einer
neuen Zeitlinie nicht das vertraute Universum zerstört und verraten
habe, geht völlig am Kern des Ganzen vorbei. Wichtig ist eigentlich
nur, ob es ihm gelungen ist, einen guten Film zu machen, ohne den
Charme und die Botschaft von Star Trek aufzugeben. Beides ist
uneingeschränkt mit ja zu beantworten. ST XI dürfte der erste Film der
Reihe sein, den man verstehen und genießen kann, ohne jemals etwas über
das Trek-Universum gehört zu haben. Trotzdem gibt es genügend
Anspielungen für die Altfans, um diese zu amüsieren und zu rühren: Ob
Leonard Nimoy als alter Spock seinen Spruch aus der berühmten
Sterbeszene in ST II wiederholen darf ("Ich bin und werde immer sein:
Ihr Freund." ) oder endlich gezeigt wird, wie der junge Kirk als erster
Sternenflotten-Kadett den berüchtigten Kobayashi Maru-Test besteht. Und
ja, es gibt auch wieder einen vornamenlosen Redshirtträger auf einer
Außenmission...
Die Schauspieler sind durchweg gut besetzt, lediglich bei Simon Pegg bin ich mir noch nicht sicher, ob man Scotty wirklich von einem Komiker spielen lassen musste. Chris Pine ist mehr jugendlicher Womanizer als es William Shatner je war, Zachary Quinto und Karl Urban wirken wie die jüngeren Brüder von Leonard Nimoy und DeForest Kelley. Auch Nebenfiguren wie Sulu und Chekov bekommen hier endlich mehr zu tun als in der Classicserie. Die größte Überraschung ist aber eindeutig Uhura, die als einziges weibliches Teammitglied Fachwissen und Intelligenz zeigen darf, während sie gleichzeitig Kirk und dem kühlen Spock gleichermaßen den Kopf verdreht. Überhaupt gibt es deutlich mehr sexuelle Anspielungen als das in den alten Filmen der Fall war.
Die Handlung ist packend und ohne größere Logikfehler (wenn man mal davon absieht, dass Zeitreisegeschichten an und für sich immer unlogisch sind). Lediglich wie die Begegnung des jungen Kirk mit dem alten Spock angebahnt wird, ist arg gekünstelt. Hier merkt man deutlich, dass der Storytwist nur dazu diente, Kirk vom Rest der Crew wegzuführen, damit er seinem späteren Freund begegnen kann. Wenn am Ende Kirk erstmals als regulärer Captain im Kommandosessel der Enterprise Platz nimmt und Nimoys Stimme den klassischen Eröffnungsmonolog anstimmt ("Dies sind die Abenteuer..." ), möchte man am liebsten gleich die nächste Folge sehen. Schade, dass es bis dahin noch zwei, drei Jährchen dauern wird. 43 Jahre nach seinem Start ist Star Trek so lebendig wie schon lange nicht mehr.Dienstag, Mai 05, 2009
Trödelmarktfund der Woche: NYPD Blue, Episoden 1 & 2
Ziemlich merkwürdige Serien-DVDs hatte dieser eine Stand auf dem kleinen Trödelmarkt an der Düsseldorfer Phillipshalle: Bionic Woman (die alte Serie aus den 70ern aka "Die Sieben-Millionen-Dollar-Frau" ), "Ein Engel auf Erden" auf Französisch ("L'autoroute au Paradis" o.s.ä.), und dann noch eine Einzel-DVD mit den ersten beiden Folgen von NYPD Blue ("Wenn Ihnen diese Serie gefällt, bekommen Sie von Fox fünf Euro zurück, wenn Sie sich die komplette Staffel-Box kaufen. Schicken Sie einfach diesen Coupon ein." Leider ist da schon seit Jahren Einsendeschluss
). Eine Serie, von der ich bisher nicht mal eine Minute gesehen hatte, obwohl ich öfter Fotos mit Jimmy Smits und Dennis Franz in TV-Zeitschriften und auf DVD-Boxen gesehen hatte. Ich wusste allerdings weder, dass Smits nur in vier von insgesamt zwölf Staffeln dabei war, noch dass hinter der Serie mit Steven Bochco einer der Erfinder von "L.A. Law" (und "Hill Street Blues", soll ja auch so eine bahnbrechende Serie gewesen sein, die ich aber auch nie gesehen habe) steckte.
Das Erstaunlichste an der ersten Staffel ist, dass nicht nur David Caruso eine der beiden Hauptrollen spielte, sondern dass Sherry Stringfield zur Stammbesetzung gehörte. (Das war ehrlich gesagt auch der Grund, warum ich mir die DVD gekauft habe.) Das war 1993, also noch vor dem Start von ER. Als Susan Lewis fand ich Stringfield ganz toll, vor allem in den ersten drei ER-Staffeln. In einer anderen Rolle hatte ich sie noch nie gesehen. Hier spielt sie leider keine Polizistin, sondern "nur" die Ex-Frau von Caruso, ist aber trotzdem sehr gut. Außerdem ist als Streifenpolizistin noch Amy Brenneman dabei, die ja später ihre eigene Serie bekam ("Für alle Fälle Amy" ) und aktuell bei "Private Practice" dabei ist. Auch so eine Schauspielerin, die von Serie zu Serie tingelt. Insgesamt eine sehr gute Besetzung.
Inhaltlich erinnerten mich diese Pilotfolgen schon stark an "L.A. Law": der manchmal hoffnungslose Kampf für Gerechtigkeit, die Konflikte zwischen Cops, Richtern und Anwälten, die privaten Probleme der Ermittler, die Tatsache, dass Gut und Böse nie eindeutig festgelegt sind. Die wackelige Handkamera erinnert stark an ER (oder KDD), man muss aber festhalten, dass das ja noch vorher war. Für die damalige Zeit also sehr innovativ. Am Gewöhnungsbedürftigsten ist die Musik. Hier hat Bochco nämlich seinen alten Buddy Mike Post mitgebracht. Der war in den 80ern der Gott der Seriensoundtracks. Fast alle großen Titelmelodien gingen damals auf sein Konto: nicht nur "L.A. Law", sondern u.a. auch "A-Team", "Trio mit vier Fäusten", "Magnum". Hier fällt aber doch unangenehm auf, dass er irgendwie in den 80ern festzustecken schien. Die Szenenmusik - weniger die Titelmelodie - klingt schon stark nach 80s, also sehr nach Synthesizer.
Nach der ersten Staffel stieg Caruso aus, weil er auf eine Kinokarriere hoffte (und landete dann Jahre später doch wieder in einer Serien-Hauptrolle, nämlich bei "CSI Miami" ). Er scheint sehr auf die Rolle des Cops festgelegt zu sein; auch in Abel Ferraras "King of New York" spielt er einen. Stringfield wechselte zeitgleich zu ER, auch Brenneman war nach der ersten Staffel weg. Der Auftakt ist vielversprechend, zumindest den Rest der ersten Staffel würde ich gerne mal sehen. Wird das irgendwo wiederholt? (Kabel 1, übernehmen Sie!)
Hier noch ein bisschen sinnloses Nerdwissen: "L.A. Law" lief übrigens in den USA auf dem späteren Sendeplatz von ER, donnerstagabends auf NBC, noch vorher lief zu der Zeit "Hill Street Blues". Scheint echt ein legendärer Zeitslot für anspruchsvolle Dramaserien zu sein, "Southland" wird's da schwer haben.
Sonntag, Mai 03, 2009
Bitte keine Wale mehr!: "Star Trek IV - Zurück in die Gegenwart"
Im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Kinostart des neuen Star Trek-Films, der rein nummerisch der elfte ist, lese ich ständig in Blogs und Magazinen, die ungeraden ST-Filme seien immer die schlechteren gewesen (Und warum ist der letzte Film, "Nemesis" dann so grandios gefloppt?). Als Kandidaten für den zweitbesten Beitrag der Reihe werden dann immer Teil IV und Teil VI gehandelt (dass ST II "Der Zorn des Khan" der beste zumindest der Filme mit der alten Crew ist, scheint unumstritten zu sein). Gestern hatte ich mangels anderer Beschäftigung die Gelegenheit, mir noch mal Teil IV, "Zurück in die Gegenwart", im TV anzusehen. Also, wenn das einer der besseren Star Trek-Filme sein soll, möchte ich die schlechten aber nicht sehen (zu spät, ich habe sie ja bereits alle gesehen).
Dieser Film funktioniert, wenn überhaupt, nur als Komödie, fast schon als Parodie auf die Original-Serie. Spannung kommt zu keiner Zeit auf, dazu ist die Story einfach zu dämlich: Eine riesige Sonde verdunkelt die Sonne und verdampft die Ozeane, die Erde steht dadurch kurz vor dem Untergang und da die Sonde Geräusche von sich gibt, die den Gesängen der leider in der Zukunft bereits ausgerotteten Buckelwale ähneln, fliegen Kirk & Co. zurück in die 1980er Jahre, um zwei Wale in die Zukunft zu transportieren. Woher die Sonde kommt, was diese den Walen zu sagen hat bzw. was die Wale antworten und warum dadurch die Welt gerettet wird, wird gar nicht erst erklärt. Vermutlich ist den Autoren dazu selbst nichts Sinnvolles eingefallen, also haben sie sich nicht einmal die Mühe gemacht, es zu versuchen. Auch sonst steckt die Handlung voller faustgroßer Logiklöcher. Scotty weiß erst nicht, dass man zu dieser Zeit noch eine Tastatur braucht, um einen Computer zu bedienen (stattdessen spricht er in die Maus), kann danach aber in Sekundenschnelle ein tolles Modell einer Formel programmieren (anscheinend bedient er verschiedene PC-Programme gleichzeitig, indem er wahllos auf die Tastatur einhämmert). Ihren getarnten klingonischen Warbird parken Kirks Mannen direkt mitten im Stadtpark von San Francisco, ohne zu befürchten, jemand könnte dagegen laufen. Großartig auch der Dialog, als Kirk beschließt, in die Vergangenheit zu reisen:
Pille: "Jim, du willst doch nicht etwa...?" - Kirk: "Mr. Spock, bereiten Sie alles für einen Zeitsprung vor!" (Kirks Stimme geht bei Zeitsprung verschwörerisch nach oben. Fehlt nur noch, dass Spock fragt: "Und wie soll das Ihrer Meinung nach gehen?" )
Durch die Zeit reist man einfach, indem man auf die Sonne zurast und bis auf Warp 10 beschleunigt. Wenn das so einfach wäre, warum springen die diversen Sternenflotten-Crews dann eigentlich nicht in jeder zweiten Folge in der Zeit zurück? So hätte man doch bestimmt auch Jadzia Dax retten können - und Tasha Jar, bevor sie von diesem schwarzen glibbrigen...äh...Glibberdings gefressen wurde. Angeblich soll die Produktion von ST IV 25 Mio. Dollar gekostet haben. Wirken tut der Film, als wären es höchstens 5 Mio. gewesen. Was erwartet man von einem Star Trek-Kinofilm? Spezialeffekte, Weltraumschlachten, fremde Welten, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Was bekommt man hier geboten? Außenaufnahmen im San Francisco des Jahres 1986, Schauspieler in unglaublich billigen Alienkostümen - und Buckelwale! Jesus! Gut, es waren die 80er, Öko war in, und wahrscheinlich ist der Film einfach ein Kind seiner Zeit, das ziemlich stark dated ist. Erstaunlicherweise war ST IV nämlich der zweiterfolgreichste der alten Crew und der dritterfolgreichste insgesamt. Jetzt hoffe ich nur, dass es bei J.J. Abrams mehr Handlung und weniger Logiklöcher gibt - und bitte keine Buckelwale!
Samstag, Mai 02, 2009
Kleine Comic-Schau (II): Der George Lucas der Comics
In der Schachtstadt auf Terra 2014 putscht sich ein Superroboter an die Macht, ein schwarzer Technomutant setzt einen Virus frei, der alles organische Leben vernichtet, und die Bevölkerung lässt sich zu Maschinen klonen. Unter der Apokalypse macht Alexandro Jodorowsky es nicht, und natürlich ist John Difool auch im Auftaktband von "Der letzte Incal", "Die vier John Difool", mal wieder die letzte Hoffnung des Universums.
Nachdem Altmeister Moebius anscheinend keine Lust mehr hatte, den dritten Incal-Zyklus fortzuführen, von dem er 2000 nur einen Band zeichnete, setzt Ladrönn das gleiche Szenario (leicht verändert) nun noch einmal um. Der Zeichenstil des Mexikaners passt perfekt zum High Tech-Universum des Incals. Leider ist aber Jodorowskys Story redundant und einfallslos. Er reiht Actionszene an Gemetzel, bevor gegen Ende wieder die Esoterik durchschlägt. Doch wo diese im Urzyklus in sich stimmig war, wirkt sie hier nur noch hohl und teilweise wie eine Selbstparodie. Der Gipfel des Schwachsinns ist erreicht, wenn John Difool plötzlich auf seine drei alter egos trifft, von denen einer auch noch ein Engel ist.
Jodorowsky ist der George Lucas der franko-belgischen Comics. Mit jedem neuen Band seiner erfolgreichsten Serie demontiert er das von ihm geschaffene Universum und seinen eigenen Mythos ein Stück mehr. Der erste sechsbändige John Difool-Zyklus aus den 80ern war ein Meilenstein des SF-Comics, der auf geschickte Weise eine futuristische Szenerie mit Philosophie und Humor verband, und so etwas ganz Neues schuf, das es so vorher in diesem Genre noch nicht gegeben hatte. Der zweite Zyklus, der die Jugend des späteren Privatdetektivs der Klasse R erzählte – und nicht mehr von Moebius gezeichnet wurde –, war schon mehr oder weniger überflüssig. Mit dem Auftaktband von „Nach dem Incal“ war Moebius selbst unzufrieden, und nun startet Jodorowsky diesen dritten Zyklus noch mal von vorne, mit anderem Zeichner, aber fast identischer Handlung. Leider hat er zu der von ihm erfundenen Welt schon lange nichts Interessantes mehr zu sagen. Ein Beweis dafür, dass es besser ist, auf dem Höhepunkt seines Schaffens aufzuhören.
Der letzte Incal 1 – Die vier John Difool
Alexandro Jodorowsky & Ladrönn / 64 Seiten / Softcover-Album / 4farbig / Egmont Ehapa / 12 €
Zitat des Tages
"Okay, alle Trekkies mögen die Enterprise. Sie ist für uns so etwas wie Silver, das Pferd des Lone Rangers oder die T.A.R.D.I.S. von Doctor Who oder frisches Weißbrot unter Nutella... Trotzdem verfallen wir nicht in ekstatische Verzückung, wenn wir zehn unendlich lange Minuten zusehen müssen, wie die Enterprise ausparkt."
Claudia Kern in der neuen "Space View" über den ersten Star Trek-Film "Star Trek - The Motion Picture". Genau getroffen!
Sonntag, April 26, 2009
Lieblingsfilme revisited (I): "Arizona Dream"
Der einzige Film, den Emir Kusturica in den USA gedreht hat, ist auch sein bester: "Arizona Dream" von 1992. Einer der seltenen Filme, bei denen alles stimmt: Die Handlung deckt alle Gefühle ab, von irrsinnig komisch über nachdenklich bis tief bewegend. Visuell und musikalisch stimmt alles: grandiose Bilder wie z.B. ein brennender Baum im strömenden Regen vor einem mit Lichterketten beleuchteten Haus, surreale Elemente wie ein Fisch, der immer wieder durch Landschaften und Straßen fliegt/schwimmt, dazu der Soundtrack von Kusturica-Stammkomponist Goran Bregovic, der hier eine seiner besten Arbeiten abgeliefert hat, und Iggy Pop singt den Titelsong. Vor allem hat der Film aber eines der besten Schauspielerensembles, die ich je in einem Film versammelt gesehen habe: Johnny Depp, hier noch ganz jung, als junger Mann zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, Faye Dunaway und Lilli Taylor als psychotisches Mutter-Tochter-Paar, Jerry Lewis in der einzigen ernsthaften Rolle, in der ich ihn je gesehen habe (obwohl er auch herrliche Slapstick-Momente bekommt) und dann ist da noch der ebenfalls noch sehr junge Vincent Gallo als selbstverliebter Jungschauspieler, der ständig irgendwelche Dialoge aus Kultfilmen aufsagt. Jede Rolle ist perfekt besetzt, jeder dieser Schauspieler könnte einen Film in der jeweiligen Rolle alleine tragen.
Ein magischer Moment, eine unvergessliche Szene, reiht sich an die andere:
- die lustigste Suizidversuch-Szene aller Zeiten, wenn Grace (Lilly Taylor) sich während des Abendessens an einem Kronleuchter erhängen will, während Paul (Vincent Gallo) seelenruhig seine Spaghetti weiter essen will
- die Cornflakes-Szene, in der Axel (Johnny Depp) die Eifersuchtsattacken von Grace ignoriert und seine Flakes auch noch mit den Fingern weiter isst, nachdem diese ihm die Milch über den Kopf geschüttet hat
-Axel kommt zum Entschluss, das es besser wäre, die unglückliche Grace zu erschießen und diese bringt ihn dazu, mit ihr Russisches Roulette zu spielen
- in der nächsten Szene wechselt die Stimmung von Dramatik zu absurder Komik, wenn Paul bei einer Talentshow die Flugzeug-Szene aus "Der unsichtbare Dritte" nachspielt und niemand im Publikum das nachvollziehen kann
- während Grace ihren nächsten Suizidversuch plant, sitzt Paul mit nacktem Oberkörper und einem Stück Kuchen vor dem Fernseher und betet die Szene aus dem "Paten" mit, in der Pacino sich von seinem unglückseligen Bruder Fredo lossagt
"Mein Vater sagte immer, die Arbeit sei wie ein Hut. Und selbst, wenn du keine Hose anhättest, müsstest du dich nicht schämen, wenn du die Straße runtergingest, solange du noch deinen Hut auf dem Kopf hättest."
"Obwohl ich den Geruch des Rasierwassers von Onkel Leo liebte, wusste ich, dass ich nie werden wollte wie er. Aber wie kannst du dem Helden deiner Kindheit etwas ausschlagen?"
Abschließend noch eine Bekanntgabe: Ich erkläre Vincent Gallo hiermit offiziell zum besten Schauspieler der Gegenwart.
Samstag, April 25, 2009
Kino ist die beste Erziehung: David Gilmours "The Film Club"
Die Unlust des kanadischen Teenagers Jesse an der Schule wird immer größer, seine Noten immer schlechter. Da zieht sein geschiedener Vater die Notbremse und macht seinem Sohn ein ungewöhnliches Angebot: Er kann von der Schule abgehen, braucht sich keinen Job zu suchen und auch keine Miete bezahlen, um bei ihm zu wohnen. Er muss sich dafür lediglich verpflichten, drei Mal in der Woche gemeinsam mit seinem Dad einen Film anzugucken - den der Vater aussucht. Ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann.
In Deutschland wird ja alles als Roman
verkauft, was eine durchgehende Handlung hat. Dieses Buch des
kanadischen Schriftstellers David Gilmour - nein, es ist nicht der Pink
Floyd-Musiker -, das auf Deutsch merkwürdigerweise "Unser allerbestes
Jahr" heißt, obwohl sich die Handlung über drei Jahre erstreckt,
scheint eher eine autobiographische Erzählung zu sein. Bei der
deutschen Übersetzung hat der Verlag nicht nur aus dem Titel, sondern
auch aus dem Klappentext jeden Hinweis auf das Thema Film verbannt.
Warum, ist mir ein Rätsel. Denn gerade das macht das Buch für mich als
Filmliebhaber interessant. Gilmour, der u.a. als Filmkritiker und
Fernsehautor gearbeitet hat, weist seinen pubertierenden Sohn langsam,
aber clever in die Filmgeschichte und die Kunst, Filme richtig zu
sehen, ein. Das von ihm zusammen gestellte Programm beinhaltet
Klassiker ebenso wie Mainstreamfilme, Nouvelle Vague ebenso wie Pulp
Fiction, neben den besten auch einige der schlechtesten Filme, die je
gedreht wurden (Verhoevens "Showgirls" z.B.). Langsam wird der Sohn,
der zunächst antriebslos vor sich hin lebt, zu einem wahren
Kinoexperten und schließlich selbst zu einer Art Künstler, Rapper
nämlich. Während die gemeinsamen Filmabende mit seinem Vater ihnen
Gelegenheit geben, über Intimes und Alltägliches zu sprechen, über die
Qualen des Liebeskummers und die Gefahren des Kokains. Das Kino lehrt
halt doch die besten Lektionen über das Leben.
Die Handlung an und für sich ist leider etwas banal: Ein Teenager weiß nicht, wohin mit seinem Leben, ein Vater versucht, ihn ohne Druck auf den richtigen Weg zu lenken. Zwischendurch gleitet Gilmour öfter mal vom eigentlichen Thema ab und schreibt über seine eigene Zukunftsangst als freiberuflicher Autor, was zwar nicht uninteressant ist, aber von der eigentlichen Geschichte ablenkt. Ein besonders literarischer Schreiber ist er leider auch nicht, sofern ich das mit meinem Schulenglisch beurteilen kann. Über das Niveau eines reinen Unterhaltungsromans kommt er nur an wenigen Stellen hinaus. Am witzigsten sind meist seine Gedanken (und die seines halbwüchsigen Sohnes) zu den Filmen. Auch wenn man Gilmours Ansichten nicht immer teilen kann, so bieten diese oft recht kurzen Betrachtungen doch genügend Anstöße, selbst noch einmal über die behandelten Filme nachzudenken: Was macht Spielbergs Erstling "Duel" so spannend, wann war Jack Nicholson am besten, wieso war Truffaut derjenige Nouvelle Vague-Regisseur, dessen Filme am besten gealtert sind? Hatte Hitchcock ein ungesundes Verhältnis zu seinen Hauptdarstellerinnen, gibt es in "Pulp Fiction" wirklich keine einzige Szene, die ein menschliches Gefühl ausdrückt? Und warum ist Clint Eastwood der größte von allen?
Man kann "The Film Club" als subtile Einführung in die Filmgeschichte lesen, als alternativen Erziehungsratgeber (antiautoritär nannte man das wohl früher) - oder als nostalgisch-melancholische Erinnerung eines Vaters, dessen Sohn langsam erwachsen wird und seiner Obhut entwächst. Aber der das Glück hatte, mit dem Sohn in einem Alter, in dem die meisten Kinder längst ihre eigenen Wege gehen, viele kostbare Stunden mit diesem teilen zu können - und sei es vor dem heimischen Fernsehgerät, mit einer DVD im Player.Donnerstag, April 23, 2009
Woody Allen auf Österreichisch: Jan Schüttes "Bis später, Max!"
Der jüdische Schriftsteller Max Kohn, der in Wien geboren ist, aber seit Ewigkeiten in New York lebt, geht auf die 80 zu. Das hindert ihn aber nicht daran, ständig hinter wechselnden Frauen her zu sein. Obwohl zuhause seine langjährige Lebensgefährtin wartet, die desöfteren zu Recht vor Eifersucht kocht. Eine Lesereise ist ein willkommener Anlass, mal wieder die Gedanken schweifen zu lassen und sich auf das eine oder andere amouröse Abenteuer einzulassen. Von denen manche aber nur in der Phantasie stattfinden.
Chercher la femme könnte das Leitmotiv dieses Episodenfilms sein, der drei Kurzgeschichten des Literaturnobelpreisträgers Isaac B. Singer miteinander verknüpft. Während Otto Tausig in der Rahmenhandlung das Alter ego Singers spielt, der auf seiner Zugreise nach und durch New England mit leeren Publikumsreihen, aufmerksamkeitsheischenden Literaturdozenten und Autogrammsammlern und lausigen Hotelzimmern konfrontiert wird, und der dank seiner Trotteligkeit und Alltagsunfähigkeit auch mal ohne Reisetasche und Geld in einer fremden Stadt strandet, agiert er auch in den beiden eingestreuten Geschichten, die Max während seiner Reise korrigiert bzw. schreibt. Dabei verweben sich die "Realität" der Rahmenhandlung und die Fiktion der Kurzgeschichten Max Kohns. Figuren und Ereignisse seiner Reise finden sich in seinen Erzählungen wieder.
Oft erinnern die amourösen Verwicklungen, der trocken-sarkastische Humor Kohns und auch das Setting zwischen New York und Provinzunis an Woody Allen-Filme. Nur dass Schütte leider etwas die Schlagfertigkeit und Pointendichte besserer Allen-Filme abgeht. Manchmal weiß man auch einfach nicht, worauf er eigentlich hinaus will. So endet die erste Film-im-Film-Geschichte nach zunehmend skurriler werdenden Ereignissen urplötzlich im Nichts, ebenso wie die Rahmenhandlung unerwartet einfach aufhört, ohne wirklich zu einem Ende gelangt zu sein. Am überzeugendsten ist die dritte Kurzgeschichte "Old Love" umgesetzt: Ein alter Witwe lebt schon lange alleine in einem Apartement in L.A. Eines Tages stellt sich seine neue Nachbarin bei ihm vor. Nach anfänglicher Befangenheit entdecken beide schnell viele Gemeinsamkeiten und beginnen, ihre gemeinsame Zukunft zu planen. Schlagartig wird dem Witwer bewusst, wie einsam er all die Jahre gewesen ist. Doch von einem Moment auf den anderen kippt die Stimmung, die attraktive Nachbarin verweist ihn der Wohnung und stürzt sich kurz darauf von ihrem Balkon; der Mann wird alleine bleiben. Aber vielleicht wird er deren Tochter aufsuchen, die ein Jahr in der kanadischen Wildnis lebt - wie die junge Frau, die Max vor seiner Abreise in seinem Stammcafé getroffen hat -, und mir ihr über den gemeinsamen Verlust sprechen, und darüber, warum es so merkwürdig ist, das Leben, "warum wir alle hier sind und warum wir irgendwann gehen müssen".
"Bis später, Max!" ist mal wieder ein Beispiel dafür, wie schwer es kleine, ambitionierte Filme haben, überhaupt noch ihren Weg auf die Leinwand zu finden. Jan Schütte ist ja kein Unbekannter, 1994 drehte er den wunderbaren Emigrantenfilm "Auf Wiedersehen, Amerika", ebenfalls mit dem Wiener Schauspieler Otto Tausig in der Hauptrolle. Sein neuer Film lief hier in Düsseldorf genau zwei Wochen, in einem kleinen Kino, nur in der Nachmittagsvorstellung und im englischen Original mit Untertiteln (obwohl es, soweit ich weiß, eine deutsche Fassung gibt). Die meisten Leute werden ihn, wenn überhaupt, dann nächstes Jahr auf arte sehen können oder spätnachts in irgendeinem Dritten. Dabei hat der Film trotz aller dramaturgischen Schwächen mehr Charme als ein Großteil der 08/15-Filme, die sonst auch in Arthouse-Kinos so läuft. Aber so wie Max Kohn nicht mehr ganz in unsere Zeit zu passen scheint, so ist wohl auch ein langsamer, unspektakulärer Geschichtenerzähler wie Jan Schütte selbst fürs Programmkino-Publikum schon zu altmodisch.
Sonntag, April 19, 2009
Paris, die Frauen und das einfache Leben: "Quiet Days in Clichy" als dänischer Film
Die 1970er Verfilmung von Henry Millers "Stille Tage in Clichy" ist ein ideales Beispiel dafür, dass viele der User, die in der imdb Filme bewerten oder kommentieren, nicht unbedingt viel Ahnung vom Kino haben. 5,7 ist dort die Durchschnittswertung für den dänischen, aber auf Englisch gedrehten Film. Das ist für die imdb ein ziemlich schlechter Schnitt (Claude Chabrols Neuverfilmung des Romans von 1990 schneidet aber noch einen Punkt schlechter ab: 4,7). In den Kommentaren ist dann zu lesen, der Film sei furchtbar, weil er keine Handlung habe und außerdem habe er nicht viel mit Millers Vorlage zu tun.
Gerade letzteres kann ich nun überhaupt nicht nachvollziehen; mMn hält sich der Film sehr eng an den Roman. Den ich allerdings auch nicht als Roman bezeichnen würde. Es ist eher eine Ansammlung kurzer Episoden aus Millers Zeit im Paris der 20/30er Jahre. Dabei geht es - wie eigentlich immer bei Miller - hauptsächlich um ein Thema: Sex. Hauptlebensinhalt des jungen Schriftstellers war die Suche nach der nächsten Frau, mit der er ins Bett steigen konnte, wobei relativ egal war, ob es sich um eine Prostituierte oder eine Geliebte handeln würde. (Die Grenzen bei ihm waren auch immer fließend.) Daneben geht es dann noch um existentielle Probleme wie die Suche nach etwas Essbarem (das wenige Geld, das er hat, gibt er lieber für Frauen aus, irrt danach hungrig durch die Stadt, um schließlich leicht verschimmelte Essensreste aus dem heimischen Abfalleimer zu fischen) und dem Schreiben als Beruf(ung).
Die Handlung an sich ist wirklich kaum vorhanden und im Grunde auch egal. Worum es Miller (und den Machern des Films) geht, ist das Feiern des einfachen Lebens. Was kann es Schöneres geben als einen Tag ohne Sorgen, eine Flasche Wein, ein Laib Brot, ein guter F***, so oder so ähnlich sagt Millers Alter ego, der Schriftsteller Joey, der sich mit seinem französischen Kumpel Carl die Wohnung und öfter auch die Frauen teilt, es einmal. Joey bewundert die Sorglosigkeit der 15-jährigen Colette, einem Mädchen, das von Zuhause weggelaufen ist und das die Freunde in ihrer Wohnung aufnehmen, immer in Angst, dass deren Eltern oder die Polizei hereinschneien. Das Mädchen ist zwar dumm wie Brot, aber kann den ganzen Tag alleine durch die Stadt schlendern, ohne dass es ihm langweilig würde. Daneben sind Buch und Film natürlich auch eine Liebeserklärung an Paris, was im Film noch besser rüberkommt als in der Vorlage: die leuchtenden Reklamen der großen Boulevards, die kleinen Gassen und Treppen, die Cafés und Restaurants, der Blick von oben auf die City.
Stilistisch ist der Film eine Mischung aus Nouvelle Vague und Porno. Schwarz-weiß, Jump Cuts, laienhafte Schauspielerei, optische Spielereien wie das Einblenden der Gedanken Joeys in Schriftform. Die nörgelnden imdb-User haben das vermutlich nicht verstanden, aber das Ganze ist natürlich gerade keine Stümperei, sondern alles sehr bewusst eingesetzt. Auch dass eine Freundin der beiden Protagonisten ausgerechnet die "Herald Tribune" in den Straßen von Paris verkauft (wie Jean Seberg in "Außer Atem" ), ist sicher kein Zufall. Sehr schön ist die Musik von Country Joe McDonald, dessen Songtexte teilweise auch die Handlung erzählen oder kommentieren. Dass der Film nicht in den 30ern spielt, sondern in der Gegenwart seines Entstehens, drückt sich dann später im Auftritt einer Rockband mit E-Gitarre aus.
Der Film ist sicher nicht jedermanns Sache, auch Feministinnen werden hieran wahrscheinlich wenig Freude haben. Aber das kann man schlecht dem Film vorwerfen, so ist das eben mit Henry Miller. Der Film versucht nicht mehr und nicht weniger, als Millers Lebens- und Schreibstil für die Leinwand zu adaptieren. Und das gelingt ihm recht gut, wenn die Originalität sich auch mit der Zeit abnutzt, so dass es im letzten Drittel etwas redundant und langatmig wird. Aber auch das ist im Roman nicht anders, nur dass es im Medium Film vielleicht stärker auffällt.
Mittwoch, April 15, 2009
Zitat des Tages
Übers Filme gucken:
"...the second time you see something is really the first time, You need to know how it ends before you can appreciate how beautifully it's put together from the beginning."
David Gilmour: "The Film Club" (über das Buch schreib ich bestimmt noch mal was, wenn ich's ausgelesen habe)
Dienstag, April 14, 2009
Das Vorbild für "Third Watch"!?
Und ich dachte immer, "Third Watch" wäre die erste Serie gewesen, die sich um Rettungssanitäter und Feuerwehrleute dreht. Bis ich beim Saturn eine DVD-Box dieser Serie gesehen habe, die in den 70ern wohl auch in Deutschland lief. Klingt wie eine Mischung aus TW und ER. Nur Cops sind keine dabeiSamstag, April 11, 2009
Drogenverherrlichung des Tages
Now I'm out of prison, I got me a friend at last
He don't steal or cheat or drink or lie
His name's codeine, he's the nicest thing I've seen
Together we're gonna wait around and die
Townes van Zandt, "Waiting around to die"
Der Mann, einer der größten Singer/Songwriter der letzten Jahrzehnte, starb 1997 im Alter von nur 52 Jahren. Allerdings nicht an Drogen, die er reichlich genommen hatte, sondern an den Folgen einer Hüftoperation. Laut Wikipedia soll er auch manisch-depressiv gewesen sein. Entweder war er während des Konzerts, das auf dem Album "Absolutely Nothing" mitgeschnitten vorliegt, gerade in einer manischen Phase oder er schaffte es irgendwie, während seiner Konzerte der Krankheit zu entfliehen. Jedenfalls reißt er da zwischen den Songs ständig lockere Sprüche, lacht über seine eigenen Gags und erzählt sogar zwei längere Witze. Die Songtexte sind allerdings oft von einer erschütternden Hoffnungslosigkeit, nicht nur in dem oben zitierten Song. Es finden sich auch Textzeilen wie "Es lohnt sich eh nicht mehr zu kämpfen". Neben Johnny Cash ist dieser Sänger ein weiterer Beweis dafür, dass Country Music nicht immer reaktionäre Dudelmusik sein muss.
Dienstag, April 07, 2009
Geschäftsmodell für Minderheiten: "64'er" mit Diskette
Vor einiger Zeit kam mir mal die Idee, eine unbesetzte Nische auf dem Zeitschriftenmarkt wäre doch eine C64-Zeitschrift mit beigelegter 5 1/4-Zoll-Diskette. Keine CD-ROM, keine DVD, wie das jede zweite PC-/TV- und sonstige Zeitschrift macht, nein, eine gute alte, labberige, riesengroße Floppy Disc. Ideal wäre natürlich, wenn man dafür noch die Titelrechte an der "64'er" bekommen würde und das Ding mit Original-Schriftzug wieder auf den Markt bringen würde.
Passend dazu habe ich gestern im Retro-Magazin erstaunt erfahren, dass die "64'er" erst Ende 1996 eingestellt wurde und danach noch eine Weile als Faltblatt plus Diskette, die der "PC Go" beilagen, weiterlebte. Ich hätte gedacht, die Zeitschrift sei spätestens 1992 eingestellt worden, eher früher. Der Grund, warum ich sie danach nicht mehr wahrnahm, war einfach: Sie wurde nur noch an Abonnenten verschickt. Die letzten Jahre hatte das Heft wohl nur noch 50 Seiten Umfang und fusionierte 1996 mit der "Magic Disk Klassik", einem Nachfolgeheft der "Magic Disk 64", die übrigens ein reines Diskettenmagazin war, d.h. die ganze Zeitschrift fand sich auf einer Diskette. Die Homepage der "64'er" ist übrigens immer noch online, Stand 1998, gefühlte Computer-Steinzeit.
Meine Idee kam leider auf zwei Partys nicht besonders gut an. Allgemeines Urteil: Zielgruppe zu klein, der Enthusiasmus hielt sich in Grenzen. Wo sind denn diese ganzen C64-Geeks, die sich angeblich auf Trödelmärkten für zwei Euro einen "Brotkasten" als Geschenk für Freunde kaufen oder sich einen C64-Laptop bauen oder so lange rumlöten, bis man eine CD-ROM in ihren 64er stecken (und der diese auch lesen) kann oder die ihren C64 so umbauen, dass sie mit ihm ins Internet können? (Internet? Was ist das denn für Teufelszeug? Wir haben damals von Btx geträumt!)
Naja, nicht so tragisch, meine Lieblings-Computerzeitschrift war eh die "ASM".
Montag, April 06, 2009
Zwischen Inzest und Wahnsinn: David Cronenbergs "Spider"
Knapp 30 Jahre nach "Shivers", nämlich 2002, drehte Cronenberg in England die Romanverfilmung "Spider". Ralph Fiennes spielt hier einen Psychiatriepatienten, der probeweise aus der Klapse in ein betreutes Wohnheim umziehen darf, das in seiner Heimatstadt liegt. Obwohl der Mann absolut nicht gesellschaftfähig ist; er lebt in seiner eigenen Welt. In seinem Kopf geht er noch einmal die Ereignisse seiner Kindheit durch, die dazu geführt haben, dass er in der Anstalt endete. Scheinbar hat damals sein Vater seine Mutter getötet, um Platz für seine Geliebte zu schaffen. Aber hat es diese Frau überhaupt gegeben?
Was für ein Kontrast zu Cronenbergs Debütfilm: Schon im Vorspann steckt wahrscheinlich mehr Geld als im ganzen "Shivers". Wo jener nicht viel Wert auf Bildgestaltung und Szenerie legte, ist dieser Film in jeder Szene schön arrangiert und ausgestattet. Wo jener alles explizit erklärte, arbeitet "Spider" nur mit Andeutungen, mit Erinnerungen eines Geisteskranken, von denen wir nie wissen können, inwieweit sie der Wahrheit entsprechen. Wo die Darsteller damals nur rudimentär agierten, brilliert Fiennes hier an der Grenze zum Overacting. Wo es damals um in erster Linie körperliche Vorgänge ging (auch wenn diese den Geist völlig ausschalteten), steht hier die Psychologie im Mittelpunkt. Trotzdem hat mir "Shivers" mehr Freude bereitet.
Ich mag Filme, die am Ende alles über den Haufen werfen, was man bis dahin geglaubt hat, die mit den Erwartungen der Zuschauer spielen, um sie am Ende zu zertrümmern. Bei "The Machinist" hat das beispielsweise hervorragend funktioniert. Schwierig wird es schon, wenn man den Film nicht verstehen kann, ohne ihn mehrmals gesehen, den Audiokommentar gehört oder eine Abhandlung darüber gelesen zu haben. Das ist etwa bei "Donnie Darko" oder "Memento" der Fall. In diese Kategorie gehört auch "Spider". Das Filmende eröffnet verschiedene Interpretationsmöglichkeiten des zuvor Gesehenen, auf deren plausibelste ich nicht gekommen wäre, wenn ich nicht die Diskussionen in der imdb gelesen hätte. Das ist natürlich faszinierend, aber auch irgendwie unbefriedigend. Ein bisschen so, als halte sich der Regisseur für schlauer als seine Zuschauer. Auch ist der Film etwas langatmig erzählt, wenngleich es interessant ist, wie sich die Kindheit der Hauptfigur nach und nach enthüllt - oder eben doch nicht.
Wie (fast) immer bei Cronenberg ist das Thema wieder der Sexualtrieb - und wie dieser den Menschen zerstören kann (man denke nur an "Die Fliege", "Crash", ja und auch "Shivers", von Filmen wie "Rabid" oder "Crimes of the Future", die ich noch nicht kenne, ganz zu schweigen). Cronenberg gehört definitiv zu der Handvoll Regisseuren, die seit Jahrzehnten immer wieder den gleichen Film drehen, in den verschiedensten Genres und Variationen, ähnlich wie David Lynch. Die Virtuosität und Bandbreite, mit der er dies tut, vom billigsten B-Horrorfilm bis zum aufwändigen psychologischen Drama, macht ihn sicherlich zu einem der interessantesten Regisseure der Gegenwart, vor allem was das Genrekino betrifft.
They came from within: David Cronenbergs Langfilmdebüt "Shivers"
Ich kann mit Horrorfilmen normalerweise wenig anfangen. Irgendwie versteh ich den Zweck des Genres nicht ganz. Die meisten Horrorfilme, die ich kenne, finde ich weder gruselig noch lustig, höchstens unfreiwillig. Den ganzen Hype um "The Ring" kann ich z.B. überhaupt nicht nachvollziehen. Im Düsseldorfer Filmmuseum läuft seit Monaten eine David Cronenberg-Retrospektive. Da ich den für einen interessanten Regisseur halte, wollte ich mir da letzten Monat eigentlich mindestens einen von drei interessant klingenden Filmen ansehen, hab's dann aber wegen der Flut guter aktueller Kinostarts doch kein einziges Mal geschafft. Aber zum Glück befindet sich gleich um die Ecke von mir ja die beste mir bekannte "Programmvideothek" (komisches Wort, heißt eigentlich nur, dass es da alles gibt, was es in normalen Videotheken nicht gibt, also Kunstfilme, Trashfilme, Klassiker, HBO-Serien und dänische Originalfassungen
); und die haben so ziemlich alles von Cronenberg.
"Shivers" aka "Der Parasitenmörder" aka "Parasites" aka "They came from within" (der letzte Titel gefällt mir besonders gut) war der erste abendfüllende Spielfilm des Kanadiers und der erste mit einem richtigen Budget, nachdem er vorher nur zwei halblange Underground-Filme und einige TV-Arbeiten gedreht hatte. Dafür ist er erstaunlich gut. Die Story ist in den frühen Cronenberg-Filmen immer sehr ähnlich. Hier geht es um einen (verrückten) Wissenschaftler, der einen Parasiten züchtet, der die Menschen von ihrer sexuellen Verklemmung "heilen" soll, "eine Mischung aus einem Aphrodisiakum und einer Geschlechtskrankheit", wie sein ahnungsloser Assistent nach seinem Tod und dem Durchblättern seiner Unterlagen entsetzt feststellt. Diesen hat er einer 12-jährigen (!) Schülerin eingepflanzt, die daraufhin zu einem Sexmonster mutiert ist und mit mehren Dutzend Männern aller Altergruppen geschlafen zu haben scheint. Dadurch hat sich der Parasit epidemiehaft vermehrt. Denn beim Liebesakt, auch beim Küssen, werden Ableger von Körper zu Körper übertragen. Nach und nach werden so alle Bewohner einer auf einer Insel gelegenen Luxus-Wohnanlage zu willenlosen, sexbessesenen Zombies, die nur von einem Trieb gesteuert werden: mit möglichst vielen Menschen Sex zu haben, um die Parasiten zu verbreiten. Nur der Arzt der Wohnanlage erkennt schrittweise das ganze Ausmaß der Epidemie und versucht verzweifelt, sie aufzuhalten.
Was klingt wie ziemlicher Trash, ist erstaunlich gut gemacht. Splatter, Grusel und humoreke Einlagen halten sich die Waage, ohne dass es wirklich unfreiwillig komisch wird. Tatsächlich sind die witzigen Szenen wohl auch so gedacht gewesen. Wenn sich z.B. eine Rentnerin im Kittel in einen aufgebretzelten männermordenden Vamp verwandelt, ist das schon ziemlich lustig. Jenseits des Horrors funktioniert das Ganze natürlich auch als Allegorie auf sexuell übertragbare Krankheiten und die Gefahr, die vom Sexualtrieb ausgehen kann, wenn er nicht mehr durch menschliche Ratio kontrolliert wird. Die Darstellung der sexuellen Handlungen hätte der Katholischen Kirche vermutlich gar nicht gefallen, die Aussage vielleicht umso mehr. Erstaunlich ist, wie freizügig Cronenberg im Jahr 1975 mit Sex umging: angefangen bei der 12-jährigen Schülerin über homosexuellen Verkehr zwischen Männern und Frauen bis zu einem etwa achtjährigen Mädchen, das ebenfalls mit dem Parasiten infiziert wird und sich daraufhin gleich küssend auf den nächstbesten Erwachsenen stürzt. Klar, das kann alles mit dem "Virus" erklärt werden, aber in den USA wäre so eine Handlung vermutlich völlig unvorstellbar gewesen. Da musste das Ganze in Filmen wie "Alien" Jahre später schon wesentlich stärker verschlüsselt werden. Wobei Cronenberg hier die ganze Metapher des hinter der Bauchdecke pulsierenden Fremdwesens schon vorwegnimmt.
Im auf der DVD beigefügten Interview erzählt er dann auch - neben anderen recht lustigen Anekdoten, z.B. dass er seine Hauptdarstellerin vor Szenen, in denen sie weinen musste, immer ohrfeigen musste -, dass ihn nach einer Vorführung auf dem Filmfestival Hof einmal ein Zuschauer entbost anmachte, er hätte ja ganz schön bei Ridley Scotts "Alien" geklaut. Cronenberg wies ihn darauf hin, sein Film sei doch einige Jahre vor Scotts entstanden. Woraufhin der Zuschauer meinte: "Then we know who the thief was!". "Shivers" ist ein fast mustergültiges Beispiel dafür, wie man mit fast keinem Budget, mit Laienschauspielern und einem völlig unerfahrenen Regisseur (beim ersten Produktionsmeeting hatte Cronenberg keine Ahnung, was all diese Leute, die um den Tisch saßen und von ihm Anweisungen erwarteten, eigentlich für Aufgaben hatten) einen guten Film machen kann - wenn man kreativ ist und eine Vision hat.
P.S.: Die Dame oben in der Badewanne wird gerade von einem Parasiten belästigt, der ganz ohne Geschlechtsverkehr in ihre Vagina kriecht. Noch besser ist nur noch dieses italienische Filmplakat, das dann auch wirklich gar nichts mehr mit dem Inhalt des Films zu tun hat:
Sonntag, April 05, 2009
Literatur aus dem Pott: "Bitterschlag" feiert Vereinsgründung mit einer Lesung
Ruhrgebietsautoren vor dem Auftritt: Ludger Otten, Thorsten Küper, Christian Spließ (gegen d. Uhrzeigersinn)
Auf den ersten Blick erfüllt Duisburg-Meiderich am Sonntagmittag doch einige der verbreitetsten Ruhrgebiet-Klischees: Mindestens drei Männer mir Bierflaschen in der Hand begegnen mir auf dem Weg vom U-Bahnhof zum "Parkhaus Meiderich", einer davon sitzt am Rand des Bürgersteigs, ein Bier in der Hand, eine halb leere Flasche Cola vor ihm auf dem Boden. Viel zu sehen ist auf der Straße, an der er sitzt, nicht. Der ganze Stadtteil wirkt um diese Tageszeit ziemlich tot. Umso lebendiger und vielschichtiger geht es innen im Veranstaltungsraum des "Parkhaus" zu: Sieben Blogger und Hobbyautoren aus Duisburg und Umgebung lesen heute anläßlich der Gründung des Vereins "Bitterschlag" aus ihren Texten. Ihre Themen reichen von Magersucht als Mittel zur Gewichtsreduktion über Quantenphysik bis zu Science-Fiction.
Thomas Meiser
Der Ende vergangenen Monats gegründete Duisburger Verein hat sich zum Ziel genommen, Ruhrgebietsliteratur zu fördern - Bücher von Autoren aus dem Ruhrgebiet will er veröffentlichen und Lesungen organisieren, mit einem Schwerpunkt auf Texten über das Leben im Ruhrgebiet. Neben Blogtexten, die vor dem Verschwinden im Datenorkus gerettet werden sollen, soll auch "Kneipenliteratur, Literatur aus der Kneipe, Literatur für die Kneipe und so weiter" zum Abdruck kommen, wie Vereins-Mitgründer Markus Becker in seinem Blog schreibt. Zurzeit befindet sich "Bitterschlag" noch in der Gründungsphase, die Eintragung ins Vereinsregister steht noch aus. Auf Mitgliederversammlungen soll danach entschieden werden, welche Bücher der Verein herausbringen wird. "Uns war wichtig, dass es basisdemokratisch zugeht", erklärt Becker, "natürlich würde es mich freuen, wenn wir auch mal ein Buch von mir verlegen, aber das sollen die Mitglieder entscheiden." Er rechnet mit spannenden Diskussionen auf den Versammlungen. "Vielleicht wird es sogar eine Art Plädoyers für einzelne Autoren geben."
Markus Becker
Markus Becker bloggt unter dem Namen Flusskiesel; auch die meisten anderen der Vorleser führen ein eigenes Weblog, manche produzieren auch Podcasts. So erstellt Ansgar Schwarzkopf regelmäßig einen Podcast über Neheim, eine kleine Stadt im Sauerland. Auffallend hoch ist die Lehrerdichte unter den Autoren. Außerdem fehlt leider mal wieder eine Frau auf der Bühne - wie so oft, wenn sich Blogger treffen. "Es gibt übrigens nicht nur ältere Männer mit Bart, die bloggen", fühlt sich dann auch Thorsten Küper berufen, das Publikum aufzuklären, "es soll sogar bloggende Frauen geben." Küper schreibt unter anderem Science Fiction-Geschichten. Heute liest aber lediglich Christian "Prospero" Spließ aus einer fantastischen Erzählung. Er präsentiert seinen Fantasy-Roman "Ranulf O'Hare - Artefakte der Apokalypse" um einen Dämonenjäger im Auftrag der Katholischen Kirche.
Christian Spließ
Samstag, April 04, 2009
Kann man sich auch nur als SchriftstellerIn erlauben
... so einen Talkshowauftritt, wie den Alexa Hennig von Lange bei Grissemann und Stermann hingelegt hat. War die nun bekifft, völlig überdreht von der zehnstündigen Bahnfahrt nach Wien (ich war nach einer Bahnfahrt nach Graz auch völlig fertig, aber nicht so lustig) oder ist die etwa immer so drauf?
Dazu passt eigentlich ein Zitat von Bodo Kirchhoff zu einem ganz anderen Thema: "Ich merke nichts von der Krise. Der Schriftsteller ist immer in der Krise."
Donnerstag, April 02, 2009
ER: Abschied auf Raten
Wäre es nicht eh die letzte Staffel und wüsste ich nicht, dass in den verbleibenden Folgen noch etliche der längst ausgeschiedenen Stammcharaktere noch mal wieder auftauchen, wäre die gestern von Pro Sieben ausgestrahlte ER-Folge die letzte gewesen, die ich mir angeschaut hätte. Mit Abby Lockhardt hat sich die letzte verbliebene Hauptfigur verabschiedet, die noch in der Lage war, die Handlung zu tragen, mit der man als Zuschauer noch wirklich mitfühlen und miterleben konnte (Luka Kovac tauchte ja bereits in der 14. Staffel nur noch sporadisch auf und hatte in der Abby-Abschiedsfolge nicht mal mehr Text). Kein 08/15-Seriengirlie, sondern eine starke Frau, die doch immer wieder unter Selbstzweifeln und Suchtproblemen litt. Unkonventionell, "total verrückt", wie eine Patientin sie gestern bezeichnete, aber liebenswert. Der letzte Charakter, der auch noch über eine Vorgeschichte, einen familiären Hintergrund, kurz über ein Leben verfügte. Man kannte ihre Mutter, ihre Probleme mit dem Alkohol, hatte mitverfolgt, wie sie von der Arzthelferin und Krankenschwester erst zur Medizinstudentin, dann zur Ärztin und schließlich zur Oberärztin wurde.
Während man von anderen Charakteren, die seit Jahren dabei sind, nicht viel mehr weiß als aus welchem Land sie ursprünglich kommen. Ich mag Neela, aber weiß irgendjemand, wie ihre Familie von Indien nach England gekommen ist und warum sie dann in Chicago gelandet ist? Weiß irgendjemand etwas über ihre Religion, ihre Hobbys oder was sie in ihrer Freizeit macht? Die Zeit, in der die Autoren in Charakterentwicklung investierten, scheint schon lange vorbei zu sein. Greene, Ross, Carter, Hathaway, auch Kovac und eben Lockhardt waren noch Individuen, mit familiärem Hintergrund und einem Leben außerhalb der Notaufnahme. Der aktuelle Cast besteht aus austauschbarem Klinikpersonal, das nur für den Beruf zu leben scheint.
Bei den beiden ersten Folgen der neuen Staffel dachte ich bloß, mein Gott, ist ER schlecht geworden. Der Tod von Pratt war so unglaublich unrealistisch, die Dialoge bei der Trauerfeier so hölzern und kitschig, dass ich mich fragte, ob hier überhaupt noch jemand von den alten Autoren und Produzenten beteiligt war. Die darauffolgende Folge, in der die Notaufnahme evakuiert werden musste, hatte die gleiche Ausgangssituation wie eine der besten Folgen überhaupt (aus der vierten Staffel), war aber nur belanglos und lustlos inszeniert. Die Figuren waren mir völlig egal, auch sonst kam keinerlei Spannung auf. Wenn man das mit den ersten Staffeln vergleicht, ist das ungefähr so als würde man Six Feet Under mit GZSZ vergleichen. Mit "Das Buch Abby" haben die Autoren nun bewiesen, dass sie es noch können, wenn sie denn wollen. Die Folge war ein würdiger, in sich stimmiger Abschluss von Abbys Entwicklung. Die zugleich klar machte, wie schwer ihr Abgang für die Serie ins Gewicht fällt. Für die Altfans gab es einige schöne Anspielungen auf längst ausgeschiedene Figuren. Eigentlich wäre diese Folge ein schöner Abschluss für die Serie gewesen. Stattdessen muss ich mich die nächsten Wochen wohl durch einige belanglose Folgen quälen, bevor dann Dr. Greene und das Dreamteam Carter & Benton zurückkehren.
Mittwoch, April 01, 2009
Ich glaubte, ich seh nicht recht
Da hatte ich doch neulich erst noch Vincent Gallo gelobt, dass er absolut kompromisslos sein Ding durchzieht, ohne auf den kommerziellen Erfolg seiner Filme zu achten, und ein paar Wochen später blickt er plötzlich von jeder zweiten Straßenbahnhaltestelle herunter. Als Werbemodel auf den H&M-Plakaten. Naja, von irgendwas muss auch ein Vincent Gallo ja seine Rechnungen bezahlen...Dienstag, März 31, 2009
Zwischen David Lynch und John Steinbeck: "Carnivàle"
Ronald D. Moore ist kurz davor, John Wells als meinen Lieblings-Showrunner/Executive Producer abzulösen. Dass er vor BSG an DS9 beteiligt war, hatte mir Prospero schon mal erzählt. Er schrieb aber auch die Drehbücher zu den Star Trek-Filmen 7 und 8, "Generations" und "First Contact", sicherlich nicht die schlechtesten Trek-Kinoabenteuer. Und dann war da noch "Carnivàle", eine HBO-Serie von 2003-2005, die wohl nie den Weg auf deutsche Fernsehschirme finden wird. Auch auf DVD gibt es sie bei uns noch nicht. Dabei gehört sie zu den innovativsten und interessantesten neuen Serien der letzten Jahre.
Wer "Twin Peaks" mochte, wird "Carnivàle" lieben. Nicht nur, weil der rückwärts sprechende Zwerg aus Lynchs Serienklassiker hier endlich einmal eine Serienhauptrolle spielen darf (hätte ich auch nicht gedacht, noch weniger, als ich gedacht hätte, dass Edward James Elmos jemals eine Serienhauptrolle bekommen würde), nicht nur, dass es viele Mystery-Elemente und dunkle Geheimnisse gibt. Auch das Figurenensemble erinnert stark an die Einwohnerschaft der Kleinstadt, in der das Grauen schlummerte. Irgendwie hat hier jeder eine Macke, aber trotzdem bilden sie in ihrer Gesamtheit sowas wie eine sympathische Großfamilie. Ähnlich wie andere HBO-Serien wie "Sopranos" oder "The Wire" ist auch "Carnivàle" eine Ensembleserie. Hier ist das Ensemble aber deutlich bei "Freaks" entlehnt: die Belegschaft eines Wanderzirkus' besteht u.a. aus einem blinden Hellseher, einer im Wachkoma liegenden Telepathin, einer bärtigen Frau und - man glaubt es nicht: in einer US-TV-Serie - siamesischen Zwillingen. Auf ihrer Rundreise durch das staubige Oklahoma der 1930er Jahre stoßen die Schausteller auf einen entflohenen Häftling, einen 18-Jährigen mit übernatürlichen Fähigkeiten, der das neueste Mitglied der bunten Truppe wird. Aber es scheint noch etwas anderes Geheimnisvolles dran zu sein an diesem jungen Mann: Immer wieder wird er von sich wiederholenden Albträumen heimgesucht, die im (Ersten) Weltkrieg spielen und in denen er einem Mann begegnet, der in der Gegenwart weit entfernt in Kalifornien lebt: dem Priester Bruder Justin.
Dieser glaubt eines Tages, Gott persönlich hätte zu ihm gesprochen, was zum Beginn einer religiösen Odysee für ihn wird - und ihn in zunehmenden Fanatismus stürzt. Irgendwann wird es zu einem Kampf zwischen Gut und Böse kommen, wie der Zwerg Samson - der eh immer mehr zu wissen scheint als alle Anderen - bereits zu Beginn der ersten Folge in einem Prolog erzählt. Nur wer nun eigentlich in diesem Kampf das Gute und wer das Böse verkörpern wird, der Häftling oder der Priester, das ist alles Andere als klar.
Visuell gehört "Carnivàle" zum Besten, was ich je in einer TV-Serie gesehen habe. Die Bildgestaltung - leider gibt es kein adäquates deutsches Wort für photography - ist einem Kinofilm absolut ebenbürtig. Erzählerisch ist die Serie typisch HBO, d.h. laaaangsam. Trotzdem wird sie nie langweilig, dazu sind die Charaktere zu skurril, die Handlungswendungen zu absurd und dramatisch, die Dialoge zu gut. Und die Schauspieler zu erstklassig: Nick Stahl beweist als Häftling Ben Hawkins, wie unterfordert er in "Terminator 3" wirklich war, Clancy Brown, der den Bruder Justin spielt, fand ich schon in "Earth 2" hervorragend, wobei er hier eine wesentlich größere Bandbreite zeigen darf, Clea DuVall, deren Gesicht man aus vielen Serien- und Filmrollen kennt (u.a. spielt sie eine FBI-Agentin in "Heroes" ), wenn auch nicht ihren Namen, ist als Sofie einfach süß und Michael J. Anderson als Samson ist - nun, er ist einfach unbeschreiblich.
Das Milieu, in dem "Carnivàle" spielt, dürfte eines der ungewöhnlichsten der Seriengeschichte sein. Ein Wanderzirkus zur Zeit der Depression, darauf muss man auch erst mal kommen. (Ein Zirkus ist das Ganze gar nicht, sondern eher eine fahrende Kirmes, also eine, wo alle Schausteller zusammen reisen. Gibt es dafür ein angemessenes deutsches Wort?) Die Skurrilität der "abnormen" Schausteller und ihrer magisch-mystischen Welt wird kontrastiert durch die harte soziale Realität der Armen und Hungernden, der Arbeitslosen und Tagelöhner, die teilweise aus anderen Staaten nach Oklahoma kommen, auf der Suche nach einer Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber damals wie heute waren Arme eher ungern gesehen. In diesen Szenen fühlt man sich unweigerlich an John Steinbecks Romane erinnert, an "Früchte des Zorns" vor allem. Und dann ist da noch die Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus - was für eineThemenvielfalt. Leider endet das ganze nach zwei Staffeln und 24 Folgen - und anscheinend mit einem Cliffhanger (scheint Clancy Browns Schicksal zu sein, immer in Serien mit unaufgelösten Cliffhangern zu spielen). HBO war zwar mal wieder sehr mutig, aber das Publikum goutiert das leider nicht immer. Ohne die US-Pay TV-Sender hätte es ein solches Kleinod allerdings nie gegeben.
Der derangierte Hollywood-Star: Jeff Bridges
Ich bin mir ziemlich sicher, hier schon mal was über Jeff Bridges geschrieben zu haben (kann mich auch erinnern, dass Olsen damals einen Kommentar geschrieben hatte), kann aber keinen Artikel finden. Vielleicht war's auch im alten Blog. Nachdem ich am Sonntag beim arte-Themenabend Monster nach 20 Jahren noch mal das Ende vom 1976er "King Kong" gesehen habe, wurde mir wieder bewusst, auf was für eine beeindruckende Filmographie der Mann eigentlich zurückblicken kann. Vieles davon hat ja man ja schon fast vergessen. Das "King Kong"-Remake bspw. ist damals glaube ich total gefloppt. Ich verstehe nicht ganz warum. Der Film ist im Großen und Ganzen besser als der Peter Jackson-Film (jedenfalls die halbe Stunde, die ich jetzt noch mal gesehen habe): keine seelenlosen CGI-Schlachten, sondern ein Riesenaffe, mit dem man mitfühlen kann (das muss man erst mal schaffen, dass man mit einem Monster mitfühlt, das noch dazu von einem Typen in einem Affenkostüm gespielt wird), Drama statt Special Effect-Orgien (bei Jackson wird ja praktisch die ganze letzte halbe Stunde gar nicht mehr gesprochen, sondern nur noch Häuser zertrümmert und rumgeballert) und Jeff Bridges und Jessica Lange haben einfach mehr Ausstrahlung als Brody und Watts, sorry.
Bridges stand damals noch relativ am Anfang seiner Karriere. Von den Filmen davor kenne ich nur "Die letzte Vorstellung", ein Klassiker von Peter Bogdanovich (mit Cybill Sheperd in ihrem Leinwanddebüt!) und "Thunderbolt and Lightfoot", eine Gangstergeschichte mit Clint Eastwood (und einer meiner liebsten Sterbeszenen, wenn Bridges am Schluss im Cabrio die Löffel abgibt - mit einem Grinsen auf dem Gesicht). Im Grunde hatte Bridges zwei Hochphasen in seiner Karriere: Die erste so von 1982 bis 1984, mit "Tron", "Starman" und "Against all Odds" (eher kommerziellen Filmen), die zweite von 1989 bis 1993, wo er etwa fünf Top-Filme hintereinander drehte, angefangen mit "Die fabelhaften Baker Boys", über "König der Fischer" bis "Fearless", einem völlig unterschätzten Meisterwerk von Peter Weir, das bei jedem Anschauen noch besser wird. (Kurioserweise spielte er in dieser Zeit in drei von vier aufeinander folgenden Filmen eine Figur namens Jack.) Danach kam noch der unvergessene "Big Lebowski". Dann begab sich die Karriere langsam auf den absteigenden Ast. Über Mittelmaß kam sie danach nicht mehr wirklich hinaus.
Warum hat Bridges nie den Sprung in die A-Liga geschafft? Oder hat er vielleicht doch? Gut, er spielte Hauptrollen in einigen Blockbustern ("White Squall", "Iron Man" ), aber ein Harrison Ford oder Bruce Willis ist er nie geworden. Obwohl er ein wesentlich besserer Schauspieler ist. Vielleicht war er immer eine Spur zu schräg für den ganz großen Mainstream-Erfolg. Es waren immer die etwas derangiert wirkenden Typen, die ihn angezogen haben: der Pianist, der mit seinem erfolgorientierten Bruder durch die Nachtclubs tingeln muss, obwohl sein Herz eigentlich dem anspruchsvollen Jazz gehört, der Yuppie-Radio-DJ, der völlig abstürzt und sich langsam wieder hoch arbeiten muss, der Architekt und Familienvater, der nach einem Flugzeugabsturz aus seinem geregelten Leben herausfällt. Bridges sah zu seiner Blütezeit auch ziemlich gut aus, wirkte smart und sexy. Aber da war auch immer so eine Spur von Melancholie, von Weltfremdheit, von Abseitigkeit. Eine Spur von Verlierer. Bridges war meist der Außenseiter, der zwischen bürgerlicher Fassade und Sturz in den Abgrund pendelte, der eben noch obenauf und in der nächsten Szene schon ganz unten angekommen sein konnte.
Dieses Jahr wird Jeff Bridges 60 Jahre alt. Eine lange Zeit ist vergangen, seit er in der "Last Picture Show" den jugendlichen Träumer gab. Was für eine Karriere.
Nachtrag: Der alte Artikel über Bridges war tatsächlich in meinem ersten, sich inzwischen nicht mehr im Netz befindlichen Blog (myblog hat glaube ich pleite gemacht?). Und zufälligerweise hat die waybackmachine genau in der Woche meine damalige Seite gecrawlt, als der Artikel auf der Startseite stand. Zum Vergleich: Here it is. (Tja, da hab ich doch damals teilweise mit anderen Worten schon genau dasselbe gesagt wie letzte Woche.)
Ein unterschätzter Schauspieler ist Jeff Bridges, der gestern in "K-Pax" zu sehen war. Der Film selbst ist eher durchschnittlcih, wenn auch nett anzusehen. Gerettet wird er vor allem durch Kevin Spacey, der sowieso fast immer genial ist, und eben durch Bridges, um den es in den letzten Jahren ruhig geworden ist. Ende der 80er, Anfang der 90er hat er in einigen wirklich bemerkenswerten Filmen die Hauptrollen gespielt: "Die fabelhaften Baker Boys", "König der Fischer" und, ebenfalls völlig unterschätzt, "Fearless", ein Film, der mit jedem Ansehen besser wird. Aber auch als ganz junger Mann hatte er schon tolle Rollen, in Bogdanovichs "Last Picture Show" natürlich und in "Thunderbolt und Lightfoot" an der Seite von Clint Eastwood (wo er eine der skurrilsten Sterbeszenen gibt, die ich kenne). Irgendwie wirkt Bridges meistens ein bisschen neben der Spur, so als wäre er mit seinen Gedanken ganz woanders. Seine Figuren sind meist Außenseiter oder Typen, die durch irgendwelche traumatischen Erlebnisse aus der Bahn geworfen wurden. Dafür ist er die Idealbesetzung. Zum ganz großen Star hat's irgendwie nie gereicht. In den vergangenen Jahren taucht er dann in solchen Schmonzetten wie "Seabiscuit" oder eben "K-Pax" auf, die aus den typischen Zutaten gemixt sind, die der Oscar Academy immer so gut gefallen. Schade eigentlich.Sonntag, März 29, 2009
Der meist unterschätzte Regisseur Deutschlands: Dominik Graf
Einer der ganz großen deutschen Regisseure der Gegenwart, den man durchaus in einem Atemzug mit Wim Wenders nennen kann, der allerdings wesentlich weniger Anerkennung bekommt, ist Dominik Graf. Letzteres liegt wohl daran, dass Graf hauptsächlich fürs Fernsehen arbeitet. Außerdem dreht er im Gegensatz zu Wenders, Akin oder Tykwer in erster Linie Genrefilme. Vor allem Thriller, Polizei- und Gangstergeschichten aller Art haben es ihm angetan. "Die Katze", "Die Sieger", "Der Skorpion", "Eine Stadt wird erpresst" - einige der besten TV-Thriller, die das deutsche Fernsehen je hervorgebracht hat, gehen auf seine Rechnung. Dazu kommen Meisterwerke wie "Kalter Frühling" und ambitionierte Kinofilme wie "Der Rote Kakadu". In diversen Interviews und Zeitungsartikeln (ähnlich wie früher Wenders oder Nouvelle Vague-Filmemacher wie Truffaut und Godard schreibt auch Graf gerne über Filme, u.a. in der FAZ) hat er immer wieder betont, dass ihn Kunstfilme eigentlich nicht interessieren, dass er das Genrekino liebt. Mit diesen Filmen ist er aufgewachsen (vor allem natürlich mit amerikanischen Thrillern und Gangsterfilmen). In diesem Segment hat auch er selbst eine Nische gefunden. Eine, die sonst kaum ein ernstzunehmender deutscher Regisseur in dieser Regelmäßigkeit und Qualität bedient. Gerade die klaren Regeln des Genrefilms faszinieren ihn, bieten sie doch die Möglichkeit innerhalb der vorgegebenen Grenzen ungewöhnliche Figuren und Geschichten zu präsentieren, Dialoge, die der Zuschauer nicht erwartet, stilistische Mittel, die er von der genretypischen Ästhetik her nicht gewohnt ist. Es scheinen diese kleinen Grenzverschiebungen zu sein, an denen Graf die größte Freude empfindet.
Da kann es vorkommen, dass in dem Zuhälterdrama "Hotte im Paradies" eine Hure anfängt, während einer Fahrt im Porsche-Cabrio melancholisch herum zu philosphieren: "Irgendwie find ich das komisch, 'n Mensch zu sein. Manchmal versteh ich das Leben nicht, einfach zu viel von allem." Da können mitten in einem Polizeithriller plötzlich psychedelische Drogenerfahrungen visualisiert werden wie in "Der Skorpion", und ein konventionell beginnender Kriminalfilm wie "Eine Stadt wird erpresst" kann sich langsam zu einer gesellschaftpolitischen Auseinandersetzung mit der Abwicklung der DDR-Wirtschaft entwickeln. Wenig ist in Grafs Filmen so, wie es auf den ersten Blick scheint, die wirklich interessanten Themen liegen immer unter der Oberfläche der Geschichte. Ein großer Verdienst des Regisseurs ist es, dass seine Filme trotzdem fast nie gekünstelt oder anstrengend wirken, sondern meistens auch als Unterhaltungsfilme wunderbar funktionieren. Dazu ist er viel zu sehr Handwerker, mit jahrzehntelanger Erfahrung, vom "Fahnder" in der 80ern bis zu "Tatort"-Klassikern mit Schimanski und Batic/Leitmeyer ("Frau Bu lacht" ). Gerade dreht Graf in Berlin seine erste eigene Krimiserie "Im Angesicht des Verbrechens". Man kann davon gar nicht genug erwarten.
"Die Katze" war Grafs erster großer Kinoerfolg, schon längst ein moderner Klassiker. Götz George will mit der Hilfe seiner Geliebten, Gudrun Landgrebe, die mit einem Bankdirektor verheiratet ist, dessen Bankfiliale überfallen. Aber natürlich geht alles schief und die Femme Fatale spielt ein doppeltes Spiel. Selten hat es einen so guten Thriller in deutscher Sprache gegeben. Ähnliches kann man auch über "Die Sieger" sagen: Herbert Knaup als Chef einer Spezialtruppe der Polizei, Verrat in den eigenen Reihen, aufwändige Actionszenen in den Alpen. Am Ende ist die Truppe dezimimiert, Freunde sind zu Feinden geworden, einige mussten mit ihrem Leben bezahlen. Eine große Tragödie im Gewand eines Action-Thrillers. Leider floppte der Film an den Kinokassen; es sollte acht Jahre dauern, bis Graf mit dem experimentellen "Der Felsen" wieder einen Kinofilm drehen konnte. In "Der Skorpion" schaffte er es, eine Krimihandlung mit einem Vater-Sohn-Konflikt und der ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen einem Polizistensohn und einer Pornodarstellerin zu verbinden.
In "Eine Stadt wird erpresst" brechen alte Ost-West-Konflikte wieder auf, als ein ostdeutscher Kommissar ein ganzes Dorf verdächtigt, die Stadt Leipzig mit Bombenattentaten erpresst zu haben. Der West-Vorgesetzte wirft ihm vor, noch immer die falsche politische Gesinnung zu haben, ebenso wie ein Einwohner des ehemaligen DDR-Dorfes, der ihn dafür verantwortlich macht, vor der Wende den Mann, der seine Tochter getötet hat, aus politischen Gründen unbestraft gelassen zu haben. Die Dorfbewohner fühlen sich vom neuen Staat übervorteilt und vergessen, nachdem der Braunkohleabbau gestoppt wurde. So wird die kriminelle Tat zur kollektiven Auflehnung gegen ein als ungerecht empfundenes Regime. Alte Feinde erkennen, dass sie mehr miteinander gemein haben, als sie dachten. Aber das Gesetz des Genres erfordert auch, dass nur einer von beiden überleben kann. Solche Storys werden sonst nur in den USA verfilmt, dort aber meistens ohne den gesellschaftspolitischen Hintergrund.
Wie in anderen Filmen Grafs sind Gut und Böse auch hier nicht eindeutig bestimmbar. So wie der Lude Hotte auch nur ein wenig Glück sucht, so wie die Kommissare im "Skorpion" oder in den "Siegern" zwischen ihren Ehefrauen und ihren Geliebten schwanken, so wie Jessica Schwarz in "Kalter Frühling" ein perfides Spiel betreibt und doch nur ihr Stück vom Kuchen abhaben will. Gerne arbeitet Graf mit denselben Schauspielern zusammen: Herbert Knaup, Heinz Hoenig, Matthias Schweighöfer, Jessica Schwarz. Sein neuer Lieblingsschauspieler scheint seit einigen Jahren aber Misel Maticevic zu sein. Aber auch typische Fernsehschauspieler wie Heiner Lauterbach oder Elmar Wepper blühen unter seiner Regie regelrecht auf, wohl weil er in ihnen etwas entdeckt, was die 08/15-Regisseure der TV-Filme und Serien nicht entdecken, in denen sie sonst so auftauchen.
Einmal hat Graf sich für ein seelenloses Mainstreamprojekt hergegeben: den Trio-Film "Drei gegen Drei". Danach hat er aus diesem künstlerischen (und wirtschaftlichen) Desaster gelernt und nur noch Filme gedreht, hinter denen er stehen konnte. Auch wenn die meisten davon sich in der Nische TV-Film, oft in der Schublade TV-Thriller/-Krimi befanden: Selten hat jemand aus einer Nische heraus ein so vielschichtiges, schillerndes Gesamtwerk aufgebaut.Freitag, März 27, 2009
"Earth 2" und das Vorbild für Gaius Baltar
Eine der unterschätztesten (und besten) Sci Fi-Serien wird gerade dienstags auf Eins Festival wiederholt: "Earth 2". Diese von Spielberg produzierte Serie von 1994 kam leider nicht über die erste Staffel hinaus. Aus heutiger Sicht völlig unverständlich, hat doch die ungefähr gleichzeitig produzierte Spielberg-Serie "Sea Quest DSV" mehrere Staffeln bekommen, obwohl sie deutlich schlechter war, und vor allem wesentlich weniger originell. "Earth 2" hatte hingegen einen interessanten Ansatz, abseits der üblichen Space-Opern, die ja meistens auf irgendeinem Raumschiff oder wahlweise auf einer Raumstation spielen. Raumschiffe gab es hier eigentlich nur in der Pilotfolge (und in einigen Rückblenden), der Rest der Handlung spielt auf einem erdähnlichen Planeten, in freier Natur. Die Gefahr kommt hier nicht von irgendwelchen Aliens (obwohl die einheimischen Terraner streng genommen natürlich auch welche sind), sondern von der unbekannten Natur, von einem anderen gestrandeten Erdling - und häufig aus der Gruppe selbst heraus. Die Terraner sehen zwar menschenähnlich aus, haben aber eine komplett andere Wahrnehmung und Kommunikation, verständigen sich telepathisch statt verbal. Und oft genug stellen sich vermeintliche Bedrohungen letztendlich als Hilfen oder Rettung dar. So heilt der Planet den schwer kranken Sohn der Kommandantin, der ekelerregende Speichel der Grendler-Monster ist ein Heilmittel gegen einen tödlichen Virus und auch die bedrohlich wirkenden Terraner sind oft Retter in der Not. Wahrscheinlich war das 1994 alles zu progressiv, und die Leute wollten lieber einen alternden Captain sehen, der zusammen mit seiner Crew und einem Delfin die Weltmeere bereist. Weshalb die Serie dann nach 21 Folgen mit einem Cliffhanger endet, der nie aufgelöst wurde.
Nachdem ich jetzt noch mal einige Folgen gesehen habe, ist mir aber aufgefallen, dass auch Ronald D. Moore "Earth 2" gesehen haben muss. Denn eine der Hauptfiguren wirkt wie die Vorlage für Gaius Baltar aus der BSG-Neuauflage: Morgan Martin, ein Regierungsbeamter, der nur an sich selbst denkt (und an seine Frau, muss man fairerweise sagen), überängstlich und eitel ist. Und als wäre das nicht genug, hat der Schauspieler, John Gegenhuber, auch noch eine auffallende Ähnlichkeit mit James Callis alias Dr. Baltar. Na ja, es ist ja nicht verkehrt, bei guten Vorbildern zu klauen.
Earth 2, zzt. dienstags um 21 Uhr 15 bei Eins Festival (Doppelfolgen)
Dienstag, März 17, 2009
Kleine Comic-Schau (I): Die amerikanischen Briten und ihre Graphic Novels
Auf besonderen Wunsch im Comicforum schreibe ich also hier mal was über Comics. Und um alle zu überraschen auch noch über amerikanische, wobei jetzt wahrscheinlich wieder die Diskussion losgeht, ob Comics, die jeweils zwei Briten für einen US-Verlag gezeichnet haben, amerikanische Comics sind oder britische. Antworten zu dieser weltbewegenden Frage finden sich hier in den Kommentaren.
Watchmen - Die Wächter (Alan Moore & Dave Gibbons): Nein, ich habe den Comic immer noch nicht komplett gelesen, und werde das in absehbarer Zeit auch nicht tun. Aber ich hab mir noch einmal den Band 4 der alten Carlsen-Ausgabe zu Gemüte geführt, der 15 Jahre unberührt in meinem Regal stand. Und ich muss sagen: Er gefiel mir wesentlich besser, als ich ihn in Erinnerung hatte, und vor allem wesentlich besser als der Film. Die Story ist ja größtenteils dieselbe. Wo diese im Film aber relativ konventionell erzählt wird, wenn auch mit vielen Rückblenden, zieht Moore doch noch die eine oder andere Metaebene ein, die im Film dann gnadenlos rausgestrichen wurden. So wirkt der Comic wesentlich komplexer. Außerdem ist die Gewaltdarstellung dort viel reduzierter. Wo Snyder immer schön mit der Kamera draufhält, werden die Morde und Massenschlägereien im Comic nur angedeutet. Auch ist die Erzählweise Moores wesentlich zurückgenommener, nicht so auf vordergründige Effekte getrimmt. Langsam verstehe ich, warum er nicht wollte, dass sein Name im Vorspann erwähnt wird (wollte er allerdings auch bei all seinen anderen Verfilmungen nicht, wobei ich "V wie Vendetta" durchaus dem Comic ebenbürtig fand): Man beachte, dass dort tatsächlich nur steht "Nach der Graphic Novel, co-created und gezeichnet von Dave Gibbons". Der hat nämlich nicht auf seinen Credit verzichtet.
Womit ich immer noch nicht warm werde, ist der Zeichenstil von Gibbons; der ist mir einfach zu konventionell. Und die Kolorierung zu quietschbunt. Das soll zwar alles Absicht sein, weil man wohl eine subversive Story im traditionellen optischen Gewand präsentieren wollte. Mir gefällt aber der Ansatz des folgenden Comics viel besser:
Batman: Arkham Asylum (Grant Morrison & Dave McKean): Noch zwei Briten, noch ein Dave. Panini Deutschland hat den 20 Jahre alten Klassiker noch einmal neu als Softcover aufgelegt. Ein Comic, den ich schon seit über 15 Jahren lesen wollte, jetzt ist er endlich zu einem angemessenen Preis erhältlich (14,95 € ). Dafür bekommt man eine der radikalsten Batman-Storys aller Zeiten, die sich im Bruch mit sämtlichen Beschränkungen des Genres und des Charakters wohl nur mit Frank Millers "The Dark Knight returns" messen lässt. Ist Millers Grafik aber relativ konventionell, ist McKean ja gerade dafür bekannt, eher Collagen zu zeichnen/basteln als Comics im herkömmlichen Sinn zu zeichnen. So ist auch hier fast jedes Bild ein eigenständiges Kunstwerk, was dem Folgen der Handlung etwas abträglich ist. Dafür wird man mit lauter abstrakten Meisterwerken entschädigt. Batman ist meist nur ein dahin gestrichelter dunkler Schatten, der Joker dafür ein detailliert gemalter Fleisch gewordener Albtraum.
Morrisons Story ist mindestens so gewagt wie die Zeichnungen: Er verwebt die Lebensgeschichte des Gründers der berüchtigten Arkham-Irrenanstalt mit einem Aufstand der Insassen in der Gegenwart. Batman kämpft in den klaustrophobischen Gemäuern gegen den Wahnsinn - den der eingesperrten Psychopathen wie Joker und Two-Face, aber auch seinen eigenen. Amadeus Arkham war ursprünglich ein Idealist, der der Geisteskrankheit Rationalität entgegensetzen wollte, verlor aber nach dem bestialischen Mord an seiner Familie selbst den Verstand. Die Fragen, die Morrison aufwirft, sind nicht wirklich neu: Ist der Geisteskranke verrückt oder reagiert er nur angemessen auf eine verrückte Gesellschaft? (Die These hat auch schon Foucault aufgestellt, glaube ich.) Kann die Psychiatrie psychisch Kranke heilen oder macht sie diese erst richtig verrückt? Und natürlich: Ist Batman nicht auch selbst ein Psychopath? Wie er diese Fragen behandelt, hat man allerdings in dieser Radikalität in einem Comic noch nie gesehen. Dabei schreckt er auch nicht vor Anspielungen auf die Rezeptionsgeschichte der Batman-Serie zurück. So unterstellt der Joker diesem mehrmals, ein verkappter Homosexueller zu sein, der eine pädophile Neigung zu Robin hat.
Ich hab ja neulich schon mal geschrieben, dass ich es viel radikaler finde, einen allseits bekannten Superhelden zu verwenden und diesen zu dekonstruieren, als eine subversive Geschichte mit neu erfundenen Superhelden zu erzählen. Man muss DC eigentlich Respekt dafür zollen, dass sie es immer wieder zugelassen haben, dass Autoren wie Morrison oder Miller ihre Mainstream-Figur Batman völlig auseinandernehmen. Bei Marvel ist mir so etwas nicht bekannt. Über "Arkham Asylum" kann ich nur sagen: Wenn schon ein radikaler Superhelden-Comic, dann auch bitte richtig radikal wie hier.
P.S.: Dave McKean hat 2005 seinen ersten langen Spielfilm gedreht, geschrieben zusammen mit seinem alten Buddy Neil "Sandman" Gaiman (noch ein Brite): "Mirror Mask". Einen Trailer gibt es hier. Und tatsächlich scheint es McKean sehr gut gelungen zu sein, seine einzigartige Optik in das Medium Film umzusetzen. (So perfekt kannte ich das bisher nur von Enki Bilal, aber das wäre ein anderes Thema.)
Montag, März 16, 2009
Projekte
Früher hatten Menschen einen Beruf und/oder eine Familie. Heute haben viele nur noch Projekte. Bis vor ein paar Jahrzehnten ergriff man nach der Schule einen Beruf, den man dann meistens bis zur Rente ausüben musste. Wenn man Glück hatte, war dieser Beruf gleichzeitig Berufung, bei der überwiegenden Zahl der Leute war er einfach irgendetwas, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreitern konnten. Dann kam das, was Ulrich Beck vor 20 Jahren die Risikogesellschaft nannte: Fortan war zwar jeder seines eigenen Glückes Schmied, aber nur, solange das Glück auch mitspielte.
Den Begriff "Bohèmien" gibt es zwar schon seit dem 15. Jahrhundert, und seit Puccini (oder spätestens seit Kaurismäki) wissen wir auch in Deutschland ungefähr, was er bedeutet. Aber massenhaft besetzen die am Rande des Existenzminimums lebenden Akademiker, Künstler und Internet-Arbeiter unsere Straßencafés wohl erst seit einigen Jahren. Seit wir uns von der Industrie- in die Postindustriegesellschaft entwickelt haben. Seit wir alle keine Anstellung fürs Leben mehr haben, sondern unterschiedlich erfolgreiche und verschieden lang andauernde Projekte. Meine Band, mein Buch, meine Webseite. Auch eine Beziehung ist heute ein Projekt, ein Kind auch und eine Familie ist dann sozusagen ein Langzeitprojekt.
Und dann muss man all diese verschieden wichtigen Projekte auch noch unter einen Hut bekommen! Julia Franck regte sich gestern im ZDF-Nachtstudio auf, die männlichen Schriftsteller hätten's gut, sie als Frau müsse sich ja tagsüber um die Kinder kümmern und hätte deswegen nicht ständig Zeit zum Schreiben. Bodo Kirchhoff regte sich vor ein paar Tagen in "Literatur im Foyer" auf, heute schreibe jeder TV-Moderator einen Roman, als er angefangen habe, sei Schriftsteller noch ein richtiger Beruf gewesen. Er mache das seit 30 Jahren professionell, Romane schreiben. Da könne er über so Leute wie Charlotte Roche (oder Sarah Kuttner, die neben ihm am Tisch saß
nur lachen, die auch mal eben so ein Buch schrieben.
Ich muss mir jetzt mal das Buch von Lobo und Friebe besorgen: "Wir nennen es Arbeit". Vielleicht steht da auch drin, wie man denn von seinen ganzen Projekten endlich auch leben kann. Und wenn nicht, gibt's da auf jeden Fall das Kapitel zu "Die Währung Anerkennung Respekt". Eine Bekannte meiner Mutter hat mal gesagt: "Die Sowieso, die 40 Jahre einen Beruf hatte, hat erzählt bekommen, jemand habe einen neuen Job. Da hat die gefragt: 'Wie, Job? Warum gehst du nicht richtig arbeiten?'".
Titelschutz
Hiermit beantrage ich Titelschutz für folgende Titel:
"Talent zum Unglücklichsein" - für einen Roman
"Dschalalabad" und "Mazar-i-sharif" - für eine TV-Serie, für die ich auch schon eine Idee hätte (mehrere Berufsgruppen in einer afghanischen Stadt: Ärzte und Pfleger an einem Krankenhaus, US-Soldaten auf einem Stützpunkt, vielleicht noch die afghanische Polizei; erstere flicken die Zivilisten wieder zusammen, die die Amis angeschossen haben; letztere versucht, das Ganze aufzuklären - im Grunde also Third Watch in Afghanistan, nur mit Soldaten
)
Sonntag, März 15, 2009
Die Langsamkeit der Wirklichkeit: Wie HBO das Erzählen im Fernsehen revolutioniert hat
Mit einigen wenigen Ausnahmen wurden die besten TV-Serien der letzten 10 Jahre alle von den beiden US-Pay TV-Kanälen HBO und Showtime produziert: Mit den "Sopranos" fing es bei HBO an, es folgten "Six Feet Under", "Angels in America", "Rom", "The Wire" und "Carnivale" sowie bei Showtime "Dead like me", "Weeds", "Californication" und "Dexter". Alle diese Serien haben Gemeinsamkeiten, die sie von den Serien der werbefinanzierten US-Sender unterscheiden, z.B. dass in ihnen offen geflucht werden darf, dass sie sich bei Sexszenen nicht mit schamhaften Abblenden und Andeutungen beschränken, dass auch verbal Sex ein explizites Thema ist.
Darüber hinaus gibt es aber auch ganz klare strukturelle Unterschiede zwischen den Showtime-Serien auf der einen und den HBO-Serien auf der anderen Seite: Sind erstere trotz aller Tiefgründigkeit und dem Ansprechen auch ernster Themen wie Tod oder Politik doch immer auch witzig, auf eine skurrile und oft anarchistische Art unterhaltend und in ihrer Dramaturgie nicht allzu weit von anderen TV-Serien entfernt, so sind letztere meist viel zurückgenommener und vor allem wesentlich langsamer im Erzähltempo. Was sie oft auch schwerer zugänglich macht. Gerade in Deutschland war keine der hier gelaufenen HBO-Serien ein Quotenerfolg (von "Sex and the City" mal abgesehen, das ich nicht beurteilen kann, weil ich es nie gesehen habe); einige der besten Serien des Senders sind überhaupt nie im deutschen Free-TV gelaufen und werden es vermutlich auch nie. "Die Sopranos" haben es mit jahrelanger Verspätung noch geschafft, sich auch in Deutschland zur Kultserie zu entwickeln; "The Wire" oder "Carnivale" sind hingegen nur Insidern bekannt.
So unterschiedlich diese drei Serien sein mögen, ebenso wie "Six Feet Under" ist an ihnen zunächst einmal erstaunlich, wie wenig eigentlich in einer Folge passiert, wieviel und wie ausführlich hingegen in ihnen geredet wird. Bei den "Sopranos" kommt es meistens nur einmal pro Folge zu einem Gewaltausbruch, in "The Wire" gibt es nicht einmal in jeder Folge eine Schießerei, Verfolgungsjagd oder Ähnliches, was man normalerweise von einer Krimiserie erwarten würde. Stattdessen: endlose Dialoge, bei "The Wire" auch noch überwiegend in einem krassen Slang, den angeblich nicht einmal die Mehrzahl der amerikanischen Zuschauer ohne Untertitel gänzlich versteht. Diese 60-teilige Serie um den Drogenhandel in Baltimore ist denn auch die Produktion, mit der sich HBO am weitesten vom herkömmlichen Serienkonzept entfernt hat. Nicht mehr eine Handvoll Hauptfiguren steht hier im Mittelpunkt der Handlung, sondern eine schier unünerschaubare Anzahl von Charakteren, und in jeder Staffel werden es mehr, denn jede Staffel stellt eine andere Institution der Stadt in den Mittelpunkt, die alle durch den Drogenhandel miteinander verbunden sind: den Hafen, die Lokalpolitik, die Schulen, die Presse. Dazu kommt natürlich das bleibende Ensemble der Dealer und Polizisten, der Gangmitglieder und Drogenbosse, der Ermittler und Vorgesetzten, der Abhängigen und Angehörigen.
Die Macher verweigern sich jeglicher herkömmlichen Seriendramaturgie; sie scheinen nicht an Action und Fortgang der Handlung interessiert zu sein, sondern eher an der Beschriebung einer komplexen Sozialstruktur, eines kompletten Mikrokosmos innerhalb einer US-amerikanischen Großstadt. Gab es in den "Sopranos" schon keine Helden im traditionellen Sinn mehr, keine Trennung mehr zwischen guten und bösen Charakteren, was für sich genommen schon ein gewagter Bruch mit sämtlichen Traditionen der Gattung war, so geht es in "The Wire" letztlich gar nicht mehr um einzelne Menschen, sondern nur noch um ein System. Die Akteure sind austauschbar - wird ein Gangmitglied verhaftet, wird ein anderer sozial benachteiligter Jugendlicher aus den housing projects, den fast ausschließlich von Schwarzen bewohnten Sozialsiedlungen, rekrutiert; geht ein Polizist in den Ruhestand oder quittiert seinen Job, nimmt ein anderer seine Stelle ein -, das System an sich besteht aber fort: "Rules change. The Game remains the same." lautet dann auch die tagline der dritten Staffel. Inwieweit "The Wire" damit überhaupt noch als TV-Serie funktioniert, als wöchentlich konsumierbare Fortsetzungserzählung, die auf Spannungshöhepunkte und Cliffhanger angewiesen wäre, damit die Zuschauer auch bei der nächsten Folge wieder einschalten, ist eine noch unbeantwortete Frage.
Freitag, März 13, 2009
TV-Tipp: "KDD" ab heute bei arte
arte wiederholt ab heute, 21 Uhr, freitags alle bisherigen Folgen der grandiosen ZDF-Serie "KDD - Kriminaldauerdienst". Los geht's gleich mit dem Pilotfilm und der ersten regulären Folge.Ein aufgeblasenes Brimborium: "Watchmen" - Der Film
Allenthalben wird der "Watchmen"-Comic von Alan Moore und Dave Gibbons ja als einer der besten Comics aller Zeiten gehandelt: komplex, tiefgründig und bahnbrechend in seiner Dekonstruktion des Superheldenmythos. Ich habe vor etwa 15 Jahren mal einen Band der ersten, sechsbändigen deutschen Ausgabe gelesen, den ich damals recht mittelmäßig fand. Ich will mir allerdings kein Urteil über einen Comic leisten, von dem ich nur ein Sechstel kenne.
Die Verfilmung von Zack Snyder wurde auch durchgehend von Kritikern hoch gelobt: Endlich einmal eine kongeniale Comicverfilmung, die der Vorlage weitgehend gerecht wird - das war so der Tenor der Kritiken, die ich gelesen habe. Wie gesagt, inwieweit der Film dem Comic gerecht wird oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Aber der Film war mal wieder ein Beispiel für einen gehypten Blockbuster, der eigentlich nur ein aufgeblasenes Spektakel ist, dessen "tiefere" Aussage man auch in einem Satz hätte zusammanfassen können, ohne dass man dafür etliche Millionen Dollar hätte verbraten müssen. Es gibt kein Gut und Böse, die Grenzen verschwimmen zu Grautönen, das soll wohl eine der unglaublich originellen Aussagen sein. Und dann wird die moralische Frage gestellt, ob es legitim ist, für das Größere Gut eine große Anzahl von Menschen zu opfern. Eine Frage, die auch schon diverse Star Trek-Folgen und wahrscheinlich Dutzende von Sci Fi-Romanen aufgeworfen haben. Und das soll schon bahnbrechend sein?
Die Frage, wie die Gesellschaft reagieren würde, wenn es tatsächlich Superhelden gäbe, hat Frank Miller schon vor dem "Watchmen"-Comic in seinem "The Dark Knight returns" gestellt (und vor ihm schon Autoren wie Neal Adams und Dennis O'Neal in den 70ern). Nur dass Miller dazu einen altbekannten Superhelden, eben Batman, benutzt hat, um diesen total zu dekonstruieren - was seinen Ansatz im Grunde viel radikaler macht. Neu oder nur originell ist an der Story von "Watchmen" also eigentlich gar nichts - und schon gar nicht knapp 25 Jahre, nachdem der Comic raus kam. Im Grunde kommt der Film also schon mindestens 20 Jahre zu spät. Was hat mir eigentlich heute noch der Kalte Krieg zu sagen, was Richard Nixon (der hier übrigens aussieht wie Danny DeVitos Pinguin in "Batman returns" )? Wäre es nicht viel relevater gewesen, einen solchen Film zu machen, der in unserer Gegenwart spielt, im Post-9/11-Amerika?
Obwohl der Film behauptet, etwas ganz Anderes zu sein, ist er teilweise doch nur ein Action- und Special Effects-Spektakel, mit allem, was heute so dazu gehört: Relativ viel völlig überzeichnete Gewalt, die inhaltlich nicht im Mindesten notwendig gewesen wäre (da werden Arme zersägt und Schädel mehrfach mit einem Beil gespalten, dass das CGI-Blut nur so spritzt), gekünstelte und unrealistisch wirkende Kampfszenen mit Zeitlupen und anderem Pipapo und viel gestelztes Geschwafel. Wenn letzteres wenigstens noch ironisch gebrochen wäre, aber darauf deutet leider nichts hin. Ansonsten ist der Film für einen Action-Film viel zu langatmig und für einen anspruchsvollen Autorenfilm einfach viel zu wenig - nun ja, anspruchsvoll.
Wenn ernsthaft jemand der Ansicht sein sollte, das sei ein tiefgründiger Film, über dessen Aussage man lange nachdenken könne, hat dieser jemand einfach noch nie wirklich anspruchsvolle Filme gesehen. Als Unterhaltungsfilm, der nicht ganz so hohl ist wie viele andere, funktioniert er wenigstens zum Teil. Allerdings sorgte das ganze Brimborium, das in der zweiten Hälfte aufgebaut wird, sowie das pathetische Geschwafel von Dr. Manhattan & Co. dann doch dafür, dass ich mich beim Verlassen des Kinos irgendwie verarscht vorkam. Ein Gefühl, das ich in den letzten Jahren bei 90 Prozent der Blockbuster hatte, die ich in einem Multiplex gesehen habe (während ich das gleiche Gefühl eigentlich nie bei Autorenfilmen habe; die finde ich vielleicht manchmal schlecht oder langweilig oder gescheitert, aber selten habe ich das Gefühl, der Regisseur wolle mich manipulieren oder mir etwas als große Kunst verkaufen, was eigentlich nur ein aufgeblasenes Nichts ist).
Kann sein, dass die Story als Comic wunderbar funktioniert. Im Film krankt sie u.a. daran, dass die Superhelden in ihren Kostümen einfach unglaublich albern aussehen. Wie realistisch soll es sein, dass eine junge Frau sich ein Latex-Kostüm mit Reißverschlüssen aussucht, das auch noch einen Teil der Oberschenkel freilässt? Manche der Kostüme wirken, als seien sie original aus der 60er Jahre-Batman-Serie übernommen (und ich meine jetzt nicht die Kostüme in den Rückblenden bzw. der Titelsequenz, die ja bewusst auf altmodisch getrimmt sind). Von den Hauptfiguren funktionieren mindestens zwei überhaupt nicht: Veidt bleibt absolut farblos und uninteressant, Dr. Manhattan ist einfach nur ein nerviger Schwafler. Gut gefallen hat mir hingegen, wie anhand von Rorschach und vor allem dem Comedian das Superheldenimage demontiert wird: Ersterer ist ein Psychopath, der Verbrecher umbringt, letzterer ein zynischer Faschist, der vor gar nichts mehr Skrupel hat und sogar Unschuldige und schwangere Geliebte abknallt.
Völlig misslungen ist auch der Soundtrack. "The Times they are a-changin'" im Vorspann ist ja noch passend, "99 Luftballons" ist zumindest originell und passt in die Zeit. Aber wieso man danach lauter 60s und 70s-Klassiker einsetzt, ist mir völlig unverständlich. Und wer "Hallelujah" in einer Sexszene einsetzt, und dann noch von Leonard Cohen gesungen, den wahrscheinlich Tausende von Paaren als Beischlaf-Begleitung hören, hat entweder einen sehr merkwürdigen Sinn für Humor oder einfach überhaupt keine Ahnung von Stil. Warum man nicht ausschließlich 80er Jahre-Songs verwendet hat, verstehe ich sowieso nicht. Das hätte viel besser zum Zeitkolorit gepasst.
Was bleibt, ist ein zu lang geratener Blockbuster, der sich nicht entscheiden kann, ob er ein bunter Unterhaltungsfilm oder ein ernsthafter Autorenfilm sein will, mit einigen gelungenen Special Effects-Szenen (wie dem Flug von Silk Spectre und Night Owl in dessen Flugmaschine über die Stadt) und einigen netten ironischen popkulturellen und politischen Anspielungen, insbesondere natürlich auf das Superheldengenre (etwa, wenn sich der sich außer Dienst befindliche Night Owl II mit seinem alt gewordenen Vorgänger zum wöchentlichen Bier trifft, um über die alten Zeiten zu paludern). Dass so etwas schon als Meisterwerk gefeiert wird, sagt einiges aus über den Zustand des US-Mainstreamkinos.
Montag, März 09, 2009
Einer der überschätztesten Regisseure aller Zeiten
Immer wieder hoch gelobt und mit wichtigen Preisen dekoriert ist der Österreicher Michael Haneke. Dabei dreht der Mann nur Filme, die entweder interessant, aber völlig unverständlich sind ("Caché", "Code unbekannt" ), uninteressant und völlig langweilig ("Wolfzeit" ) oder aber ärgerlich bis unerträglich ("Funny Games", "Die Klavierspielerin" ). Gut gefällt sich Haneke in der Rolle des brillianten Intellektuellen, der sich den Spielregeln des herkömmlichen Inszenierens von Filmen verweigert und so den Zuschauern einen Spiegel vorhalten will: Seht her, wie leicht ihr euch doch sonst von Filmen manipulieren lasst, aber ich mach da nicht mit. Bei mir gibt es zwar genauso viel Gewalt wie in jedem Actionfilm, aber bei mir wird diese ohne Musik und Special Effects eingesetzt, folgt meistens keinerlei Dramaturgie und ist überhaupt völlig unbegründet. Oh, das ist ja so sophisticated. Was bin ich doch ein cleveres Bürschchen.
In Wahrheit ist die Gewalt in Hanekes Filmen genauso spekulativ wie in einem x-beliebigen Zombie-Film, nur dass der Zuschauer sich überlegen fühlen soll, denn es ist ja immerhin Arthouse-Kino und das will ja keine niederen Instinkte befriedigen. Also sehen wir, wie ein Eindringling grundlos einen Familienvater erschießt oder wie zwei Halbwüchsige grundlos eine Familie tyrannisieren und töten. Und sollen uns denken, wir hätten dadurch etwas gelernt über die Mechanismen des Mediums Film. Dabei unterscheidet sich eine Szene, in der ein Mann sich grundlos ein Schwert in den Bauch stößt wie in "Caché", durch nichts von einer Szene in einem japanischen B-Movie, in der genau dasselbe passiert. Nur dass der Regisseur des B-Movies nicht behauptet, mit seiner Szene irgendetwas anderes zu wollen, als den Zuschauer zu unterhalten - oder zu schockieren um der Unterhaltung willen. Das ist zumindest ehrlich. Bei Haneke ist es pseudo-aufklärerisch. Vielleicht hat er diese billige Attitüde aber auch nötig, weil er gar nicht in der Lage ist, spannende oder sonstwie ansprechende Filme zu inszenieren. Ist aber nur so eine Vermutung.
Sonntag, März 08, 2009
Kampf dem Indie-Spießertum: Die schillernde Welt von Tamla-Motown
Ich muss gestehen, dass sich in meiner Plattensammlung so gut wie keine schwarzen Interpreten finden, von Jugendsünden wie Michael Jacksons "Bad" und Bobby McFerrin sowie einigen Jazz-CDs mal abgesehen. Das liegt weniger daran, dass ich mit Musikrichtungen wie Soul oder Blues nichts anfangen kann. Vielmehr geht es mir damit ähnlich wie mit Jazz: Vieles, was ich zufällig höre, im Radio, in Filmen oder auf Samplern, finde ich großartig, kenne mich aber einfach zu wenig damit aus, um zu wissen, welche Platten ich mir kaufen sollte.
Nun hat mich die großartige Story über 50 Jahre Motown im letzten "Rolling Stone" doch inspiriert, mich mal auf die Suche nach Motown-Künstlern zu machen. Für sowas ist natürlich Last.FM gut. Auf dem Trödelmarkt habe ich dann vorhin zwei LPs erstanden: eine von der wunderbaren Gladys Knight & The Pips und einen Sampler mit dem Titel "Tamla-Motown is hot, hot, hot Volume 2", der sich schon alleine wegen des Covers gelohnt hätte. Darauf finden sich dann Songs einiger der bekanntesten Gruppen und Sänger des Labels: die Four Tops, die Temptations, die Jackson 5, Marvin Gaye, Stevie Wonder - und immer wieder Diana Ross und ihre Supremes, in wechselnden Besetzungen. Insgesamt ein lohnenswertes Album.
Fast durchgehend phänomenal finde ich aber Gladys Knight, von der ich bis letzte Woche nur zwei Lieder kannte: ihren James Bond-Titelsong "License to kill" und ihren wohl größten Hit "Midnight Train to Georgia". Aber die Frau kann im Grunde singen, was sie will. Mit DER Stimme wird fast jeder Song outstanding. Interessant finde ich auch, dass bei dieser Gruppe die Frau im Vordergrund steht und drei Männer (ein Bruder und zwei ihrer Cousins) den Background-Chor geben. Damals wie heute eher ungewöhnlich. "Midnight Train..." ist für mich ein Beispiel eines perfekten Arrangements (abgesehen davon, dass der Song einfach toll ist): das Zusammenspiel von Lead Vocals und Background-Gruppe - besser geht's nicht. Ein Lied, das einem sofort den Tag versüßt. Siehe Video oben (Das US-Fernsehen hatte schon 1974 aufwändige Split-Screens! Man beachte auch die Tanzschritte der Pips im Hintergrund - unglaublich).
Freitag, März 06, 2009
Der Beginn einer TV-Legende: "Tatort: Duisburg - Ruhrort"
Schimanski, der ruppige, ewig pöbelnde und fluchende Proll-Kommissar, der aber das Herz auf dem rechten Fleck hat, ist eine der wenigen mythischen Figuren, die das deutsche Fernsehen hervorgebracht hat. Seit bald 30 Jahren spielt Götz George diese Rolle, immer noch mit sehr guten Einschaltquoten. Schimanski ist für Deutschland, insbesondere für das Ruhrgebiet, längst so etwas geworden wie Robin Hood für England: eine Legende der Popkultur.
Mit dem Tatort "Duisburg - Ruhrort" fing alles an, damals, Anfang der 80er Jahre. Selten hatte eine Auftaktfolge für eine TV-Serie (in diesem Fall eine Subserie) einen derart programmatischen Titel. Noch erstaunlicher ist aus heutiger Sicht, wie es den Drehbuchautoren und Regisseur Hajo Gies schon in den ersten Minuten gelingt, die Figur zu etablieren, den Charakter zu zeichnen, den wir noch heute kennen: Schimanski steht am Fenster seiner Wohnung, das einen beeindruckenden Blick auf Duisburg erlaubt. Er schaltet ein Transistorradio ein, das am Fenster steht, es spielt "Leader of the Pack". Unschlüssig läuft Schimmi nun in seiner Küche herum, räumt eine leere Bierflasche zur Seite, schaut in den Kühlschrank, nimmt zwei Eier heraus, betrachtet die Pfanne, die aber schmutzig ist, stellt sie wieder weg, schlägt die Eier in ein Glas auf - und schluckt die rohen Eier in einem Zug herunter. Was für ein Kerl! Danach schmeißt er die Eierschalen in eine herumstehende Mülltüte, schnappt sich die Tüte, zieht mit der freien Hand umständlich einen Pulli über und verlässt die Wohnung.
Sein Weg führt ihn, vorbei an einer mit Lokalkolorit gesättigten Straßenszene, in seine Stammkneipe, die "Bierschwemme", wo er wohl ständig zu finden ist, wie wir aus einem Telefonat mit dem Polizeipräsidium erfahren. Auch im Rest der Folge, in der es um zwei Morde geht, um einen toten Seemann, der Schlag bei den Frauen hatte (vor allem bei verheirateten) und gegen Ende auch noch um Waffenschmuggel mit der Türkei, was aber alles nur am Rande von Bedeutung ist, sehen wir von Duisburg hauptsächlich dreierlei: den Hafen, runtergekommene Bergarbeitersiedlungen, teils mit Fördertürmen im Hintergrund - und Kneipen. Zugleich sind damit die wichtigsten Schauplätze etabliert, an die der Held auch in den folgenden 30 Jahren immer wieder zurückkehren wird. Die Schimanski-Krimis scheinen so gut wie nie in der Innenstadt zu spielen, sondern fast immer in pittoresken Außenbezirken wie Ruhrort oder Homberg: in industriell geprägten einfachen Wohnsiedlungen, zwischen abgerissenen Häusern und schäbigen Eckkneipen. In letzteren fühlt sich Schimmi besonders wohl, ebenso wie in Imbissbuden. Denn hier trifft man das einfache Volk, Menschen, die sich nicht besonders gut ausdrücken können, die aber ehrlich und authentisch sind. Genauso wie Schimmi selbst.
Über den erfahren wir indes herzlich wenig: Er ist Junggeselle, lässt aber nichts anbrennen, wenn sich eine Chance bietet, er spielt und wettet gerne, er hatte als Jugendlicher eine wilde Zeit in Homberg, wo er aufgewachsen ist (das erfahren wir in einem Nebensatz von einer mit ihm seit damals befreundeten Frau, die heute eine Pommesbude führt), sein einziger richtiger Freund scheint aber ausgerechnet sein überkorrekter und etwas spießiger Kollege Thanner zu sein. Dessen Rolle wird übrigens meistens unterschätzt: Ohne Thanner wäre Schimanski nur die Hälfte wert, wie ein Sherlock Holmes ohne seinen Watson, wie ein Asterix ohne Obelix. Diese beiden so unterschiedlichen Polizistentypen, die trotz aller Konflikte doch bis zum Ende ihres "Tatort"-Runs so eng befreundet bleiben, sind eines der genialsten Duos, die je fürs Fernsehen erfunden wurden. Wie wichtig Eberhard Feiks Figur für die Reihe wirklich war, zeigt sich dann nach seinem Tod, wenn Schimanski alleine klar kommen muss: Es bleibt in den neuen Folgen immer eine Leerstelle.
Immer wieder auffällig ist auch, wie langsam die 80er Jahre-Tatorte inszeniert waren, wie wenig dort im Vergleich zu heutigen Folgen im Grunde passierte: Die Ermittlungen sind eher nebensächlich, die Handlung ist ein Nichts, Action gibt es erst ganz zum Schluss. Die Krimihandlung ist nur der Hintergrund für die Schilderung der Hauptcharaktere und für die einfachen Tragödien, die das Leben der kleinen Leute schreibt: Da träumt ein Seemann vom Sozialismus, wird aber in kriminelle Machenschaften seines Kapitäns hineingezogen; da beschweren sich untreue Ehefrauen darüber, dass ihre Männer doch eh nur in der Kneipe sitzen, und eingehörnter und verlassener Ehemann, eigentlich ein Schwächling, wird einmal im Leben aktiv - was gleich verhängnisvolle Folgen hat.
Zugleich zeichnet dieser fast 30 Jahre alte TV-Krimi ein heute nostalgisch wirkendes Bild einer verlorenen Welt: Die Zechen sind längst stillgelegt, auf Schreibmaschine tippt auch bei der Polizei heute vermutlich niemand mehr, aber Kneipen, die "Wolfsschlucht" heißen oder "Bierschwemme", die gibt es vielleicht immer noch, irgendwo in Ruhrort.Donnerstag, März 05, 2009
Costello, der Crooner: Ein Zitat für Olsen
Jörn Schlüter hält Elvis Costello für einen der besten Sänger aufgrund seiner "einmaligen Balance aus patziger Direktheit, Crooner-Glissando und erbarmungsloser Melodietreue" (aus dem deutschen Rolling Stone, Februar 09). Und da streite noch mal ab, Costello wäre ein Crooner, Olsen.Sonntag, März 01, 2009
Diskriminierung des Tages
"Hartz IV-Empfänger sind ideale Konsumenten, weil sie alles, was sie einnehmen, ausgeben müssen. Von ihnen profitiert auch die Unterhaltungselektronikindustrie. Wer arbeitslos ist, guckt sehr viel Fernsehen, deshalb kaufen die auch viele Fernsehgeräte."
Irgendein Schwachmat im Presseclub. Genau, und wer beim Fernsehen angestellt ist, arbeitet eigentlich gar nicht, sondern wird dafür bezahlt, den ganzen Tag vor der Glotze zu sitzen. Mannmannmann...


