Donnerstag, August 20, 2009

Mikrokosmos Notaufnahme

Wenn die Krankenwagen um die Ecke in den Hof des County General Hospitals einfuhren, die Sanitäter ihre Tragen mit den Patienten entluden und diese dann durch die schwingenden Türen der Notaufnahme geschoben wurden, war man als Zuschauer immer mitten im Zentrum des Geschehens. Hunderte, wahrscheinlich tausend Mal wurde diese Standardszene wiederholt, die trotzdem nie langweilig wurde. Denn so wie jeder Patient eine neue Herausforderung für die Ärzte war, so brachte er auch jedes Mal ein neues Schicksal, eine neue Leidensgeschichte in die Serie, und die immer wieder neue Frage: Wird dieser Patient noch zu retten sein?

Als ER 1994 startete (und ein Jahr später in Deutschland), beendete es die Ära der bis dahin üblichen Krankenhausserien. Ging es in der Schwarzwaldklinik oder in amerikanischen Pendants noch um Halbgötter in Weiß, die von Bett zu Bett wanderten und ihren Patienten mit wohlfeilen Worten Mut spendeten, so begleiteten wir Zuschauer nun Woche für Woche junge Mediziner, die mal ausgebrannt waren und mal frustriert, mal wütend und mal traurig, die desöfteren einen Patienten verloren, andere retteten, die die Eindrücke ihrer Arbeit mit nach Hause nahmen, deshalb auch manchmal Probleme mit ihren Partnern und ihren Familien bekamen, und die sich doch nichts anderes vorstellen konnten, als Tag für Tag diesen Job zu machen. Die Kamera war nicht distanziert, sondern immer nah dran, an den Patienten im Traumaraum und an den Menschen, die sie behandelten. Die Steadycam kreiste scheinbar endlos um das Geschehen rund um den Notfallpatienten, oft folgte sie auch einer Schwester oder einem Arzt durch die Schwingtür in den Nachbarraum, wo zeitgleich ein anderer Patient um sein Leben kämpfte. Das Personal warf sich medizinische Fachausdrücke und Abkürzungen um die Ohren, von denen man nicht einmal die Hälfte verstand. Aber darauf kam es auch nicht an. Denn was man verstand, war, dass es um Menschen ging, um Leben und Tod und darum, wie diejenigen damit umgehen, die täglich damit konfrontiert werden.

Daneben war ER immer auch eine hoch politische Serie: Der Umgang mit HIV-Infizierten wurde ebenso diskutiert wie gesellschaftliche Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Die Ärzte wurden in Afrika mit Bürgerkriegen konfrontiert und als Soldaten oder deren Angehörige mit dem Krieg im Irak. Und immer wieder wurden die Folgen des maroden US-Gesundheitssystems gezeigt, wenn Patienten sich eine lebensnotwendige Behandlung nicht leisten konnten, wenn Alte und Arme auf der Strecke blieben, wenn das Personal Regeln brechen musste, um überhaupt ihren Job machen zu können.

Einige der interessantesten Figuren der TV-Geschichte hat die Serie hervorgebracht, allen voran Mark Greene, den gütigen Oberarzt, der immer versucht, trotz allen Stresses Mensch zu bleiben (und dessen Krebstod zu den bewegendsten Handlungssträngen der Serie gehört) sowie John Carter, der als junger Medizinstudent in die Notaufnahme kommt, zunächst ungeschickt und naiv, der zwischendurch ein karrieregeiler Zyniker wird, später sogar medikamentenabhängig, und der sich doch zu einem guten, erfahrenen Arzt entwickelt. Aber auch starke weibliche Charaktere wie Susan Lewis, Abby Lockhardt und Carol Hathaway, die den männlichen Ärzten oft genug zeigten, dass sie diesen mindestens ebenbürtig waren.

Leider konnte ER die hohe Qualität der ersten acht Staffeln nicht dauerhaft halten. Schaut man sich heute noch mal Folgen aus den frühen Staffeln an und davor oder danach welche aus den aktuelleren, ist es fast, als schaue man zwei verschiedene Serien. Und das liegt nicht nur - wenn auch zu einem großen Teil - daran, dass zwischen der achten und der 15. Staffel die komplette Hauptdarstellerriege ausgetauscht wurde. Es beginnt im Grunde schon damit, dass der alte Vorspann, der perfekt auf die Atmosphäre der Serie einstimmte, irgendwann gegen ein nichtssagendes kurzes Intro ersetzt wurde. Es geht weiter mit der langsameren Erzählweise, wo meistens nicht mehr Dutzende Patienten pro Folge in den ER geschoben wurden, sondern meist nur noch eine Handvoll. Der Fokus verschob sich immer mehr auf das Privat- und Liebesleben der Hauptfiguren, die Patienten wurden oft fast zu Staffage. Spätestens nachdem die neuen Ärzte immer jünger und cooler wurden, hatte man das Gefühl, nur noch einen Abklatsch der inzwischen auch quotenmäßig erfolgreicheren Serie "Grey's Anatomy" zu sehen - was eine Schande ist, wenn man doch bedenkt, dass diese Serie ohne den Erfolg von ER nie möglich gewesen wäre.

In der letzten Staffel gab es zumindest ein Wiedersehen mit einigen schmerhaft vermissten Charakteren. Nicht nur Noah Wyle durfte für die letzten Folgen noch einmal in seine Glanzrolle als Dr. Carter schlüpfen, auch einige Ehemalige, mit denen zum Teil niemand mehr gerechnet hatte - darunter der schon längst verstrorbene Dr. Greene (Anthony Edwards) sowie Superstar George Clooney als Dr. Ross mit seiner Filmehefrau Carol (Juliana Marguilies) - wurden für jeweils ein oder zwei Folgen noch einmal in die Handlung eingebaut. Die letzte Folge fand ich relativ schwach. Zwar tauchen noch einmal eine ganze Reihe alter Gesichter auf, die aber abgesehen von Carter nicht besonders viel zu tun bekommen. Mit dem Auftauchen von Dr. Greenes erwachsen gewordener Tochter Rachel, die nun ebenfalls Medizin studieren will und sich am County bewirbt, schließt sich der Kreis, und einige Szenen der Abschlussepisode erinnern stark an den Pilotfilm. Dafür werden viele Handlungsstränge einfach offen gelassen (Kommen Sam und Gates wieder zusammen? Neela und Ray?), anders als in John Wells' anderer grandisoser Serie "Third Watch" passiert auch nichts Spektakuläres, kommt keine richtige Abschiedsstimmung auf.

Nun ist ER endgültig Geschichte und obwohl man in den letzten Jahren das Gefühl hatte, sie wäre das schon seit längerem, so ist es insgesamt doch eine stolze Geschichte. 
geschrieben von herrhase ( Medien ) :: Kommentare (3) :: Permalink :: Trackbacks (0)

Third Watch war wohl sicherlich drei Staffeln eine unterhaltsame Serie, aber "grandios" geht mir deutlich zu weit. Da hatte ER in punkto Charakteren aber mehr zu bieten.

Im Übrigen finde ich, dass der Handlungsstrang Neela und Ray sehr wohl abgeschlossen wird. Sie zieht nach Louisiana zu Ray, dann gibt es später noch diese Webcam-Übertragung, in der klargestellt wird, dass die beiden jetzt zusammenleben. Für mich war das ein schönes Happy End und eins, das ich mir sehr für die beiden Figuren gewünscht hatte.

Kommentiert von Olsen (24.08.2009 19:06)

Mir war nicht klar, dass diese kurze Webcam-Szene bedeuten soll, dass die beiden nun zusammen sind. In der imdb stellte auch jemand dieselbe Frage. War wohl einfach zu subtil für mich und einige andere. Trotzdem verstehe ich nicht, warum man diesen Handlungsstrang so am Rande abgearbeitet hat. 20 Sekunden per Webcam? Neela war zum Schluss ja immerhin eine der Figuren, die am längsten dabei waren.

Kommentiert von Herr Hase (25.08.2009 19:57)

Ja gut, aber schon allein, als sie verkündet, nach Louisiana zu gehen, müsste doch dem Durchschnittszuschauer klar sein, dass sie zu Ray will. Oder nicht?

Naja, macht nichts. Für mich war die Sache jedenfalls eindeutig.

Kommentiert von Olsen (27.08.2009 19:30)

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